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Star Trek-Technik im Gestern und Heute – Teil 1

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Star Trek war immer schon Tech-Porn für Nerds mit gewissem Anspruch. Klar, es mag auch andere Zuschauer gegeben haben, die eher die persönlichen und emotionalen Geschichten mochten (= „Wird Sisko diesmal alle tot schießen?! Bleibt dran!“), aber der Kern war stets eine (Fake-)Wissenschaftlichkeit, die sich auf ihre Konzepte und Ideen viel eingebildet hat. In dieser neuen Artikelreihe beleuchten wir, ob das noch heute so ist (Fazit-Spoiler: NEIN!) und welche Unterschiede es zwischen den Trek-Generationen gibt.


Wer behauptet, dass früher alles immer hochwissenschaftlich ablief, LÜGT natürlich. Und zwar wie getrekkt.

Ausgedachte Gaga-Strahlungen („Bartholonische Strahlung! Ganz schlecht für die Zähne!“) und eher schwurbelige Erklärungen (= was waren „angezeigte Lebenszeichen“ genau? Kisten mit angefressenen Schokoriegeln?) gaben sich hier stets die Klinke in die Hand. Und nicht selten haben wir uns die fetten Bäuche gehalten und uns über Warpblasen, Kraftfelder und Subraum-Hinterhöfe amüsiert.

Aber: Viele der SF-Elemente ließen stets genug Freiraum für eine spätere Entdeckung – in unserer realen Welt.

Nicht, dass diese Erfindungen konkret zu erwarten waren. Aber man hatte das GEFÜHL, dass ab TNG die Macher wussten, was sie taten. Und was sie WOLLTEN. Bis 2009 halt.
(Und ja, da rechne ich sogar die die fünf obligatorischen VOY- und ENT-Episoden dazu)

Zum Beispiel könnte der Subraum (als eine Art “Zweitwohnsitz“ unserer Realität) jederzeit in einem Forschungslabor für künstliche Rinderhälften gefunden werden, Und mit Quantenphysik kann man ja sowieso ALLES irgendwie erklären/manipulieren. Vom Zeitkristalle über Teleportation bis hin Parallelwelten gab/gibt es für jeden Geschmack eine halb- oder vollwissenschaftliche Grundlage.

Wichtig fand ich aber stets, dass die „Science-Idee“ immer vor der dramaturgischen kommt.

Also nicht etwa „Es soll was explodieren, also erfinden wir Graue Materie“, sondern „Es gibt da so ein Konzept von Grauer Materie in der neuen P.M. – lasst uns mal die Doktorarbeit lesen und schauen, was uns dazu einfällt.“

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Wie man es NICHT macht: In Staffel 4 von „Discovery“ trifft man auf die versteinerte Species „Ten-C“: Ein echter Wissenschaftler hätte nun zumindest das Aussehen des Wesens im Boden analysiert, deren Rest-DNA extrahiert oder die Schiffsscanner mal unfassbare 10 Meter in den Untergrund leuchten lassen. Stattdessen scheucht die Staffelstory alle schnell weiter. Mit stets reingeschriebener „Zeitnot“ kann man natürlich immer auf Wissenschaft verzichten?

Und klar kann man sich überlegen, dass Michael Burnham überall im Universum GLEICHZEITIG rote Lichter aufblitzen sieht – aber wenn man das dann NICHT erklärt, wird’s für Science-Freunde schon duster im Oberstübchen. Was viele arme Menschen aber nicht davon abhält, in Onlineforen zu behaupten, dass man bei SF nicht(!) auf Logik(!) zu achten habe.

Was an sich schon ein Armutszeugnis ist, wenn man bestimmten Genres den heils- und segensbringenden Aspekt von logischen Storyelementen absprechen will. Wenn’s nicht gerade Trash-Perlen sind, profitiert doch jede Geschichte von Ursache/Wirkung? Und in dieser Hinsicht ging damals einfach mehr als heute, unter Kurtzman.

Zugegeben, die TNG-Episode, in der eine Warp-Höchstgeschwindigkeit eingeführt wurde, erscheint im Nachhinein eher ärgerlich. Da es die Storys eher lähmte – und die Sexyness eines Tempo-30-Schildes in einer Verfolgungsjagd verströmte.

