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„Lautlos im Weltraum“ – Wir pflanzten ein Review

„Sag mir, wo die SF-Klassiker sind, wohooo sind sie gebli-hi-hieben?“ – Die Hippiesängerin des Originallieds trällert hier an zwei Stellen (filmtitelwidrig!) die Weltraumkuppel voll. Und zeigt damit gleich, um was es in diesem Film geht: Um ökologisches Denken, das Bewahren der Natur und ähnliche Dinge, die einem Chinesen eine Gänsehaut auf die Fabrikschornsteine zaubern würden. Aliens, spannende Gefahren und tiefgehende Figurenpsychologie darf man daher von diesem Werk nicht erwarten. Aber darauf kommt es ja bei einem SF-Film nicht an, sondern auf… äh… halt das andere Gedöns, das dann noch übrig bleibt. Retrogefühle und so’n Zeug halt. – Nun fragt doch nicht immer so genau nach!

INFORMATIONEN:

Regie: Douglas Trumbull
Jahr: 1972
Budget: 1,3 Mio $

Poster
Verwaldungsbeamter auf Abwegen beim Abwägen
Inhalt: In der Zukunft gibt es auf der Erde keine Natur mehr. Die einzigen Wälder fliegen – durch Kuppeln geschützt – durch den Weltraum. Als allerdings auch diese auf Befehl von Oben gesprengt werden sollen (neuer Kuppelparagraph?), dreht einer der ökologisch interessierten Raumfahrer durch und entführt einen der Wälder. Und ist fortan ganz alleine…

Besprechung:

Ein Mann, ein Wort… äh: Wald! Das ist eigentlich schon die ganze (Halb-)Geschichte hier. Als das Mobbingopfer mit dem irren Blick sich der Gefahr ausgesetzt sieht, demnächst keine Jutesäckchen mehr direkt vom Baum pflücken zu können, da bringt er einfach seine Kollegen um die – explodierenden – Ecken einer Raumstation. So wird aus der Multi-Strampelanzug- natürlich zwangsläufig eine One-Man-Show, in der „Bündnis IQ90“/Die Grünen in Koalition mit sich selbst re(a)gieren dürfen.

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„Fundamentalistisch? Ich? So’n Quatsch! Andere bauen doch aus Spaß Schneemänner mit Gesichtern, warum soll ich dann im Garten keine Kürbismänner bauen?“ – Öko aka Öde: Im Raumschiffwald sieht es nicht nur aus wie beim Tannenbaumverkäufer (Stichwort: winzige Bäume in Reih und Glied), sondern es gibt hier auch Kaninchen und Eichhörnchen, die zu Beginn dauernd gezeigt werden. Und so was SÜßES sollte gesprengt werden?! Schämt Euch!! – Puh, so viel Erregung macht hungrig! (*Ferkel streichel und es in Pfanne leg*)

Und hier liegt schon der erste Fallstrick im Sojabeet: Sollte man den Hauptdarsteller schon zu Beginn für überkandidelt halten, wo er in Jesus-Kluft fast einen Wirsing begattet, um seine genervten Kollegen vom Chlorophyll-Nagen zu begeistern, so kann man womöglich NICHT über seinen Multiple-Mord hinwegsehen. Zwar wird später angedeutet, dass er ein „Verbrechen begangen“ hat und es ihm „sehr Leid“ tut, aber das hätte er mal lieber einem Richter gesagt, statt in das Diskettenlaufwerk seines Computers. Ein echter Arsch, wenn auch gut gespielt. Wer die Augen weit aufreißen und rollen kann, ist bei solchen Rollen eben klar im Vorteil.

Schade nur, dass der „letzte Wald“ gedanklich immer mehr zusammenschrumpft. Glaubt man zu Beginn noch, dass hier ein halber Kontinent an das Raumschiff geklebt wurde, strafen die späteren Kameraeinstellungen diesen Glauben mehr als das Strafgesetzbuch unseren „Helden“: Am Ende, als die Glühbirnchen aufgestellt wurden (wir kommen noch dazu), sieht man deutlich, dass Mister Ego(n) Mane sein Gewissen für eine Fläche strapaziert hat, die irgendwo zwischen einer Verkehrsinsel und einem Luxusgarten liegt. Klar, man könnte sagen, dass gerade DAS der Story ihre Tragik gibt, nämlich dass all dieses Unglück für 20 banale Bäumchen geschehen musste. Okay, ist GEKAUFT, wenn auch zum überteuerten Preis meines unterschwelligen Kopfschüttelns… Aber DANN hätte ich auch gerne gesehen, dass der „Wald“ auf der Erde ankommt und dort irgendetwas auslöst bzw. vermehrt wird.

