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Zeugen Jehovas gegen Pixar: Ein Indoktrinationsvideo im Review

Zeugen-Jehova-Themen haben seit einiger Zeit einen festen Platz im reichhaltigen Portfolio, das Euch Zukunftia seit Jahren Woche für Woche bietet (es sei denn, ich bin krank oder habe wochenlang keinen Bock). Heute hat Kollege Sparkiller ein ganz besonderes Schmankerl aufgetrieben: „Werde Jehovas Freund“, ein 15-minütiger (Lehr-)Animationsfilm, in dem Kinder lernen sollen, keine mehr zu sein. Denn Jehova liebt zwar alle Kids abgött(!)isch, doch weint er sich die metaphysischen Augen aus, wenn Plastikspielzeug übersinnliche Fähigkeiten aufweist.

Der Trickfilmreigen für die Nachwuchs-Schlechtgewissler beginnt mit einem Ansprache eines seriös wirkenden Herren, der sich zu Beginn an einigen Zeichnungen an der Wand erfreut und dann besorgt darüber redet, wie schwer es heute ist, den kleinen Scheißern die Freiheit auszutreiben, sich ihre eigenen Illusionen und Gottheiten auszusuchen. Natürlich wird es aber viel liiiiebevoller formuliert, wobei jedoch gesagt werden sollte, dass das Wort „Liebe“ so inflationär gebraucht wird, dass ich entweder von einer jüngeren Umdeutung des Wortes ausgehen muss (= bedeutet jetzt vielleicht „Tagchen?“) oder schlicht von klassischer Schleimerei.

Weiter geht es dann mit Sätzen wie: „Den Kindern Jehova ins Herz zu pflanzen“ und „Trickfilme fesseln die Aufmerksamkeit und können hervorragend zum Lehren eingesetzt werden“ – Ja, hier sind Indoktrination und Gehirnwäsche so selbstverständlich wie die stillende Mutterbrust, nur mit dem Unterschied, dass man diese nicht jahrelang mit sinnentstellenden Floskeln bewerben muss („Milch trinken ist gut, denn nur so kommen die kleinen Magnesium-Engel in dein Herz und machen die Knochen stark und gottgefällig!“). Fast ist es schon erfrischend – der einführende Sprecher jetzt, nicht seine Brüste – , wie offen man den Gehirnwäschevorwurf den Kritikern liebevoll in den Mund legt: „Diese Trickfilmreihe ist nur der Anfang dessen, was wir für euch planen“. Fast sieht man schon die Gourmet-Ratte aus „Ratatouille“ (= Engels-Chinesisch für „Lasset die letzte Gewürzgurke für Jehova!“) vor dem Essen die Hände zum Gebet falten.

„Dieses Buch war ein Geschenk des Himmels!“ – Mag sein, aber der Fehler ist bei diesem Geschenk, dass man es nicht gegen Bares oder einen erotischen Reiseführer umtauschen kann. Sam Seriösus ist jedenfalls dauerhaft sehr besorgt wegen so ziemlich allem zwischen Himmel und Erde – und zurück. Zum Glück habe ICH mit Hilfe der Bibel aber einen Weg gefunden: Das Buch möglichst sparsam aufschlagen…

Die Trickfilme selbst sind ungefähr auf dem Niveau von den ersten Werken von Pixar, wenn man die Praktikanten abzieht, die damals die liebevollen Details in die Umgebung geklebt haben. Hauptprotagonist ist ein kleiner Junge, der gerne draußen spielt (Ach?), sich nicht die Füße abwischt (Uii!), dafür aber die Bibelandacht schätzt (Puuh…) und auch den bösen Spielzeug-Zauberer in die Tonne wirft, damit „Jehova nicht traurig ist“. Denn Zauberei ist so böse, dass sich selbst Jesus heute nicht mehr trauen dürfte, Wasser in Wein zu transformieren, ohne vorher 30 „Ava Mar… Mama“ gesagt zu haben.

