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„X-Men – Apocalypse“ – Das Review, das kaputt macht?

Nach über fünfzehn Jahren Superheldengedöns, nach 20 ignorierten Filmen und trotzdem irgendwie gefühlt 120% von mir gesehenen Steifen bin ich mir endlich sicher: Die X-Men-Reihe ist mir neben dem ersten „Avengers“ noch der liebste Genreeintrag in der Reihe der Bunten und Behämmerten. Gerade in diesem Ableger wird es deutlich epischer als zuvor: Waren bisher süße Zeitreisen und schnuckelige Impfgegner („X-Men – Der letzte Widerstand“) an der Tagesordnung, so geht es jetzt endlich mal um sämtliche Häuser der Welt. Nett!

INFORMATIONEN:

Regie: Bryan Singer
Jahr: 2016
Budget: 250 Mio $

Poster
Mehr X-Beine als eine Fußballmannschaft

Story: Der mächtigste Mutant aller Zeiten erwacht erneut: „Apocalypse“, bei dem der Name nicht nur Programm ist, sondern gleich eine ganze Sendeanstalt. An wen er seine blauen Hände legt, da verbessern sich Mutationen ins Zigfache. (Ursprünglich sollte er daher „Tschernobyl“ heißen, aber das erschien den Machern als zu heikel.)

Besprechung:

Sind bei den Avengers, Spiderman, Klumpfußmann und Co. alle irgendwie die Allergrößten und -härtesten, geht es bei X-Men meinst eine halbe (Omni-)Potenz weniger gigantisch. Der Thor von den X-Men z.B. ist kein Halbgott, sondern sieht aus wie ein Straßenköter und trägt den Hammer in Form einer Mistgabel in den Pfoten. Und Hulk? Der ist bei den X-Männern eventuell blau und kann sich auf kurze Strecken teleportieren. Reicht ja auch, solange das in der Breite einer Bundesstraße möglich ist. – Und da niemand zudem besonders superreich ist (Tony Stark), sondern im Zweifel als verstoßener Teenager daherkommt, klappt es mit dem Identifizieren hier auch ein wenig besser.

Ich würde sogar so weit gehen und sagen: „X-Men Apocalypse“ ist der beste Buntfrack-Film der letzten Jahre. Gerade auch, WEIL so viele Nasen herumspringen, dass man jede davon nur einmal kurz anreißen kann – also auch deren physische Nase verklopptechnisch anreißen. Denn wenn eines ein Irrtum bei der Bewertung von Heldenfilmen ist, dann die Vermutung, dass man sich laaange um jede einzelne „Keiner hat mich lieb“-Figur kümmern muss, um sich überhaupt für sie erwärmen zu können.

xmenapo1

„Ha! Wenn du sie retten willst, brauchst du schon etwas mehr als einen machtvollen Geist, der alle Menschen verändert, einen Mutanten, der Landtagsgesetze grundgesetzwidrig machen kann und einen Helden, der Tee in Instantkaffee verwandelt.“ – Schere, Stein, Handauflegen: Bei den X-Menschen ist immer einer im Bild, der genau dieses kraftvoll verändern kann.

Früher dachte ich auch noch, dass der Fokus auf Einzelhelden interessanter wäre, aber nach mehreren mehr oder weniger Kompagnion-befreiten Abenteuern von Batman, Spiderman und Iron Man muss ich sagen, dass eine zu ausführliche Betrachtung der einzelnen Dauerleider eher kontraproduktiv ist. – Haben ja eh alle ihren Onkel, Papa/Mama oder gleich 99,5% des mittleren Herzmuskels verloren. Oder auch mal den ganzen Planeten in der Buntwäsche. – Ist aber egal, da es irgendwie immer weniger traurig wirkt als ein verregneter Sonntag.

Für mich wirkt die Vielfalt der X-Männer daher eher erfrischend. – Ein Mutant am Ende? Egal, werden ja täglich 100 neue geboren! – Globale Bedrohung aus dem All? Brauchen wir nicht; bei uns kommen die Grünen Männchen und Alleskönner einfach aus der Mittelschule gegenüber; oder aus dem alten Ägypten.

Gut, zugegeben: Der ewige Kampf zwischen ängstlichen Normalos und gottmäßig Gepimpten wirkt nach zig Filmchen langsam dröge. Auch diesmal wird zum x-ten (haha) Male angeschnitten, dass die Normalmenschen ständig Angst verspüren, während die Gepimpten regelmäßig 20 Städte schrotten und sich fragen, warum die Norm-Men nur so ausgrenzend sein können… Gerade das ständige Pendeln von Magneto zwischen Auschwitz-Hasser und Auschwitz-Nachspieler ließ mich zuletzt immer häufiger genervt … nun ja, ausschwitzen. Aber dafür ist er eben zu 68% sympathischer als die ewig gleichen Knurrfressen aus dem Marvel-Universum. – Und diese muss man hier ja noch nicht mal vermissen, denn schließlich gibt es mit dem alten Wahl-Ägypter „Apocalypse“ den üblichen Abrissunternehmer mit Gammelgesicht trotzdem gratis dazu.

