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„Tatort Internet“ auf RTL2 – Das notgeile Review

Schmissige Mysterymusik aus allen Soundkanälen, schnelle Schnitte wie bei einem Krimi unter dem Druck der Vorspultaste, seltsamer Bild-Blaustich bei den nachgestellten Szenen, Sprecher, welche die Hand beim Lesen spürbar in der eigenen Hose tragen: Die neue RTL2-Serie „Tatort Internet“ ist bei der Aufklärung von Sexuellem Missbrauch via Internet so hilfreich wie ein Meteoriteneinschlag an einem Tatort. Mit dabei und nur im Geiste höchst minderjährig: Die Frau des Verteidigungsministers!


Minutenlang werden Mutter und Tochter vom Kamerateam danach gefragt, wie das denn genau war, damals, als der böse Onkel „diese Bilder“ von der Minderjährigen sehen wollte. Was für Bilder? Na, ihre BRÜSTE! Und was schickte er im Gegenzug zurück? Seinen PENIS, ist doch logisch! – Okay, das (minderjährige) Kind namens Missbrauch kann natürlich auch mal beim Namen genannt werden und RTL2 hätte man auch noch Schlimmeres zugetraut… Aber der Umgang mit dem Thema „Sexuelle Übergriffe“ wirkte auf eine sehr viel unterschwelligere Weise missglückt:

Immer noch ein Satz zu viel, eine Szene over the Top (wessen Top, lechz?). Als die 13-jährige Mandy beispielsweise erzählt, wie sie dem Täter ihre Brüste fotografieren sollte, wird die Szene gleich nachgestellt(!), wenn auch immerhin ohne Brust. – Als wenn gerade RTL2-Zuschauer damit Probleme hätten, sich Busen vorzustellen! Sich 15 Minuten in der Bildhistorie des Senders zurück zu erinnern kann ja nicht zu viel verlangt sein, oder?

Irgendwie kommt ständig das Gefühl auf, dass es sexuellen Missbrauch NUR im Internet gibt („Doppelfick beim Klick“ wäre doch ein passender Sendungstitel gewesen?), statt zu 80% in der eigenen Familie. Da werden Ängste vor dem Chatfenster geschürt, als käme es einem Loch in der Mädchendusche gleich, aus dem Männerarme wuchern. Wäre das Internet der Himmel, RTL2 würde glatt alle Zuschauer zu Gallier umerziehen, die ja bekanntlich fürchten, dass er ihnen auf den Kopf fallen könnte.

„Hey, wieso wirkt mein Kinderzimmer plötzlich so seriös-blau? Ah, verstehe. Ich bin gar keine echte 8-Jährige, sondern nur der Platzhalter für einen Doofeneinspieler, der zeigen soll, wie so ein Laptop eigentlich aussieht.“ – Finde dich echt superscheiße, ey: Ob das mir unbekannte US-Vorbild wohl in einem schönen Zartgrün daherkommt?

Und dann wäre da noch die Diplompsychologin, die während ihrer sekundenlangen Turboerklärung aus verschiedenen Perspektiven gefilmt wird, als wäre die Kamera verrutscht: „Wenn der Blick in der Realität ein bisschen ‚Öööööh‘ rüberkommt, oder ein bisschen lüstern, sieht man das ja gleich. Das hat man im Internet ja nicht!“ – Ist ja wirklich mal interessant, wenn Diplompsychologinnen ihr Fachwissen aus der Regenrinne der Fernsehunterhaltung gesoffen haben. Wobei ich der guten Frau nicht mal Unrecht tun möchte: Wer weiß, was RTL2 aus ihrem womöglich stundenlangen Monolog herausgeschnitten hat, um die verfrühten Altmännerphantasien heranwachsender Neu-Triebtäter zu bedienen.

