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„Cloverfield“ – Wackeldackel Strikes Back!

J.J. Abrams’ „Cloverfield“ ist dank viralem Marketing schon jetzt der heiße Fiebertraum einer jeden Produzentenkasse. Nun bekam auch ich endlich das Fieberthermometer rektal zu spüren und durfte einen bewegungsunscharfen Blick auf den Monsterfilm des Kult(?)filmemachers werfen. Dieser Streifen – es wird sich bereits herumgebrochen haben – kommt dabei im feinsten Handkamera-Look daher. Wobei der Begriff „feinster Handkamera-Look“ ungefähr so viel Sinn macht wie „flauschiges Sandpapier“ oder „verheirateter Trekkie“…

Was bei „Blair Witch Waldschreck“ noch innovativ war, erfährt bei „Cloverfield“ nun den Feinschliff von Angeber-Hollywood. Die Heimvideo-Idee an sich ist dabei tatsächlich noch immer klasse und funktioniert stellenweise sehr gut: Statt die Zuschauer durch simulierte Kameraschwenks vom Computer zu beeindrucken (einmal durch die Ohren der Anwesenden und wieder zurück) oder dem Monster in der 5. Filmminute visuell im Mitesser herumzustochern, sieht man die meiste Zeit über… gar nichts. Und davon sogar recht viel. Es ist halt dunkel und der Strom ist ausgefallen, Punkt. Dagegen kann man auch als überzeugter Logikfanatist (wobei DAS meist die Leute sind, die außerhalb des Kinos erst gegen eine Tür rennen, bevor sie die Klinke runterdrücken) nicht wirklich Einspruch erheben. Schließlich wurde von dieser Seite seit Jahrzehnten gefordert, doch bitte Höhlen nicht mehr diffus auszuleuchten, wenn der Hauptdarsteller nicht zufällig einen Filmbeleuchter dabei hat.

Dieser abgeschaute Realismus bei „C(l)overfield“ ist – man muss es erst einmal auf der Positivseite verbuchen – streckenweise erfrischend wie ein Mentholbonbon im Darmausgang. Man fühlt sich direkt in einen dieser investigativen Journalistenfilme hineingezogen, in denen ein furchtlos-bekloppter Kameramann im Irak zwischen den hochgehenden Autobomben hindurchhechtet. Und überhaupt ist Panik aus der Sicht eines Flüchtenden – vor allem, wenn er so offensichtlich durch Parkinson gehandicapt ist – viel glaubwürdiger und schmutziger als das aalglatte Pixelbeschaffungsprogramm eines „Transformer“-Films.

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”Guck mal, ich habe in den Trümmern des His… Hos… Hysterischen Museums ein Fotohandy von 1980 gefunden!“ – Die Trümmerfrau und ihr Mann: So gelackt und geschniegelt wie diese Promofotos sieht der Film wirklich nicht aus. Und da sich dieses Bild hier nicht mal unkontrolliert bewegt, wird eingefleischten Cloverfield-Fans vielleicht sogar ein bisschen übel davon…

Denn egal, ob die zerstörte Stadt nun in höchster Auflösung und 20-fach geshadert über die Kinoleinwand bröselt: Sie sieht irgendwie künstlich aus, oder zumindest denken wir das. Aber da letzterer Mentalvorgang seit dem erwähnten Roboter-Filmchen eh nicht mehr „In“ ist, wurde bei Cloverfield einfach darauf verzichtet. Wer ein episches Abenteuer mit wohldurchdachten Charakteren erwartet, spannende Action in klaren Bildern braucht oder einfach nur sein Mittagessen ein wenig länger im Magen spazierenschaukeln möchte, ist hier als Zuschauer so erwünscht wie Godzilla bei der CeBit.

Denn mein größter Kritikpunkt betrifft die Kameraführung, sofern man es so nennen kann, wenn er mit ihr umspringt wie mit einem glitschigen Fisch. Mir wurde von dem ewigen Gewackel und Gezoome nach einer halben Stunde so schlecht, dass ich im Kino fast aus dem Bullauge gekotzt hätte. „Seekrank“ ist noch die mildeste Bezeichnung des Zustandes, in den man sich durch das Gezucke des Films manövriert. – Ich bin ja keine Memme, was Motion Sickness angeht, jedoch brachte mich diese kranke Abzappelwelt an einen persönlichen Punkt, der ebenso verschwommen wie unfixierbar war.