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„Xavier, sei nicht albern! Der neue Godzilla-Mutant ist nun wirklich keine große Sache. Lass ihn doch leben, wie er es für richtig hält!“ – „Du gehst den falschen Weg, Apocalypse! Wer sollte jemandem folgen, der Kindergärten zerdeppert?“ – „Keine Ahnung, warum das alle machen. Aber bei Marvel-Filmen reicht es ja generell, wenn der Böse was von ‚Ordnung‘ und ‚Weltordnung‘ faselt, während er mit der Abrissbirne durch die Altstadt fährt.“

Die Wahl der Darsteller ist für einen „Kinderfilm“ ohnehin sehr ordentlich: McAvoy wirkt tatsächlich wie eine jüngere Kopf-Follikel-Version von Patrick Stewart, während Michael Fassbender in den zwei-drei Momenten, in denen es drauf ankommt, einen recht gebrochenen Magneto abgibt. Natürlich ist nichts davon Kunststudium-kompatibel, aber gegenüber einem blässlichen Captain America durchaus auf Platin-Niveau.

Die Handlung braucht zu Beginn allerdings etwas. Durch die Zeitsprünge im letzten Teil, diverse Vorgeschichten und die neuen Charaktere ist die Handlung erst mal damit beschäftigt, Charaktere, Zeiten und Orte sachgerecht zusammenzustöpseln. USB 4.0 im Heldenbusiness. Trotzdem wird das aber durch die Vielzahl an Orten und Ideen nicht langweilig. Ein bisschen wünschte ich mir sogar die ersten 45 Minuten, das alles in der Art einer endlosen Kurzgeschichtensammlung weitergeführt zu sehen. Warum „nur“ einen Todesengel in der DDR und die gute Storm auf dem Wochenmarkt in Kairo zeigen, wenn das alles doch so unterhaltsam ist? – War Professor X zum Beispiel nie auf Mallorca?

Klar, die endlose Reihe an Charakteren, die sich recht flott für die gute oder schlechte Seite entscheiden, musste durchaus Kritik einstecken, doch im Prinzip ist es schon hohe Kunst, das überhaupt so hinzukriegen. „Balancing“ würde man es in einem Strategie- oder Rollenspiel nennen, vor allem am Ende des Filmes, wenn man sich fast nie fragen muss, warum bei einem Dutzend Hochbegabten nicht alles sofort aufgeklärt werden kann. Gerade beim „Zeitanhalter“, den ich am coolsten fand, hatte ich vorher Bedenken, ob er nicht einfach den großen Endkampf stoppt, ihn mit bunten Girlanden ausschmückt und alle Beteiligten so mit den Hintern in einen Papierkorb stopft, dass niemand mehr kämpfen kann. – Aber nein, selbst dieser potenziell overpowerte Charakter bekommt Grenzen aufgezeigt.

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„Magneto? Uri Geller hat angerufen. Er sagt, dass er dir helfen will. Er kann inzwischen angeblich richtige Plastiklöffel verbiegen.“ – Heavy Metall: Vor einem Typen, der einem die eigenen Plomben ins Gehirn schießen kann, sollte man sich hüten. Gerade dieser Charakter hat einige emotionale Momente – für einen Film, in den das Tragen solcher Hüte nicht als Erregung ärgerlicher Lächerlichkeit gilt, versteht sich.

Das Hin und Her aus sinnvollem Fähigkeiteneinsatz und dem Aushebeln eben dieser ist tatsächlich das Interessanteste am Film. Dazu kommt dieses Fitzelchen an Emotion, die trotz Bombast und Greenscreen-Gewitter immer noch durchdringen. Auch wenn jeder nur kurz seine persönlichen Dämonen zeigen darf, so gefällt mir die Auswahl gut: „Sansa“, Jennifer Lawrence und Co. Sind ja nun schauspielerisch auch nicht die übelste Wahl. Ein paar flotte Sprüche (*Spratz* – „Ich mochte den Baum eigentlich sehr gerne.“) runden das Bild ab.

Besonders gelobt werden sollten die Schnitte und Bildeinstellungen. Während ich bei Zack-Snyder-Filmen zum Beispiel gerne mit dem Kopf schüttele, um das Bild wenigstens im eigenen Kopf irgendwie zurechtzurücken und scharfzustellen, so ist das hier nicht nötig. Im Zweifel gibt es hier immer einen längerem Schwenk statt einem kurzen Schnitt, so dass man irgendwie immer weiß, wo man sich gerade befindet. Hier zeigt sich wohl die wahre Qualität neuer CGI-Techniken: Die Effekte sehen nicht unbedingt besser aus als vor 5 Jahren, aber es muss jetzt nicht mehr so oft in neue Perspektiven geschaltet werden. 250 Millionen sind hier mal gut investiert worden. Weiter so, liebe Zukunft!


