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„Uhrwerk Orange“ – Ein Review flog übers Clockwork-Nest…

Eigentlich hätten die Öffentlich-Rechtlichen den (Bildungs-)Auftrag gehabt, mir längst mal diesen Klassiker zu zeigen. Für meine bislang (*überschlag*) 2400 gezahlten Euro GEZ-Gebühr hätte ich schließlich halbe Videothek-Regale KAUFEN können. Oder halt 4 Abmahnungen wegen illegalen Runterladens weglatzen… So war ich also selber gefragt, ließ mir in einer Privatvorführung die Blu Ray-Fassung von Stanley Kubricks Frühwerk zeigen und muss nun dankbar feststellen, dass all die Jahre mit Voyager, Enterprise und Stargate Universe doch nicht sooo verschenkte Zeit waren.

INFORMATIONEN:

Regie: Stanley Kubrick
Jahr: 1971
Budget: 2,2 Mio $

Poster
Full Mental (Zwangs-)Jacket?
Inhalt:Inhalt: Alex ist ein Krimineller, selbst nach HEUTIGEN moralischen Geflogenheiten: Er raubt, mordet, missbraucht und verprügelt mit seinen 3 „Kollegen“ seine Mitmenschen. Als er eines Tages geschnappt wird, wird ihm versprochen, dass er nach einer experimentellen Umprogrammierung wieder in die Gesellschaft zurück darf. Doch will die ihn überhaupt haben?!

Besprechung:

Ich habe eine (jetzt nicht mehr) ungeschriebene Regel: Wenn fast alle Charaktere in einem Film wie Ned Flanders aus den „Simpsons“ sprechen, dann ist das nervig und KEINE Satire mehr. Siehe zu dem Thema auch: „Klapo, wenn Du Dich über MEINE Lieblingsserie lustig machst, ist das keine Satire!“ – Bei diesem Film gestaltet sich die Sprechweise jedenfalls so, etwas übertrieben dargestellt:

„Hei-di-deidi, Misteeeer Bewährungshelfer-Sir! Ist das nicht ein wunderbares Tägchen heute?“ (*blöd grins*)
„Alex, Alex, Aleeeex… Was musste ich denn da wieder hören?“ (*bösartig grins*)
„Ich weiß es nicht, Miiiister Beamter, Ist alles nicht in wunderbarster Ooooordnung?“ (*verschmitzt grins*)
„Alex, Alex, Aaaaalex… Du fühlst Dich ein wenig kränklich und warst wieder nicht in der Schuuule?“ (*Peter grinsend aufs Bett werf und danach kräftig in den Schritt greif*)

Ja, am meisten bleibt an dem Film die doch sehr eigene Sprache und Sprechweise hängen. Eine Mischung aus Mittelalter-Sprech („Meine Freunde, dieser werte Erzähler hier berichtet Euch…“), naivem Dummschwätz und Wortwiederholungen wie „Der alte Ludwig-Van“. Auch immer wieder gerne genommen: „Das war richtig Horrorshow!“ – Wer gleich nach dem Film beim Bäcker ein paar Brötchen bestellt („Tachili-Tachili!“), riskiert fraglos die Einweisung in eine psychiatrische Klinik. Oder sogar, dass eine nach dem eigenen Namen BENANNT wird.

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„Wollten wir nicht zur Schule gehen, hmmm?“ – „Aber Herr Schule-Gehen-Erinnerer! Ich dachte, diese Film sei sooo schräg, dass die Schule zu UNS gehen kann!“ – Bett(er) geht’s nicht: Nachts bricht der Typ bei harmlosen, zeigefreudigen Filmschauspielerinnen ein, um am Tag dann den körperlichen Einbruch zu erleben. Aber da dieser Sozialarbeiter mal in einem katholischen Kinderheim gearbeitet hat, hat er auch hierfür die richtige „Hand“habung parat.

Gesellschaftskritisch oder satirisch wirkt der Film (heute) irgendwie trotzdem nicht. Das liegt vielleicht daran, dass man sich – Ironie hin oder her – Jugendbanden nicht als windeltragende Weißkittel vorstellt, die „Beethovens Neunte“ hören, in Zeitlupe sprechen, als würde ein 90-Jähriger die heutige Jugendsprache parodieren („Wir – hatten – Work – zu – tun…“) und zu allen Gelegenheiten debil lachen, dass selbst Beavis & Butthead vor Fremdscham im Drogenrausch versinken. Wer oder was sollte hier porträtiert werden? Kriminelle Künstler? Wahnsinnige? Halbintellektuelle? Wütende Wortakrobaten? Jugendbanden mit Mitgliedern um die (gefühlt) Mitte/Ende 20? Hirnlose Rowdies? Angepasste Schüler, die privat ihrem Freiheitsdrang (nach klassischer Mucke) nachgehen? Eine zufällige Anhäufung an Psychopathen?

