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Doctor Who – 11.08 – „The Witchfinders“ – Kritik

Hexenjagden? Ist das nicht dieses Ding, was das Internet vor Jahren erfunden hat, um YouTube und Facebook in rauchende Aschewüsten zu verwandeln? – Ja, eigentlich ist es das. Doch viele wissen nicht, dass es das schon früher gab! Nämlich damals, als endlich eine Person aufstand, um dem Schrecken Einhalt zu gebieten. Der/Die/Das Doctor. Doch wird es ihr gedankt? Nein. Und die Fans jagen nun sogar Chris Chibnall, um den Satan aus dem Franchise auszutreiben…

Inhalt: Der Doctor und ihre bärenstarke Crew werden Zeugen eines mittelalterlichen Hexenprozesses. Unsere Heldin lässt ihre selbstauferlegte Zurückhaltung ganz schnell fallen, als die alte Frau ertränkt werden soll.

Besprechung:

Who-Folgen in tiefster Vergangenheit haben bei mir generell ein Problem: Alle Figuren sind meist NOCH unterbelichteter (oder fackelbeschienender) als sonst. Dazu gesellen sich dann noch bekloppte „Darf man eingreifen?“-Fragen in allen Farben des Regenbogens. Von dem Motto „Verteilt ruhig Gaming-Laptops im Mittelalter; die Historie repariert das schon“ bis hin zu „Tretet nicht auf den Boden, sonst werdet ihr nie geboren“ ist da alles drin, was der Zeitreiselogik gerade an erzählerischen Exkrem… Extremen aus der Trainingshose gekullert ist.

Und das kommt dann oft derartig inkonsequent rüber, dass mir die historischen Episoden nie so recht gefallen wollen. Wobei aus der Sicht eines Timelord(-ine?) eigentlich JEDER Punkt auf der Zeitachse die Vergangenheit von irgendwem darstellen müsste? Daher erscheint es per se schon etwas blöd, dass man nur bei der (irdischen) Vergangenheit vor 2018 ständig so einen Wirbel macht. Wenn 2049 die Geschichte verändert wird, ist’s allen meistens Wurscht. „Zeitstrahl-Rassismus“ nenne ich das, jawoll!

Zumal ich es diesmal seltsam fand, dass man mit 2018er-Klamotten im Jahre 16XX rumrannte. Und das auch keiner der Hühnerhaufen-Cowboys das bemerkte… Okay, in der fernen Zukunft oder 1930 lasse ich das gerne durchgehen, aber da es in dieser Story am Rande um das Thema Außenseiter ging (= „Sie hat einen eingewachsenen Zehnagel! Sie ist eine Hexe!“), wäre eine Erwähnung eigentlich Pflicht gewesen. Gerne auch in Form eines blöden Witzes: „Sind das etwa die neuen Hexenjäger-Uniformen?“ – „Worauf du einen lassen kannst, Mistgabel-Oma!“

Aber das alles nur als geplant-ausschweifende Einleitung. Denn die Folge selbst gibt gar nicht so viel her…

„Leute! Greift auf keinen Fall ein, egal was ihr an Grausamkeiten… Oh, da weint jemand. Geronimooo!“ – Freifahrtschein für den Freischwimmer: Leider kann ich euch hier nicht die Leiche zeigen, die der Doctor aus dem See gezogen hat. Denn um Kinder, Klugscheißer und Chris Chibnall nicht zu erschrecken, entschied man sich, alle Grausamkeiten nur so zu zeigen, dass sie – in der Fachsprache der Filmemacher gesprochen – wie „schlecht gefilmt“ aussehen.

Ansonsten ist alles so wie gehabt:

– Böse Nebenfiguren glauben nach wenigen Sekunden, dass Doc & Co. auf ihrer Seite sind. Denn dank des „Psychic Paper“ muss man sich hier nicht mit glaubwürdigem Verstellen belasten. Ja, man könnte auch blödelnd aus einer übergroßen Clownskanone steigen, ohne seine Glaubwürdigkeit einzubüßen. Man hatte ja schließlich einen Ausweis dabei…

– König Dingsbums verhält sich exakt wie Brisko Schneider (für 2 Nanosekunden immer ein Megalacher), findet gleichberechtigte Frauen extremst putzig, raunt auch gerne mal überdeutlich, dass er „alle umbringen“ möchte (wurde ja vorher nur zig mal GESAGT) und ist auch sonst für jedes Folter-Klischee zu haben („Guck mal, was für schöne Fleischpiekser! Hihihihahahaha!“). Ich hätte sogar fast meinen Fernseher umgeworfen, weil ich das Gerät kurzzeitig für ein Kinderbuch hielt, das man umblättern muss.

– Die Companions freunden sich innerhalb weniger Sekunden mit irgendwelchen Doo… Dörflern an, die dann mit kugelrunden Rehaugen nach Hilfe verlangen. Denn auch bei den Neben-Nebenrollen gibt es Klischees, soweit das Augen-Aua reicht: Die Guten fuchteln schüchtern mit Sense und anderen Hipster-Rasenmähern herum, während die Mächtigen mit Gaga-Blick über ihr Leben bestimmen. Mal dagegen aufbegehren? – Doch nicht ohne die Doctorin!