So aber fühlt man sich ungefähr so verschaukelt, als wenn die „Genesis-Bombe“ aus „Der Zorn des Khan“ nur einen umgekippten Gartenteich wiederbelebt hätte. Und keiner hätte es gesehen… Daher bleibt dieser Film nur ein „Atmo-Porn“, eine schöne Zurschaustellung von aufwendigen Modellraumschiffen, Konsolenräumen, 70er-Jahre-Blumenkindermucke (bin ich jetzt per Definition schwul?!) und wunderbaren Robotern. Die kleinen gesichtslosen Lötkolben-Racker sind die eigentlichen Helden des Films: Obwohl sie weder über ein Gesicht noch über nerviges Star-Wars-Piepsen verfügen, berührten mich die federnd laufenden Multifunktions-Mausis. Juchhee, wie sie trippeln, wippen und mit dem Kastenköpfchen nicken! Mal abgesehen von der geringen Größe, die sie nur für Reparaturen an Fußleisten und Teppichkanten empfiehlt, wirken sie durch ihre flexiblen Werkzeugärmchen sogar recht glaubwürdig.

lautlos1

„Sag mal, haben wir eigentlich ein Bewusstsein und Gefühle? Das wird immerhin im Film angedeutet!“ – „Halt die Klappe, verrichte deine Sklavenarbeit und nimm deine Antidepressiva, ja?“ – Commander Data, Version 0.1: Nachdem die Firma Samsung das preisgekrönte Design der „iRobots“ von Apple kopiert hatte, ging es in der „Roboter-wie’ne-kaputte-Blechtrommel“-Industrie für Jahre bergab. George Lucas (mit z.B. R2D2) sorgte danach nur noch für Achtungserfolge.

Tja, und somit neigt sich mein Review schon zwangsläufig dem Ende zu. Unser Prädophiler („Prä-“, versteht ihr? Hahaha!) jammert etwas vor sich hin, fährt ein Buggyrennen gegen sich selbst (und wird Letzter bzw. Erster), bemuttert seine Roboter und bringt ihnen Kartentricks bei. Klar, es muss ja nicht immer so hektisch und chaotisch zugehen wie bei Abrams unter’m Sofa, aaaber: Wenn der Höhepunkt des Films schon fast der ist, dass der Hauptcharakter einen Roboter im Tunnel anfährt und ihn zukünftig zum Tragen eines Behindertenausweises ermächtigt, wirkt das doch etwas antiquiert.

Wobei mich das Ende sogar etwas aufgeregt hat: Als der Wald nämlich rätselhafterweise zu sterben beginnt, kommt der jesusbelatschte Biologe nach langem(!) Nachdenken darauf, dass die Pflanzen Licht brauchen könnten! Tja, war ja auch schwer zu merken, diese dritte Sache nach Erde und Wasser. Gut, dass der Typ alleine lebt, solche Leute kommen normalerweise auch ohne Hose vom Klo und drehen sich hektisch um, wenn sie mit ihrem Namen angesprochen werden. – Aber im Ernst: Zu Beginn des Films dümpelt der Wald bereits in der Nähe des Jupiters(!) herum und dass DA das Licht noch gereicht haben soll, das kann man nur jemanden erzählen, der nicht 3 Semester Photonen… äh… -torpedolehre studiert hat. Mal ganz davon abgesehen, dass das Wäldchen aus Filmgründen natürlich stets gleich ausgeleuchtet wirkt.

Als die Kamera aber gegen Ende rauszoomt und 15 zusätzliche Birnchen zwischen dem wenigen Gestrüpp zeigt, da bekommt man direkt wieder Lust auf einen dieser seelenlosen, überbordenden Megafilme von heute. Da hätte man vermutlich gesehen, wie sich Quadratkilometer an (CGI-)Karottenfeldern oder an Bäumen wachsende Schweinehälften zum Fake-Horizont gestreckt hätten. Hier jedoch ist es völlig undenkbar, dass der „Waldgarten“ genug Ertrag zum Leben abwirft, auch wenn der Held ab und an mal ein Pflänzchen auf der ansonsten leeren Wiese einbuddelt.

