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Von Hektik-Trailern und Schluckauf-Action: Rennt sich der Blockbuster zu Tode?

Moderne Trailer sind schon was Voll… äh… Tolles: Entgegen anderen augenärztlichen Vorgehensweisen (Brille, Möhren essen, etc…) wird hier die Netzhaut einfach weggebrannt. Man spricht hierbei auch vom sogenannten Makula-Peeling. Nur mit der nachfolgenden Regeneration klappt es meist noch nicht so, was aber vielleicht dem aufgewühlten Gesamtorganismus zuzuschreiben ist, der nach EINEM genossenen Blockbustertrailer tagelang mit Bluthochdrücken im Teekesselbereich klarzukommen hat. Oder sind (Action-)Filme einfach generell SCHNELLER und kurzlebiger geworden? Keine Ahnung, denn ich konnte mich nicht lange genug auf die Beantwortung dieser Fragen konzentrieren…

Aber wenn die Augen dann bluten, ist der nächste Trailer immerhin umso LAUTER, damit auch die Ohren einem rotfarbenen Flüssigkeitsverlust fröhnen können.

Der Beginn eines Trailers ist dabei meist noch laaaangsam: In einer Gasse, einem Bürohaus oder einem Drogeriemarkt sprechen zwei oder mehr Menschen über ein mysteriöses Ereignis, das in einem der 1-5 Vorgängerfilmen geschehen ist: „Es ist so weit! Er muss zurückkehren!“ (z.B. Superhelden oder der Typ, der dessen Technikfuhrpark verwaltet), gefolgt von: „Es könnte das Ende der Welt bedeuten!“ oder „Ich wüsste nur einen, der hierfür geeignet wäre“ (gern gesprochen von Samuel L. Jackson).

Wer hier schon das Publikum „überraschen“ möchte, beginnt den Trailer mit einem Rückblick in die Kindheit des Helden, des Bösewichts oder der zu rettenden Menschen(heit) dazwischen: Ein Kind auf der Schaukel, ein Kinderlachen und ein Luftballon, ein Hundehaufen und eine Schuhsohle… Irgendwas, von dem man nach 10 Sekunden leichtfüßiger Gitarrenzupfung (es KLINGT sogar, wie mit den Füßen gezupft!) mit düsterer Musik und Schwarzblende fortgehen kann. Hier sagt uns der Trailer überdeutlich: Superman / Spiderman / Raumschiff-Capitän-Man waren auch mal Kinder, haben Dämonen im Keller oder verdrängte Erinnerungen an diesen einen Tag im katholischen Ferienlager, als sie sich etwas zu tief nach dem Feuerholz bücken sollten. Ohne einen „Link To The Past“ kommt heute ein Trailer selten aus, denn schließlich will man eine Figurenentwicklung vorgaukeln, die über die chemische Weiterentwicklung von Filmsprengstoffen hinausgeht.

Außerdem muss auch ein hektischer Trailer eine sich steigernde Dramaturgie haben und somit ist die sich biegende Alien-Pappel im Wind, manchmal nebst Erzähler („Wir dachten, das Unheil sei besiegt, DOCH…“), ein guter Startpunkt.

„We have to make much of things kaputt!“ – „Uncle Sam says so too!“ – „Our babies and babes are zähling on us!“ – Angriff der Killer-Schlaftabletten: Trotz des richtig eingesetzten Basses an den richtigen Stellen ist das der uninteressanteste Superhelden-Trailer, seitdem „Hulk“ sich in G(r)ünter umbenannt hat.

In der Mitte des Trailers dann ein anschwellender Ton, wie von einer preisgünstigen Waschmaschine bei 1.600 Umdrehungen und 50 Kilo vergessenem Kleingeld in den Klamotten: „Brrrrrsssummmmmmmmm“, nach 2 Sekunden mit einem Beat hinterlegt, der jede nachfolgende Sekunde im Quadrat zu sich selbst schneller wird. Meist werden hier ALLE Actionszenen des Films so schnell hintereinander gezeigt, dass man nur noch Schemen wahrnimmt und den eigenen Körper ausschließlich in homäopathischen Dosen:

ExplosionSchiffAutoBrückeSprengungGesichtAbsturzBodenPengFeuer.