– Schon wieder haben Monster alles ausgelöst. Somit wirken die Hexenjagden dann auch nur noch halb so irre, nachdem man uns erstmals die Schlammtentakeln im Acker präsentiert hat. Klar, ohne Ungeheuer wäre die Episode noch öder, hätte aber als konsequent durchgehen können. Und überhaupt: Wie soll ich im Doctor-Who-Gymnasium brav etwas über die fiesen Männ… äh… Menschen lernen, wenn ich ständig von meinem Sitznachbarn (einem Alien mit Stimmverzerrer) vom Unterricht abgelenkt werde?

„Da! Diese Wesen! Sie wollen uns etwas überaus Wichtiges mitteilen! Lasst sie einfach mal machen, Leute… Aaah! Was?! Sie schieben mir meinen Screwdriver qu-quer durch die O-Ohren?!“ – Die Monster aus der Kaffeekasse: Für diese Wesen brauchte man nur ein paar Nachthemden, etwas Dreck überaus viel Gottvertrauen der Serienproduzenten.

– Die Art der Dialogführung lässt mich glauben, dass der leibhaftige Satan in die Autoren gefahren ist: Der König enthüllt gegenüber eines schwarzen, anorakbekleideten Fremden seine düstersten Kindheits-Traumata, während Companion-Opa die ganze Zeit das Konzept von Satan verneint. Und das als angeblicher Hexenjäger, wohlgemerkt! Das alles gipfelt in mehreren, viel zu langen, viel zu schlecht gefilmten Dialogszenen, in denen sich alle im Wald anmotzen („Du bist eine Hexe!“ – „Nein, ich will nur helfen!“ – „Doch Hexe!“ – „Nein, helfen!“).

– Die fremden Wesen werden teilweise missverstanden. Man muss nur wild mit den Armen wedeln, sie provozieren, mit einer Flasche ködern und aggressiv zuquatschen. Aber Achtung! Das darf nur der Doctor! Wenn jemand anders sie auch nur schief ansieht, gibt es tödliche Strahlen-Haue!

– Erstaunlicherweise bemerkt König Dingsbums (will nicht nachschauen, um mir die historische Figur nicht zu zerstören) irgendwann, dass der Doctor mit einem surrenden Screwdriver rumwirbelt, fesselt sie an einen Baum und quatscht erst mal, statt ordentlich los zu foltern. Auch hier dürfen spontane Erziehungsversuche des Doctors („Du sein fieser Mann!“) und die verzweifelten Antworten des Monarchen („Schluchz! Du hast meine Mutter erwähnt!“) nicht fehlen.

– Der Doctor wird für eine Hexe gehalten und soll der tödlichen Wasserprüfung unterzogen werden. Sie entkommt der Prüfung aber, weil sie Ketten unter Wasser aufmachen(!) und die Luft anhalten(!) kann! – Und danach gleich weiter auf alle Beteiligten einreden… („Ihr böse Leute, ich gute Frau, Hexen totmachen nix gut, haut-mir-aufs-Maul,-ich-kann-nicht aufhören!“) – Ich nehme dann bitte 10 Actionfiguren, Herr BBC! Nein, nicht zum Mitnehmen, die bete ich gleich hier an.

– Ab hier wird abermals ein wenig rumgequäkt („Sie ist immer noch eine Hexe!“ – „Nö, immer noch Schmarrn!“) und Aliens verjagt, aber ich kann ja jetzt nicht ALLE Kritikpunkte aufzählen. Oder, um es im Duktus dieser Episode zu sagen: „Du kannst sehr wohl alles aufschreiben, Klapo!“ – „Nööö, kann ich nicht!“ – „Doch!“ – „Mitnichten!“ – „Beweise es!“ – „Keinen Bock!“ – „Hast sehr wohl Bock!“ (Etc., Etc…)

„Huibuuuh, hier kommt das Schiss… Schlossgespenst! Wir haben Jahrtausende auf euch gewartet, weil… weil… eh nichts in der Glotze kommt. Äh… Wo waren wir stehen geblieben? Im Ernst, wo ist unsere Boden-Markierung?“ – Schlam(m)pig gemacht: Wer im Jahr 2018 noch glaubt, dass ein paar Monstermasken uns gruseln, der hat mich noch nicht in Todesangst vor einem Chris-Chibnall-Drehbuch weglaufen sehen.

Zu erwähnen wäre da nur noch das extrem übertriebene Schauspiel der Darsteller, das manipulative Musik-Geschräbbel („Wer jetzt nicht doll berührt ist, muss ohne 12. Staffel ins Bettchen!“) oder die erschreckend billig aussehenden Kameraperspektiven („Kamera schief in Wald – macht Kult uns mächtig bald“). Aber darauf kommt es am Ende auch nicht mehr an.


