Film- und Serienkritiken

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„Spuk in Hill House“ – Die Gastkritik zur untoten Netflix-Serie

Ein Gastartikel von Schildhilde (mit ein bisschen Klapo) – Netflix und ich, das passt oft nicht. Denn monatelang belastet der Account ohne Gegenleistung mein Kreditkarten-Konto, obwohl jede Finanzwirtschaft-Vorlesung spannender ist als das derzeitige Programm. Nach „Better call Saul“ kannst du den Dienst ja löschen – dachte ich. Doch dann tauchte mein Thema auf, passend zum Oktober. Ja, diesen Monat durchziehen wahrlich denkwürdige Ereignisse: Zeitumstellung, Halloween, Klapowski betritt das Überreife-Stadium (er wird 40) und HILLHOUSE wird neu aufgelegt.

Ein Schildhilde-Artikel
Mit Überarbeitungen und Bildunterschriften von Klapowski


SCHILDHILDES MEINUNGSPANZER
DAS nenne ich mal ein ill House!

Wird The Haunting of Hillhouse genauso GROSSARTIG (ein Wort, das auf dieser Webseite verpönt ist), wie ich es mir ausmale? Denn die 2018er-Serie zieht ab jetzt 10 Episoden lang über den Schirm – und ja, ich hinterlasse auch am Ende meinen Eindruck dazu. Doch zuvor sei gewarnt:

„Hoho, haha, nehmt Euch in Acht, der Nib’lungen nächtiges Herr naht‘ in Form von Nostalgie-Alarm!“

Denn lange bevor Netflix sich an dem großen Namen versuchte, gab es bereits diverse Ableger, mit dem sich das jüngste Werk zuerst einmal messen muss…


Film (der erste)

Irgendwann in den 80ern sah ich den alten Film namens „Bis das Blut gefriert“ (1963). Ja, genau, dieser Schwarz-Weiß-Streifen mit Julie Harries und Claire Bloom. Und als erste Umsetzung des Hillhouse-Romans prägte er damals massiv meinen Geschmack für Horror-Filme.

Man nehme ein wirklich großes Haus, am besten sogar ein Schloss. Dort verstecke man dann Gespenster, die man auch versteckt lässt – und fertig! Denn ich hasse es, wenn man den Geist aka den Schrecken überhaupt gezeigt bekommt. Es gilt: Sehen = nicht gruselig. CGI-Geist = nicht gruselig. CGI-was-auch-immer-Monster = nicht gruselig. Genau daran krankt derzeit der neue Scheiß.

Hier ist‘s viel tödlicher als in Terence Hills House: Wenn Captain Kirks Synchronstimme einem erklärt, warum ein Gemäuer von „Tragik und Düsternis umwittert“ ist, kommt man nicht umhin, es mit einem abgewandelten McCoy-Zitat auszudrücken: „Er (der Spuk) ist nicht tot, Jim!“

Hillhouse (1963) hat all das Moderne nicht. Keine Computereffekte, nicht mal HD und nur Mono-Sound, doch der Streifen ist besser gealtert als TOS. Warum? Weil z.B. die „Wer hat meine Hand gehalten?“-Szene viel glaubwürdiger ist als visualisierte Geister-Fressen. Das Klopfen und Pochen in den alten Gemäuern ist hier generell GROSSARTIG. Dieser alte Film führt somit meine kleine Liste an. Hier fehlt es einfach an nichts. Bis auf einen längeren Abspann und Charakterzeichnungen, die nicht wie vor 100 Jahren wirken. Da vergebe ich glatt:

4 von 5 Punkten


Hillhouse als Audio und Game

Auch das Hörspiel „Spuk in Hillhouse“ (2005, Titania Medien) ist GROSSARTIG.

Und das Adventure „Black Mirror“ (Teil 1 aus 2004) steht dem in kaum etwas nach. Streng genommen hat hier aber eigentlich „nur“ die hillhousereske Stimmung mit dem Urthema Gemeinsamkeiten.

„Ich nehme mal lieber die Pillen, bevor ich Kopfweh bekomme. Oh, ist das ein Tablett aus Haselnussbaum-Holz?“ – Das Tempo ist in einem Point-and-Click-Adventure natürlich anders als in einem Film aus den 60ern (Äh… schneller?). In jedem Fall verströmt auch das Spiel die bedrückende Stimmung eines Hauses, in dem sich einst erschreckende Alpträume (= Oma als Innenarchitektin?) abspielten…

Beiden Medien verkörpern mein Hillhouse, wie ich es mir vorstelle. Und mit David Nathan als Sprecher sind sowohl Hörspiel wie auch das Game hervorragend besetzt.

Auch hier:

4 von 5 Punkten


Das Hillhouse-Buch

Die Romanvorlage ist von Shirley Jackson und wurde 1959 erschaffen. Zugegeben, ich selbst las es nie, da ich fürchte, dass der Roman schlecht gealtert ist. Der wahre Grund ist aber folgender: Mein Exfreund schrieb eine Widmung rein – und damit verdarb er mir Hillhouse als Buch. Ich sollte mir wohl eine neue Ausgabe schenken lassen und damit mein Bücherregal entdämonisieren.

