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„Doctor Strange And The Multiverse Of Madness“ – Kritik

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Die angekündigten „Mainstream-Review-Wochen“ musste ich Anfang Januar leider nach hinten verschieben. Beziehungsweise werde ich sie immer wieder mal mit monatelangen Pflicht-Artikeln („Picard, Staffel 4 endlich angekündigt!“) ausdünnen. Also alles so wie immer… Trotzdem schaffte ich es endlich, meinen „Pile of Lame“ zu sichten und diesen Marvel-Film nachzuholen. Als nächstes plane ich übrigens „Black Adam“ und „Thor 4“. Die Kündigung des Abos im hiesigen S/M-Club soll sich ja schließlich lohn… sinnvoll ersetzen lassen.


In irgendeinem Paralleluniversum bin ich bestimmt großer Dr. Strange-Fan geworden – und nicht nur selber total strange.

Eine Figur, die die Realität derartig manipulieren kann, bringt natürlich unendlich viele Möglichkeiten mit sich. Wobei das ja auch die Falle ist: Denn wenn man’s übertreibt, steht man irgendwann auf dem Streuselkuchenberg – in der Dimension der tanzenden Krankenpflegerinnen – und denkt sich kopfkratzend: „Hey, das wird doch eh nicht von der Krankenversicherung bezahlt?!“

Und weil normale Widersacher meist schnell erledigt sind (= Portal auf, Gegnerkopf durchschieben, Portal wieder zu), muss es in den Strange-Filmen natürlich IMMER einen multidimensionalen Laberfreak geben, der ebenfalls Hochhäuser auf links bügeln und Schweine zum Pfeifen bringen kann.

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Bei Physikern nennt man die Vielzahl an neu entdeckten Teilchen (und deren Interaktion) inzwischen „Teilchen-Zoo“. Bei Marvel-Helden füllt die Zahl an aus der Nase gezogenen Personen inzwischen ein ganzes Naturschutzgebiet – mit angeschlossener Sicherheitsverwahrung. Wobei ich gestehen muss, dass alle HIER gezeigten Poweruser trotzdem gut zusammenpassen. Liegt’s am gemeinsamen – bzw. abwesenden – Modegeschmack?

Und die Motivation für den „Bösen“ muss natürlich sitzen, sonst mutiert der Antagonisten-Anreiz schnell zum üblichen „Wenn ALLE tot sind, haben die Kinder in Zentraluniversums-Afrika mehr zu Essen“-Geblubber. Ein Argument, das ich beim hochgejodelten Thanos schon sehr lahm fand.

Und hier muss ich – trotz aller Schwächen des Filmes – sagen, dass ich die Grundidee in dieses Streifens durchaus gelungen fand: Eine mächtige Frau will einfach in dem Universum leben, in dem sie Kinder hat. Welche sie praktischerweise bereits in (Echt-)Visionen und (Echt-)Träumen kennengelernt hat. Die sind nämlich, wie wir hier lernen, nur die Netflix-Vorschau zu einem Universum, in dem es das Erträumte wirklich GIBT.

Das erspart dann viele erfolglose Versuche in der Reproduktionsmedizin, beziehungsweise bei der Kinderentführung auf dem Rummelplatz: Stattdessen einfach die Traumfamilie im Multiversum anklicken, den Körper der Mudder übernehmen – und für immer die schimmernde Wunderwelt aus Spülschwamm und Kindergeldantrag erleben!

