Das ernsthafte Medienmagazin

Kardinal Meisner und das Evaprinzip – oder: Rechtsrum ist auch Kreisverkehr.

Ich bin hin- und hergerissen. Nicht zwischen rechts und links und der Mitte (eine Unterteilung, von der ich sowieso nichts halte, ich spreche lieber von „Mehr oder weniger gewalttätigen Arschlöchern mit sozialkritischen Defiziten“ und „Normalen Parteien“), sondern zwischen wissendem Abwinken, Mitleid und Verärgerung über andere Leute Anti-Intelligenz.

Kardinal Meisner – das ist der unter den Katholiken, bei dem der Inhalt der Mütze noch lustiger ist als der Deckel selber – hat es also wieder mal getan. Er hat die Worte „Entartete Kultur“ verwendet und sich damit des Kastensatanismus betätigt. Denn diese beiden Wörter sind natürlich ein kultureller Springteufel. Kaum ein Polit-Futzi oder Medienaugust kann da widerstehen und den Katholiken eine kleine Kostprobe der eigenen Institution namens „Hexenjagd“ angedeihen lassen.

Man hat es schon so oft erlebt, dass man die Empörung bereits an allen Finger zählen kann, die eine vor einen gähnenden Mund gehaltene Hand normalerweise aufzubieten hat:

Zentralrat: Check.
Bekannte Politiker: Check.
Unbekannte Politiker: Checkcheck.
Kommentarfeld Tageszeitungen: Check.
Öffentlichkeit: Schnarch.

Dabei halte ich die Empörung – wie häufiger mal – für mediengemacht. Auch wenn BILD vielleicht mal NICHT schreibt „Riesen-Wirbel-Schock um Nazi-Eintritt von Doof-Kardinal“ ist die öffentliche Erregung doch weitaus kleiner als vorgegeben. In meiner Umgebung ist jedenfalls keiner dabei, der die Nürnberger Prozesse in Bielefeld wiederbeleben wollte. Die Masse der Menschen ist nämlich intelligenter und abgebrühter, als die be(s)checkten Institutionen weiter oben annehmen: „Na ja. Wieder einer. Weiß doch jedes Kind, das man das in Deutschland nicht sagt.“

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„Was das heißt? Nun: Noch 5 Mal so ein blöder Spruch, dann ist mein Stern im Sinken begriffen. Dann ist der sogar leichter als Zyklon B! Hahaha!” – Sprüche(aus)klopfer: Wenn’s plötzlich staubt und nach Mottenkiste riecht, hat Opa Meise wohl wieder “versehentlich” aus der Bibelübersetzung eines gewissen Adolf Hitler (“Mein Kampf”) zitiert. Ist aber auch verlockend, es auf diese Weise zu versuchen. Die Medien nehmen heutzutage nämlich auch nicht mehr jeden dahergelaufenen Sektenguru…

Natürlich soll es nicht Schule machen, dass wahllos mit nationalsozialistischen Worten um sich geworfen wird. Man stelle sich nur mal vor, Meisner trete demnächst für die „Euthanasie von Glaubenszweifeln“ ein, oder fordert leichtfertig „Beten bis zur Vergasung“. Auch ich will eine christliche Institution nicht mit rechtsradikaler Intoleranz, Verallgemeinerung und Volksverdummung verbunden wissen. Schließlich haben die meisten Glaubensrichtungen genug eigene Intoleranz, Verallgemeinerung und Volksverdummung, derer sie sich bevorzugt bedienen sollten…

Kardinal Meisner ist eben einer jener ewig Gestrigen, die beim Abendbrottrinken in der Eckkneipe „Zum Purpurhut“ blöde Scheiße erzählen. Witze mit KZ’s, Juden und ähnlichen Themen haben in einer gewissen Subkultur leider Hochkonjunktur. Auch, wenn es mir selbst unter humoristischen Gesichtspunkten zu unprofessionell wäre, über Juden zu wettern. Wieso auch? Alle Menschen jüdischen Glaubens, die ich kenne, sind hochintelligente, gebildete, tolerante und nette Menschen. Das scheint in meinen Augen sogar ein Hauptmerkmal dieses sympathischen Volkes zu sein… – Ich würde sogar fast sagen, dass ich in dieser Hinsicht eine Art „positiver Rassist“ bin. Laut sagen würde ich das allerdings nicht, denn in Deutschland könnte ich mir glatt vorstellen, dass das Wörtchen „positiver“ unter den Teppich gekehrt wird.

Man will ja am nächsten Morgen nicht über sich lesen: „Weltbekannter Satiriker sagt von sich selbst: ‚Ich würde (…) sagen, dass ich (…) Rassist bin.’ – Staatsanwalt nimmt Ermittlungen auf. Schäuble führt Klapowski vor dem Bundestag als Hauptgrund der geplanten Onlineuntersuchungen ins Felde.“

Als satirisches Unternehmen hat die katholische Kirche natürlich weiterhin das Recht, die Grenzen des Erlaubten auszutesten! Das Printmagazin „Titanic“ würde man für solch einen mageren Satz ja auch nicht verklagen. Jedenfalls nicht mehr also sonst. – Damit will ich den Kardinal allerdings nicht in Schutz nehmen.