Manchmal braucht so ein Streifen eben auch eine visuelle Größe, um eine inhaltliche erfolgreich vortäuschen zu können.

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„Ooooh! Jetzt habe ich es verstanden! Ich hätte ja auch eher drauf kommen können: Die lebenden Pflanzen erzeugen ein elektromagnetisches Feld, das die Lampen zum Leuchten bringt! Und ich Idiot habe die letzten Jahre versucht, einen Generator aus Geranien zu bauen!“ – Wissenschaft für Geschaffte: Endlich gibt es hier genug Licht, um den Lichtschalter für die eigentliche Gewächshausbeleuchtung zu finden!


Fazit: „Lautlos im Weltraum“ ist ein erstaunlich passender Titel: Hier machen nicht mal die Neuronen ein Geräusch, mangels Britzelaktivität. Was bleibt, ist eine fleischlose (haha!) Ökostory, in der ein leidlich sympathischer Blattgrün-Terrorist (anfangs) über Leichen geht. Immerhin sehen die Modellaufnahmen und Maschinen sehr, sehr gut aus. – Tja, der Streifen ist gewiss nicht übel, was schon meine fast alleinige Konzentration auf die „Forrest-Physik“ zeigt. Aber wenn man kein Hippie ist oder wenigstens ein verbissener Salatfresser, so bleibt einem die Geschichte heutzutage doch seltsam fremd.

ACTION
HUMOR
TIEFSINN
ALLES IN ALLEM

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Artikel

von Klapowski am 07.10.13 in Film-Review

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Kommentare (9)

  1. Willi sagt:

    Mist ich werde Alt.
    Zuerst Soylent Green Jetzt Lautlos im Weltraum und Morgen Flucht ins 23 Jahrhundert oder der Omega Mann ?
    Irgendwie Vergessen die Wohlmeinenden Rezensenten das Damals ein Sci Fi Film die Einzig Mögliche Form der Gesellschaftskritik war, wenn man an der Kinokasse auch noch Gewinn Einfahren wollte.
    Denkt nur an die Bescheuerte Star Trek Rom Episode total Unwirklich noch Nichtmal Unglaublich da zu Banal.
    Meiner nicht Bescheidenen Meinung nach sollte man die Filme auch mit dem Sozialen Respektive Politischen Hintergrund der Zeit Betrachten.

    Ja klar ist es mies das sich in den Siebzigern noch Niemand über Facebook, Twitter oder zu dicke Frauen in Engen Klamotten Aufgeregt hatt, doch die Filme wenn man sich darauf einlässt anstatt sie zu Analysieren Versprühen doch den Charme : Alles könnte so Einfach sein wenn wir nur mal Nachdenken.

    In Irgendeinem Sinne Grüsse

    ah P.S. macht weiter so aber nicht mit Klassikern

  2. BergH sagt:

    tach auch !
    Eben !

    Der Film ist schnarchlahm inszeniert, aber trotzdem ein Klassiker.
    Lass die Finger davon !

    Mach was lustiges über Raiders of the lost ark !
    Der Film würde auch ohne Indiana Jones dasselbe Ende nehmen.
    (Gekluat bei BBT)

    Gruss BergH

  3. Doughnut sagt:

    Husch, husch, Klapo, geh Gravity gucken und schreib, was du über den denkst. Aber unbedingt in 3D und auf der breitesten Leinwand in deiner Umgebung, alles darunter ist ein Sakrileg … meinen zumindest die Zeugen Jehovas.

  4. Klapowski sagt:

    Wieso darf man keine Klassiker reviewen? Nur, weil ich zu jung bin, um die damals (vielleicht) schon Scheiße gefunden haben zu können? Wenn mich ein Kumpel fragen würde, ob der Film gut und auch heute noch guckbar ist, soll ich dann auch sagen: „Hömma! Den muss man im damaligen Kontext sehen und daher erlaube ich mir keinen sozio-äthischen Standpunkt!“

    ICH finde es zumindest interessant, schöne Klassiker nachzuholen. Ich bin allerdings immer sehr genervt, wenn die Amazon-Kritiken hoffnungslos übertrieben haben und statt eines „zeitlosen Meisterwerks“ nur eine lahme Ente in mein Laufwerk flattert, dessen kindergartengerechte Aussage bereits 10 Jahre Erscheinen 3x fluffiger in ANDEREN Werken verarbeitet wurde.