„Schaut her!“, sagte einem das kommerzielle Hackestück-Zuscheißfilmchen an dieser Stelle, „wir haben soooo viel Content und Abwechslung, dass wir jede Szene nur 0,2 Sekunden zeigen können. Du stehst auf Autos? Hubschrauber? Superhelden, die 30 Zentimenter vor der Kamera mit dem rechten Knie voran krachend landen? Sieh nur, wir haben alles hier und somit den schnellsten und geilsten Streifen seit letzter Woche Dienstag auf dem Markt! So was hast Du noch nicht gesehen. Komm, wir legen im letzten Drittel des Trailers noch eine kleine Dialogpause ein („Oh mein Gott, sie kommen!“ – „Manchmal muss man Opfer bringen.“ – „Hast du den Herd ausgeschaltet?“), um dann noch mal 20 Szenen reinzuschneiden und zuletzt das Logo samt Schriftzug in das Schwarzbild zu werfen. ‚Ironfist 3 – Now it’s getting deeper into you’. Mit metallischem ‚KLÄNG’, versteht sich, den Helden sind bei uns aus Kruppstahl und der Kruppstahl aus Titanium.“

Tja. Und irgendwie habe ich nach den meisten Trailern schon keine Lust mehr, mir die Filmchen mit mehr als nur mit meinen Hühneraugen anzusehen. Mag sein, dass diese tatsächlich gut oder sogar tiefgründig sind, aber gerade bei etwas teureren Streifen (ab 150 bis 200 Millionen… für das Marketing!) implizieren die Stammelschneidefilmchen mit den dramaturgischen Stummelbeinchen mir irgendwie immer, dass ich dies nur für 120 Minuten geilo finden soll – und werde. Ich wollte nicht mal „Stirb Langsam 5“ sehen, weil ich 3 Sekunden nach dem Trailer nicht mehr wusste, ob ich nun Bruce Willis zwischen fliegenden Autos oder Patrick Stewart zwischen fliegenden Shuttles gesehen hatte. Okay, der 4. Teil war auch schon nicht dolle, aber heutzutage werden Filme sowieso nur noch danach gedreht, welche Szenen man für den Trailer braucht. Würde mich nicht wundern, wenn der Trailer-Cutter (hochbezahlte Leute übrigens!) während des Drehs kurz nach nebenan geht und sagt: „Wir haben noch nichts mit Wasser! Schreibt mal einen Staudamm in die New Yorker Innenstadt. Aber einen grünen, diese Farbe fehlt nämlich noch!“

trailerhektik1

Kloncharakter-Augen, Photoshop-Möpse, CGI-Gerase: Auch Promofotos zielen immer mehr auf den kleinsten gemeinsamen Hartz-4-Penner… äh… Nenner ab. Der neue „TRON“-Film ist übrigens ein gutes Beispiel für einen äußerst schlechten Film, der mit 5 bis 10 gelungenen Effekten (in 10 Jahren: 0 bis 1) zu punk(t)en versucht. Inhaltlich bewegt sich der Film irgendwo zwischen „Kacke“ und „Knacken gehen“. Ein liebloses Lifestyle-Objekt für amtliche Hochglanz-Politeure.

Den neuen „Riddick“ wollte ich mir vor ein paar Monaten ebenfalls ansehen, fand ich doch, entgegen dem Rest der Menschheit, gerade den 2. Teil doch sehr solide. Abgesehen davon, dass der Film aber nur 9,5 Stunden lang im örtlichen Kino zu sehen war (danach nur noch Mittwoch Nacht ab 03:00 Uhr, Nachtwächterzuschlag kostet extra), hat mich der Trailer ebenfalls wieder etwas abgeschreckt: Wenig echte Stimmung und Neugierig-Machendes, dafür viel glatt gelutschte Standard-Einstellungen mit Menschen, Tieren, Sensationen. Schnell, schneller, am ausgelutschtesten. Motto: Wer als erstes die Soundtrack-CD mit dem Titel „3 Trailermucken für jede Gelegenheit“ ausgereizt hat, darf den Popo vom Marketingfritzen sauber speicheln.