Fazit: Nachdem mich Hulk & Co. meist eher so mittel mitrissen, schaffen es die X-Men (mit Ausnahme des doofen dritten Teils) immer noch recht gut. Hier geht es eben ein winziges Fitzelchen mehr um das eigene Leben, um geheime Träume, Ausgrenzung und den intellektuellen Fressenklopp. Immer, wenn etwas öde wird, kommt eben ein Engel mit Metallflügeln oder eine Erweiterung einer bisherigen Megafähigkeit ins Bild. Und es ist eine hohe Kunst, das zweieinhalb Stunden ohne allzu große Zuschauerscham durchzuhalten…

ACTION
HUMOR
TIEFSINN
ALLES IN ALLEM

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Artikel

von Klapowski am 30.05.16 in Film-Review

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Kommentare (5)

  1. DerBeimNamenNennt sagt:

    Das mit den Crossover, weil ja alles Marvel ist, ist leider nur in den Comics möglich. Die Filmrechte sind dann wieder – wie es sich gehört – kräfte fragmentiert, so dass man an zahllose Türen klopfen muss, wenn man wirklich alle großen Marvelhelden in einem Film vereinen wollte.
    Solche Probleme scheint DC übrigens nicht zu haben.

  2. G.G.Hoffmann sagt:

    Nachdem dieses Review sämtliche Schwächen des Films schonungslos aufgezeigt hat, gibt es 8/10 Punkte? Für die gefühlt 100ste Wiederholung immer gleicher Motive und Bilder? Ich mag das nicht mehr sehen. Diese sinnlosen Zerstörungsorgien, dieses kindische Kräftemessen, diese anlaßlos bösen Bösen, diese strunzlangweiligen CGI-Schlachten. 0/10 Punkten.

    • Klapowski sagt:

      Eigentlich würde ich Dir da in 11 von 10 Punkten zustimmen, ein paar Kostümwitzchen ausgraben und mir zu Hulk ein paar Witze mit der Farbe Grün einfallen lassen. (Grün-derzeit für Superhelden ist abgelaufen…)

      ABER: Hier passte der Flow einfach. War mit Batman am Ende oft zu ernst und trotzdem strunzdoof, während die Avengers schon einen sehr guten Tag haben müssen, damit alles kultverdächtig zusammenpasst, so fühlte ich mich im Kino bei den X-Men doch sehr gut unterhalten. Alles, was (wie immer) kindisch und platt daherkam, wurde durch solide Action, bombastische (aber nicht nervige) Musik und recht guten Humor ausgeglichen. Für mich hat es diesmal funktioniert, was natürlich gleichzeitig bedeutet, dass die nächsten 10 Su-Hel-Filme wieder meine rechte Handfläche mit meiner Stirn vermählen werden.

      Die statistischen Wahrscheinlichkeiten sind da eindeutig.

    • G.G.Hoffmann sagt:

      Aber es paßt doch von der Grundidee nicht mehr. Im ersten X-Men-Film erfuhren wir von einigen wenigen menschlichen Mutanten, die wegen ihrer Fähigkeiten, die sie eher als Fluch empfanden, die Öffentlichkeit möglichst mieden und im Verborgenen wirkten. Nicht glaubhaft, aber interessant, unterhaltsam und relativ zurückhaltend. Seitdem wurde es mit jedem Film blöder. Nicht nur, daß es gefühlt inzwischen mehr Mutanten als Normalos gibt, reiht sich eine öffentliche Zerstörungsorgie an die nächste. Ganze Städte werden in Schutt und Asche gelegt (hat man auch schon 50 Mal gesehen) und man fragt sich, wer das eigentlich bis zum nächsten Film alles wieder aufbaut. Jedesmal wenn ein Wolkenkratzer in sich zusammenbricht, keimt die Frage, in welchen Film man gerade sitzt: 2012? St. Andreas? Independance Day? X-Men? Avengers? Da muß man ja schon über tätowierte Waden verfügen, um daran noch Gefallen zu finden.

      Die CGI-Effekte, die 80% der Filmszenen entweder „aufhübschen“ oder völlig beherrschen, sind überwiegend unglaubhaft und vielfach überflüssig. Es wirkt inzwischen nicht mehr wie eine Comicverfilmung, sondern wie ein bewegter Comic. Dialoge und Story hanebüchen und peinlich. Nachvollziehbare Motive der Figuren nicht vorhanden. Mangel an nicht gewaltsamen Konfliktlösungsstrategien.

  3. Cronos sagt:

    So schlimm ist es nicht. Allerdings denke ich das die X-Men langsam langweilig werden. Aber immerhin kracht es an jeder Ecke und die Chars sind auch ganz ok, gemessen an anderen Superheldenverfilmungen. Kann man also anschauen ohne das einem schlecht wird.

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