Dennoch gibt es Dinge, die bei DISCO viel negativer aufgefallen sind. Und sich sogar perfekt für einen Vergleich eignen: So wurde der Sporenantrieb damals in einem tränenreichen Dialog (1. oder 2. Staffel) mit Stamets sogar VERBOTEN, weil er die Pilzwesen und/oder Dimensionsgrenzen vernichtete. Was dann später nie wieder eine Rolle spielte!

Während man bei TNG/DS9/VOY also „nur“ zu schnell gerast ist und täglich das Schlag- und Ozonloch vergrößerte, hat man bei DISCO einfach alle direkt kaputt gekurvt. Und beim 90er-Trek hatte man immerhin den Anstand, später was von wegen „Neueste Antriebe sind nicht mehr gefährlich“ zu murmeln (= Wissenschaftliche Weiterentwicklung), während ich bis heute nicht kapiert habe, was damals DISCO dramaturgisch von uns wollte.

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Raumreisen sind seit Kurtzman eine schwierige Sache… Der Sporenantrieb verheißt einen „Instant-Travel“, der nie vernünftig begrenzt wurde. Dass in Staffel 4 plötzlich die „Galaktische Barriere“ wieder zum trennenden Problem wurde, wirkte dann inkonsequent und dahingeschludert. Dass man hierfür ausgerechnet das unwissenschaftlichste Konzept von TOS wieder ausgrub, das ich am liebsten vergessen hätte, lässt tief blicken. Und zwar über der Kloschüssel.

Ebenso hätte ich mir mal dank Pilz-Autobahn nal einen Sprung zu einem 50.000 Lichtjahre entfernten Phänomen (in unserer Galaxie) gewünscht, das von Astronomen bisher nur geifernd betrachtet werden könnte. Denn wer aktuelle Entdeckungen der Astronomie verfolgt, weiß: Genau so ticken Wissenschaftler! Und bestimmt auch Entdecker, die mantraartig davon faseln, die Science toootal zu lieben und von hinten nehmen zu wollen.

Klar, bei TOS lieferte man uns noch viel Blödsinn aus dem Ramschladen der Fantasy-Literatur. Aber spätestens ab TNG sattelte man clever auf populäre (aber trotzdem… äh… unbekannte?) Konzepte der 70er, 80er und 90er auf.

Die z.B. irgendwas zwischen 4 und 99 Zusatzdimensionen vorhersagten. Je nach Ziehung der aktuellen Mottozahlen.

Wobei diese Spielereien mit Zeit Raum MIR immer am meisten Spaß gemacht haben, da man mit gestrecktem, verzwirbeltem, verkleinertem, vergrößerten, zerhacktem und geimpften Raum viel(!) anstellen kann. – In der realen (theoretischen) Physik wie auch im Kontext einer TV-Serie.

Wichtig war mir hier aber stets, dass man nie ZU VIEL will. Am besten wäre es sogar, wenn man für jedes Konzept (Länge, Breite, Höhe, Zeit, Determinismus, etc…) eine eigene Episode bekäme, statt uns – wie in modernen Serien üblich – gleich mit einem explodierenden Multiversum anzukommen, in dem angeblich ALLES möglich sein soll.

Was die neuen Autoren nicht davon abhält, uns in diesen grandiosen Möglichkeiten-Dschungel mit irgendwas „Deftigem“ abzuspeisen, was einem die Haut von der Rübe schält. Heute würde man z.B. das GENESIS-Device aus der „Der Zorn des Khan“ wohl direkt über bewohntem Gebiet abwerfen. Wie bei Vulcans 2009er-Begegnung mit der „Roten Materie“.

Und wegen dieser „Science muss vor allem LAUT krachen“-Regel sind die Zeitreise- und Zeitphänomen-Episoden seit DISCO so enorm mies geworden…
Man nutzte sie nur noch, um Retro-Elemente einzufügen (z.B. Pikes Visionen unter dem Einfluss von Zeitkristallen; Kirk in der einfach erneut verfilmten Romulaner-Folge bei „Strange New Worlds“), nicht aber, um mit den Mitteln der SF das zarte(?) Geflecht von Chaostheorie, Determinismus oder persönlicher Verantwortung zu entwirren.

