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Zum Cylonen melken: Bundeszentrale für politische Bildung fördert Kampfstern Galactica Liverollenspiel

Manches kann man sich einfach nicht selbst ausdenken: Im Zuge eines Modellprojekts wird ein deutsches Battlestar Galactica-Liverollenspiel direkt von der Bundeszentrale für politische Bildung unterstützt (!), welches zudem auf einem ausgemusterten Marinezerstörer (!!) stattfinden wird. Was kommt als Nächstes? Herdprämie für klingonische Leihmütter? Eine Convention der Gelsenkirchener Reinigungsdienste, wo sich die Mitarbeiter als Biotonnen aus der Zukunft verkleiden?!

Direkt vorneweg, gegen die fleißigen Rollenspieler in ihren Galactica-Pyjamas habe ich gar nichts. Ist schließlich auch nicht viel anders als eine Theater AG, wenn auch thematisch etwas eingeschränkt und mit einer eher zweifelhaften Selbstwahrnehmung:

– „Analogien in den westlichen Gesellschaften nach dem 11. September 2001 bis heute [werden herausgearbeitet]“
– „Entdecken verborgener oder unterdrückter Persönlichkeitsanteile und das Ausprobieren deren gesellschaftlicher Akzeptanz in einem sicheren Setting“
– „neue Möglichkeiten der gesellschaftlichen Teilhabe“
– „[es] können eigene Emotionen tiefer ausgelotet werden“

Sowas könnte irgendwie auch auf der Webseite des Esoterik-Fanclubs „Sternengöttin Esmeralda“ stehen, aber wenn das Nachspielen amerikanischer Serien-Charaktere beim Überwinden persönlicher Mack— unterdrückter Persönlichkeitsanteile hilft, warum nicht?

galactica_rollenspiel_2

„Prust! Weißt Du noch die Mail, die ich vor ein paar Monaten an diese Dingsbums-Zentrale geschickt habe?“ – „Jau, DAS war mal witzig! Wieso?“ – „Die… die haben tatsächlich geantwortet. UND sogar einer Förderung zugesagt!“ – „Geil, dann hole ich doch direkt meine Hosenträger vom Dachboden und schnappe mir die fetten Firefly-Kohlen!“ – „Stimmt! Und vor unserem Haus steht doch noch dieser leere Baucontainer! Ideaaaal für das große Star Trek-Larp auf der Enterprise-Brücke!“ – You can’t stop the Durchfall! Die Wahrheit über die tatsächlichen Entscheidungsvorgänge in der Bildungszentrale wird uns für immer vorenthalten werden. Aber sie wird wohl irgendwas mit dem 10-jährigen Sohn des Abteilungsleiters zu tun haben.

Aber wenn überhaupt jemand böse Vorurteile hat, dann vielleicht die Seite der Bundeszentrale, welche diese tolle Selbstfindungsaktion mit keinem Wort erwähnt. Apropos, die allgemeine Förderung durch die BPD wird übrigens durch folgendes inhaltsfreies PR-Geschwafel erklärt:

Von besonderem Interesse der bpb sind Projekte, die aufgrund des hohen Grades der Innovation sowie nicht gängiger thematischer Fragestellung ein Themenfeld betreffen, das Neuland darstellt und in diesem Sinne Vertiefung und Expertise für die künftige Arbeit benötigt.

http://www.bpb.de/partner/foerderung/142210/modellprojekte

So weit, so wage. Die Vorstellung, daß man als Sci-Fi-Hobby-Darsteller mal eben einen Antrag bei der politischen Bildungszentrale genehmigt bekommt, hat natürlich was. Nur was? Ist die Menge an normalen Anträgen (z.B. von Schulen) derart gering, daß vielleicht sogar WIR uns mal die Ausfüllarbeit machen sollten? Immerhin wird hier eine Kommentarfunktion rappelvoll mit hochintelligenten Teilnehmern geboten, welche ab und zu sogar den „Abschicken“-Button finden. Und… und wir treffen uns doch sogar regelmäßig im digitalen… öh… Cyberspace, liebe Bundeszentralisten! Wieviel vertiefendes Expertisen-Neuland wollt ihr denn NOCH?!

KLAPOS KLAPPRIGER MEINUNGSKASTEN
DAS ist ja mal eine tolle Idee, bei der man nicht weiß, was zuerst da war: Das Ei, die Henne oder die Satire dazwischen? Hatten wir vor gut 10 Jahren noch überlegt, ob unser Bluescreen-Spektakel „Sol Faktor 2“ vielleicht Fördergelder des NRW-Filmfonds abgreifen könnte, geht man jetzt einfach einen Schritt weiter und macht aus den von mir sehr geschätzten LARPern (Internetabkürzung für „Laughs aut really powerful?“) politische Bildungsauftragler. Was nicht mal ärgerlich wäre, wenn vorher MEIN Antrag, aufgrund meiner „Haarpracht“ die steuerlichen Vorteile eines französischen Sternenflottencaptains erhalten zu dürfen, nicht abgewiesen worden wäre.