Das Thema reitet so genüsslich auf der Sexschiene und dem öffentlichen Enttarnen der „Täter“ herum (z.B. im Cafè), dass mir die mutmaßlichen Päderasten fast schon wieder leid taten: Da trifft sich eine erwachsene Schauspielerin mit einem (irgendwie auf 14 getrimmt) und plötzlich verwickelt einem eine ältere Tante samt Bodyguards aus dem Hinterhalt in ein unnötiges Gespräch („Wie alt war das Kind? Wie alt sind sie? Warum haben sie über Sex gechattet? Sie kommen übrigens ins Fernsehen, wenn auch verpixelt!“).

Die Textteile des vorherigen Chats huschen animiert auf den Bildschirm wie eine Animationsszene aus „CSI“, während man vor lauter Scham im garantiert schulmädchenfreien Erdboden versinken möchte: Scham aufgrund der „Muschi“-haltigen Chatfetzen, Scham wegen den blöden Ausflüchten des potenziellen Täters, der mit dem Kind nur mal „abfeiern“ gehen wollte (Discokugel im Bett?!), Scham wegen der reißerischen Ausschlachtung des Themas und dem allgemeinen Aufklärungsfaktor eines Pornoklappentextes.

„Na, Mandy? Hat dich der Mann nicht doch ein bisschen geil gemacht, wie er so an dir interessiert war, na? Wenn du JA sagst, filmen wir auch gleich noch mal deinen Puppensammlung, damit die auch mal ins Fernsehen kommt!“ – Missbrauchter Hirnschmalz: ARD & ZDF sollten vor ihren Dokuprogrammen RTL2-Ausschnitte wie diese zeigen. Die Leute würden freiwillig die doppelte GEZ-Gebühr überweisen…

Statistiken, wissenschaftliche Erkenntnisse oder brauchbare Psychologeninfos findet man höchstens beim eigenen Google-Schnellstudium in der Werbepause. Wenn einem da nicht schon sooo schlecht von all den lüstern(!) vorgelesenen Chattexten ist, dass man sich und seine Geschlechtsorgane ganz schnell in andere Betätigungen stürzt. Gut: Immerhin ist die Musik am Ende von „Fall 3“, während der Kameravernehmung des Teenieliebhabers, recht flott. Hat was von Laurel & Hardy. Zwischendurch gibt es auch mal einen orgiastischen Mönchschor (aus der Walter-Mixa-Gedächtnismusikschule?), anpeitschende Trommelmusik und Aufschreckmucke wie aus dem „Herr der Ringe“-Schlusskampf.

Unfassbar, dass niemand Geringeres (ginge wohl auch schlecht) als zu-Guttenberg-Gattin Stefanie die Frontfrau für dieses 10(!) Folgen umfassende Format gab. Möchte nicht wissen, wie viele Zuschauer durch die ständige Tathergangsrekonstruktion erst auf die Idee kommen, mal ein paar Säuglinge mit lüsternen Kurznachrichten zu belästigen.

Das einzige, was da abschrecken könnte, ist die „Kriminalarbeit“ von RTL2 und somit die Möglichkeit, aufzufliegen. So versuchte der Sender per Facebookrecherche (dramatische Musik!) und spannend aufgenommen Redaktionsbesprechungen (“Die beiden Typen sind aus einem Nest gefallen!“) zu rekonstruieren, inwieweit ein mysteriöses Paar und ein Chatter zusammengehörten, als in einem Hotel High-Heel-Aufnahmen einer Minderjährigen gemacht werden sollten.

Aber wenn man als Täter darauf achtet, die nicht allzu interessiert wirkenden Mädels im Chat abzugreifen (möchte nicht wissen, wie die Redakteure die Täter scharf gemacht haben), sollte wohl nichts passieren. – Puh, Glück für den speckigen Grabbler!