War ich in den 90ern noch recht zufrieden mit der Qualität und Häufigkeit vieler Effekte (vor allem den Nicht-Digitalen), gerade in Bezug auf die Gesamthandlung, so ging danach irgendwas kaputt im Räderwerk der Exceltabellen karrieregeiler Marketingfutzis. „Matrix“, „Terminator 2“ und „Men in Black“ seien nur als drei spontane Positivbeispiele von Filmen genannt, die aus Budget- und Vernunftgründen einen perfekten Mix aus Handlung und Krachbumm-Behandlung hatten. Und heute? Da wurde mir beispielsweise zugetragen, dass im neuesten Superman-Film Dutzende(?!) Minuten lang Leute durch Hochhäuser rummsen, mit kaum nennenswerten Dialogen. Und wenn doch, dann vermutlich nur das aufgebrachte Stammeln des geschockten Hausmeisters. – Aus Sicht der auftragsstrotzenden Baubranche alles sicherlich lobenswert, aber diese Art Film will ich dann eigentlich auch kein zweites Mal sehen. Beziehungsweise das erste, wenn ich den Trailer großzügig abziehe.

Schon auf „Pacific Rim“ hatte ich keinen Bock mehr, nachdem ich mich durch 5 Minuten ganz vorne und 5 Minuten aus der Mitte gequält habe. Was sich zusammengerechnet bereits wie ein Überlängefilm anfühlte. – Wo sind sie, die Actionfilme, in denen noch gelitten, gelacht und Kult angepflanzt wurde? Wieso gibt es keinen deftigen Faustkampf zwischen Männern mehr, sondern maximal die Micky-Maus-Version in „Star Trek 12“, wo Kirk bzw. Spock ganze 283 Mal auf Khan einkloppen, damit dieser beim 284. Mal zufällig von einem herabfallenden Warpkern geplättet wird? Und wenn ich hier und jetzt ERNSTHAFT nach einem guten Actionfilm der letzten Jahre frage, setzt mir dann eine hyperaktive Anspruchs-Amöbe den Titel „The Fast And The Furios“ ins Kommentarfeld?

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„Was stand vorhin auf dem Holzschild, Weib?“ – „Sumpf des Konsums. Reduzierte Ware ist vom Umtausch ausgeschlossen.“ – Tragweite: Es gibt Filme, die sich durch ihren Kommerzfaktor so sehr von sich selbst distanzieren, dass man selbst als Filmkritiker schulterzuckend sagen muss: „Warum soll ich mich da aufregen? Vielleicht kaufe ich mir ja auch mal so eine ‚Karibik’…“

So seltsam es klingt, aber obwohl in Trailern und den Filmen immer MEHR Action verbaut sind, habe ich nach dem Schauen nie das Gefühl, diese gesehen und gespürt zu haben. Kein Schweiß, kein Blut, keine aufgerissenen Fingernägel und falsch gekaufte Schuheinlagen. Keine weißen Knöchel beim Baumeln an der Golden Gate Bridge. Die heutige Filmaction ist dem menschlichen Körper und der Seele so fern wie Kate Moss einer begeisterten Trägerin von Übergröße-BHs.

Ich will gar nicht mal behaupten, dass die Effekte schlecht seien oder früher alles besser war. Dass beides zumindest in großen Teilen zutrifft, ist an dieser Stelle purer Zufall. Aber das Action- und Weltraum-Kino der letzten Jahre leidet so sehr an Inhaltslosigkeit, dass ein solider Schwebeschocker wie „Gravity“ wegen seinen 5 ruhigen Dia- und Monologen gleich in Sphären gehoben wird, in dem garantiert kein Weltraumschrott mehr schwebt.

Wenn ich einen typischen Genrefilm des Jahrzehnts kühren müsste, so wäre es wohl Disneys „John Carter“: Teuer, nicht sooo übel, aber inhaltlich so belanglos, dass ich mich besser an die begleitenden Snacks vor dem Fernseher erinnern kann (Salzstangen und eine Apfelschorle mit Zimt) als an den Film selber. Hier hilft vielleicht nur eine Selbstbeschränkung der Macher: 50 Millionen Budget statt 200 (guter Anfang: Der unspektakuläre letzte „Batman“ sah ja wenigstens schon mal 150 Mios günstiger aus), ein Drehbuch, dass wenigstens 1970 noch als subversiv gegolten hätte (tatsächlich gab’s da mutigere Konzepte als heute) und die Einsicht, dass Trailer im Elektroschock-Stil uns schneller abstumpfen lassen als eine Melkmaschine die erogenen Zonen einer Kuh.

