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„Breaking Bad“ – Review der 3. & 4. Staffel

Komisch, es ist wie bei Internetanbietern, Autowerkstätten und Plastische Chirurgen: GUTE Serien, die einfach wie gewollt funktionieren, geben nicht viel her für megalange Artikel und shakespearhafte „Schlecht oder nicht schlecht?“-Fragedramen. Trotzdem wäre Eure Erziehung durch Zukunftia, der Ihr Euch ja mit Freuden unterwerft, völlig unvollständig, wenn wir hier nicht kurz die Staffeln 3 und 4 von Breaking Bad besprechen würden. Leute, die diese Serie doof finden, dürfen übrigens nicht mitreden oder müssen sich einen speziell angefertigten Klage-Klapo OHNE Geschmack suchen, um diese Serie zu verreißen…

Und diese Leute gibt es ja tatsächlich.

Immer diese Medien-Basher! Jetzt weiß ich erst, was Ihr meintet, wenn Ihr mir abgeschlagene Pferdeköpfe in Bluescreen-Seide durch das Fenster geworfen habt („Jar-Jar Binks is cool! LOL! ROFL!“). Endlich verstehe ich, warum man so gehasst wird, wenn man vorwurfsarm und quasi-objektiv verlauten lässt, dass alle, die „Stargate Universe“ toll finden, im Restaurant auch mal ein schönes Schnitzel Scheiße bestellen sollen.

Ich kann jedoch überhaupt nicht verstehen, was man gegen die 3. und 4. Staffel „Breaking Bad“ haben kann. Denn ich vernahm da jüngst einige gar seltsame Klagen! – Doch wir Serienliebhaber müssen zusammenhalten, die wir uns nachträglich bei „Terra Nova“ fragen: „War eigentlich auch K.I.T.T. unter den Einsatzfahrzeugen?“

Erst recht, wenn eine Serie sich so steigert, wie es der „Brechende Schlechte“ vorgemacht hat.

„Tolle Idee, Mister White! Diese Ausstechfiguren für die Crystal-Platten machen unsere Drogen noch viel attraktiver! Ich habe mir gerade einen ganzen Weihnachtsengel in die Nase gezogen!“ – Schnösel versus Schniefel: Der Ex-Junkie Jesse und die zukünftige Leiche(?) Walter sind ein soooo gegensätzliches Paar, dass sie schon fast wieder wie zwei klebrige Kotstücke zusammen halten.

Wir erinnern uns: In den Staffeln 1 und 2, die ich bereits kurz mit mir selbst besprochen hatte, musste Drogenkoch Walter erst mal so eeeiniges lernen. Zum Beispiel, dass man besser nicht die Utensilien des eigenen Schulchemielabors in der Wüste liegen lässt, wenn der eigene Schwiegerbruder ein Drogenfahnder ist. Das sind eben so Details, die man sich langsam aneignen muss, motiviert von dem heißen Atem der Polizei im Nacken. Und solche Anfängergeschichten sind natürlich völlig zu Recht spannend, tragen aber kaum eine ganze SERIE lang. Man hätte wohl auch bei den Mafiapaten von den „Sopranos“ Probleme bekommen, wenn der Chefverklopper 6 Staffeln lang bei seinen zarten Fingerbrechversuchen im Sandkasten gezeigt worden wäre.

Und somit war es konsequent, dass sich auch das düstere „Vom Highschool-Lehrer zum Erfahrungsmillionär“-Epos weiter entwickelt. Düsterer, komplexer, raus aus dem Muff der Zuständigkeit amerikanischer Streifenpolizisten. – Wie erleichtert war ich beispielsweise, als Walters Frau endlich erfuhr, dass ihr Mann nicht nur deswegen stundenlang verschwunden war, weil man bei Nacht einen herrlichen Ausblick über die Wüste hat. Noch 3 Folgen mehr mit Ausreden à la „Schatz, ich rieche so nach Chemikalien, weil ich versehentlich einen Duftbaum gefressen habe“ und ich hätte mir ebenfalls kleine Kristalle in die Nase geschnieft. Gewonnen aus zermahlenden Fensterscheiben, zwecks Selbstgeißelung!