Bleibt nur die Frage: Was kommt als nächstes? Aus dem Gefängnis entlassene Vergewaltiger werden von ebenso unschuldigen wie halbnackten RTL2-Reporterinnen („Hey, Süßer, was hast du heute noch so vor?!“) vor versteckter Kamera angesprochen? Und kurz vor dem Hotel springt das Kamerateam aus der Garageneinfahrt?

Wie es der gestellte Zufall will, hätten wir da durchaus noch den einen oder anderen Einfall für ein Nachfolgeformat von „Tatort Internet“:

(Bild vom Sparkiller)

Also meine Schulmädch… zwitter-Uniform ist jedenfalls schon gebügelt!

SPARKS MICKRIGER MEINUNGSKASTEN
Werde mich nie wieder als 6-Jährige ausgeben!

So spontan weiß man gar nicht, was genau man an diesem Internet-Tatort kritisieren sollte. Die BILD-typische Panikmache? Oder dass man ja eigentlich gar nicht meckern darf, weil es sich doch um soooo ein schniefig-ernstes Thema handelt?

Was ja auch stimmt. Aber nach deren Rezept könnte man eigentlich hunderte von „investigativen Formaten“ abdrehen, von „Tatort Tankstelle – Die Psycho-Mörder mit der Strumpfmaske“ (Einspieler: „Seine Stimme wirkte dadurch schon ein bisschen sexy!“) bis „Tatort Börse – Hier wird Ihr Vermögen gekillt“ (Einspieler: „Dabei wirkte er so nett, der Herr von der Sparkasse!“).

Der einzige Pluspunkt stellt daher nun einmal die grundlegende Information über die Existenz der hechelnden Digital-Perversen dar. Aber dies in Form von Unterschichten-Fernsehen umzusetzen („Ab sofort 100 Meter Abstand vom Handy! Das hat nämlich Internet!!“), hebt eben diesen irgendwo wieder auf. Schade, eigentlich.


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Artikel

von Klapowski am 08.10.10 in TV-Review

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Kommentare (4)

  1. bierman sagt:

    Man weiss nicht sorecht was man dazu sagen soll – erinnert mich stark an Chris Hansons Format, to catch a predator. Naja was heisst erinnern, es ist ne einszueins Kopie ;).

    Pedobear is not amused.

  2. Crysis sagt:

    Schön herausgearbeitete Kritikpunkte, auch wenn ich mir nicht ganz sicher bin ob Spiegel Online sie von dir hat oder andersrum. Aufklärung? Gern. Aufklärung in einem Stil, der auch Menschen anspricht, die das ganze kaum im ZDF ansehen würden? Gern. Aber ver-klärung realer Gefahren durch das völlige Fehlen konkreter Handlungshinweise oder die Ignoranz den eigentlichen Gefahrengruppen ggü, verbunden mit dem Hinweis für weitere Informationen doch bitte das Internet zu rate zu ziehen (= 14jährige Mädels in Chats danach fragen?) ist schon mehr als moralisch angreifbar.

  3. hanswurst sagt:

    Tatort Internet auf rtl2
    eigentlich: Tatort TV.

    Auf eindringliche Weise wurde immer wieder aufgefordert:
    Schützt endlich unsere Kinder!
    Und wer schützt uns endlich vor rtl2?

    Warum landet ein so wichtiges Thema in den falschen Händen?
    Warum können die Öffentlich-Rechtlichen nicht mal einen Kontrapunkt setzen. Aber bitte nicht Hard aber fair oder Frontal21.
    Vielleicht ein Fall für 3sat/neues oder Arte. Habe immer noch Hoffnung…
    …ein wenig wenigstens.

  4. Dingens sagt:

    ich hätte da noch eine kleine Ergänzung, gerade auf Spiegel Online gesehen: http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,722714,00.html

    Vorgehen gegen und Aufklärung über Kindesmissbrauch bitte, unbedingt! Aber bitte und unbedingt auch rechtsstaatlich, wenn Schuld bewiesen ist, und nicht durch Provozieren von Lynchjustiz…

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