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„Solitary“ – Dreharbeit im „Kasten“ (Review)

Juchuuu! Das neue Bekloppten-Format auf Pro 7 ist da! Endlich wieder Prominente quälen, ohne ihnen dabei minutenlang beim Strullern im Urwald zusehen zu müssen! „Solitary“ ist Hirnkeks-Halbierung auf so unterirdischen Niveau, dass man schon gar keine Lust mehr hat, sich darüber aufzuregen. Schließlich stört es den Baum nicht, wenn sich die Sau dran reibt. Und sich dabei filmen lässt. Und mächtig Scheiße erzählt… Hmm. Aber anderseits haben Pflanzen ja so etwas wie eine rudimentäre Intelligenz…?


Ein Artikel von Klapowski mit Passagen von Sparkiller

Mit Guantanamo-Gegrunze à la „Sie werden zusammenbrechen“ ist die Vorschau schon mal sehr vielversprechend, wenn man was gegen aufrechte Menschen hat. Ich zum Beispiel fühle mich bei deren kraftstrotzenden Anblick immer viel zu unsportlich. Daher ist es gut, dass „Solitary“ endlich in Deutschland startete. Hier sollen die Kandidaten 9 Tage lang in winzigen Kabinen à la „In Amsterdam haben die Mädels wenigstens eine Scheibe zum Rausschauen“ gequält werden, bis alle aufgegeben haben und man viele blanke Nerven in ihrer ganzen Nacktheit erspähen darf.

Der Preis für den allerletzten Entfleuchten: Ein feuchter Händedruck vom eigenen Manager (sofern man schon mal ein YouTube-Video von sich hochgeladen hat und somit ein Promi ist) sowie die Gewissheit, zu den härtesten und betonköpfigsten Selbstbeweisern zu gehören. So eine Art Über-sich-hinauswachsen-Gefühl als vierteljährlich andauernde Lebensabschnittspartnerschaft mit sich selbst.

Sonya Kraus: „Promis, die sich dafür halten (Selbstironie?) werden hier an ihre geistigen Grenzen stossen.“ (Sendung nach 5 Min. zu Ende?)

Die Sol-Kapseln liegen angeblich hinter einem mysteriösen Garagentor. Der Ort? Ein Geheimnis! (In Hollywood, wohlgemerkt!) – Die Kulisse sieht aus wie eine Mischung aus „Star Trek TOS“ und einer 80er-Jahre-Quizshow, aus der man die Luft herausgelassen hat. Zu Trinken gibt es in den Zellen nur Wasser (Folter!). Das ausfahrbare (nicht Folter!) Bett hat übrigens keine Decke (ein bisschen Folter) und der allgemeine Bewegungsspielraum ist nicht größer als mein Mitleid für die freiwilligen Opfer.

„Ich bin ein Star! Lasst uns daaaa reeeein! Hihihi!“ – Prost, Promi: Beim Einzug mit Billigsekt und Grinseszenen sind alle noch gut drauf. Aber auf WAS eigentlich? Das hinten rechts ist übrigens kein explodierter Friseur, sondern der Erfinder der Homosexualität. Seine Schwuchtelness ist soooo groß, dass sie sogar Raum und Zeit überwand.

Womit wir auch schon bei den tollen Kandidaten wären, die selbst für „Sind eigentlich keinen Promis“-Promiwitze nicht (un?)bekannt genug sind:

Der Martin Kesici – zum Geilspiel – ist ein toller Partyhengst, der nackte Weiber liebt (ach?) und 20 Stunden am Tag in Clubs abhängt. Der Rest der Zeit ist vermutlich dem Anstehen beim Hartz-4-Sachbearbeiter geschuldet („Schon wieder den ganzen Vorschuss versoffen und verhurt, Herr Sänger?“).