Sicher: All diese seltsamen Elemente sind in ihrer (ver)störenden Form so beabsichtigt. Nur ist der Sinn eben nicht immer so leicht zu entschlüsseln wie z.B. die Tatsache, dass eine Frau ausgerechnet mit einem Riesendildo (= Männlichkeitssymbol) erschlagen wird. Teilweise ertappte ich mich bei der Deutungsmöglichkeit, dass der gute Stanley Kubrick einfach nur seine klassischen Lieblingskomponisten unterbringen wollte und dies mit Gewaltexzessen und Landstraßenrasereien untermalte, um das Bild zu füllen. Also quasi die „Handlung“ als begleitende Filmmusik.

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„Nein, es ist per Definition keine Vergewaltigung, wenn meine 3 Kollegen es AUCH wollen!“ – „Dann habe ich ja Glück gehabt. Sonst hätte ich mich danach fragen müssen, ob ich erotische Signale gesendet habe. Weil ich die Tür nur mit DREI Brettern vernagelt habe, beispielsweise.“ – Migrationshintergrund verzweifelt gesucht: Diese Menschen sind so, weil die Gesellschaft ihnen nicht das Notwendigste bietet. Wie öffentlich nutzbare Frauenpuppen zum Begatten…

Wobei die „Gewalt“ teilweise billig wirkt, manchmal sogar wie aus einem Softerotikstreifen stammend. Der knallbunte 60er/70er-Jahre-Look samt Klamotten erinnert zusätzlich an vergangene „Herr Lehrer, wann nehmen wir das BLASEN durch?“-Zeiten der „Schulmädchenreport“-Ära…

Klar, einer Frau die Klamotten zu zerschneiden, ist natürlich nicht die feine engstirnige Art, jedoch habe ich bei anderen Filmen schon eher schockiert überlegt, diesem Herrn „Gewalt“ für seine Untaten mal einen Beschwerdebrief zu schicken. Ich bin ja nicht unbedingt ein Splatterfreund (eher sein gelegentlich anrufender Schwager), aber: Wenn ein betrunkener Obdachloser – wie hier zu sehen – auf der Straße verhauen wird und mich DAS zum Nachdenken bringen soll (= „Hmm, wollte ich nicht noch eine Flasche Bier kaufen gehen?“), dann erwarte ich etwas mehr als dunkle Gestalten, die aus 10 Metern Entfernung mittelstark auf ein unsichtbares Bündel eintreten. Da gibt’s bestimmt auch was Brutaleres bei der GEZ… äh…. GZSZ, oooder?

Auch meine Vermutung, dass mit der Gehirnwäsche von Alex in der Filmmitte eine Art Dystopie etabliert werden sollte, bestätigte sich nicht. Das schlimmste war lediglich eine gewisse Dehydration in meinem Körper, hervorgerufen durch zu wenig Alkohol, der mir die Handlung hätte erklären können. – Die Forscher und Politiker wirken nämlich eigentlich ganz nett und entschuldigen sich später (wenn auch auf Druck eines Zeitungsartikels) artig beim Verwandelten, der kauend und grinsend schon wieder seine eigene Leidensgeschichte vergessen hat. Aber so waren sie eben, die 60er-Jahre-Vorläufer der radikalen Punks: Sie konnten gehirngewaschen werden, sich die Knochen brechen und angefeindet werden, aber wenn sie einen Euro, pardon: ein Pfund in die Hand gedrückt bekamen, herrschte wieder eitel Scheitelschein im Lande Schulabbruch.

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„Schönes Konzept zur Verringerung der Brillenverschreibungen: Augen mit Klammern aufreißen, bis man der Krankenkasse versichert, die Testbilder wun-der-bar entziffern zu können!“ – Besser rausquellende Augäpfel als gar kein Obst: Wie Kubrick seinen Darsteller dazu gebracht hat, DAS mit sich machen zu lassen, ist meiner Glubscher-Anfass-Phobie ein Rätsel. Aber eine vorherige Behandlung mit „2001 – Odyssee im Weltraum“ sediert vermutlich ungemein…

So bleiben vor allem irre Bilder hängen, wie die viel zu alte Mutter des Hauptdarstellers, die eine Omma in roten Lackstiefeln und Minirock ist. Aber gut, das gesellschaftliche Problem viel zu modern gekleideter Rentner wird ja immer noch zu selten aufgegriffen… Oder wie wäre es mit dem Moment, in dem auf der Bühne ein nacktes Maderl auf den Hauptbekloppten zutritt, um dem Publikum zu zeigen, dass er gegen die „böse“ Sexualität konditioniert wurde und beim Anfassen-Wollen starke Schmerzen empfindet? Hier lernen wir nämlich, dass… dass… der Protagonist sooo doof ist, dass er sich auf der Tribüne von offensichtlich gestellten Situationen verarschen lässt. – Okay, das wird in ein paar Jahren dank der ganzen gescripteten Dokus vermutlich mit all unseren Kindern passieren können… („Oh, da ist Barbara Salasch an der Fußgängerampel! Bin ich jetzt im Geriiicht?“)