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Die TNG-Folge „Die Zukunft schweigt“ wird sträflich unterschätzt! Selten hat man so ernst das Thema eines (verwirrten) Doppelgängers aus der nahen Zukunft behandelt. Allein der ruppige, fast hasserfüllte Umgang von Picard mit sich SELBST ist sehenswert – heute hätte sich das Ebenbild wohl beim Schiffstherpeuten ausgeweint, weil es geliebt werden möchte? Das Oberthema ist aber eigentlich die tickende Uhr, die auf das eigene, unausweichliche Verderben zusteuert. Typisch Zeitlinie halt! (*auf Sparkillers tief gefurchtes Gesicht zeig*)

Wobei „persönliche Verantwortung“ eh fest mit Wissenschaft und Forschung zusammenhängt. Sogar dann, wenn man sie ignoiriert – und die Physik dann trotzdem die Ergebnisse auf dem Silbertablett (voller Scheiße?) serviert.

In einer Welt wie der unseren (von Star Trek ganz zu schweigen) hat jede Neuentdeckung das Potenzial, Negatives zu erschaffen. Seien es KIs, ungewöhnliche Energiegewinnungsmethoden („Sollen wir wirklich Solarpanele in den Orbit schicken?“) oder die Frage, aus WAS unsere Akkus bestehen sollten – und welches Land wir dafür unterirdisch leerkratzen müssten…

Doch bei Star Trek herrscht leider nun das Motto: „Das neue Vehikel mag gefährlich sein, ABER:

– wir haben Zeitdruck und können keine Rücksicht darauf nehmen
– wird schon gut gehen. Geronimooo!
– wenn EIN hochgejubelter Charakter dran arbeitet, kann ja gar nichts passieren.“

Das KANN man natürlich machen, um junge Zuschauer zu gewinnen. Dann muss man aber nicht breitbeinig dastehen und was von wegen „Wir haben ganze Generationen inspiriert, Wissenschaftler zu werden“ lallen.

Denn mit dieser Einstellung dürfte man nicht mal bei einem Forschungsreaktor für Flohsamen-Verwirbelung arbeiten. Von einem Raumschiff, das schon in der Standardeinstellung den Raum krümmt, ganz zu schweigen.


Teil 2 folgt in einigen Tagen…

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Artikel

von Klapowski am 27.05.23 in Star Trek

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Kommentare (7)

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  1. jcneal sagt:

    1.
    Die Episode „Die Zukunft schweigt“ war damals sehr beeindruckend-mysteriös.
    Ich war ja der Meinung, die beiden Picards hätten die Plätze getauscht (und bin es immer noch? bzw. mein Zukunfts-Ich…). Wie der Zukunfts-Picard langsam immer „normaler“ wurde bis zur Szene im Turbolift, das arbeitete doch genau auf diesen Plottwist hin – das wurde später aber leider nicht mehr aufgegriffen.

    Ja, in TNG gab es noch die Begeisterung für die Wissenschaft. Analytische Methoden, produktive Diskussionen, planvolles und nachvollziehbares Vorgehen der Crew. Und Phänomene, die auf (damals) aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhten, mindestens in Grundzügen.
    Die Folge mit „Dr. Bob Kelso“ (Macht der Naniten) ist ein Beispiel dafür.

    Schön war die Zeit – sie wird nicht wiederkommen.

  2. Tabularius sagt:

    Ich weiss ja was euch stört aber ich glaube der Artikel trifft es nicht bzw. ich denke nicht das, das Problem wirklich die wissenschaftliche Logik ist.

    Der Unterschied scheint mir viel grundlegender. Bei den alten Serien hat man sich für alles mehr Zeit genommen. Auch wenn die Idee hanebüchen war, hat man sie ein Paar Minuten beleuchtet. Verschiedene Charaktere haben etwas dazu gesagt. Auch wenn es wissenschaftlicher Blödsinn war wurde erklärt warum das (story) device in der Geschichte ist und was die Idee bzw das Dilemma dahinter ist.