Kerici über sich selbst: „Alle sagen immer, Martin, Du bist echt der Crazytyp.“
„Ich hab manchmal Angst vor mir selber. Mein Gehirn, das schaltet manchmal aus.“

Ein noch schwulerer Küblböck-Verschnitt ist ebenso dabei („Es wird schon Momente geben, wo ich a bisserl traurig bin.“) wie die Rhythmische Sportgymnasiastin(!), die als blondes Gift vorgestellt wird, aber auch nicht hellhaariger als die Durchschnittskellnerin ist. Aber dann gibt es ja auch noch das Playmate des Jahres, Doreen, das mit dem geschmackvollen Song „Hey, du geile Sau“ eingeführt wird. Das einzige, was hier geil ist, sind die Brüste, denn irgendwo müssen die Dinger ja schließlich rumhängen. Mit dabei hat Doreen sie jedoch leider nicht…

In einem weiteren Einspieler sieht man den deutsch-türkische Profiwrestler namens Murat „Ajajajaja!“ Kaputtnik, was wohl soviel bedeutet wie „Bei meinen Auftritten kann man teilweise bis zu 10 Leute sehen, wenn ich den Kopf des Gegners sanft auf ein das Ringseil koreographiere“. Der Mann ist immerhin 1,20 Meter groß und hat die lässig-coole Ausstrahlung von 7 männlichen Rollenvorbildern, welche allesamt Motorrad fahren und abends 15 Minuten zu lange aufbleiben. Dann wäre da noch „Mister Germany“, bei dem man sich sofort fragt, warum langhaarige Surfertypen aus dem Baggersee von Sachsen-Anhalt zu fürchterlich schön sein sollen.

„Ich bin ein harter Kerl und werde mich nicht beugen lassen !“ – „Sehr wohl, Herr Sänger. Und nun bitte 50 Knie-Beugen!“ – „Jawollja.“ – Wenn schon Bart, dann lieber der von den Simpsons: Kesici kehrt zurück. Und beim Lesen des umfangreichen Vertragswerkes hat er sich auch gleich den Bart zurechtgezwirbelt („Was heißt ‚gedeeeeh-mü-tigt‘?“)…

Kandidat Nummer 6 ist Seifenoper-Arzt mit der Schmierigkeit seiner stets erwähnten Schwulenrolle. Dann wäre da noch die Frau von „Galileo Extrem“, die als „Extrem-Reportin“ eingeführt wird. Boah! Ob sie sich in der Pro7-Doofenshow für 7-jährige Wissenschaftler wohl schon zur abgebrühten Kriegsveteranin hochgesallert hat?

Sonya Kraus ist übrigens nicht wirklich die Moderatorin, sondern liest nur unausgegorenen Praktikantenhumor vor, damit ihre Brüste wippen. Viel wichtiger ist die sanft sprechende, mir irgendwie bekannte (Synchron?)Sprecherin, die eine Computerstimme imitiert und hartnäckig behauptet, „Alice“ zu heißen und aus Prozessoren zu bestehen. Damit diese Dame wirklich technisch klingt, fügte man ein klein wenig Hall(!) in deren Lautsprecherdurchsagen. – Man fragt sich unwillkürlich, wie viel Prozent der Zuschauer wirklich an einen diabolischen Computer glauben. Studien dazu würden mich ernsthaft interessieren…

Eines kann ich jetzt schon mal vorwegnehmen: Richtig aufregen kann ich mich inzwischen nicht mehr über derlei Verblödungsvampirismus des Privatfernsehens. Dass bei Dokugedöns gefaket wird, ist schließlich so üblich wie die zweieinhalb Standard“angriffe“ beim Wrestling (am Arm ziehen, vom Seil hopsen, Gegner den Kopp kneten). Daher hier mal meine ganz eigene Showversion: Wäre es nicht einfacher für ALLE Beteiligten, wenn die „Promis“ nur ein paar Stunden wöchentlich zur Dreharbeit erscheinen müssten, um sich für behämmerte Spiele der Marke „Geld oder Liebe“ abzurackern?

