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„Weniger ist manchmal mehr“ – Das gilt auch für die Länge von Episodentiteln. Allerdings mit Betonung auf das schöne Wort „manchmal“ in dem obigen Sprüchlein. Im Sinne von: „Kürze sollte eine künstlerische Ausnahme sein, keine sklavisch befolgte Regel!“ Es folgt nun mein Plädoyer für mehr Buchstaben… auch für Doofe und Leute über 120 Kilo. Die SF-Nerds würden es den Serienmachern danken!


Erst kürzlich ärgerte sich Kollege Sparkiller über das Thema. Und sicher habt auch IHR es schon gemerkt, als Ihr kürzlich in einem Episodenguide nach einer Folge suchtet, die ihr gerade erst gesehen habt: Die Kleinkindsprache mit 1-Wort-“Sätzen“ hat die Serienlandschaft überwuchert und die allgemeine Phantasie mit dornigem Deppengestrüpp erstickt. Episoden heißen schon seit einigen Jahren nicht mehr „Die Würde des Reiches“ sondern schlichtweg „Würde“ oder „Ehre“ oder „Reich“. Und das, obwohl die Langform viel aussagekräftiger wäre! Und mit dem neuen 16:9-Format sollte es auch bei TV-Serien keine platzmäßigen Beschränkungen bei der Titeleinblendung geben, oder?

Geht es bei „Würde“ beispielsweise um die Selbstachtung von jemanden oder ist die Versimplifizierung der Episodentitel schon so weit gediehen, dass man unter diesem Wort gar die Abkürzung eines Satzes vermuten muss? So nach dem Motto „Würdest du mir mal die Milch reichen?“ – Heutzutage scheint, auch dank verdorrter Stilblüten wie bei SGU, vieles möglich. Und ist mit dem obigen „Reich“ ein Staatengebilde gemeint, oder hat der Raumschiffnavigator 6 Richtige in der Monica-Lierhaus-Lotterie gezogen? Oft weiß man es nicht, oder schlimmer: Man hat schon gar keinen Bock mehr, es überhaupt herauszufinden! Ja, es mag eine Kleinigkeit sein, aber wie lieb werden Serienschöpfer ihr eigenes Baby wohl haben, wenn sie jede 2. gefühlte Folge „Hope“ nennen? Oder „Space“? Oder „Fart“?

Mit Wehmut denke ich an die Zeit zurück, in der die (deutschen) Titel einer Star-Trek-Folge so irreführend wie einprägsam waren. Aus irgendwelchen Gründen weiß ich noch heute, dass in der TOS-Episode „Implosion in der Spirale“ die Besatzung irre wird, obwohl der Titel erst mal nur auf ein frauenärztlich relevantes Problem mit der Empfängnisverhütung hinweist. Auch das englische Original lässt sich in Sachen Anzüglichkeit nicht lumpen und nennt sich „The Naked Time“, was im Sinne der Selbstoffenbarung der Durchgeknallten (getreu dem Sternenflottenmotto „Im Wahn liegt Wahrheit“) auch sehr gut passt.

Schöne kurze Wörters, falls die Adjektive und Nomen im Englischen mal ausgehen sollten: Das „Wörterbuch der Oberstdorfer Mundart“ liefert viele handliche Begriffe, die ebenso aussagekräftig sind wie ein durchschnittlicher Episodentitel der Erfolgsserie „Stargate Universe“.

Doch spätestens mit ENTERPRISE war es vorbei mit Titeln wie „Inter arma enim silent leges“ (Latein bei DS9), „Badda-Bing, Badda-Bang“ (doof, aber einprägsam) oder „In the pale moonlight“. Diese drei Titel hätte man in der letzten Serie wohl auf „Silence“, „Bad“ und „Light“ gekürzt. – Möglicherweise in der irrigen Auffassung, dass etwas umso anspruchsvoller ist, je weniger es sich in die Karten blicken lässt. Okay, bei Sat.1-Movies wie „Marco W. – 247 Tage im türkischen Gefängnis“ mag der Beweis für diese These bereits erbracht sein, aber bei Serienepisoden hätte ich durchaus nichts gegen ein knuffiges: „Jonathan A. – 247 Tage im Klingonengefängnis“.

