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Doctor Who – 11.05 – „The Tsuranga Conundrum“ – Kritik

Okay, jetzt schaffe ich die restlichen Episoden dieser Staffel auch noch. – War ich bisher der Meinung, dass es schon eine ziemliche Quälerei ist, oberflächliche Infantisten-SF zu reviewen, so muss ich doch zugeben, dass man so wenigstens in der Übung bleibt. Schließlich kann man die neue Doctorin fast schon als Michael Burnham des Who-Franchise ansehen. Und da Discovery auch bald weiter geht, will die Brech-Muskulatur ausreichend geschmiert bleiben. Daher präsentiere ich heute: Ein Alien, dessen Fressverhalten erstaunlich an das von Alex Kurtzman in Sachen STAR TREK erinnert…

Inhalt: Auf einem Schrottplaneten aktiviert Frau Doctor ein Device am Boden, das alle ohnmächtig werden lässt. Alle erwachen auf einem übergroßen Krankenhausschiff, das ohne Crew(?) durch das All düst und nur zwei Ärzte an Bord hat. (Im Ernst, die ersten Erklärszenen muss ich mir gleich noch mal anhören)

Besprechung:

Der Schlüssel zu einer perfekt passenden Rezension ist es, so schnell wie möglich zu verstehen, worauf die Episode hinausläuft. Ist es eine Rumrenn-Folge, in der sich nach und nach die vergangenen Geschehnisse (äh… um die Schwachpunkte des Monsters) enthüllen? Oder ist es eeetwas klassischer und wir sehen mal eine experimentelle Geschichte ganz OHNE Monster oder Roboter? Quasi diesen neumodischen Kram aus den 60ern? Oder wird es gar eine dieser einfallsreichen Storys, in der der Doctor eine historische Persönlichkeit trifft und ihr beim Kartoffelschälen hilft, damit Napoleon am Ende besiegt werden kann?

Nun, nach ein paar Minuten konnte ich auf meinem Notizbuch genau festhalten, um was es sich hier handelt: “Es ist eine Geschichte von ein paar Figuren, die auf einem Raumschiff festsitzen, das von einem komischen Alien gefressen wird. Und weil das Alien an sich nicht interessant genug ist, geht es um schwangere Männer (= Haha! Emanzen-TV! Endlich sehen die Kerle mal, wie das ist!), um eine gute Ärztin ohne Selbstbewusstsein (= „Buhuu, ich kann nichts, weil ich eine schwache Frau bin, die am Ende publikumswirksam über sich hinauswachsen muss!“), um eine Kriegsheldin (= Kann man immer mal brauchen), einen dämlichen Androiden mit Reinschlag-Gesicht (= für das Reinschlag-Publikum), noch so einen besorgt-blassen Dude (= Gut für einen frühen Tod?) und halt die üblichen drei Schwafel-Komparsen am Doctreusen-Rockzipfel.“

Ihr lest es schon heraus… Wieder war ich nicht begeistert von der Konzeption. Ich brauche einfach keine (Pseudo-)Geschichten, die sich mit dem Erklären von Nebencharakteren beschäftigen, die als Kind zu oft mit dem Kopf in die Fritteuse gefallen sind. Ich gehe ja auch nicht in den nächstbesten Kindergarten und frage laut: „Torben? Ich würde gerne deine Hintergrundgeschichte hören! Wie bist du eigentlich zu dem plappernden, stürmischen Fünfjährigen geworden, den ich hier sehe?“

„Da! Es hat getreten! Und den Fernseher aus der Wand gerissen! Es schaut unsere Serie da drin!“ – Kindgerächtes TV: Wie tragisch, dass dieser Kerl über die baldige Abgabe seines Babys nachdenkt – und jeden darüber informiert. Doch ich wäre über diesen potenziellen Penis-bei-Geburt-Sprenger wohl auch erbost… Vielleicht begreifen die neuen Doc-Who-Zuschauerinnen auch endlich, wie viel Arbeit ein Baby macht. Ja, eines hat in einem unbeobachteten Augenblick sogar diese Folge geschrieben!