Im Ernst: Vielleicht werden die Leute wirklich gequält, vereinsamt und ent-zeitgefühlt, vielleicht sind sie aber auch Stundengäste auf dem Fakegestüt, auf der die Restintelligenz des Zuschauers zugeritten wird. Denn glaubt wirklich jemand, dass die „Computerstimme“ immer erreichbar ist, zum Beispiel, wenn der grüne oder rote Knopf gedrückt wurde? Ist derartiger Aufwand wirklich ratsam, wo man doch nur ein paar Clowns sehen will, die japsend die vielen Ecken von der Kulisse nagen?

„Prösterchen! Auf dass wir uns alle zusammen gut in unseren Isolationszellen verstehen! Den Putzdienst machen wir aber abwechselnd, jaaaa?“ – Alle Flaschen vollzählig: Benny (links) kam mir gleich so vor, als hätte sich Hape Kerkeling für eine neue Kultfigur entschieden. Und erst auf diesem Bild fällt mir auf, dass seine Oberarme für einen Lipgloss-Lutscher viel zu durchtrainiert sind.

So mag man sich nicht mal mehr moralisch entrüsten, mitleiden, sich lustig machen oder nach der Fertigstellung dieses Textes auch nur eine weitere Sekunde erneut einschalten. Denn wenn man schon Zweifel haben muss, ob Promis wirklich gequält werden, wie weit ist es dann schon mit unserer Medienlandschaft gekommen, Schnief?

Nach einer Stunde Vorschau auf die Kapsel-Kollegen hat man schon keine Lust mehr auf die wahre „Handlung“, denn der Inhalt ist eh klar: „Buhuuu! Eine Stunde Unterwäsche durch die Nebenhöhlen ziehen, damit ich ein Stück Brooot bekomme!“ – Zu diesem Zeitpunkt hat man schon so viele Ausschnitte der jetzt erst anstehenden (Be)Handlung gesehen, dass selbst Sadisten lieber abschalten und danach wieder die Neunschwänzige für ihre Ehefrau hervorholen.

Verrückter Teilnehmer schreit „I break together!!“.
Mehr Durchdreh-Szenen. (Abschlecken von Glasscheiben, „Ich werd irrääää!!“

Aber immerhin werden moralische Fragen à la „Star Trek – The Next Generation“ angeschnitten: „Wie soll Alice dann fühlen, die ist ein Computer!“ fragt eine Kandidatin. Benny, der homosexuelle Schwule mit offensichtlicher Schwäche für Männer will hingegen „rischtisch hart“ sein, aber wenn es zu schwer wird, „muus man den roode Knopf drücke!“ Auch die britische Kultserie „Nummer 6“ wird angeschnitten, denn von nun heißen die Kandidaten EINS bis NEUN. Der Fokus liegt aber schon zu Beginn auf Haarspray-Junkie Benny, dem schwulen Frau… Sich-selbst-Versteher, der als kleiner Junge in den Schminktopf gefallen ist.

„Ich bin ein sensibler Mensch. Wenn mir nach heulen ist, dann heul ich einfach. Ich kann aber auch einen ‚Pansaaa‘ (Panzer?) um mich legen.“
„Liebes Deutschland, ich hab es echt gemacht. Ich hoffe, wir werden Spaß miteinander haben.“
(5 Minuten später)
„Ich bin verzweifelt. Daran muss ich mich erstmal gewöhneeeen…“

„Meine üblichen Haarspraymengen kann ich ja nicht mehr mitnehmen, aber dafür spare ich ja auch das Sauerstoffgerät und die täglichen Entgiftungstabletten.“ – Paradiesvogel kurz vor der Mauser: Bei allen Quälformaten muss komischerweise ein wehleidiger Schwu-Schwu dabei sein. Was machen wir nur, wenn uns jene popofixierten 10% ausgehen, die schon mal im Fernsehen zu sehen waren?! Und da machen sich alle Sorgen über ein Abflachen der jährlichen Ölfördermenge!