So relativiert sich die innovative Bildentstellung nach 30 Minuten bereits radikal: Nachdem jeder Punkt der Camcorder-Bedienungsanleitung glorreich missachtet wurde („Kamera nicht im Staub begraben; umstehenden Personen damit nicht die Zähne ausschlagen; Gerät nicht zu Boden werfen.“), sehnt man sich langsam wieder nach der guten alten CGI-Zeit, in denen man noch nach Bluescreenrändern suchte und die Texturqualität von Kinosauriern begutachtete. Je länger man den Film sieht, umso mehr steigt in einem der Wunsch auf, einfach mal wieder Roland Emmerichs „Godzilla“ zu sehen. Und sei es auch nur als erfrischend unkreativer Gegenentwurf zu Meister Gummiarm und seine grenzdebilen Angeberfreunde.

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„Hm, irgendwas ist an Ihnen heute anders, Madame. Lassen sie mich raten… Neue Fackel? Anderes Notebook?“ – Auge um Auge: Der Kopf der Räuberbande wird jetzt im Gegenzug ebenfalls gesucht. – Bilder wie diese sind wir von Katastrophenstreifen ja bereits bis zum Erbrechen gewöhnt. Aber ein abgeknickter Fabrikschornstein oder ein eingedrückter „Karstadt“-Schriftzug über’m Kaufhaus-Haupteingang machen als Kinoplakat natürlich nicht soooo viel her…

Was uns zu den Charakteren bringt: Diese sind die üblichen schnöseligen Mitt-Zwanziger, die sich für Sex jederzeit den rechten Arm amputieren lassen würden, mit einem völlig unbegründeten Selbstvertrauern und einem Kasten Bier in die Zukunft blicken und selbst dann noch ausschließlich übers Knattern philosophieren würden, wenn der Studentenausweis bereits eine auffällige Gelbfärbung vorweist. Die ersten 15 Minuten des Films, in denen Kalle, Ralle, Trulli und Schnulli belangloses Zeug über ihr wertloses Kanonenfutterleben verbreiten, sind so ziemlich der langweiligste Storybeginn, den ich seit Jahren beschlafen durfte.

Gut, damit wird natürlich der dokumentarische Anspruch gefestigt, aber der verflüchtigt sich ohnehin, wenn die Hollywooddramaturgie dann doch langsam hindurchscheint und der Zuschauer nervös auf seine Uhr tippt. Denn ganz real geht der Film nur 1 Stunde und 15 Minuten, was für diese Sparstrumpfstory zwar mehr als zuviel ist, jedoch als ausreichender Gegenwert für das investierte Kinogeld/ den DVD-Preis/ die Stromkosten am DSL-Modem durchaus als zu niedrig angesehen werden darf…

Ich denke, die Warnung ist bereits klar rübergekommen: Das „Klopperfeld“-Abenteuer ist nur was für experimentierfreudige Zuschauer, die im Leben auch kein Problem damit haben, ihren Körper für die Erprobung neuer Herzmedikamente zur Verfügung zu stellen. Es kann durchaus vorkommen, dass die ganze Rasselbande 20 Sekunden lang hinter in irgendwelchen Ecken herumkriecht, bevor man in der 20-sekündigen Flucht nur die Füße des Kameramannes sieht. Gefolgt wird das von einem 20-sekündigen Lunge-aus-dem-Hals-Pumpen (das kennt man sonst bei Hollywood gar nicht; haben alle Actionstars doch stets das Lungenvolumen eines gefüllten Heißluftballons) und einem 20-sekündigen Handygespräch, das in etwa so abläuft: „Mama? Ja, mir geht’s gut im U-Bahn-Schacht. Keine Sorge. Sind schon so gut wie evakuiert! Ach, übrigens: Der Dings ist tot!“

Es folgt ein 20-minüt… sekündiges, stilles Heulen, gefolgt von 20 Sekunden Lahmarschdialog. Und schon 20 Sekunden später marschieren die Versprengten für 80 Sekunden durch einen stockdunklen Tunnel. – Kurzum: Welcher Regisseur auf diese Weise seine läppischen 75 Filmminuten verbrennt, frisst auch kleine Kinder. In Zeitlupe. – Hier ist eventuell eine kleine Parallele zu LOST zu sehen, wo ja ebenfalls mit einer Entschleunigung gearbeitet wurde, dass einem das Ziffernblatt von der Armbanduhr wegwelkte…

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„Nein, lassen sie mich. Das geht schon gleich wieder vorbei. Nur ein kleiner Sterbe-Anfall, nichts weiter. Ist gleich vorüber…“ – Schon meine Mutter wusste stets zu sagen, wenn ich als Kind mal nicht aufessen wollte: „Pass bloß auf, sonst holt dich der blaue Müllsack-Mann!“ – Und was soll ich sagen? Sie hatte Recht! – Allerdings ist auch dieses Bild hier wieder eine Lüge. Im Film sieht das Ganze ungefähr so aus:

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„Kreisch! Zeter! Mordio!“ – „Wer zum Kuckuck ist Mordio?“ – Mittendrin statt dran vorbei: Dank Idioten-Cam wirkt das Gesehene viel authentischer.