Ja, das Alien sah sehr „schön“ aus – was wohl auch der Grund ist, dass wir es so selten sehen und uns stattdessen mit den Befindlichkeiten der Knopfdruck-Crew auseinander setzen müssen. Die nenne ich übrigens „Knopfdruck-Crew“, weil sie der Who-Gefolgschaft bei jedem Trigger sofort ihre intimsten Geheimnisse verraten: „Ich bin besorgt wegen Dem-und-Dem und erwarte verzweifelt deinen unqualifizierten Spontan-Kommentar dazu.“ Eigentlich soll man Dialoge ja nicht so schreiben, als hätten alle Figuren Jahrzehntelang nur darauf gewartet, sich gegenüber ein paar dahergelaufenen Hauptrollen-Hoschis zu erleichtern. Denn auch, wenn es genug Gegenbeispiele gibt, so dürften Promis keinen Bock darauf zu haben, nur noch FÜR ihre rätselhaften Besucher da zu sein. Gerade in Krisenzeiten.

Apropos Krise: So langsam müssen wir doch mal auf die Performance von Jodie Whittaker zu sprechen kommen. Nach 5 Episoden interessiert mich ihre Darstellung des Doctors immer noch weniger als der Babybauch eines dahergelaufenen Douchebags. Wie sie ständig die LSD-induzierten Botschaften von immerwährender Hoffnung, Freundschaft, Hilfsbereitschaft und ihrer eigenen Genialität aus ihren Grimassen rotzt, das ist mir definitiv ein paar Bluthochdrucke zu heftig. Kann die Tante nicht mal für ein paar Minuten still stehen und in ihre Seele blicken lassen? Anstatt manisch im Kreis zu rennen, sich masturbierend (aufgrund der durchaus gelungenen David-Tennant-Imitation) in den Schritt zu greifen und solch bedeutungsschangere Sätze zu sagen, wie: „Stell dir deine Lösung vor… Und lasse sie dann Realität werden!“ – Ist das hier eigentlich noch SF oder bereits ein Beratungshandbuch für antriebsschwache Hausfrauen?

Wobei ich zugeben muss, dass es in der zweiten Hälfte der Episode schon unterhaltsam wird. Es ist, als würde man einem Werbeblock mit brandneuer, gut gemachter Reklame zuschauen. Okay, die Produkte sind lediglich „Männliche Geburtswehen“, „Bombe loswerden“ und „Schlauer als alle anderen sein“, aber das flotte Tempo, die treibende Mucke und die hellen Schiffs-Flure holen aus der Episode immerhin noch das raus, was Michael Burnham seit einem Jahr nicht abgeliefert hat.

„Was soll das Wesen schon tun? Mir die Hand abbeißen? Ich bin der Doctor! Ich habe das Hand-Neu-Kloning erfunden!“ – Dieses Wesen frisst alles. Und wenn ich sage ALLES, dann meine ich natürlich auch ALLES. – Bis auf den Screwdriver von Frau Doctor. Der wird aufgrund seiner systemimmanenten, alles überstrahlenden Heiligkeit sofort wieder ausgespuckt. – Da sage mal einer, dass die neue Staffel keine durchgängige Agenda hat.

Dass das Pting-Wesen jedoch die gesamte Crew rettet, indem es die Bombe frisst(!) und bei der folgenden Explosion nur zufrieden rülpst, das fand ich dann schon etwas weit hergeholt (Äh, gibt es dazu eigentlich noch eine ANDERE Sichtweise?). Nichts gegen einen lustigen Twist, aber wenn man andere Genres herbeizitieren muss, um ein ernstes Problem zu lösen, dann wird meine (leider viel zu unweibliche) Sonic-Nudel gaaanz schnell gaaanz schlaff. Schließlich reicht es ja schon, dass die Doctreuse Superkräfte hat (wir erinnern uns, dass sie in der ersten Folge aus dem Weltraum auf die Erde gekracht ist – und überlebt hat), da müssen ihre Gegner ja nicht auch noch unzerstörbar werden, sobald es der Geschichte nützt. – Oder seht ihr das anders? Wenn ja, schreibt es in die Kommis. Und lasst ruhig auf Facebook ein Li… Hate da.

Dumm auch, dass man am Ende noch krampfhaft emotionale Szenen reinpopelte: Das Baby wird natürlich doch nicht zur Space-Adoption (oder wie das dort heißt) freigegeben, heißt dafür aber „Avocado“. Haha, ein Brüllergag für alle Zuschauer, deren Zwerchfell gerade so die Steven-Moffat-Ära überlebt hat. Und warum man erst NACH dem Tod eines Hauptcharakters anfing, dessen treuen Androiden zu charakterisieren (okay, der wurde schlecht behandelt und muss sich nun ausschalten), ist mir als Timing-Liebhaber jetzt auch eher schleierhaft.