Wenn im Geiste des Kindes die halbe Wohnsiedlung untergeht, weil Papa auf 3 Murmeln ausgerutscht ist (vom verspäteten Beginn der Bibelandacht ganz zu schweigen), denkt man jedoch weniger an Jehova, als daran, dass die Zeugen einen Putz- und Sicherheitsbedürfnis haben müssen, das bereits an die Himmelpforte der Zwangsstörung klopft. „Schön“ auch der freundliche Ton, mit dem Vater und Mutter alle Verfehlungen einprägsam erklären: „Gefääällt Jehovaaaaa das, hmm?“ – Gut, dass es Vokale gibt, ooooder? Da zeigt sich eben wieder, wie Recht die Bibel hat mit Jesadubedaja 7, Vers Fuck, Reihe L: „Und so nehmet die Vokale und tragt sie in euer Herz, auf dass alle erkennen mögen, dass der schlammigen Sohle Untergrund nicht getragen werden solle in den gebohnerten Tempel des Herrn.“

„Dieser Bengel! Na ja… Ich habe ihn ja trotzdem unendlich lieb. BIS dieser Film hier vorbei ist. Dann klatscht es nämlich, und damit meine ich keinen Applaus!“ – Auf die Dauer hilft nur Haue(r): Gerade vor dem Hintergrund seelischen und körperlichen Missbrauchs in der Wachturmgesellschaft bekommt man manchmal eine Gänsehaut, als hätte Satan 3 Eimer mit kaltem Putzwasser über einem ausgeschüttet.

Aber im Ernst: Wenn man sich beim Ansehen dieses viertelstündigen Meisterwerkes mehrmals fragt, ob das nicht DOCH Satire sein könnte, die von einem humorüberschüssigen Multimillionär in Auftrag gegeben wurde, zeigt das sehr gut die krude Weltsicht von alternativen Glaubensgemeinschaften. Und damit sind eigentlich sogar alle gemeint, die die Evolution für einen teuflischen Scherz bibelfressender Blocksberg-Biologen halten. Alleine die Annahme oder stille Hoffnung, dass Kinder es spannend finden könnten, die ewig gleiche Dramaturgie zu betrachten (Verfehlung – jehovainduzierte Motze – Sühne), zeugt von einem Weltbild, in dem ich nicht mal leben möchte, wenn deren Glauben nachweisbar WAHR wäre.

Unwillkürlich laufen einem Schauer über den Rücken (auch dem verlängerten, der sich sogleich ergießen möchte), wenn man sich vorstellt, dass arme Wesen in Familien aufwachsen, in denen saubere Flurböden und eine dauerhaft aufgeklappte Bibel zwischen Augapfel und Lesebrille der einzige Indikator für Glück sein sollen. Wo liebevoll-gruselige Menschen jeden hauswirtschaftlichen Konflikt mit Adam, Eva und dem Rest der halbimaginären Bagage zu klären anstreben. Wo Gott ALLES ist, eigenes Nachfragen (und Kreativität?) aber eher dem Satan in die universell einsetzbaren „Das ist böööse“-Schuhe gelegt wird.

Hier werden Menschen zerstört oder zumindest intellektuell verstümmelt, was natürlich auch bei anderen Idiologien vorkommt (Vegetarier – bäh!), bei den Zeugen aber nach wie vor einen besonders gruseligen Nachgeschmack hinterlässt. Wer die Antwort auf alle Fragen zwischen Putzmittel, Hausaufgaben und Analverkehr in einem jahrtausende Jahre alten Buch sucht, ist zu vielem fähig. Siehe Link weiter oben. Und DAS gibt diesem Video eine Faszination wie dem sprichwörtlichen Autounfall.


Fazit: Pixar muss in absehbarer Zeit doch noch nicht schließen, denn diese leicht leblos gerenderten Ordnungsfanatiker haben nur dann einen Unterhaltungswert, wenn man sich auch dauerhaft für peinliche Anpreisungen auf QVC („Beste gesegnete Glücksbringerbrosche der Welt!“) oder Astro-TV („Alle Deine Sorgen weggehext, nächster Anrufer!“) begeistern kann. Ansonsten aber schaudert es einem vor einer Religionsgemeinschaft, in der man selber fast schon an Luzifer glauben möchte, um einen Grund dafür zu finden, warum Eltern die Weitergabe von dauerhaft schlechtem Gewissen für ihr Lebensziel halten. Und das ist – ganz unsatirisch und unverblümt ausgedrückt – einfach nur schlimme Scheiße.