Und weil der Benny sich „unzufridde fühlte“, buzzerte er sich nach einer Stunde(!!) schon wieder raus. Und dabei musste er noch gar nichts machen, außer vielleicht zu viel NICHTS. Benny Küblböck wurde anscheinend nicht misstrauisch, als er am Eingang seine Federboas abgeben musste und der versprochene Bücherschrank unauffindbar war. Dabei müsste Benny doch Entbehrungen gewöhnt sein, schien er zuvor doch nicht mal einen Internetanschluss zu Recherchezwecken besessen zu haben, wie auch die anderen Kandidaten des Formats. Die Kulissen und deren Größ… Kleine sind nämlich die selben wie bei der US-Ausgabe. Nur anscheinend total bestaunenswert, wenn man drin steht („Uiii, noch nie gesehen, so etwas! Vor 5 Minuten erst erfunden?“). Hier die Chronik der Ereignisse:

ALICE: „Warum so traurig?“

Benny: „Ich bin so eeeinsam! Mein Kleiderschrank fehlt mir! Und mein Pappi! Und Hund! Ich mache gerade die Erfahrung, dass es mir total scheisse geht. Dabei spresche isch gerne mit Mensche.“

ALICE: „Vor einer (!) Stunde bist Du eingezogen. Warum hast Du Deine Meinung geändert?“

Benny: „Hier ist alles so klein. Ich würde gerne die Kapsel verlassen.“

ALICE: „Du musst nur den roten Knopf drücken.“

Benny: „Ich bin ein Mensch und kein Maschin. Und man hat gesacht, da gibts den Knopf und den kann ich jederzeit drücke…“

ALICE: „Du hast den roten Knopf gedrückt. Sicher?“

Benny: „Wollt misch nur bei alle entschuldige.“

„Hier geeeht’s mir nicht gut. Mein Kopf wackelt. Und meine Hose hat ganz viel fieses Stinkehaufi. Konnte ich ja vorher nicht wissen, dass es hier drin keine anderen Lebewesen gibt. Bis auf das, das ich auf dem Kopf trage, natürlich.“ – Foltervorwurf werden erst laut, dann unangenehm feminin: Warum dieser Mensch (ungefaket?) nach einer Stunde wieder raus wollte, ist ebenso unklar wie die Antwort auf die Frage, warum seine Freunde und Verwandte die Studiotür von außen zugenagelt haben…

Tja. Aber wir sind schon wieder ein Stück zu weit. Denn sooo fühlt sich die Sendung an, wenn man sie sieht, BEVOR man den roten Rauswähl-Button auf der Fernbedienung gedrückt hat:

Rocker: „Okay. Scheisse. 9 Tage. Ich muss echt bescheuert sein. Jetzt muss ich mit mir selber reden. Mach ich doch eh immer.

(Werbung)

Schwuler Soap-Arzt: „Ich werde meine Mädels (Zigaretten!?) am Meisten vermissen!“

Galileo-Tante: „Die anderen könnten schon mehr Angst haben, da ich so was gewohnt bin.“ (Habe lange kein Galileo mehr gesehen. Ob Professor Lesch bei „Abenteuer Forschung“ inzwischen wohl auch zum Bungeejumper mutiert ist?)

ALICE: „Hallo, meine Gäste! Mein Name ist ALICE. Willkommen in meiner Welt. Hier ist jeder von euch verantwortlich für sein Schicksal. Ich bin euer einziger Kontakt zur Außenwelt.“ (Abgelesen, ohne auf die Opfer einzugehen.)

Zwergen-Wrestler: „Alice, ich bin Wrestler. Ich schmeisse Leute durch die Gegend.“

ALICE: „Es gibt zwei Knöpfe. Rot zum Aufgeben, Grün für Anliegen.“ (Aha. DAS ist für die Handy-Generation also die „totale Isolation“: Dauer-Sallern mit Leuten, die sich für einen Computer halten.)