Tut ja keinem weh! Und gegen „Für eine handvoll Qs“ oder „Janeway, drei Hunde und ein schwarzes Loch“ war und ist ja wirklich nichts einzuwenden. Man muss ja nicht zu viel verraten und die Folge im Zweifel dann doch über die Borg handeln lassen, nur zur Sicherheit. – Und wer jetzt noch immer nicht überzeugt ist, möge sich einmal folgende Episodentitel ansehen:

Liste 1: Anomaly, Extinction, Impulse, Exile, The Shipment, Twilight, Damage, Countdown, The Forgotten

Liste 2: Faith, Human, Lost, Space, Pain, Subversion, Time, Darkness, Light

Liste 3: Special, Tabula Rasa, Walkabout, Solitary, Exodus, Homecoming

Liste 4: The Arrival, Bound, Safe, Ability, Midnight, Unleashed

Jetzt die Quizfrage: Ordne diese Titel den folgenden 4 Serien zu: LOST, Fringe, ENTERPRISE, Stargate Universe. Schwer, gelle? Wer dabei auf Anhieb nicht weiterkommt, kann ja spaßeshalber seine Unmutsäußerungen als Episodentitelvorschläge notieren. Also z.B.:

Mensch, Klapo! Heute willst Du es ja Echt wieder Wissen! Bin Ich ein Hellseher, oder Was?“

Das es auch heute noch anders geht, beweist einmal mehr „Doctor Who“, welche mit Titeln wie „The Empty Child“, „The Doctor Dances“ oder gar „Christmas Invasion“ meistens für Klarheit sorgt. – In diesem Sinne geben ich diesem Artikel den Untertitel „Amicus certus in re incerta cernitur“ und hoffe auf Besserung auf Seiten der Silbenhasser vom Seriendienst. Vielen Dank

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1.03 Hey
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1.06 denn
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1.09 ?!


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Artikel

von Klapowski am 10.04.11 in All-Gemeines

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Kommentare (14)

  1. leander sagt:

    Also Liste 1 ist Enterprise, 2 ist SGU, die anderen beiden Serien kenne ich nur aus dem TV, daher ist mein Wissen um die Episodentitel eher gering. „Looking for par’Mach in All the Wrong Places“ wurde im deutschen ja leider auf „Gefährliche Liebschaften“ gekürzt.

  2. DJ Doena sagt:

    Es kommt immer auf die Serie an. Bei manchen sind es reine Arbeitstitel, damit die Folge überhaupt einen Namen hat. Bei „Smallville“ ist es zum Beispiel oftmal ein Wort, was dann in der Folge fünfmal fällt („Devoted“), oder was auf die spezielle Kraft des Bösewichts („Cool“, „Hydro“) der Woche hinweist.

    Bei „Friends“ hatte man sich einfach drauf geeingt, das zu nehmen, wie die Leute die Folge sowieso nennen werden, deshalb fingen alle Folgentitel mit „The One With …“ oder „The One Where …“, z.B. „The One In Vegas“.

    „Chuck“ hat sich für das „Chuck Versus …“-Schema entschieden, z.B. „Chuck Versus the Sandworm“ oder „Chuck Versus the First Bank of Evil“.

    Bei „Gossip Girl“ sind es immer verwurschtelte Filmtitel von Filmklassikern, z.B. „The Blair Bitch Project“ oder „The Grandfather: Part II“.

    Bei „Bones“ ist es einfach nur der Fundort der Leiche: „The Bikini in the Soup“.

    Bei „Community“ klingen sie immer wie ein Fach, dass an diesem College angeboten werden könnte: „Advanced Dungeons & Dragons“, „Conspiracy Theories and Interior Design“.

    Bei „Leverage“ ist es immer „The … Job“: „The Scheherazade Job“, „The Ho Ho Ho Job“.

    Bei „Raising Hope“ sind es auch oftmals Anspielungen auf Filmtitel (wobei ich da nicht alle identifizieren kann): „Meet the Grandparents“, „Romeo and Romeo“.

    Bei „The Big Bang Theory“ ist es immer ein adjektiviertes Substantiv: „The Justice League Recombination“, „The Wheaton Recurrence“ (Wheaton as in Wil „Wesley“ Wheaton).