Ja, ich gebe zu: Auch in Staffel 3, als ein riesiger Drogenring unter der Leitung von Fast-Food-Legende Gustavo Fring auftauchte, gab es so einige Längen. So manche Folge schien nur das Innenleben von Walter (und seinem Kumpel Pinkman) zu analysieren, deutlich gemacht durch tiefsinnige Blicke in Frühstücksflockenpackungen und nachdenkliche Lügerei gegenüber seinem Sohn. Aber im Gegensatz zu anderen Serien kann man sich sicher sein, dass hier alles, was passiert, sogar das Langweilige, irgendetwas Großes einleitet. All das sinnlose Wohnwagen-Rumgegurke, die mimosenhaften Ausfälle von Walter gegenüber seinem Gangster-Arbeitgeber („Ich brauche eine größere Schöpfkelle aus Silber, sonst halte ich für immer die Luft an!“), all die komischen Gespräche mit Ärzten und Verwandten hatten ihre Berechtigung!

„Meine Ehe mucho kaputto! Meine Frau mucho enttäuschtos wegen Drogos muchos! Kapitos?“ – Man kann schließlich über alles stottern: Walter erklärt ein paar Damen von der Tarnagentur „Wäschefein“, welch schlechtes Gewissen er wegen seiner Drogenkarriere hatte. Als er dann aber erfuhr, dass Beschaffungskriminalität von Süchtigen jährlich weniger Schaden anrichtet als die Wall Street in der Minute, durfte er mit seiner Frau endlich wieder Heim und Brieftasche teilen.

Nur, wer Walter einige Male beim Chemietankschrubben beobachtet hat, weiß, wie penibel und egoistisch die olle Glatzensau ist. Nur, wer mehrfach gesehen hat, mit welcher kaltblütigen Feigheit (feigen Kaltblütigkeit?) er in sein Labor unter der Wäscherei gelatscht ist, versteht, wie gefährlich-verführerisch sein (un?)sicherer Job ist. Und ich mochte es, wie Gustavo Fring, der spätere Bösewicht, eingeführt wurde: Ein psychopathischer Edelmann vom Schlage eines frühen James-Bond-Bösewichtes: 23 Sorten Oregano-Gewürze im Küchenregal, 37 Arten, um mit leiser Stimme Erfurcht zu erwecken und 69 Methoden, um den Krawattenknoten auf seine Festigkeit zu überprüfen.

Wie Walter und Pinkmann da Folge für Folge erkennen mussten, was für eine dreckige Sau der gutgekleidete Langsamsprecher da ist, das wäre selbst in großen Kinofilmen „großes Kino“ gewesen! Dazu dieser Bildaufbau: Ob Wüstenpanoramen, prollige Anwaltsbüros oder Dialogszenen im Ikea-Wohnzimmer: Bei jeder neuen Szene möchte man einem DEUTSCHEN Serienregisseur vor Freude eins aufs Maul hauen.

Okay, die Auflösung des Cliffhangers der 3. Staffel fand ich dann doch etwas merkwürdig („Okay, irgendeinen MUSS ich umbringen, um meinen undurchsichtigen Standpunkt zu verdeutlichen, also wähle ich meinen langjährigen Bodyguard.“). Und warum hat Gustavo später nicht Walters und Pinkmans Haus verwanzt, was er in der dritten Staffel zart versucht hatte? Wäre doch von Vorteil, wenn man die Pläne der aufgeschreckten Betäubungsmittel-Küchenchefs kennt, so als kriminelles Mastermind?

„Okay, sie sind mit unserem Produkt unzufrieden, weil es die rosa Elefanten in ihrem Toilettenspülkasten vermehrt. Das verstehe ich. Daher erhalten sie von mir jetzt SOFORT einen Gutschein für 10x nackt über die rote Ampel gehen!“ – „Hey, danke! Muss ich mir den aus ihrem Hinterkopf schießen oder wie ist das weitere Prozedere?“ – Schniefgründige Storylines: Ausführliche Kundengespräche sind das A und O beim $ und €!