Fazit: So sehr ich die CGI und das Schiffsdesign mochte, so leer und nichtssagend erscheinen am Ende des Tages all die Figuren. Statt sich hier auf 1-2 starke Sequenzen zu beschränken, machte man den Baby-Mann zum schwafelnden Volltrottel, die Pilotin zum Opferlamm mit Ansage und den Rest zum kommentierend-joggenden Beiwerk.

Zudem bleibt die Doctorin immer noch erschreckend blass. Da hilft es auch nicht, dass jede ihrer Erklär-Szenen mit süß triefender Hoffnungsmusik bespielt wird. Sonst würde anscheinend keiner kapieren, dass da gerade echtes Physiker-Gold („Positronen! Kommen aus der Maschine raus! Ich lieeebe sie!“) aus ihrem Erklärbär-Mäulchen kullert?

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TIEFSINN
ALLES IN ALLEM

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von Klapowski am 05.11.18 in Serienkritik

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Kommentare (1)

  1. Serienfan sagt:

    „Wir schaffen das!“, ruft Klapo mir zu.

    Meine Güte, wird das hart!

    Ich versuche inzwischen, aus Chibnalls Fehlern Erkenntnisse zu gewinnen. So nach dem Motto: In Sitcoms dürfen die Charaktere nicht lachen, weil dann der Zuschauer damit aufhört, und in SF-Serien dürfen die Charaktere nicht minutenlang das kunstvolle Design eines Motors bestaunen, weil dann für den Zuschauer kein Staunen mehr übrig bleibt. So also hätte ich zumindest den Antimaterie-Motor in der Folge gelobt, aber das haben die Figuren ja schon für mich erledigt.

    Und wenn wir schon auf Youtube-Videos verlinken: Ich musste dauernd an die „Simpsons“-Folge denken, als Homer eine Diät macht, und „Hallo Geschmack, wo bist du?“ ruft.

    https://youtu.be/W9PvUD4cvew

    So möchte ich bei dieser Folge „Hallo Spannung, wo bist du?“ rufen.

    Chibnall scheint zu glauben, dass sich Spannung automatisch einstellt, sobald da irgendwo ein Monster rumgeistert, das zuvor irgendein (männliches) Opfer ins Jenseits befördert hat. Diesen Irrweg hat er ja schon im Staffelauftakt beschritten.

    Das erinnert an erste Schreibversuche von Kindern, die Fan-Storys fabulieren, in denen sie Inhaltselemente kopieren und aneinander reihen.

    „Doctor Who“-Folgen starten meist mit einem Geheimnis, einem rätselhaften Ort. Mit dem Auflösen des Geheimnisses erkennt man meist die Gefahr und Bedrohung, die sich zuspitzt und bekämpft werden muss.

    Manchmal liegt der Schwerpunkt der Folgen auf dem Geheimnis, manchmal liegt er auf der Gefahr.

    Bei Chibnall verpufft beides.

    Das geheimnisvolle Schiff samt seiner kompletten, merkwürdigen Besatzung wird dem Zuschauer umgehend in einem geradezu hektischen Monolog erklärt. Es ist typisch für Chibnall, dass er gar nicht in der Lage ist, ein Rätsel schrittweise aufzulösen. Wahrscheinlich schreibt er für den Story-Entwurf ein Exposé, in dem er ausführt, was es mit dem Schiff auf sich hat, und dann kopiert er diese Ausführungen per Copy&Paste in Monologe hinein.

    Gleichermaßen verfährt er mit den Charakteren, die in witzlosen Selbstauskunfts-Monologen ihre Kindheitstraumas ausführen dürfen.

    Das „Monster“ entwickelt sich nie zu einer konkreten Gefahr. Der schwangere Mann ist nur dabei, weil Schwangere, das hat Chibnall offenbar mitbekommen, häufig in Katastrophenfilmen auftauchen. Diese Schwangerschaft ist jedoch nie einer konkreten Bedrohung ausgesetzt, die zum Beispiel ein schnelles Beseitigen der Monster-Gefahr erfordert.

    Diese Folge hätte zahlreiche Möglichkeiten geboten, nach simplem Schema F so etwas wie Spannung aufzubauen. Doch nicht einmal zu solchen ganz simplen Methoden des Spannungsaufbaus scheint Chibnall in der Lage.

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