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Gastreview: „Im Staub der Sterne“: oder „Hilfe, ein Weltall-Film“

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Ohne unseren Gastautoren Tobias H. würden DDR-Filme hier definitiv zu kurz kommen. Dieses Review fand ich besonders interessant, da sich Trash-Werke mit philosophischem Inhalt immer gut für eine Betrachtung eignen. Da schreibt sich die Besprechung schon fast wie von allein – ohne versklavte Gehirnzellen. Ich wage sogar die Aussage: Dies ist einer der besten und lustigsten Gastbeiträge bisher! MICH hatte er beim Wort „Nackttanzen“.


Ein Gastartikel von Tobias H.

„Komm Tobias, mache die DEFA-SciFi-Triade voll!“ Das sagte ein guter Freund vor einiger Zeit zu mir. Er ahnte aber nicht, was er mir damit zumutete. Neben dem „Schweigenden Stern“ und „Eolomea“ gibt es nämlich noch „Im Staub der Sterne“, als dritten der großen DDR-Ausflüge in das All zu bewundern. Es sind eben jene großen Drei, die man sogar in Sammelschubern finden kann und die wie die anderen großen Drei auch was mit Potsdam zu tun haben.

Lohnt sich der letzte dieser Filme, der 1976 abgedreht wurde?

Kurz und knapp: nein! Es ist der schwächste Film aus der Reihe von an sich schon schwachen Filmen. Gleichzeitig vollbringt er aber das Kunststück, der unterhaltsamste zu sein.

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Ja, hilf mir bitte. Der volle Film war einfach zu viel.“ „Reg Dich ab, der Kerl links im Schrank hat es nicht mal überlebt.“ Der Film verlangt seinen Zuschauern viel ab.

Im Wesentlichen geht es darum, dass die Bewohner des Planeten Cynro ein Erkundungsschiff zu dem Planeten TEM 4 senden. Man hatte einen Notruf von dort empfangen. Kaum ist man aber eingetroffen, so wird man auch schon wegkomplimentiert oder, kurz danach, auf einer Party via Bewusstseinsmanipulation dazu gedrängt. Diese Welt hat nämlich ein düsteres Geheimnis zu verbergen: die Ureinwohner müssen in Minen schuften (oder wie hier gezeigt mit Schaufeln auf Sand eindreschen), weil sie die bösen Eroberer von der TEM-Heimatwelt dazu zwingen.

Diese schreckliche Enthüllung macht der mutige Navigator Suko in einem Alleingang. Denn er findet es „seltsam“, dass sich alle so „seltsam“ benehmen, seit der Party.

Ich gebe zu, dass ich dachte, den Rest der Handlung vorauszuahnen. Die Arbeiter erheben sich, etwas Klassenkampf halt und am Ende sind die finsteren Eroberer entweder geläutert oder im Space-Gulag.

Aber nein. Ich wurde dann doch irgendwie überrascht. Statt dem typischen DDR-Einheitsbrei bekam ich einen wirren Eintopf aus Gedankenkontrolle, Nackt-Tanz-Szenen und am Ende dann doch einen Klassenkampf, der aber nicht so richtig zündete. Interessanterweise sind die Cynro-Raumfahrer sich nicht darüber im Klaren, ob sie helfen sollen, beziehungsweise, ob das überhaupt möglich ist. Das hätte auch gut in TNG gepasst, es war aber offenbar zu früh für eine solch hochwertige Aufarbeitung. Man lässt die Rebellen mehr oder weniger alleine.

Nach einem halbgaren Angriff auf das heimwärts startende Cynro-Schiff – via Überschwemmung (!) sitzt deren Kommandantin dort fest und die Ureinwohner beerdigen den bei den Kämpfen getöteten Navigator wie einen Volkshelden. Ihr seid beim Zuschauen bis hierhin mitgekommen?

Falls nein, dann ist das auch nicht so schlimm. Der Reiz dieses schrillen Werkes liegt in seiner unfassbaren Trashigkeit, welche jede Form von Geschichte zur reinen Nebensache degradiert.

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Bitte recht freundlich: die Herren /Aliens hier haben gut lachen, denn sie tragen die mit Abstand besten Outfits der gesamten Produktion.

„Im Staub der Sterne“ kann sehr witzig sein, wenn man ihn denn lässt. Hier überzeugt das totale Unvermögen. Wo die anderen beiden Filme der Space-Triade noch eine Handlung und eine gewisse Seriosität vorweisen konnten, ist hier alles irgendwie Banane – wenn es die denn in Ostberlin gegeben hätte.