Sänger: „Ich werde Deine zwei Knöpfe mal als Brüste sehen.“

Essen wird ausgegeben. Pillentablet mit ungekochtem Gemüse. Sieht aus wie das gewürfelte Zeug aus der Nahrungsmaschine bei TOS.

Benny: „Isch hab aber keinen Hungäääär…“ – „Isch bin a Mensch und tu misch gerne beschäftige.“

Nach allerlei Sportspielchen, bei denen die Kandidaten nicht nur den sprichwörtlichen Hampelmann machen, sind alle ziemlich kaputt und im Eimer. Außer Benny hat bislang aber niemand den Eimer verlassen. Auch nachdem das große Finale vorbei ist, scheinen alle glücklich über die eigene Leidens-Leistung zu sein. Es galt, „I’ve been looking for freedom“ von David Hasselhoff in der Endlosschleife zu hören, wenn man die immer irrer werdenden Zahlencodes nicht alle paar Minuten auf einer Tastatur eingab. Bis auf einen Mind-Crack werden irgendwann alle (also auch der Zuschauer!) zugedröhnt und warten nur noch darauf, das sich ihr Schlaf durch eine selige Ohnmacht einstellt.

„Ich weiß nicht. Bei Big Brother gab’s wenigstens noch Scheiße, die mit den anderen Kandidaten vorschriftsgemäß weggelabert werden musste.“ – Dieses Isolationsexperiment lässt sich für den Zuschauer noch steigern, wenn er bei Leuten mit durchschnittlichem IQ davon berichtet, sich das hier angeschaut zu haben. Aber irgendwie ist es ja auch spannend, wie sich die Kandidaten hier 9 Tage lang beschäftigen wollen, ohne sich die Geschlechtsteile abzukauen…

Tja, so weit ist es also gekommen: Fast möchte man darüber lächeln, welche Aufregung vor über 10 Jahren noch „Big Brother“ verursachte, als fleisch- und zeitungsartikelgewordene Grundgesetz-Fans uns sagten, dass DAS ja überhaupt nicht ginge. Okay, der völlige Untergang des Abendlandes ist mit der völligen Dokusoapisierung danach tatsächlich eingetreten, aber wie sagte Kollege Sparkiller kürzlich so schön: „Habe mein Antennenkabel schon lange nicht mehr im Fernseher stecken“. Eine Maßnahme, die hilft und Mut macht.

Somit überspringe ich meine üblichen Klagen bezüglich des Verblödungsfaktors in schlecht zugesägten Sperrholz-Gummizellen. Die Quoten waren mit einer Million und ein paar Zerquetschten ja nicht soooo überragend, die „Promis“ werden schon wissen, warum sie sich in der Zielgruppe der 14- bis 14,59-Jährigen zum Affen machen und ich selber habe auch keine Lust mehr, in der 200. Satzvariation „Was sind die alle doooooof!“ in den Internet-Äther zu rufen.

Und jetzt entschuldigt mich. Ich muss ein PC-Spiel weiterzocken und danach meine Filmsammlung sanft streicheln, bevor ich mich mit einer guten Zeitschrift vor der Wii einkuschele, um ein klasse Buch zu lesen.

(Wer sich die erste Folge unbedingt ansehen will: Da gibt es sie.)


Fazit: Weniger dramatisch als gedacht und weniger lustig als gelacht. Bei diesem Konzept wirkt selbst die beim Dschungelcamp eingeführte Eigenironie wie draufgepapptes Pflichtlästern („Hihi, wir haben ja gar keine RICHTIGEN Promis, hihi!“). Die Druchhalteparolen aus dem Drehbuch – entweder einem schriftlichen oder einem mental selbstauferlegten – nerven ebenfalls und wirken mit ihrem üblichen „Ich werde durchhalten, grunz“-Gelaber eher spannungstötend. Ist ja klar, dass beim David-Hasselhoff-Hören und Sinnfreie-Spiele-Spielen demnächst die roten Knöppe reihenweise durchgedrückt werden. Ich hätte da wohl auch „den Benny gemacht.“