    In diesem konkreten Fall von „Hobbythek“ und dem juristischen Gesetzestextkommentar zum Thema „Mord im Affekt“.

    „Gravity“ wird es übrigens erst dann geben, wenn ich mir eine günstige HD-Version bei meinem Cousin aus den USA besorgen kann. Seitdem die Kinopreise den Neuwert eines Blu-Ray-Players überschreiten, bin ich nicht mehr sonderlich motiviert an der allgemeinen Eisverkaufssubventionierung.

    • Speedomon sagt:

      Na lieber 10mal auf Tron Legacy und Konsorten verzichten und dafür für Filme wo sich’s wirklich lohnt ins Kino stiefeln. Einfach die diversen Vergünstigungen nutzen und möglichst nicht Samstag 20h hingehen (vermeidet auch einen Großteil der übercoolen Teenage-Crowd)
      Sonst droh ich halt wieder ein Gastreview an, nachdem ich den Film am Donnerstag zum Preis von ca. 6 Euro (ohne Flax!) gesehen habe.

      edit: Oder zieh mal meine Anregung eines Paypal Spendenbuttons in Erwägung. Ein Ticket pro Monat müsste da wohl mindestens drin sein.

    • Sparkiller sagt:

      „Oder zieh mal meine Anregung eines Paypal Spendenbuttons in Erwägung.“

      Hatten wir alles schon mal probiert, aber bei Spenden in Höhe von durchschnittlich 0,04 Euro pro Monat möchten wir gar nicht erst die Hand aufhalten. Ich und Klap— nur ich hab schließlich auch meinen Stolz, welcher erst ab gewissen Betragshöhen aufgegeben wird.

      Habe aber mal testweise wieder den Flattr-Button ans Ende der Artikel gepackt. Weniger wegen dem wahrscheinlichen Geldsegen, als vielmehr um rauszukriegen welche Themen besonders gut/schlecht ankommen.

    • Speedomon sagt:

      Flattr ist geil. Jetzt noch ein bisschen Werbung dafür machen, dann werden’s vielleicht mal 2 Nuller WENIGER bei den 0,04.

  5. Onkel Hutt sagt:

    Aber, aber, Klappo. Mit der Eintrittskarte fürs Kino erwirmt man auch das GEfühl klebrigen Popcorns unter den Schuhen, den Geruch von Käsenachos samt schlechten Mundgeruchs des unbekannten Nachbarn sowie die ewigen Chipstütenraschler in DolbySurround ! Versuch das mal zuhause nachzuahmen ! Gut, das mit dem klebrigen Popcorn unter den Schuhen bekomme ich hin, brauch nur mal eine Woche lang nicht staubsaugen.

    Die Diskussion um die Klassiker und wie man sie heute bewerten soll, ist ja schon an anderer Stelle diskutiert worden. Je nachdem, wen man fragt, bekommt man halt die ein oder andere Meinung ab. Als die Texas Kettensägenmassaker-3-Disc-Edition-BR rauskam fragte ich meinen Kumpel, ob denn der Film streng genommen nur für die Gucker aus den 70ern sowie entsprechende Fans geeigent ist oder ob ich mir den auch mal gönnen und genießen sollte. Aber er meinte, heutzutage würde der Film keinen mehr großartig vorm Ofenrohr hervorlocken, ich könne mich da ruhig an Michael Bays Fassung orientieren. So gehts einem dann mit „Klassikern“. Man darf natürlich ganze Schubladen voll Kontexten (ist das die korrekte Mehrzahl ??) plus feuchte Kindheitserinnerungen und weiß der Geier noch mit hinein- und draufinterpretieren um so den Klassikern stets Bestnoten zu geben, aber wer dann die lobgeschwängerten Film bestellt und zuhause anguckt (so wie ich „Alarm im Weltraum“) brauch dann schon den ein oder anderen starken Kaffee um die Begeisterung am glühen zu halten. Die BR wird wohl erst dann wieder herausgeholt wenn ich meinen Kindern von solchen Filmen vorschwärme und wie sagenhaft die Tricks für die damalige Zeit gewesen waren, wobei wir dann wieder am Anfang der Diskussion wären.

  6. Phil sagt:

    Wer den Film noch nicht kennt, er läuft heute (01.11.2013) um 22:15Uhr auf ZDFneo.

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