Ein Buch, das man bestimmt heute noch empfehlen könnte – wenn man es kennen würde. Und in den 60ern lebte.


Film Nummer 2

In den 90ern gab es dann ein Machwerk, das ich recht fremdschämig fand. Das Geisterschloss (1999) verkorkste damals alles, das sich anbot, um einen Horrorfilm überhaupt gruselig zu machen. Bis auf die bekannten Gesichter – Catherine Zeta Jones, Liam Neeson und natürlich der heimliche Star, das Haus – gibt dieser Schmalzriegel nichts her. Es ist lange her, dass ich ihn sah, doch die grottigen CGI-Effekte mit den dämlichen „verlorenen Seelen“ brannten sich wie harte Rotze in mir ein („DIE KINDER, oh Eleanor, denk an DIE KINDER.“).

Hier spricht Klapowski: Ich habe diesen Schinken damals sogar im Kino gesehen. Keine Ahnung warum. Vermutlich die Augen nicht doll genug zugedrückt? – Das manipulative Kindergeplärre („Bääh! Ich bin tot, schlecht erzogen und muss dir daher Angst machen!“) und die eher seltsamen Computereffekte („Guck mal, ich bin ein lebendiges Haus und jedes Fenster ist daher eine Auge!“) sind mir eher filmhistorisch als gruselig im Kopf geblieben.


And Last und definitely least:

Netflix-Serie „Spuk in Hillhouse (2018)

Nun startet also die Serie auf Netflix, nämlich „Spuk in Hillhouse“ (2018). Tatsächlich ließ sich die erste Folge recht stimmig ansehen. Das ursprüngliche Thema wird zwar abgewandelt, aber das ist grundsätzlich auch legitim.

Die Serie ist zudem mit einigen Insidern garniert, z.B. bei der Verwendung der Namen oder bei Details, wie dass eine der Figuren The Lottery liest (Shirley Jacksons berühmtestes Werk vor Hillhouse). Das alles sind nette Reminiszenzen. Vorweg: Ihr solltet Rückblicke mögen, denn auf diesen Szenen ist die Verfilmung aufgebaut. Wer das hasst, für den gilt schon jetzt: Finger weg!

Der erste Dämpfer folgte schon Ende der ersten Folge: Eine auftauchende Geister-Fresse zeigte sich dort länger als notwendig. Ich verdrängte es. Doch später ging die Misere weiter: „Nelly ist im roten Zimmer“ keuchten die Geschwister Crain klischeehafter als notwendig. – Ja, spätestens ab jetzt bahnte sich ein endgültiger Qualitätsverlust an.

„Oh, mein kleines Pups-Prinzesschen. Wenn du nicht ganz, gaaanz doll stark an uns geglaubt hättest, hätte ich die schlechten Heroin-Nadeln aus dem Penny gekauft. Danke, meine Schöne!“ – Da bekommen sogar Geister feuchte Protoplasma-Augen: Die Dialoge sind so platt wie ein Writing-Gespenst aus der 2. Dimension. Nur gut, das die kitschige Popmusik dafür sorgt, dass man sich stets zehn Zimmer weiter (im Nachbarhaus) vor den Untoten versteckt.

Doch zuvor naht noch einen Absatz voll des Lobes! So ist das Hillhouse-Haus wirklich schön in Szene gesetzt. Die Soundkulisse ist zudem nicht nervig, wenn auch nicht herausragend. Viele der Eindrücke, wie z.B. die Einbalsamierungsszene, sind recht stimmungsvoll. Lieber sehe ich, wie ein Beutel Organe aus dem Thorax gezogen wird, als heulenden Weibern zuzuschauen („DIE KINDER, Eleanor!“). Später, in der Beerdigungsfolge, gibt es dann auch noch eine wunderbar lange Kamerafahrt – ohne Schnitt! – die mir gut gefallen hat.

[Ab hier folgen Spoiler!] – Meine liebsten Szenen: Alles mit den kleinen Zwillingsgeschwistern. Der Junge mit seinen großen Augen hinter der Brille und den Pausbacken ist süß (Julian Hilliard) und Nelly ebenso (Violet McGraw). Generell sind alle Kinderdarsteller sehr passend besetzt. Und auch die Auflösung der Geschichte um die Frau „mit dem verbogenen Hals“ ist wirklich gut! Mein Highlight der ganzen Serie ist der Gehstock/Melonenhut-Geist. Die GROSSARTIGSTE Szene ist die, als Luke sich unter seinem Bett verkriecht und der Gehstockgeist das Zimmer betritt. Genau so funktioniert das in einer Gruselgeschichte!

Die für mich schlimmsten Szenen: Der Beerdigungs-Trulla (Elizabeth Reaser) grässlichster Dämon ist das … Fremdgehen?! Und die hellsichtige Theodora (Kathe Siegel) entpuppt sich als Muschi-Liebhaberin aka Lesbierin – und man ist seeehr überrascht und überaus verständnisvoll? – Aber wahrscheinlich muss ich dennoch dankbar sein, dass kein Transgender-Thema verarbeitet wurde.