ACTION
HUMOR
TIEFSINN
ALLES IN ALLEM

„Oh, Jehova ist traaaaurig wegen mir? Na gut, dann mache ich die Abdeckung vom Schlangenterrarium in Zukunft einfach RICHTIG zu“ – Don’t mess with the wizard: Wer kennt sie nicht aus der Bibel, die Geschichte von der verführerischen Schlange und dem Plastikzauberer? Dieser Junge hat aber bereits seine Strafe bekommen: Er muss die drei Holzstücke auf seinem Teller ratzeputz auffuttern und muss dabei ein gottgefälliges Liedchen trällern.

„Schau mal, was hier in der Bibel geschrieben steht, mein Junge…“ – „Geht es um die Murmeln, die ich nicht weggeräumt habe?“ – „Du hast es voll erfasst!“ – Ein Buch, sie alle zu knechten: Innerhalb von zwei Sätzen kann Jim Jedermann stets auf den Pfad der Rechtschaffenheit zurück geführt werden. Ich freue mich jetzt schon auf die Folgen, die sich mit Sexualerziehung auseinandersetzen („Du darfst Dich in der Hose nicht anfassen. Das erledigt Papa für Dich!“).

Zum Schluss wird man noch mittels Standbilder zum Singen aufgefordert. GESUNKEN ist man aber schon lange vorher. Dieses Bild zeigt eine glückliche Familie, in der man endlich eine praktische Lösung in Bezug auf die schmutzigen Füße des Jungen (siehe oben) gefunden hat. Und so schließt sich der Kreis, der – zum Glück – wohl nie ein Pentagramm sein wird.


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von Klapowski am 19.07.12 in Film-Review

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Kommentare (15)

  1. Gepard sagt:

    Gibt’s auch einen Link zu dem Video oder zumindest den vollständigen Namen?

    Was Vegetarismus mit Ideologie zu tun hat, leuchtet mir übrigens nicht ein. Sind die Veganer gemeint? Ansonsten wäre ja Omnivorismus ebenso eine Ideologie.

    Edith war erfolgreich: Become Jehovah’s Friend heißt das weltverändernde Stück

  2. martin sagt:

    Omnivoren, jaha, das ist ja auch so eine unreine Brut! :D

  3. Gepard sagt:

    Okay, bin kein regelmäßiger Leser. Der Stil war mir nicht vertraut. Dennoch ist Vegetarismus schlicht eine Ernährung auf pflanzlicher Basis und sagt nichts über die Beweggründe aus, derer es viele gibt, von Geschmack bis Ethik. Aber egal, darum geht’s hier ja auch nicht.

    Ich habe mir den Film reingezogen. Anfangs (ohne das Real-Vorgeplänkel) konnte ich diesen Review noch nicht so recht nachvollziehen. Aber der Würgfaktor stieg beständig.

    Da faselt sich Jesus die Heiligenschein fusselig, dass Liebe keine Bedingungen kennt und vor allem Gott diese Liebe auszeichnet und dann kommen so Möchtegern-Heilsbringer daher und predigen genau das Gegenteil: Liebe=Gehorsam. „Kind, du bist falsch wie du bist und du kannst das nur richtigstellen, indem du nur das tust, was wir dir befehlen“. Später werden sich die Therapeuten freuen, wenn sie den Leuten wieder ihr eigenes Selbst näher bringen wollen. Man kann diesen Kindern nur wünschen, dass sie sich in jemanden verlieben, der sich nicht auf diesen Gehorsams-Deal in der Liebe einlässt und somit schön vor Augen führt, dass dieses Konzept vielleicht nicht das idealste und stabilste ist.

    Und dann frage ich mich, was die Zeugen gegen kindliche Fantasie haben. Ist sie zu unberechenbar? Zeichnet die Zeugen gar eine Angst vor dem Unberechenbaren aus? Aber wenn Zaubern böse ist, was ist dann mit dem Vater der beim Ausrutschen ganze Möbel durch’s Haus schleudert? Klar, ist ein übertriebenes Stilmittel. Aber darf sich eine Zeuge sowas ausdenken, geschweige denn visualisieren?

    Ich hoffe aber inständig, dass diese emotionsarme Robo-Mami nur aus der schlechten Produktion herrührt und nicht generell die Folge vom Zeugen-Bekenntnis ist und alle Z-Mamis auszeichnet. Dann sollte das Zeugen-Schutzprogramm schleunigst beendet werden. ;-)

  4. + sagt:

    Respekt.
    Hervorragender Artikel.