Einen leichten Unterhaltungswert kann man gelegentlich nicht wegdiskutieren, wenn man den Proll in sich nicht ganz totgekloppt hat. Aber dafür stundenlang das grenz(?)debile Gelaber von Sonya Kraus, Alice-Graus und den charmeamputierten Z-Promis ertragen? Nein danke, dann mach ich lieber den Sparkiller und stecke das Antennenkabel meines Fernsehers in den Mixer, bevor mich mein Schamgefühl aus meinen eigenen Leben rauswählen lässt…

SPARKS MICKRIGER MEINUNGSKASTEN
Einzelhaft für den Zuschauer
Wie sagte Tacitus doch über eine Tragödie bei den Gladiatorenkämpfen um 27 n. Christus, wo der Zusammenbruch einer Arena angeblich rund 40.000 Todesopfer forderte (Ob die Anzahl der umgefallenen Solitary-Gucker höher war, steht zu diesem Zeitpunkt noch nicht fest):

„Das Unglück war nicht weniger furchtbar als eine verlorene Schlacht in einem grossen Kriege. Alles war das Werk des Augenblicks. Der überfüllte Bau ging aus den Fugen und stürzte teils in sich zusammen, teils rückwärts ins Freie. Dabei wurde eine ungeheure Menschenmenge in die Tiefe gerissen und begraben.“

Knapp 2000 Jahre später kann man dies wohl auch von „Solitary“ behaupten: Eine verlorene Schlacht des grossen Senders Pro7 um die letzten Gehirnzellen des Zuschauers. Ein Werk des Augenblicks, ohne Rücksicht auf Verluste in Sachen persönliches Ehrgefühl. Ein mit neun Dumpfbacken-Kandidaten bereits überfüllter (Spanplatten-)Bau, dessen hirnrissiges Sendekonzept schnell aus allen Fugen geht und einen der Teilnehmer sogar schon nach nur einer (!) Stunde, ganz nach Drehbuch, seelisch und schlecht gespielt in sich zusammenstürzen ließ. Und jegliche Hoffnung des Zuschauers auf einen unterhaltsamen Fernsehabend wurde spätestens jetzt in die Tiefe gerissen und begraben.

Wobei, ich warte bereits jetzt besorgt auf die ersten Quotenmeldungen für das neueste und auf unerträgliche zwei Stunden gestreckte (inkl. Werbung) Reality-Attentat aus der Gummizelle der Pro7-Redakteure. Der deutsche Durchschnittsgeschmack in Sachen TV-Unterhaltung („Kumma, wie widerlich dem seine Wohnung sein tut!“ *leere bierdose auf der stirn zerdrück*) ist schliesslich immer wieder für eine gelungene UNTERraschung gut!

Die Teilnehmerauswahl ist dabei ebenfalls sehr massenkompatibel, so dass mindestens einer dabei ist, mit dem man sich perfekt identifieren kann: Der kleinwüchsige Wrestler („Ich schmeiße Leute durch die Gegend.“), ein fehlgezüchteter Küblböck-Klon („Mein Kleiderschrank fehlt mir!“), „der schwule Arzt aus Verbotene Liebe“ und die sonstige übliche Auswahl an Leuten, die vor ein paar Jahren mal wegen irgendwas ein „Promi“ (nicht zu verwechseln mit „Prominenter“!) waren.

Die eckigen Einzelzellen-Kulissen haben dabei den optischen Charme von Babylon 5, nur in NOCH billiger, wobei man dort sogar auf die originalen Pappwände des US-Vorbildes mit gleichem Namen zurückgegriffen hat. Da fragt man sich nur warum, kamen dem Sender die Tickets für die Flüge nach Hollywood wahrscheinlich um einiges TEURER, als wenn man diesen windschiefen Schrott einfach hier in Deutschland nachgebaut hätte. Moderiert (wohlwollend ausgedrückt) wird das Ganze dabei von Sonya „Haben die eigentlich auch andere Moderatoren?“ Kraus.