Das Thema Sucht (Luke) darf auch nicht fehlen… Allzeit beliebt bei Stephen King. Auch hier wird es abermals als Zeichen der Reue und/oder Läuterung angeboten. Ja, sowas hängt mir wirklich zum Halse raus. Denn natürlich ist der MANN dem Heroin verfallen, nicht seine (durchaus süße) depressiv-irre gewordene Zwillingsschwester Eleanor (Victoria Pedretti). Die Frau darf also ruhig bekloppt sein, wenn der Mann dafür harte Drogen nimmt, aha. Zumindest ist man so den 1960er-Charakterzeichnungen näher, als man es erwartet hat.

„Du sollst nicht fühlen, wie ich mich gefühlt habe, als ich fühlte, dass ich nichts mehr fühlen konnte!“ – „Spielst du damit etwa auf meine Alkoholsucht an?“ – „Nur, wenn du zugibst, dass du Nelly vermisst hast, als du deine Kinder im Stich lassen musstest!“ – In den vierzig Badezimmern gibt es immer frische Soap: Zwischen zwei Geistererscheinungen ist immer noch der Platz für zwei Folgen „Reich und Schön“. Oder etwa für „Reich und Dröhn“, wegen der Drogenthematik?

Dann die Frau vom Schriftsteller: Schlimm. Ich möchte im Hillhouse-Universum nichts von intrauteriner Insemination (= künstlich Sperma in Mumu packen) hören. Warum das überhaupt ein Thema ist? – Nun, der Schriftsteller (Michiel Huisman) selber hat sich einer Vasektomie unterzogen, um aufgrund des vermeintlichen Familien-Fluchs keine Kinder in die Welt zu setzen. Im Finale sehen wir aber, wie seine Truda DOCH schwanger ist. Heiliger Mutterschutz, ganz ohne Kind geht es wohl nicht?

Eine weitere Frage hätte ich da noch: Warum ersetzte man den Vater (wirklich toll: Henry Thomas) später durch einen anderen „älteren“ Vater? (= Timothy Hutton) Nach den Ereignissen im Hillhouse sind doch nur 20+/- Jahre vergangen, und als Erwachsener verändert man sich doch nicht derart stark! Dafür ging die Mama (Carla Gugino) voll in Ordnung. Nicht in Ordnung ist, dass sie schon lange blutig triefte, bevor sie auf den Boden aufschlug.

Die Dudleys, das einst hübsch-verschrobene Hausmeister-Paar, wurde zudem für diese Verfilmung gezähmt. Sehr schlimm: Sie „durften“ im Hillhouse sterben. Mr. Duddly (schlecht geschminkt auf 90+) trägt seine Frau hierfür durch den Wald ins Haus, wo sie dann stirbt und noch ihre KINDER sieht? Und das gezeigte Strychnin-Mädchen war von Mrs. Dudley, die ihr Mädchen halt mysterienfördernd versteckt hielt? Was für ein Schmonzens… Von den toten Kätzchen als Tränendrüsen-Mittel fange ich jetzt gar nicht an.

Die Auflösung um das rote Zimmer ist einfach nur phantasielos schlecht. Nicht der Rede wert, ein reines Mittel zum Zweck und der laaangen Vorgeschichte nicht wert.

„Schatz, stell die laute Orchester-Musik an! Die Waschbären haben schon wieder eine Kinderleiche aus dem alten Brunnen gezogen!“ – Selten geistlos umgesetzt: Hier darf keine Klischeeszene fehlen, sonst kommt der Netflix-Buchmacher und zählt am Ende des Tages womöglich zu wenig „Quälitäts-Programm“.


Fazit: Die Serie wäre besser mit 4 Folgen gefahren. Als Gesamtwerk kann man sie sich trotzdem ansehen, denn bis zur Folge 6 ist sie nett gestaltet. Der Rest (die Drogengeschichte-Folge um Luke) bis zum Finale ist übelster Pathos und verdirbt viele gute Ansätze.

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Artikel

von Klapowski am 21.10.18 in All-Gemeines

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Kommentare (3)

  1. bergh sagt:

    Tach such,
    Muss man das jetzt gucken, oder nicht?

    Gruss BergH

    • Klapowski sagt:

      Gut, dass du fragst, weil es für manche Zuleser eventuell nicht ganz klar geworden ist:

      Die zwei Sterne am Ende des Artikels weisen diesmal auf Paragraph 2 des „Zukunftia-Guckzwang-Gesetzes“ hin. Absatz 2, um genau zu sein.

      Somit MUSS diese Serie unbedingt geschaut werden. Ein örtlich zuständiger Abfrag-Beauftragter wird sich daher die nächsten Tage bei dir melden – wegen deiner Inhaltsangabe.

      Okay, das kannst du natürlich umgehen, indem du zwei Jungfrauen opferst, aber wir wollen es ja nicht zuuu kompliziert machen.

  2. bergh60 sagt:

    tach auch nochmal,
    wo soll Ich denn in diesem Bundesland Jungfrauen herbekommen.
    Der Kindergarten hat Ferien. :lol:

    Gruss BergH

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