Das ernsthafte Medienmagazin

von der Leyen von der Rolle – oder: Was man von Obamas offenen Wahlkampf lernte…

Alle Jahre wieder gilt der schöne Spruch: „Wahlkampfzeit ist Kahlzampfweit“. – Wie, das gibt keinen Sinn? Macht nix, denn so funktioniert ja auch die große Politik: Volksvertreter, die gerade nichts zu sagen haben (und davon sogar richtig viel) gehen öffentlichkeitsunwirksam in Fabriken, Säuglingsstationen und Swingerclubs, um sich für 17 Schnappschüsse und 2 kritische Fragen („Wie gefällt es ihnen hier, Herr Müntefering?“ – „Super, diese Verpackungsmaschine! Ihr hier jetzt alle SPD wählen?“) für 5 Minuten in einer volksnahen Hinterhof-Pampa aufzuhalten.

Das nachfolgende Video hat Sparkiller und mich besonders nachhaltig beeindruckt, da es alle wichtigen Themen(?) noch mal zusammenfasst.


Originalvideo auf SPIEGEL.de

Wir fassen zusammen: Die erfolgreiche Gebärmaschinenherstellerin Ursula von der Leyen will sich in einer Kindertagesstätte anscheinend an einen Ikea-Tisch setzen, um lokalen Medienvertretern zu erzählen, dass Kinder kleine Menschen sind und in gewisser Weise irgendwie wichtig sein könnten (nähere Forschungen dazu folgen noch).

Nachdem die erwünschten Knips-Knappen eingetrudelt sind, will man aber das SPIEGEL-Team nicht dabei haben (zu unseriös neben dem „Ostfriesland-Kurier?“). Eine CDU-Abgeordnete versucht mit dem Charmelächeln eines Botox-unterspritzten Haifisches, das Team vor der Tür zu halten („Neeei-heeein! Dankeschöööön!“ – *Wumms*), woraufhin sich das Kamerateam von außen an die Fensterscheibe klebt.

wahlkampf1

„Verdammt! Welcher Praktikant hat diese verdammte Presseeinladung nur auf unsere Homepage gestellt?! Dabei wollten wir unsere Journalisten doch über einen geheimen Speichelleck-Wettbewerb auswählen!“ – Kennt ihr auch diese Lehrvideos (z.B. von Samy Molcho), mit denen man das Erkennen und Deuten von Körpersprache trainieren kann? – Ich bin mir ziemich sicher, dass die ALLE von Gitta Connemann (CDU) gesponsert wurden!

Plötzlich darf man dann doch rein, jedoch nicht unter der Androhung eines „ernsthaften“ Gesprächs nach der Veranstaltung. – Die vermutlich an sich schon nur die Ernsthaftigkeit eines parodierten Handpuppentheateraufführung besitzt… Nun hat aber von der Leyen keine Lust mehr und redet wirres Zeug, um den anwesenden Kulissen-Kindern zu zeigen, dass man deutsche Sätze auch wie bunte Bauklötze mischen darf:

„Ich bin jetzt hier in einer – ich wäre ihnen sehr dankbar.“

„Würden sie einen Moment hier bitte diesen geschlossenen Kreis verlassen, jaaaaa?“

Hin- und (niveautechnisch) heruntergerissen zwischen aufgesetzter Pseudofreundlichkeit und peinlicher Politpenetranz scheucht die Familienministerin die SPIEGEL-Leute dann also erneut vor die Tür. Alleine DAFÜR hat sich das Reinlassen eigentlich schon gelohnt, oder? Ich hätte allerdings noch mehr Sätze wie die obigen erwartet, die unterschwellig bekunden, wie unsicher und beschämt man ob des eigenen Scheißverhaltens eigentlich SELBER ist.

z.B.:

„Ich würde doch sehr darum bitten, sich bitten zu lassen, diese geschlossene Abteilung – jaaa-haaaa?! – so zu verlassen, wie ich sie vorzufinden wünsche. Dankeschön! Bittesehr! Käffchen? Rausjetzt! War schöööö-höööön!“

Fazit: Im Wahlkampf bekommt die Wahrheit manchmal Flügel und umflattert uns hier kolibriartig in diesem kleinen, verkannten Video-Meisterwerk. Motto: „Ich habe nichts zu sagen, will dabei aber hübsch gefilmt werden.“

Oder, wie Kollege Sparkiller es so passend ausdrückte:

„Waaah! Spark wütend! Kannst Du nicht doch bitte einen (kleinen) Artikel oder eine Kurznews dazu schreiben?“

Kurze Antwort darauf: Ja!