    Bei „Two and a Half Men“ ist (war?) es immer der blödeste Satz, den die Folge aufzubieten hatte: „A Pudding-Filled Cactus“, „Gorp. Fnark. Schmegle.“, „Humiliation Is a Visual Medium“.

  3. Dingens sagt:

    Ich möchte hier an den Episodentitel „And the Rock Cried Out, No Hiding Place“ von Babylon 5 erinnern. Das waren noch Zeiten!

  4. Speedomon sagt:

    Nicht zu vergessen „gefährliche Planeten-Girls“ und „gefangen in einem temporärem Fragment“. Da konnte man sich noch was drunter vorstellen!
    Die kurzen Titel fand ich bei Voyager noch ganz cool, weil ungewohnt. Spätestens bei ENT war der Neuigkeitsfaktor weg und die Einworttitel eher nervig.

  5. G.G. Hoffmann sagt:

    Einprägsam waren früher aber vor allem die deutschen Titel, die häufig einer kurzen Episodenbeschreibung nahe kamen („Die Macht der Naniten“, „Spocks Gehirn“, „Janeways Monatsbeschwerden“, „Kodos, der Henker“). Da weiß man bei einem Blick in das Programmheft sofort: muß ich nicht nochmal sehen. Die englischen Folgentitel waren schon zu TNG-Zeiten häufig recht kurz („Haven“, „Prize“, „Violations“, „Ethics“…).

  6. Speedomon sagt:

    Ah, interessant. TNG war ja in der Zeit vor dem WWW und damit war ich auf dem Niveau eines Steinzeitmenschen was Serien im Original betrifft.

  7. Vanquish sagt:

    Der Episodentitle ist mir egal, solange er nicht zu viel verrät.
    Aber für all die alten Menschen hier, die sich noch an DS9-Titel und älteres Zeug erinnern, gibts ein nettes Ratespiel: http://johnmartz.com/trexels

  8. Lurker sagt:

    *hüstel*
    Bei „Midnight“ muss ich als erstes an Doctor Who im Spacebus nach nirgendwo denken. Neben „Space“ und „Time“ hatte die Serie auch den m.E. kürzestesten Folgentitel ever zu bieten: „42“

    „Tabula Rasa“ ist IIRC die Buffy-Folge nach der Musicalfolge

    Soviel zum Thema unnützes Wissen

    • DJ Doena sagt:

      Und die Musicalfolge hieß „Once More, With Feeling“ und nicht – wie Klapo in seinem Artikel schrieb – „One’s More…“ :-p

  9. DerBeimNamenNennt sagt:

    Geht man einige Jahrhunderte zurück, dann muss man feststellen, dass Titel von Büchern generell kürzer geworden sind.

    Das kann man dann auch auf Serien übertragen.

    • DJ Doena sagt:

      Also ich hab ein Buch im Schrank stehen, dass heißt „Data Zone – Hackerjagd im Internet“.
      Originaltitel: „Takedown: The Pursuit and Capture of Kevin Mitnick, America’s Most Wanted Computer Outlaw – By the Man Who Did It“

  10. Donald D. sagt:

    „Tabula Rasa“ war aber z.B. auch eine SG-Atlantis Folge, was mich beim Rätseln doch etwas irritierte.
    P.S.: Der schönste deutsche Titel für mich ist immer noch: „Notlandung auf Galileo 7“

  11. bergh sagt:

    tach auch !

    Tabula Rase war auch eine Lost Season 1. 2 oder 3 Folge oder ?

    Und „looking for (love)…. in all the wrong places“ spielt
    auf das legendäre Leisure Suit Larry Spiel No 1 an, oder ?
    (Ich glaube es war ein Untertitel, sicher bin ich mir nicht mehr)

    Gruss BergH

  12. Tobi van Helsinki sagt:

    Es kommt ja noch hinzu, dass man, um den Titel heraus zu finden, in einen Episonden Guide oder die TV-Zeitschrift schauen muss, da bei SGU schon keine mehr Eingeblendet werden.

    Das selbe kann man auch auf die Intros anwenden, die werden auch immer kürzer und primitiver.

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