Ernsthaft gesprochen: Nicht nur, dass er den Doof im Kopp hat, wie auch meine verstorbenen Großeltern („War ja nicht alles schlecht… Und wer fährt schon nicht gerne auf der Autobahn?“), sondern sich als Kirchenangehöriger wieder mal anschickt, meine zunehmend mieser werdende Religionseinstellung zu zementieren und überzubetonieren.

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„Herr Meisner, als ihre PR-Beraterin muss ich ihnen sagen, dass ihr Wiedergutmachungsversuch beim Zentralrat der Juden leider misslungen ist.“ – „Wieso? Nur, weil ich gesagt habe: `Jesus war auch ein Jude. Aber ich lasse es ihm ausnahmsweise noch mal durchgehen…`? Die vom Zentralrat wissen aber auch nicht, was sie wollen, was ich will…“

Was ich nur glaube, ist, dass eine Erregung auf humoristischem Niveau viel wirkungsvoller ist, als sich tagelang ernsthaft über derlei „entartete“ Sätze zu empören. Statt den Kardinal öffentlich hinrichten zu wollen, wäre ein stirnrunzelndes Abwinken angebrachter. Ein amüsiertes „Wieder so ein Altbackener, der es mit kalkulierter Springauf-Rhetorik versucht. Nicht mit uns, alter Knacker…“ wäre mir hier lieber als ein „Naziiiii! Polizei! Kopf aaab! Einliefern! Todmachen! Danach Zwangsarbeit!“

Wenn der Herr Kardinal sein Meisner Porzellan zerschlagen will, soll er untergehen, wie er es verdient: Verlacht, bedauert (falls eine gewisse greisenhafte Unterschätzung des verwendeten Vokabulars die Triebfeder gewesen sein sollte) und auf professionellster Ebene ignoriert, ohne dass das Thema tot geschwiegen wird. Nicht leicht, aber machbar.

Probieren wir diesen Vorsatz doch einfach mal an Eva Herman aus, die mit ihren jüngsten Ausfälle (Motto: Die Familienpolitik der Nazis war gar nicht so schlecht) wieder für einen mörderischen Strudel im Wasserglas gesorgt hat.

Nur so viel: Herman neues Buch. Schocksatz. Medienrummel. Herman viel Aufmerksamkeit, aber trotzdem dumme Nuss. Folge: Entlassen. Kein Job. Weiter doofe Bücher über „Frauen an den Herd“ schreiben. Oder selber an der Kochnische stehen. Alles klar.

Geschichte aus.


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von Klapowski am 16.09.07 in All-Gemeines

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Kommentare (4)

  1. Otto Normalzuleser sagt:

    Ganz meine Meinung. Dem braunen Gesocks sollte man besser auf humoristisch-belächelnde Weise begegnen als ihnen durch die Medien auch noch Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. (Wobei ich mit „braunes Gesocks“ nicht den Kardinal meine, sondern die Neonazis aus der NPD)
    Zum Beispiel so: http://youtube.com/watch?v=uOfBsrTydaE

  2. Kaum zu glauben das den Artikel gleich 2 Menschen lesen! sagt:

    Jaja, das „braune Gesocks“. Hab eine NPD-Leut in meinem Freundeskreis und könnte nichts schlechtes über die Leut sagen. Könnten auch CSU-Mitglieder sein ;-). Sind halt keine Glatzenmenschen mit Springerstiefel und Baseballschläger sondern ganz normale Leut.

    Ansonsten stimme ich meinem Vorredner zu, das ganze nicht zu sehr zu beachten.
    Kardinal Meißner schlägt nachts bestimmt keine Ausländer zusammen und die Hermans hat halt ihre persönliche Meinung gesagt. Wir haben echt andere Probleme in Dt.

  3. Otto Normalzuleser sagt:

    Ich sage ja nicht, dass alle NPD-Mitglieder „braunes Gesocks“ wären, das wäre ja eine sinnlose Verallgemeinerung.
    Aber dass es sehr viele Neonazis in der NPD gibt, auf die diese Bezeichnung zutreffen könnte, kann man nunmal nicht leugnen.

  4. Kaum zu glauben das den Artikel gleich 2 Menschen lesen! sagt:

    Ja, da hast du recht. Ideoten gibts es überall, genauso wie schlaue Köpfe. Nur die Ideoten fallen besser auf.

    Am besten hilft gegen die NPD eine bessere Politik seitens der großen Parteien.
    Ein Verbot ist Unsinn und die ganzen Programme gegen Rechts kauft auch keiner mehr ab.
    Die NPD lebt ja hauptsächlich von Protestwählern. Fallen die weg ist die Partei gleichbedeutend mit den PBC (Partei Bibeltreuer Christen – meine heimliche Lieblingspartei ;-) ).
    Problem gelöst – nächstes Problem bitte – ;-)

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