Und jetzt RAUS aus meinem Artikel! (*Rumms*)


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von Klapowski am 22.08.09 in Neuigkeiten

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Kommentare (7)

  1. Singer sagt:

    Frau Von der Leyen mag einfach keine unerwarteten Besuche.. und unangenehme Fragen noch weniger..

    Als Familienministerin haette sie schon seit 5 Jahren ihren eigentlichen Job machen muessen und z.B. das RIO-Fakultativ-protokoll zur Kinderrechtskonvention ratifizieren müssen…

    Und Frau Von der Leyen blockiert nun seit Jahren auch erfolgreich die Aufklärung der Situation der Heimkinder in Deutschland zw. 1949 und 1975.
    Unter den URLs
    http://www.veh-ev.org
    oder
    http://www.veh-ev.info

    gibt es mehr zu diesem traurigen Thema, das zuletzt in Irland einen grossen Skandal angerichtet hatte.

  2. Jack sagt:

    Ein echter U-Bootwahlkampf, gerade von Unionsseite: ja nichts verkehrtes sagen, also am besten gar nichts! Antworten hat man ja eh keine.

  3. E. Ellert sagt:

    Die Schnecke in grün sieht ganz geil aus. Lidstrich 1A, egal was sie Böses gemacht hat. :>

  4. Mysterio sagt:

    Oh man! Wie dumm ist der Beitrag bitte?? Checkt ihr überhaupt noch was?? Das ist zum Schutz der Kinder!!! Da sind 3-5 jährige die gar nicht wissen was los ist. Und dann will da noch ein Kamerateam rein und rumstreßen. Es gibt genug Veranstaltungen, bei denen diese Herren kommen dürfen. Überlegt doch mal ein bisschen weiter als von 12 bis Mittag anstatt hier sone scheiße zu schreiben.

    Mfg der Mysterio

  5. 655321 sagt:

    ja genau
    frei nach dem motto
    „denkt doch bitte einmal an die kinder“

    -.-

  6. Flutschfinger sagt:

    Dass sich von der Leyen jetzt schon im Internet unter dem Benutzernamen „Mysterio“ herumtreibt, erschreckt mich zutiefst. Wo doch „von der Rolle“ so viel besser gepasst hätte!

  7. Klapowski sagt:

    Ich weiß, dass Frau Connemann im Nachhinein verbreitet hat, dass dies zum „Schutz der Kinder“ gewesen sei und man befürchtet habe, dass der SPIEGEL sich über das Event (vermutlich völlig zu Recht!) lustig gemacht hätte. Womöglich hatte man das SPIEGEL-Team aber auch kurzfristig mit dem von BILD verwechselt und dachte daher an mögliche Titelzeilen wie: „Alien-Besucherin frisst Lego-Schaufelbagger“.

    Alles tolle Begründungen, nur leider unwahr, da zu spät eingefallen.

    Der Schutz der Kinder kann nicht vorrangig gewesen sein (was befürchtete man? Öffentliche Bloßstellungen wegen voller Windeln?), wenn die Eltern ihre Blagen sowieso für ein popeliges Polit-Event abgestellt haben, bei dem es eh nur ums Ablichten und Scheiße dichten ging.

    „Und dann will da noch ein Kamerateam rein und rumstreßen.“

    Die haben ja nur nett (aber auch mit der gebotenen Hartnäckigkeit) nachgefragt. Dass sie dann plötzlich reindurften, gleich aber wieder rausgeschmissen wurden, dafür konnte der Mann an der Kamera ja nix.

    Was sollen die Kinder denn DAVON lernen?

    Dass man alle seine Freunde über das Internet zum Geburtstag einladen kann, am Eingang dann aber einen Aufstand veranstalten sollte, weil eines der Kids ein Fotohandy dabei hat?

    Aber immerhin schön, dass es in der nächsten Generation anscheinend wieder Menschen gibt, die jeder dahergesallerten Politikerbegründung Glauben schenken. Mysteriös bleibt’s trotzdem, aber deswegen heißt Du ja auch „Mysterio“, gelle?

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