Das fängt schon mit dem sagenhaft schlimmen Soundtrack an. Die Titelmelodie ist ein geradezu ekliger Schlager, der in einen Synthesizer gerasselt ist und gerade deshalb viel zu lange im Ohr bleibt. Der Chef der fiesen TEManer heißt einfach nur „Chef“ und weil die Schurken-Katze auf dem Schoß schon damals ausgelutscht war, hängt er sich gerne mal Schlangen um, mit denen er dann durch das Spiegelkabinett des Bösen läuft.

Die Gedankenkontrolle findet via Taschenlampenstrahl auf der Stirn statt. Die Gehirnwäsche geht dann nahtlos über in das Nackttanzen – ohne jede Erklärung dafür. Die seltsam unmotiviert-unterdrückten Arbeiter werden natürlich von Bleistift-Pistolen in Schach gehalten. Es versteht sich von selbst, dass alle Kostüme irgendwo zwischen Woodstock und ukrainischem Volksfest liegen. Nichts, aber auch wirklich gar nichts, keine Sequenz, keine einzige Einstellung, strömt auch nur einen Hauch von Ernsthaftigkeit aus.

Wenn man sich dann auch noch vor Augen hält, dass man hier eine der teuersten DEFA-Produktionen vor sich hat, ist die Belustigung komplett. Ich musste mich ernsthaft fragen, wo all die schönen Aluchips hingewandert sind. Ich hoffe sehr, sie gingen nicht unverdienterweise zum Drehbuchschreiber.

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Endlich gefunden: der Eingang zur offiziellen DEFA-Beschwerdestelle! Das erklärt die völlige Kritiklosigkeit der Ostdeutschen.

Fazit: ein unglaublich schräges Werk. Selbst Ed Wood-Fans dürften hier ins Rudern kommen. An und für sich absolut furchtbar und keinem Zuschauer zuzumuten. Dann aber auch so unfreiwillig witzig, dass die sonst eher langen 90 Minuten überraschend schnell verfliegen.

Ein absoluter Trash-Tipp! Dankenswerterweise ist auch dieser Ost-Erguss komplett auf YouTube zu entdecken.


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Artikel

von Klapowski am 12.10.21 in Gastbeitrag

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Kommentare (15)

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  1. Grinch1969 sagt:

    Vielen Dank, das liest sich sehr viel gehaltvoller als STD4, ich schau es mir an.

    • Agentbauer sagt:

      STD legt die Meßlatte auch nicht wirklich sehr hoch. Unter der durchzukriechen wird schon schwer…
      Was mich wundert, ist, dass die DEFA scheinbar gar keine Probleme mit Nacktheit hat.
      In einer US-Produktion mit FSK 6 wäre das glatt unmöglich, da dürfen nur Köpfe platzen…

      Um noch etwas niveauvolles zu dem Film zu sagen:
      Die gute Regina Heintze duscht und tanzt da nackt vor sich hin und hat dabei ganz schön straffe Möpschen ;)

      Antworten
    • Grinch1969 sagt:

      Ich sag doch gehaltvoller ;)

      Und das heißt nicht Agentbauer sondern Agentlandwirt! :)

      Antworten
    • Serienfan sagt:

      Wobei auch komplett nackiges Discovery völlig reizlos wäre. :-)

      Antworten
    • Scholli67 sagt:

      Dem kann ich nicht zustimmen! :-)
      *Die Tilly aus Staffel Eins rennt in slo-mo auf die Kamera zu*

      Antworten
    • Grinch1969 sagt:

      Diese Bilder werden niemals wieder verschwinden….

      Antworten
    • bergh60 sagt:

      OMFG !

      Wie kriege ich diese Bilder wieder aus dem Kopf?
      Rosas Elefanten, rosa Elefanten, rosa Elefanten.
      Tilly nackig arrrrrrgghh

      Gruß BergH

      Antworten
  2. Agentbauer sagt:

    Jetzt kann der arme AgentLandwirt nie wieder ohne Alpträume schlafen..
    Moppelmerida kommt nackig auf mich zugerannt.
    Erdbeben…

  3. JP1957 sagt:

    „Was mich wundert, ist, dass die DEFA scheinbar gar keine Probleme mit Nacktheit hat.“

    In Sachen Nacktheit war die gesamte DDR Speerspitze des gesellschaftlichen Fortschritts – FKK wurde nicht nur toleriert, sondern sogar gefördert.

    Also keinerlei Grund, sich zu wundern.

  4. bergh60 sagt:

    tach auch nochmal !

    Der Titel ist auch bei Asimov geklaut.
    Da heisst es :Die Sterne wie Staub aka The stars like dust.

    Gruß nochmal
    BergH

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