Die „Prüfungen“ sind auf der anderen Seite gar nicht übel, wenn man denn zur Zielgruppe des perversen Folteres und Ehefrauenverkloppers gehört. Von Schlafentzug, Nagelbrettern bis hin zur Musik von David Hasselhoff (in der Dauerschleife!!) konnte man jedenfalls so einige Verstöße gegen die Genfer Konvention verzeichnen. Gerade letzteres war sehr schön, wurde der Zuschauer dabei doch ordentlich mitgefoltert.

Aber neben den gefühlten zwei Dutzend, aber willkommenen, Werbeunterbrechungen (welche im Vergleich wenigstens schön aufwändig gemacht waren) konnte man aber auch ein schönes Auto gewinnen, zum günstigen Preis von nur 50 Cent pro SMS. Nach der vorherigen Seelenabzocke muss schließlich auch mal die Brieftasche ran.

Fazit: Spannende Unterhaltung für alle, welche bereits beim Zubinden der Schnürsenkel anfangen zu schwitzen und/oder auch mal gerne die Katze des Nachbarn anzünden. Dann lieber wieder Gladiatoren, bitte! Da besteht wenigstens nicht die Chance, dass die ZUSCHAUER tot umfallen.


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Artikel

von Klapowski am 18.07.10 in TV-Review

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Kommentare (6)

  1. hype sagt:

    Wie kann man Katzen anzünden nur als lustig betrachten?

  2. G.G.Hoffmann sagt:

    Ich weiß nicht, worüber ich mehr erschüttert bin: über die Tatsache, daß es eine solche Sendung gibt oder darüber, daß Ihr zwei Stunden Eures Lebens dafür geopfert habt. Nachdem Sonya Kraus vergangene Woche entbunden hat, dürfte die Produktion nicht mehr ganz frisch und vor 2 bis 7 Jahren entstanden sein. Ein Zeichen für das Vertrauen der Verantwortlichen in die Güte ihres Werkes.

    Mein alter Freund Tacitus war zum Zeitpunkt des ihm von Sparki zugeschriebenen Zitates übriges Minus 30 Jahre alt…

  3. dingens sagt:

    Was mir immer wieder Sorgen macht, ist, dass praktisch jeder in meinem Bekanntenkreis eine zu hier vergleichbare Einstellung zu derartigen Fernsehformaten hat. Bedeutet das, dass ich zu einer Minderheit gehöre, um die es bald geschehen ist? Denn es muss ja wohl genug Leute geben, die sich solches Zeug ansehen…

  4. bergh sagt:

    tach auch !

    Und Dank Euch wieder einen Sendung , uim de BergH einen weiter Bogen machen wird.
    Weit im Sinne Äquatorweit uß der Bogen mindestens sein.

    Gruss BergH

  5. bibi bubu sagt:

    wow, klapo schafft es sogar, noch dem unterirdischsten schwachsinn ein mehrseitiges essay zu widmen. nun weiß ich allerdings nicht, ob ich dafür bewunderung oder mitleid empfinden soll. hmmmm… durchgelesen hab ich mir den laaaaangen text mangels interesse am thema übrigens nicht (zum glück gibt es immer die lustigen bildchen, an denen man sich entlang hangeln kann). dass so eine show debiler deppenquatsch ist, weiß ich auch ohne klapos und sparkis schnarchsinnige analyse. letztlich sind solche formate sowieso schon eine parodie ihrer selbst. das weiß sogar prosieben und versucht deshalb, diesen abfall so schnell wie möglich im gähnenden sommerloch verschwinden zu lassen. ob sie damit mehr erfolg haben als BP? das weiß nur paul das okrakel.

    @bergH
    gibt es eigentlich auch kommentare, in denen du was anderes sagst außer „das schau ich mir nicht an, denn ich bin viel schlauer als der rest der welt?“.

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