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„Tag, Kinderchen! Ich bin eure neue Mutter aus dem Multiplex-Universum. Kennt ihr vielleicht ein Spiel, für das man rote Flüssigkeiten braaaucht?“ – Lieber Purpur-Hexe als braune Streifen in der Unterhose: Die Sehnsucht nach einer intakten Familie ist die stärkste Triebfeder dieser Story. Verstehe ich gut. Wie sehr würde ich mir wünschen, dass mich jemand in den Arm nimmt und etwas Nettes sagt?! Anderseits hätte ich meinen Kollegen Sparkiller nach 22 Jahren damit leider „durchgespielt“…

Wenn ihr das als Motivation für einen Universumswechsel lahm findet, stellt euch nur vor, ihr könntet in eine Parallelwelt mit Supermodels oder einer supertollen „Picard“-Serie (120 Folgen purer Kult!) wechseln! Somit fand ich die Prämisse, dass sich jeder Dimensionshexer mit genügend magischen Büchern einfach eine Traumwelt schaffen kann, schon sehr spannend. Zumal WIR das in der Realität ja auch so machen. Nur heißen die Hexer bei uns Jeff Bezos und Elon Musk. Und die bunten Hexenbücher heißen Dollarscheine – und die angepasste Dimension bleibt einfach die selbe.

Okay, am Anfang war das alles total hingehuscht und wirkte vom Marvel-Schülerpraktikanten mit der heißen Nadel zusammengelötet. Zumal eine weitere mächtige Nebenfigur so schnell reingeschrieben wird, dass ich überrascht war, wie selbstverständlich das Kind plötzlich neben Doctor Strange herlief. Aber klar, dieses Franchise nimmt sich keine Zeit mehr für ein schlumpfige Vorstellungsrunde.

Da ist ein neuer multi-trans-dimensionaler Charakter halt so selbstverständlich, als hätte man sich im Starbucks kennengelernt. („Kommen Sie häufiger durch diesen Dimensionswirbel, meine Dame?“ – „Ja. Aber nur wegen der guten Fahrstuhlmusik, mein Herr.“)

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„Schön, dass sie mein neuer Sidekick sind. Freunde?“ – „Sie gehen aber schnell ran, Fremder. Fuchteln sie doch wenigstens vorher mit obszönen Gesten in der Luft herum, bevor Sie das fragen.“ – Kennenlernen für Leute, die zu bequem für’s Tindern sind: Hier hätte ich mir etwas mehr Zeit erhofft. Und damit meine ich ausnahmsweise nicht die für’s Vorspulen!

Ein paar weitere Negativ- und Positivpunkte sind mir übrigens ebenfalls noch aufgefallen:

– Doctor Strange ist hier ein erstaunlich schwacher Charakter, der die Hälfte der Zeit gebändigt, müde gesülzt oder depressiv umgedichtet werden muss, damit er nicht zuuu viel reißen kann – und ich meine damit diese Art von Depression, bei der einem kurz die Milch über den Tisch schwappt.

– Dazu kommen einige seltsame Szenen, die wie Störfaktoren wirken: In einer kämpft er gegen sein Parallel-Ich, indem er aus Notenblättern(!) schwebende Noten beschwört, die auf den Gegner einhämmern.
Äh… Okaaaay…? Was kommt im nächsten Film (der dann von Ton & Jerry geschrieben wird)? Strange reibt seine Geldbörse und verprügelt den Gegner mit großen Dollar-Symbolen? Kennt Friedrich Merz diesen Trick schon?

– Auch die Sequenz, in der er sein verfaultes Zombie-Ich übernimmt, lässt mich rat- und saftlos zurück. Hier wollte man wohl inhaltlich dem Filmtitel („Madness“) entsprechen, erschafft am Ende aber nur die ultrasanfte Lovecraft-Version vom Tacka-Tucka-Land.

– Apropos tuckig… Können wir aufhören, ganze Dimensionen(!) nur als 2 Quadratkilometer große Strudel, Wetterphänomene und umgedrehte Sozialbauwohnung darzustellen? Wobei mich das nur am Rande störte, wenn ich an diese kurz gezeigte Zwischenwelt denke, die die Dimensionen trennt: Das hätte man durchaus als wahnsinnigen, unverstehbaren Ort darstellen können. Stattdessen sieht es aber wie eine Ponyhof-Reklame von Mattel aus den 90er-Jahren aus: Rosa Schwebe-Ruinen und Griechische Säulen in der Barbie-Edition.