    Als ich am 29 Mai 2012 auf Youtube meine Interpretation von der Geschichte von Caleb veröffentlichte ließ es die Wachtturmgesellschaft umgehend sperren

    http://www.youtube.com/watch?v=EudvzYwulV0

    Was für ein Glück das es das freiheitliebende Russland gibt.
    Dort hat die amerikanische Wachtturm Gesellschaft offensichtlich keine Lobby.
    Denn in dem russischen Gegenstück zu Youtube ist meine Antwort zu dem Wachtturmvideo noch zu sehen:

    http://rutube.ru/video/0b7ae62b8b68ede14f39feadd8d46628/

  5. Zerberus sagt:

    @Klapo: So oft, wie Du „Jehova“ gesagt hast, schreit das förmlich nach einer Steinigung…

  6. tim64 sagt:

    Weis nicht was ihr wollt, ist doch niedlich.

    Im übrigen rutscht der Vater nicht auf Murmeln sondern auf dem Laster aus.

    Lasst sie einfach tum was ihr Glaube ihnen vorgibt.

    Mit dem beschneiden ist das doch auch so.

    Da fasst die Regierung sogar eine Resolution für.

  7. mario69 sagt:

    Zitat: „Ich freue mich jetzt schon auf die Folgen, die sich mit Sexualerziehung auseinandersetzen“

    Das könnte in etwa so aussehen, wie in einem Lehrbuch der Zeugen Jehovas für Kinder. Dort heißt es auszugsweise: „Die Dämonen haben ihren Spaß, wenn die Menschen etwas tun, was Jehova verbietet. Zum Beispiel gefällt es den Dämonen, wenn Jungs und Mädchen gegenseitig mit ihrem Penis oder ihrer Scheide spielen. Wir möchten den Dämonen aber keinen Geffallen tun, stimmts?“
    (Quelle: http://download.jw.org/files/media_books/lr_X.pdf S.60)

    • icebär sagt:

      Wow, in dem PDF steht tatsächlich 83 Mal (!) „GROSS“ drin, was jedem, der dem Englischen mächtig ist, als ziemlich „krasse“ Rechtschreibschwächenindoktrination erscheinen muss.

      „Groß“ NICHT mit Doppel-S zu schreiben, ist wohl auch ein Verbrechen gegen Jehova.

      Da Frage ich mich doch glatt, ob Deutschunterricht genauso wie eine Bluttransfusion böses Teufelszeug ist?!?

  8. Halbnerd sagt:

    Oje, es ist bestimmt nur noch eine Frage von Minuten, bis Nupi hier wieder reinschneit…

    Trotzdem ein guter Artikel.

  9. Karas sagt:

    @ icebär
    ne, falsch… gibt kein großgeschriebenes ß. bei wörtern, die komplett aus großbuchstaben bestehen wird ß desshalb durch ss ersetzt :P
    also, wer keine ahnung hat… ^^

    • icebär sagt:

      Diese extremst glaubwürdige Unterhaltung zum Thema Typo- und Orthographie können wir ja ein anderes Mal weiter führen, wenn du deine Selbstpersiflage zu diesem Thema beendet hast.

      Mein Punkt war übrigens der, dass man nicht unbedingt Recht hat, wenn man vermeintliche Informationen und Handlungsanweisungen in SCHREISCHRIFT verfasst und letztere auch noch inflationär auf fast jeder Seite eines Gehirnwäschepamphlets benutzt wird.

  10. gff sagt:

    @ Karaß
    Doch richtig! Ein groß geßchriebeneß „ß“ gibt eß späteßtenß seit 2008:ẞ
    Allerdingß noch nicht ganß verbindlich.
    So sagt zB. Tante Wiki:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Gro%C3%9Fes_%C3%9F

    Ich muss sagen, daß ich dieß begrüße! Kleineß Beißpiel:
    1933-1945 schrieb man AUSSENPOLITIK mit SS
    Jetzt heißt eß AUẞENPOLITIK (PääPääääh PääPääääh PääPääääh).
    Sieht faßt griechißch auß^^

    • Karas sagt:

      eben… nicht amtlich verbindlich… und hässlich siehts auch aus wie ich finde :P

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