Aber inzwischen ist es ja selbst in Hollywood angekommen, dass es mit „Weiter, Teurer, Bunter“ eben oftmals nur teurer und bunter wird, ein einziger 0,3-Milliarden-Flop aber bereits das Ende von MINDESTENS der guten Produzentenlaune sorgen kann. Angeblich soll sich also demnächst einiges ändern.

Was sagt Ihr dazu? Lieber entspannt bei „2001 – Odysee im Weltraum“ einschlafen als bei „Elysium“ nicht mal darüber diskutierten zu können, warum das Eurer Meinung nach ein total überschätzter Film ist? Gibt es noch teure Filme, auf die man sich freuen kann? Wieso sind die „Let’s Play“-Videos zu TETRIS auf YouTube interessanter als ein Michael-Bay-Film? Ist Eure „Avatar“-Begeisterung seit damals auch noch mal so zusammengeschrumpft wie meine?

HBO, errette uns!


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Artikel

von Klapowski am 16.12.13 in All-Gemeines

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Kommentare (5)

  1. Pherim sagt:

    Spricht mir aus der Seele… genau diese genannten Punkte kann man (leider) auch beim neuen Hobbit finden… ein Höhepunkt nach dem andren ohne dass die meisten davon nachhaltige Wirkung zeigen würden, und teilweise wird auch der letzte Rest glaubwürdigkeit zugunsten der nächsten spektakulären, aber letztlich albern wirkenden Ork-Enthauptung oder anderen, gänzlich überdrehten Szenen geopfert, die so gar nicht in das Gesamtbild passen wollen. Echtes Mittelerde-Feeling kam jedenfalls bei mir nur selten auf, und wenn doch, wurde das kurz danach wieder mit der nächsten „Schaut mal her was für tolle Effekte/Actionszenen/nicht im Buch vorhandene Charaktere und Handlungsstränge“ wir doch haben.

    Wobei es mit Sicherheit schlimmere Beispiele gibt.

    Ach ja, in einem Punkt muss ich widersprechen: Wir haben damals wesentlich mehr Zeit damit verbracht, darüber zu diskutieren, warum Elysium die Enttäuschung des Jahres war, als es gedauert hatte, diesen halbgaren Aufguss eines Science-Fiction-Films zu sehen.

  2. Onkel Hutt sagt:

    Soange es sich finanziell unterm Strich rechnet werden diese Art von Filme produziert und gezeigt. War dann doch „geschockt“ wieviel Anklang der „Amazing Spiderman“ oder „Star Trek“ Film in meinem Ü30 Freundeskreis gefunden haben. Gibt also genug Leute die sich dafür begeistern können.
    Selbst wenn man nur dreimal im Jahr ins Kino geht und hinterher wie immer schwört es nie wieder zu tun, hat der Verleiher genug Asche bekommen.
    Gucken ja doch alle fast jeden Scheiß, mich eingeschlossen. Auch wenn ich weiß oder ahne daß der neue RoboCop ein Haufen Müll werden wird, so werde ich ihn mir dennoch ausleihen und anschauen, und sei es nur damit ich mir sagen kann ich hätts ja schon vorher gewusst.

  3. radio_gott sagt:

    Nicht zu vergessen: Das „Inception“-Horn, das in keinem modernen Trailer fehlen darf:
    https://www.youtube.com/watch?v=830I9w7I7wM

    Ansonsten ganz meine Rede

  4. Ghostwriter sagt:

    Hallo,

    positive Beispiele für großes Budget und gute Unterhaltung (mMn) zuletzt: Oblivion und Iron Man 3.

    Mittleres Budget und gute Unterhaltung: Rush.

    Werde ich mit dieser Meinung gesteinigt? ;-)

  5. BergH sagt:

    tach auch !
    @Ghostwriter
    Nein !

    Der Rest ist genau meine Rede:
    Solange man mit Hollywood PNOs Geld machen kann werden sie gedreht.
    Sobald gute Scripts und Handlung ankommen werden diese versucht werden.

    Darum halte ich Escape Plan für einen schlechten Film:
    Das Writing/Script ist unterirdisch schlecht.

    Die Trailer sind in letzter Zeit eben das:
    Das allerletzte und sagen ganu gar nichts über einen Film.

    Gruss BergH

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