Und spätestens, wenn die handlichere Monsterbrut unter dem Motto „Kleinvieh macht auch Mist“ in das Entstehen platzt („Geschehen“ kann man hier ja schlecht sagen), wird auch ich die Filmprämisse etwas ranzig im Abgang. Wenn diverse Lebendfutterliebhaber gerade die Freundin angenagt haben, hält wohl nur ein BILD-Reporter noch die Kamera waagerecht und findet nach dem Überfall noch die Zeit, die Linse sauber zu schruppen. Beim kleinen „Big Brother“-Bruder im Geiste, nämlich „Blair Witch Project“, umging man dieses Logikproblem, indem man ab und zu lautstarken Streit ausbrechen ließ. Ein genervt rausgebölktes „Schieb dir die Kamera doch in den Arsch, du Publizisten-Pups! Das wird sowieso nichts mit der unbezahlten Praktikumsstelle bei der New York Times! Das Redaktionsgebäude raucht nämlich am anderen Ende der Straße seine letzte Feinstaubbelastung von sich, graaaah!“ wirkt da doch manchmal Wunder.

Das Monster an sich hat auch nicht mehr zu bieten. Es sieht „hübsch“ aus (gemeint ist natürlich die nerdige Version von „hübsch“, die jedem klasse animierten Schleimklumpen zugestanden wird), ist eine Mischung aus Ottfried Fischer und mutierter Eidechse, ist aber nichts besonderes oder gar etwas, das in irgendeiner Form erklärt wird. Ich muss allerdings zugeben, dass auch ich am Ende ein wenig fasziniert war. Vermutlich steckt dahinter – ähnlich wie bei LOST – ein Urtrieb des Menschen, der bei sparsamer Drehbuchausgestaltung die Storyline im Kopp selber ausfüllt. Und dubiose Bonuspunkte auf der Bewertungsskala gleich dazu. Trotz allen Gewackels, Gehechels und Erster-April-Herbeisehnens bleibt ein Funken Genialität, den man schlecht mit Worten erklären kann.

Das abrupte und alles andere als happige Ende tut sein übriges, ebenso wie 3 oder 4 wirklich gelungene Schockeffekte und Bildeinstellungen. „Cloverfield“ ist eben ein Gesamtkunstwerk aus Scheiße, und wer wüsste nicht, dass genau diese braune Masse bevorzugt zur Düngung von allem möglichen eingesetzt wird?

Auch wenn minutenlang nichts passiert und der spätere Storyverlauf immer mehr an Roland Emmerichs Werk in der „Aufmerksamkeitsdefizit-Edition“ erinnert, denkt man zumindest noch 24 Stunden später über den Film nach. Trotz meines Beinahe-Verrisses, den hohlen Charakteren und dem Wiederseh-Wert von „Wieso sollte ich mir das Schütteltrauma auf meiner heimischen High-End-Medienanlage später NOCH EINMAL anschauen?“ ist die gehypte Großstadtentsorgung einer der interessanteren Filme des noch jungen Jahres.

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„Ja, der Typ hatte voll die krassen O-Beine, schlimmer noch als mein Ex! Ungefähr so, hihihar!“ – Datenschützer warnen: Immer mehr Sol-Daten sind gänzlich ungeschützt (mein Lieblingswortspiel in diesem Artikel). Als die Amerikanische Armee eingreift, keimt neue Hoffnung auf wie eine Splittergrantate im irakischen Kindergarten…

Man kann sich ja – wenn einem zwischendurch beim Schauen langweilig ist – auch Gedanken darüber machen, wie bei den wenigen Cuts und dem Gewackel der Kamera (wenn es erst nachträglich und per High-Tech eingefügt sein sollte, sieht man es überhaupt nicht) überhaupt so aufwendige Effekte eingebaut werden konnten. Hier müsste jeder 3D-Techniker eigentlich vor Arbeitüberlastung selber ein Monster-Ei in die Hose gelegt haben. Ein Making-Of würde mich daher tatsächlich mal brennend interessieren…

Fazit: Schwer, sehr schwer. Zwar ist das Kamerageschwenke mit teilweise unscharfem Bild nahe an der obersten Belastungsgrenze verreißwütiger Hobbykritiker, jedoch hat der Film auch keine Abmahnung verdient. Zu cool und konsequent wird die Grundidee durchgezogen. Und würde jemals ein gigantisches Dingsbums meine Heimatstadt zerstören, so stelle ich es aus meiner subjektiven Beobachtersicht ziemlich genau SO vor. – Auch wenn es in Bielefeld nur 10 echte Hochhäuser gibt, aber das nur nebenbei…

Ich hechte daher jetzt mit einer glatten „3“ in den Wertungskasten, verbuche das Abenteuer unter „Nette Idee, aber bitte nicht noch mal ausreizen!“ und werfe ein Blick aus meinem Küchenfenster. – Hat die Kirche von gegenüber nicht gerade verräterisch gewackelt?