Weitere Fragen, deren gesellschaftskritische(?) Antworten größtenteils fehlen: Warum sind die doofen Mitläufer vom Chefassi am Ende Polizisten geworden? Kritik an Prüfverfahren staatlicher Institutionen, ein Verständnisfehler in der Rubrik „dringend polizeilich gesucht“ oder hielt man das dumpfe Dauerlachen für den Schulabschluss und Dienstrang? Und was war jetzt sooo schlimm an der Gehirnwäsche? Hätte der Futzi dabei nicht seine einstmals geliebte Beethoven-Musik hassen gelernt (was ein Unfall war), so wäre am Ende nichts Bedeutsames mehr passiert und niemand hätte aus dem Fenster(!) springen müssen. Aber vielleicht war Kubrick auch ein „Modern Talking“-Fan und wollte GEGEN die Klassik mal ein Statement setzen?

Die sexuellen Anspielungen durch freizügige Gemälde und Skulpturen im Hintergrund wirken (heutzutage) auch eher pseudointellektuell als frech. Aber immerhin werden somit Grundbedürfnisse thematisiert. Hätte allerdings auch mit einem an die Wand genagelten Schlafkissen oder einem Stück Schinken passieren können…

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„Dankili-Dankili, dass sie mich hier so nett aufnehmen, Sir! Ich dachte schon, ich müsste mir von einem dieser polnischen Billig-Bodybuilder auf der Straße helfen lassen.“ – Heb-Amme: Seit dem Tod seiner Frau hält sich Knut Knatterbeck einen Muskelmann, der zukünftig darauf aufpasst, dass er nieee wieder… für eine Frau als Heteromann in Betracht kommt. Unser „Held“ war auch schon mal in der ersten Filmhälfte hier. Aber das war nach den Worten „Tod / Frau“ ja eigentlich schon klar, oder?


Fazit: Trotz einigen Tagen des Brütens (habe dafür sogar das Film-Booklet zu einem Ei zerknüllt) bin ich eher ernüchtert von „Clockwork“, der mir nur so viel Story und neue moralische Erkenntnisse gebracht hat wie ein Bilderbuch zum Thema: „Was du nicht willst, das man dir tu’,…“ – Ich gehe stark davon aus, dass sich die Buchvorlage komplett anders anfühlt und Kubrick einfach nur ein paar LSD-Tabletten in seinen Kaffeefilter untergejubelt wurden. Eine „Horrorshow“ ist der Film visuell trotzdem nicht, aber noch mal KOMPLETT sehen, mit allen unverständlichen Langatmigkeiten…?

Dann nagele ich mir lieber selber einen Plastikpenis an die Wand. Oder den EIGENEN.

Wertung als klassischer Unterhaltungsfilm:

ACTION
HUMOR
TIEFSINN
ALLES IN ALLEM

Wertung als Kunstwerk, das lange hängen bleibt:

ACTION
HUMOR
TIEFSINN
ALLES IN ALLEM

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Artikel

von Klapowski am 20.07.13 in Film-Review

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Kommentare (5)

  1. G.G.Hoffmann sagt:

    „Ihre Amazon-Bestellung von ‚Uhrwerk Orange‘ wurde storniert.“

  2. Bolleraner sagt:

    Übrigens ist der Hauptdarsteller hier der junge Malcolm McDowell! Sci-Fi-Kenner kennen ihn aus seinen Rollen als Dr. Soran in Star Trek 7, oder als Admiral Tolwyn in Wing Commander 3-5. In den Neunzigern hatte ich das Gefühl, dass er wirklich jede Rolle annimmt..

  3. 655321 sagt:

    Viel lustiger ist doch das, Darth Vader Alex auf dem letzten Bild trägt.

    Ich schau mir den Film immer gerne an, mag aber daren liegen das ich ihn schon mit 14-15 gesehen hab, noch bevor ich Tarantino Filme sah. Das letzte mal lief der Film übrigens auf Arte glaube ich, kann aber auch 3sat gewesen sein

  4. bergh sagt:

    tach auch !

    Ich habe den film seit > 35 Jahren nicht mehr gesehen und frege mich ,
    ob ich das jetzt muß.
    Kubrik Filme sind immer so eine Sache.
    2001 Hundert Minuten Landschaftsaufnahmen mit Affen uabgelöst durch „Crap flowting in Space“ und das sehr sehr sehr sehr ausführlich.

    Gruß BergH

  5. biermaaaan sagt:

    Tja, wenn man jahrzehntelang mit Schnitten im Milisekunden-Takt bombadiert wird, gepaart mit den Wackelorgien der Handkameras, wirken alte Streifen mit ihren langen, ruhigen Szenen etwas langatmig.
    Trotzdem ist Clockwork Orange einer der besten Kubrick-Streifen, gleich nach Full Metal Jacket! *WinkMitZaunenPfahl*

    Am besten gefiel mir McDowell übrigens als Caligula, wegen der Kultur und so, ihr versteht.

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