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Klimaschock im dritten Stock: Wir sammeln Kohlendioxid für einen guten Zweck!

Der Treibhauseffekt ist nicht nur ein großes Thema in verglasten Tomatenzuchtstationen, sondern auch in den Medien. Landauf, landab werden akute Gegenmaßnahmen verlangt, um die Eisschollen vor Helgoland und die komischen Pinguine in Nobelrestaurants doch noch vor dem Verdunstungstod zu retten. Da das Ganze inzwischen zu dem Lieblingsthema deutscher Medien geworden zu sein scheint, könnte man inzwischen sogar von einer Boulevardisierung der Klimarettung sprechen. So ist es wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis „Klimawandel“ schlicht in „Der perverse Klima-Umwandel“ oder gar „Transenwetter“ umbenannt wird.

Die Lösungsvorschläge sind ebenso reichhaltig wie armselig. Was auch gut ist, denn Arm und Reich sollen ja bekanntlich zusammen an einer Lösung des Problems arbeiten. So werben beispielsweise Kaminhersteller und andere Verfechter von Holz vor der Hütte seit einiger Zeit damit, dass die Verbrennung von totem Gebaum gänzlich CO2-neutral sei. Schließlich werde ja nur das an CO2 freigesetzt, was sich der gemeine Baum in seinem ereignislosen Pseudoleben so um die Hüften gelegt hat. – Eine tolle Idee, wie ich finde! Nach dieser Logik sollte es ja kein Problem sein, die Regenwälder (deren vorherrschender und namensgebender Wetterzustand ihnen sowieso keine Sympathien einbringt) CO2-neutral und umweltverträglich wegzubrennen. Oder, um das Ganze noch CO2-neutraler zu gestalten, gleich ALLE Wälder. Dann haben wir selbst in Städten stets frische „Waldluft“ („Hust, Keuch!“) und die 2 Quadratmeter rund um einen LKW-Auspuff erscheint im Vergleich fast wie ein Luftkurort. – Und alles das praktisch in Abwandlung einer alten Gewitterregel: „Eichen sollen weichen, Buchen nicht mehr suchen.“

Aber was bedeutet das eigentlich, dass Bäume CO2-neutral verbrannt werden können?

Man nennt es so, weil es nur paar läppische Jahrzehnte braucht, bis die nachwachsenden Bäume das beim Verfeuern freigesetzte Kohlendioxid wieder aus der Luft gefischt haben. Wer also heute eine Birke in das heimische Waldkrematorium schiebt, schenkt mindestens 15 Hagebuttensträuchern das Leben. Wer eine Shelltankstelle anzündet, allerdings ebenfalls. – Hier scheint also ein kleines Löchlein in der Argumentation zu bestehen…

Denn wenn man das Ganze weiterdenkt, kann man auch Autoreifen, Tierkadaver und ganze Ölbohrlöcher in Brand stecken, ohne der globalen Kohlendioxidbilanz einen gestrengen Finanzbuchhalter auf den Hals schicken zu müssen. Schließlich war ja auch eine Ölpfütze gaaanz früher mal ein Baum oder Strauch, der nun zurück in den Kohlendioxidkreislauf gelangen möchte. Vor diesem Hintergrund könnte man natürlich auch auf die Idee kommen, nicht mehr benötigte Flora zuzubaggern, um schon in 500.000 Jahren Einwirkzeit ein neues Ölfeld unser Enkel eigen nennen zu dürfen. Wer braucht schon die Eifel, weite Teile des Sauerlands oder den Teutoburger Wald? Diese Gebiete sind sowieso nur Brutstätten für pupsendes und atmendes Getier, welches das Kohlendioxid nicht brav für Jahrzehnte in Äste und Wurzeln verpackt, sondern bald wieder in die Atmosphäre emittiert. Gut: Immerhin ebenfalls CO2-neutral, aber wir wollen ja nun doch nicht eine gewisse Härte vermissen lassen, wenn es darum geht, Holland nicht zu dem größten Korallenriff Mitteleuropas werden zu lassen.

Apropos Härte: Da es inzwischen technisch durchaus möglich ist, aus normaler Kohle(nstoff) mit etwas Druck reinste Diamanten herzustellen, läge hier vielleicht ein Lösungsvorschlag verborgen: Einfach den Bayrischen Wald per Schrottpresse in einen Klunkerberg der Größenordnung „Mittelgebirge“ umwandeln. Dann ab damit unter die Erde, direkt neben ein Atommüllendlager. Oder einige Vertreter der Presse halten einfach mal die Luft an, denn das wirkt ebenfalls.

Doch stattdessen wirbt die Wissenschaftszeitschrift „Zeitwissen“ in ihrer neuesten Ausgabe auf dem Titel, dass das gesamte Heft CO2-neutral hergestellt wurde. Was ich mir interessant vorstelle, wenn ich mir Mitarbeiter in stockdunklen Redaktionsräumen vor Augen führe („Licht bleibt aus! Wir hängen an `nem Kohlekraftwerk“). Auch die Vorstellung, dass einzelne Blätter per Hand durchs Druckwerk gezogen wurden und die ausliefernden LKW nur bergab fahren durften, entbehrt nicht einer gewissen Unlogik. Aber lustig ist’s.

(Das Verfassen dieses Artikels führte beim Autoren aufgrund erhöhter Herzfrequenz zu dem Ausstoß eines zu 26% höheren Kohlendioxidanteils in der Atemluft. Wir bitten unsere Leser um recht viel Verständnis)


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Artikel

von Klapowski am 19.02.07 in All-Gemeines

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