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Artikel

von Klapowski am 25.02.08 in Film-Review

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Kommentare (5)

  1. Armleuchter sagt:

    Hey Klappo oder wen’s interssiert:

    Frage zum Text:

    Hab da eine Frage: Was heißt „geshadert“? ( Anfangszeile des Textblocks unter dem ersten Bild) Ich liebe die englische Sprache, aber diese deutschen Anglizismen tun mir weh, weil ich sie nicht verstehe und sie oft überflüssig sind.

    Anmerkung zur Filmkritik:

    DAS MONSTER MUSS NICHT ERKLÄRT WERDEN! Es ist einfach da, wie soviele Dinge in neueren Filmen. Das ist nicht nur bei J.J.A. so.
    siehe auch: Der Killer aus „No Country For Old Men“ Da wird nix erklärt. Schätze soetwas ist seit Kafka in Mode und jetzt auch im Kino.

  2. Sparkiller sagt:

    Na, laut Wikipedia ist der deutsche Begriff „Schattierer“, was für mich irgendwie nach der deutschen Stiefschwester einer kolumbianischen Pop-Sängerin klingt. Im Technik-Bereich ist nun einmal viel einge-englisht, gerade hier im „Innennetz“.

    Vereinfacht ausgedrückt sind Shader… pardon… Schattierer dafür da, eine ansonsten unspannende Textur ordentlich aufzumöbeln, sei es durch Spiegel- oder Beleuchtungseffekte. Zum Beispiel Wasser in Spielen sieht damit um einiges echter aus und wird… wirkt dadurch erst so richtig feucht. Mehr Infos gibt es u.a. hier:

    http://www.online-tutorials.net/directx/shader-konzept/tutorials-t-7-77.html#shader

  3. Hiramas sagt:

    Naja. Werd mal schaun ob ich es in erwägung ziehe das ich mir den Film eventuell mal anschauen könnte.
    Es scheint ja schlussendlich ein interessanter Film zu sein und seekrankr werd ich nicht so schnell.
    Auf der anderen Seite gab es schon soviele New York- puttmach Filme, das ich mir schonmal die Reise dahin spaaren kann. Steht ja sowieso nix mehr…
    Aber ielleicht gibt der Film ja n Hinweis wie der neue Star Trek Streifen wird….
    Und ja: Shader sind zwar englisch/denglisch, aber verdammt praktische Sachen.

    Grüße Hira

    @Klapo: Wann kommt die Eureka Rezension?

  4. DJ Doena sagt:

    Vorletzte Woche habe ich auch Cloverfield gesehen. Da ich BWP nie gesehen habe, fand ich die Art und Weise, den Film zu zeigen (durch die Handkamera) eigentlich ganz innovativ.

    Als Fazit würde ich sagen, er war ganz ok, aber jetzt nicht der Überflieger.

    Gestört haben mich zwei Dinge
    1a) Bei der Party war es manchmal unlogisch, warum er nun ausgerechnet jetzt die Kamera ausgeschaltet hat
    1b) Bei der Flucht war es manchmal unlogisch, warum er sie nun ausgerechnet jetzt nicht ausgeschaltet hat (z.B. hätte ich mich beim kraxeln auf dem Dach beider Hände bedient)

    2) Das ist im Prinzip bei jedem Film dieser Art so: Egal wie riesig das Monster ist und egal wie dick seine Haut/Panzerung ist, bei dem, was das Monster an Raketen und Geschützmunition (und ich rede nicht von den lächerlichen MGs) abgekriegt hat, hätten zwangsläufig riesige Fleischfetzen weggesprengt werden müssen und das Monster wär elendig verreckt.

    Aber das zweite liegt wohl am Genre, geht ja nicht, dass das Monster nach ner halben Stunde tot ist. ;-)

  5. bergh sagt:

    Ist der Film nun Monster oder nur monströs ?

    Obwohl ich beruflich zur See gefahren bin werde ich seekrank.
    Vielleicht mal ausleihen das Teil.

    Gruss BergH

    BTW: P.S.
    Schöne Rezension.

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