Trotzdem bleibt die Handlung immer spannend und steigt von Null auf Hundert in 26 Folgen. Angenehm ist die Tatsache, dass Walt und Pinkman nach 4 Staffeln Hauptdarsteller-Miteinander noch immer kein Kumpelpärchen geworden sind, sondern misstrauische Gesellen, die sich erst dann helfen, wenn bei beiden GLEICHZEITIG der Sensenmann ans Reagenzglas klopft. Diese gesunde Entfernung der beiden Charaktere wird auch recht glaubwürdig gemacht, da Pinkman lieber Egoshooter spielt (wenn auch nur aus Product-Placement-Gründen) und Drogen nascht, während Walter eher mit Pflastern übersät an seinem Lügengebäude feilt.

Walts Frau Skyler hörte auch erst in der dritten und vierten Staffel auf zu nerven, als diese wider Erwarten das Doppelleben ihres Mannes akzeptierte und sich selber in Geldwäschepläne stürzte. Wir lernen: Lieber mehr Grautöne auf einem Haufen als langweilige Kontrastbilder. Die „Weiß-Schwarz-Blindheit“ gehört sowieso zu den übelsten Augen/Serien-Erkrankungen.

Die letzten drei Folgen der 4. Staffel gehören zudem zu den spannendsten Dingen, die ich je im Fernsehen gesehen habe. Auch wenn Walts „Masterplan“ doch etwas lückenhaft war und bei kleineren Änderungen im Verhalten seiner Gegenspieler (und Freunde) mit so viel Karacho gegen die Wand hätte fahren können, dass der Mann auf gänzlich unchemische Art atomisiert worden wäre. Aber das störte mich wenig, machte das tempo- und facettenreiche Finale sogar etwas Lust, sich die weniger prallen Episoden ein zweites Mal anzuschauen. Praktisch als Prequel-Geschichte zum eigenen Nervenzusammenbruch.

Getragen wird das Konzept aber natürlich von den Schauspielern. Kein Wunder, dass in den USA langsam die Emmys ausgehen: Glaubwürdige Gefühlszuckungen gibt es bei „Breaking Bad“ auch bei Großaufnahmen, welche andere, ernsthaft gemeinte Produktionen schon als Lachnummern im parodistischen Kindertheater empfohlen haben.

“Okay, IHR liefert mir 500 Kilo Crystal und ICH gehe wieder zum Selbsthilfekurs anonymer Zwinkerunwilliger, einverstanden?“ – „Jau, Gus, cool, Gus, krass, Gus! Könnte ihr Leibwächter jetzt bitte wieder die Spitze ihrer Krawatte aus MEINER Harnröhre ziehen? Wenn es keine Umstände macht?“ – Böse, Wicht: Dieser Mann könnte noch nicht mal einem Kind den Lutscher klauen, ohne es vorher vermint zu haben!

Ich würde sogar behaupten, dass ich nach 4 Staffeln „BB“ gespannter auf die Fortsetzung bin, als ich es damals bei „Dexter“ war. Denn was kann in der 5. Staffel noch Großes passieren? Wird Walter selber zum ambitionierten Drogenboss, was nach all dem Ärger eher unwahrscheinlich erscheint? Immerhin kann selbst Walt nicht mehr als 3 Ersatznasen im Schrank haben, um die alten, plattgekloppten zu ersetzen?

Oder wird er in der letzten Staffel versuchen, Schadensbegrenzung zu betreiben und seinen Schwager davon abzuhalten, ihm doch noch auf die Spur zu kommen? Und wie bekommen wir Jesse Pinkman wieder ins Boot, der in den letzten Folgen nur noch als Wrack mit ungesund rotem Kopf aufgetreten ist und ständig in der Gegend rumgeschubst wurde? Labor – Krankenhaus – Polizei – Elektroschock – Labor… – Staffel 5??