    Es ging auch nicht immer darum das maximale Spektakel raus zu holen, man hat sich getraut auch mal Probleme oder Konsequenzen zu präsentieren die nicht nur daraus bestehen das etwas explodieren könnte. Sondern auch nur psychologisch oder philosophisch ein Problem dar stellen. (siehe I borg oder the inner light)

    Die alten Serien waren einfach besser, dadurch wirken auch die wissenschaftlichen Erklärungen besser. Aber die ist nicht besser, weil die Wissenschaft besser war.

    Wenn man sich Zeit nimmt ein Problem richtig einzuführen, zu beschreiben und dem Zuschauer näher zu bringen was man von ihm will, profitiert jeder Aspekt eines Films/ einer Serie.

  3. Bolleraner sagt:

    Ist doch völlig egal, ob es an der Wissenschaft oder Wesley Crusher lag. Wegen solcher Nischenartikel, die vermutlich im Vergleich zu aktuellen Serienrezensionen nur wenig Aufmerksamkeit und Klicks generieren, lohnt sich der regelmäßige Besuch dieser Seite, von der ich seit langem treuer Fan bin.

    In diesem Sinne: weiter so, lieber G.G. Hoffmann!

  4. Tabularius sagt:

    Ich hoffe meine vernichtende Kritik ist nicht für die Verspätung der des Fortsetzungsartikels verantwortlich.

    Weiss nicht ob ich mit dieser Schuld leben könnte!

  5. verwirrter Gast sagt:

    Also im Gegensatz zu Tabularius kann ich dem Artikel hier absolut nur sehr wohlwollend zustimmen. Bei den heutigen Autoren habe ich eigentlich permanent den Eindruck, dass diese sich eigentlich überhaupt nicht für Wissenschaft und Technik interessieren, obwohl genau dies eigentlich immer eine wesentliche Kern-Essenz von Star Trek war. Ich hab eher das Gefühl, die jetzigen Autoren interessieren sich mehr für bunte Zauberpilze (also die essbaren, nicht die zum Warp-Reisen), Esoterik und hübsche bunte Mandalas, statt für Physik und logisches Denken. Star Trek von Autoren, die eigentlich viel lieber Star Wars auf LSD schreiben würden. (Genau das war ja eigentlich auch schon bei den Abrams-Filmen sehr spürbar, also das mit dem Star Wars, nur ohne das LSD.)
    Natürlich ist das nicht allein das große Problem an Nu-Trek. Da gibt’s noch ’nen ganzen Berg anderer Probleme. Aber für mich isses doch ganz klar eines der gröbsten Ärgernisse.

  6. G.G.Hoffmann sagt:

    Früher: Naturphänomen, wissenschaftliche Analyse, es werden sachlich verschiedene Lösungsmöglichkeiten diskutiert, deren Umsetzung viel Zeit und ernsthafte Arbeit in Anspruch nimmt.

    Heute: Hektik, Hektik, Hektik, Schnitt, Schnitt, Schnitt, esoterisches Blaba, drei Crewmitglieder in ihren 20ern sagen gleichzeitig die Lösung, lachen wie Schulmädchen, umarmen sich, drücken einen Knopf und haben das Universum gerettet. Anschließend pathetisches Schulterklopfen und wechselseitige Versicherung, was für eine Ehre es sei miteinander zu dienen, denn „WIR SIND DIE STERNENFLOTTE!“. Alle Geschlechter bekommen eine Erektion.

  7. BigBadBorg sagt:

    Sehr schöner Artikel, bin ich voll dabei! Wobei ich hinzufügen möchte dass das Akzeptieren von depperter Wissenschaft mit den erklärenden Charakteren steht und fällt. Wenn LaForge mir erklären könnte warum er Pilze im Warpkern züchtet wäre ich eher bereit das zu akzeptiern als wenn es die Luschen aus Discovery versuchen.

    Wahrscheinlich liegt es an der Kompetenz der Charaktere. Das waren halt alle Profis die wussten was sie tun.

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