Fazit: Mit dieser Folge hat die aktuelle Staffel dann auch leider ihren T(r)iefpunkt gefunden. So wie die Matsche-Aliens hier unmotiviert durch die Handlung stapfen, so wandelt 45 Minuten die komplette Dramaturgie durch das Tal der Untoten. Und in all dem hockt der Doctor, maßregelt alle wie kleine Kinder und kassiert auch nach Minuten des Dampfplauderns keine Schelle, keine Kopfnuss und kein wütendes Anbrüllen.

Denn alle Gegner wissen bereits, dass sie verloren haben, wenn der Screwdriver blitzt und der fremde Zeigefinger unter der eigenen Nase rumwedelt. Denn dann ist sich niemand mehr sicher, dass er seine eigenen Popel behalten darf. Da hilft auch kein schwules Getue und kein „Häääxxxäää“-Gebrülle im Sekundentakt.

Doch sie alle halten trotzdem durch. Die Show muss weitergehen. Bis zur Absetzung. Und noch viel weiter.

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Artikel

von Klapowski am 26.11.18 in Serienkritik

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Kommentare (3)

  1. Serienfan sagt:

    Ich, der ich nur die (noch erhaltenen) Folgen der ersten fünf Classic-Doctoren kenne, stelle hiermit fest: Endlich kehrt „Doctor Who“ zu seinen Wurzeln zurück und widmet sich schwierigen, philosophischen Fragen, an denen sich schon die höchsten Geister der Weltgeschichte die Zähne ausgebissen haben.

    Es sind noch heute schwer umstrittene Fragen wie: Ist Rassismus vielleicht doch irgendwie falsch? War die Hexenverfolgung vielleicht ein unlogischer Irrweg?

    Gut, die Folge verschweigt, dass durchaus auch Männer dem Hexenwahn zum Opfer fielen, und dass es daher sehr wohl auch die männlichen Begleiter des Doctors hätte erwischen können. Aber natürlich muss die Episode hier ein wenig die Fakten zurechtbiegen, damit die eigentliche, tiefere Wahrheit ans Licht treten kann: Nämlich die, dass alle Probleme der Welt von toxischen, weißen Männern verursacht wurden und werden. Natürlich mit Unterstützung fieser Außerirdischer, denn weiße Männer würden ja alleine noch nicht einmal einen frauenfeindlichen Witz zustande bringen.

    Hätte man mit Episoden wie diesen schon vor Jahrzehnten den Menschen die Augen geöffnet, Andrea Nahles hätte sich nicht beim wiederholten Stoßen an die gläserne Decke dauerhafte Gehirnschäden zugezogen, sondern würde längst mit Hillary Clinton den Weltfrieden und den gestoppten Klimawandel feiern.

    Aber vielleicht helfen Serien wie „Doctor Who“ endlich, die Wahrheit aufzudecken. Und die ist: Wenn wir weißen Männern nicht endlich das Wahlrecht entziehen, haben wir auch in Zukunft Rassismus, Hexenjagden und Trump als Präsident.

    Also Klapowski: Löse dich von dem Gedanken an männlich dominierte Action-Figuren, und öffne Dein Herz für das hier:

    https://barbie.mattel.com/shop/en-us/ba/pop-culture-movies/doctor-who-barbie-doll-fxc83

    Die Geschicke der Welt hängen davon ab.

  2. Re-Saulus sagt:

    Ich nehme dann bitte 10 Actionfiguren, Herr BBC! Nein, nicht zum Mitnehmen, die bete ich gleich hier an.

    Danke Klapo für diesen Satz.
    WE gerettet.

    @Serienfan:
    Wenn jetzt schon der Sarkasmus aus den Antworten raustropft, was
    soll ich dann zuerst lesen?
    Huhn oder Ei?

    • Serienfan sagt:

      Erst liest man das Ei, dann das Huhn! ;)

      Was soll man auch machen, wenn Film- und Serienunterhaltung heute eigentlich nur noch zum Sarkasmus einläft? Einfach auf Sarkasmus verzichten? Dann explodiert am Ende noch mein Kopf!

      Ich vermisse sowas wie die Hunger-Games. Da reichte es völlig, wenn Klapo einfach nur den Inhalt wiederholte, und Lachkrämpfe waren garantiert.

      Was waren das für grandiose Zeiten, als der Doctor noch Sätze wie „zählst du auch immer die toten Babys von Gallifrey vor dem Einschlafen?“ von sich gab, während eine zugekokste Rose (schlecht) einen Papagei imitierte und ab und zu „Böser Wolf“ sagte. Moffat hat wenigstens noch auf die Kacke gehauen und dafür Zukunftia reichlich mit Stoff versorgt.

      Jetzt hat sich irgendwie auch das Blöde dem spießbürgerlichen Mainstream angepasst. Und mehr als Sarkasmus fällt einem dazu halt auch nicht mehr ein.

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