Fazit: Wegweisende Serie, deren langsamer Storyaufbau viel nachhaltiger wirkt als der kunterbunte „LOST“-Eintopf. Wer allerdings Probleme hat, sich mit düsteren, arroganten und durchgängig arschlochigen Charakteren zu identifizieren (Kollege Sparkiller hat z.B. zu wenig Schlechtes in sich), die noch dazu realistischer sind als meine Kollegen, wird ein Problem haben. Und NEIN: Das hier ist NICHT ansatzweise wie „SGU“! Ich kenne doch meine Kommentar-Pappenheimer…

Trotz (oder gerade wegen) einiger Folgen, die nicht auf Effekthascherei und schnellen Veränderungen basieren, muss ich eine recht hohe Note zücken:

ACTION
HUMOR
TIEFSINN
ALLES IN ALLEM

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Artikel

von Klapowski am 13.10.11 in TV-Review

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Kommentare (7)

  1. FF sagt:

    Mir gehts dann wohl wie Sparkiller, Serien mit soviel Negativem machen mich in letzter Zeit depressiv, obwohl oder gerade weil die Serie handwerklich gut gemacht ist.

  2. Evil_Uncelz sagt:

    Hal in dieser Rolle zu sehen ist einfach nur genial… es erklärt wie er so meisterhaft den schussel bei Malcolm spielen konnte…. Man muss ein Genie sein um einen Idioten zu spielen.

    Und Breaking Bad ist mitunter eine der besten Serien ever. Ja das sage ich als begnadeter Lost Zuschauer

  3. Z3R0B4NG sagt:

    Ich versteh die welt nicht mehr.
    Vor kurzem erst das Finale von Staffel 4 gesehen und sie haben alles aufgelöst !?

    Ich hab wirklich gedacht die Serie wäre jetzt zuende… musste erstmal googlen ob überhaupt noch eine 5. Staffel geplant ist und ja da kommt wirklich noch was.

    LOST hätte sich hier wirklich eine Scheibe abschneiden können.

    Und bitte hört auf SGU immer wieder zu erwähnen… sonst hol ich ein paar Kommunikationssteine …und werfe sie durch Eure Fenster… mit kleinen Zetteln drum gewickelt… wo Nachrichten drauf stehen!!!

  4. taubenuss sagt:

    Die Serie ist genau wie SGU….

    • das obst sagt:

      also, wenn du das ernst meinst, machst du deinem nickname wirklich alle ehre. wie kommst du denn zu dieser schlussfolgerung?

    • BungaBunga sagt:

      siehe Artikel:
      „Und NEIN: Das hier ist NICHT ansatzweise wie “SGU”! Ich kenne doch meine Kommentar-Pappenheimer…“
      Hatte mich schon gefragt, wie lange es noch dauert, bis einer mit der Antwort daherkommt.
      Und ich glaub nicht, dass die Nuss wirklich so taub ist, wie sie tut, hat wohl nur nen etwas kindischen Sinn für Humor.

  5. Keto sagt:

    Ich schreibe nur um mitzuteilen, dass diese Rezension grandios war und mit Abstand die beste zu diesem Thema, die ich bisher gelesen habe (Und ich habe sie alle mit größtem Fanatismus gelesen). Einziger Makel ist vielleicht, dass es nur 8/10 Punkten sind, aber da Vince Gilligan sowieso mit der 5. Staffel alle Vögel des Himmels wegbomben wird, dürfte sich die nächste Note für den Faux-Pas loooooocker revanchieren!
    Nebenbei bemerkt war LOST meine große Liebe, aber nach 4 Staffel Crystal-Meth-Dauerberauschung bin ich untreu geworden: Breaking Bad ist ein Super-Model mit dreifachem Doktor Titel, die trinken kann wie ein Vikinger und es cool findet, wenn Männer im Stehen pinkeln!

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