Nein, im Ernst: Es ist sicherlich schon unsinnigeres gefördert worden. Ob das Geld (= Heizkosten für Marinezerstörer für 24 Stunden?) nun rausgeworfen ist, ist sowieso relativ. Schließlich werden auch „politische“ Bildungsgames bezuschusst, bei denen wir in Textadventures lernen, warum man homosexuelle Zigeuner mit jüdischen Zeugen-Jehova-Wurzeln nicht an der Grenze erschießen darf. Und von der Förderung von Solarenergie, Dämmplatten und Solaranlagen in Dämmplatten wollen wir gar nicht erst anfangen. So ein Stammtisch hat schließlich gewisse Regeln und mir wird doch nach 5 Bieren – oder 8 Erdbeerwein – immer so schnell übel.

Von daher: Macht mal. Werdet schon was lernen! Vielleicht sogar, euch NICHT über diesen Artikel hier aufzuregen?


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Artikel

von Sparkiller am 05.02.15 in All-Gemeines

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Kommentare (6)

  1. Onkel Hotte sagt:

    Wenn eine Milliarde € für die Verbreitung von Blasmusik ausgegeben wird finde ich diese Projekt hier gar nicht mal so abwegig oder sinnlos.

  2. Cronos sagt:

    Das ist wirklich echt? Hört sich irgendwie nach Verarsche an.

  3. Umme sagt:

    Das ist wieder ein Beispiel, wo Recherche einen humorvoll-zynischen Text kaputt gemacht hätte. Kennt man von der Bild, lieber nicht zu viel drüber informieren, das ruiniert nur die Schlagzeile.

    Nein, bei Exodus haben nicht „Sci-Fi-Hobby-Darsteller“ einfach mal so einen Antrag gestellt und dann bass erstaunt genehmigt bekommen. Sondern ein Verein, der schon seit Jahren in der politischen Bildung tätig ist und schon lange mit der bpb kooperiert. Ein Verein, der schon länger ARGs für Jugendliche veranstaltet und damit gute Erfahrungen sammeln konnte. Eben ein Bildungsträger wie es viele gibt und wie auch viele gefördert werden. Dieser Bildungsträger hat nun eben LARP (in diesem Falle das beispielsweise in Schweden in der politischen Bildung sehr etablierte Nordic-LARP) als Ansatzpunkt für eine eher ungewöhnliche Veranstaltung gewählt. Weil es perfekt passte und einen sehr guten Rahmen ergeben hat.

    Aber wie gesagt, zu viel mit dem Thema beschäftigen funktioniert halt nicht wenn man eine inhaltsleere Glosse schreiben möchte. Wäre ja schade um das Thema.

    • Klapowski sagt:

      Na jaaaa, ob es nun Antrag B1 von Entscheidungsträger 17c war, oder aber Liverollenspieler Hauke über das Landwirtschaftsministerium an die Pressestelle der Formularabteilung weiter geleitet wurde, ist jetzt ja nicht soooo der Unterschied.

      Aber gut, korrigieren wir das förmlich:

      Es war also ein „Verein, der schon seit Jahren in der politischen Bildung tätig ist“, der Galactica-Freunde und eben die Regierung zusammen gebracht hat. Keine „Sci-Fi-Hobby-Darsteller“, wie von meinem Kollegen Sparkiller behauptet.

      So, nachdem das geklärt ist, möchte ich dann später bitte NICHT sehen, dass dann DOCH „hobbyartig“ unterwegs seiende Menschen „Sci-Fi-Figuren darstellen“! (Wie man es eeeeigentlich bei einem LARP vermuten könnte.)

      Denn das würde bedeuten, dass wir unsere Korrektur aufgrund deiner Richtigstellung … eben … wieder korrigieren müssten.

  4. Umme sagt:

    Ach, da die Spieler ja nicht vom Projektträger stammten (die basa hats ausgeführt, die Spieler spielten) braucht hier niemand die Korrektur korrigieren.

  5. Sparkiller sagt:

    Moooment, wird hier lediglich moniert, daß die korrekte Überschrift eigentlich sooo lauten müßte: „Zum Cylonen melken: Bundeszentrale für politische Bildung fördert Kampfstern Galactica Liverollenspiel der Bildungsstätte Alte Schule Anspach“?

    Ein Rollenspiel-Projekt wohlgemerkt, welches eine von der Bundeszentrale verlangte „Vertiefung und Expertise für die künftige Arbeit“ liefern muß, aber laut Eigenaussage Situationen erschafft welche „im normalen Leben nie eintreten würden“ und „wie Du sie ansonsten nie treffen müsstest“. Nicht schlecht, endlich bereitet sich der Staat also auf Zukunfts-, bzw. Fantasy-Berufe vor!

    DANN will ich aber auch ein tolles Herr der Ringe-Rollenspiel powered by BpB! Lerne ich als Gandalf mit Konfrontationen umzugehen, weil ich diesen Balrog einfach nicht vorbei lasse? Oder gehe ich den Weg positiver sozialer Interaktion in einer Büroumgebung und lade den Herrn Balrog zwecks Entdeckung seiner unterdrückten Persönlichkeitsanteile zum Brunch ein?

    Noch spannender wäre da wohl ein Game of Thrones-LARP! Lerne neue Möglichkeiten der gesellschaftlichen Teilhabe durch das Abschneiden der Genitalien deiner Feinde! Lote eigene Emotionen tiefer aus, indem der blöde Joffrey bereits zu Beginn dem eigenen Schwert zum Opfer fällt.

    Mensch, ich habe das alles total falsch eingeschätzt! Vergiß die Fördergelder, dafür zahle ich doch gerne jeden Preis!

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