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„Wieso versteckt man ein magisches Buch ausgerechnet in dieser Zwischenwelt?!“ – „Weil hier vorher 90 Billarden Tonnen Flamingofedern und Sahnebonbons gelagert wurden – dann wurde der Besitzer aber 6 Jahre alt und interessierte sich plötzlich für’s Lesen.“

– Besonders schade ist es aber, dass die Einzelteile der Handlung immer wieder mein Interesse weckten – das dann aber nicht befriedigt wurde.
Zum Beispiel die Frage danach, ob Strange getötet werden müsste, da er einfach zu mächtig ist. Diese wird einfach in einer Vision abgehakt. Ebenso wird die Frage, was „Einsamkeit“ für gottgleiche Graumelierte bedeutet, nur mit einem traurigen Blick beantwortet. WÄHREND einer Actionsequenz, um der es Backpfeifen-verteilende Notenschlüssel geht, wohlgemerkt!

– Wirklich stark ist aber jede Szene mit der Purple Witch. Die Schauspielerin schafft es, in jeder Szene verzweifelt, ernüchtert oder ermächtigt auszusehen. Tränen, hochlodernde Wut und unförmige Lidschatten-Feuchtgebiete inbegriffen. Und das, während Cumberbatch meist mit geschocktem Gesichtsausdruck was von „Ich war bei der Grundsteuererklärung auch recht unglücklich“ oder „Vielleicht bin ich wirklich eine Gefahr – für die Dramaturgie dieses Films“ flüstert.

– Eher neutral ließ mich das Wiedersehen mit Patrick Stewart als greiser Rollstuhl-Esoteriker Charles Xavier zurück. Dass er (und einige andere Superhelden) innerhalb weniger Minuten getötet werden, mag billig wirken, ist aber bei den sonst üblichen, stundenlangen Kämpfen mal was anderes. Hier wabert der schmutzige Knoblauch-Duft der Serie „The Boys“ kurz durch die Handlung.

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Einerseits mag dieses Bild etwas seltsam und künstlich aussehen. Andererseits spiegelt es exakt die Gefühle wieder, die Patrick Stewart bei der ersten Sichtung seiner „Picard“-Serie überkam. (Im Hintergrund sehen wir Alex Kurtzman auf der Suche nach weiteren 500-Dollar-Scheinen)


Fazit:

Auch wenn Teile dieses Films wie mit einem Zauberstab zusammengefügt wirken (= ein sehr kurzer Zauberstab, auf dem „Pritt-Stift“ steht), blitzen immer wieder mal eigensinnige Ideen auf, die der Publikumsmasse nicht gefallen haben, diesen Film aber etwas einprägsamer machen als z.B. „Spiderman und das multilaterale Multiversum der Retro-Manie“.

Handwerklich ist das alles sehr solide, auch wenn manche Szenen eher wie aus einer schlech… guten Xena-Folge wirken – zum Beispiel die zusammengebundenen(!) Geisterdämonen. In welchem Marvel-Film auch immer DIE nun wieder etabliert wurden?! („Ja, die sorgen dafür, dass es im Multiversum genug Engelsenergie für zaubernde Aliens mit linksdrehender Hutmode gibt. Da kannste jeden fragen!“)

Schade, dass Sam Raimi hier auch stilistisch nicht groß vom Marvel-Standard wegkam.

Ein bisschen mehr „Madness“ und Mut zur Krücke (= Erklärung, was manche Ideen psychologisch überhaupt bedeuten) und es wäre ein ganzer Stern MEHR drin gewesen!

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von Klapowski am 21.01.23 in Filmkritik

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Kommentare (7)

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  1. Bergh60 sagt:

    tach auch !

    Ich kann mich Deinen Argumenten anschließen. Auch wenn der Film optisch ein Burner war, war die Story so dünn wie der Stuhl eines Cholera- Kranken. (Sorry habe gestern einen Doku über Pasteur und Koch gesehen.)
    Viel zu wild, viel zuviel reingepackt und die Motivation von Scarlett O’Harra ähh Witch war auch an den roten Harren herbeigezogen.

    Und komischrweise überzeugte mich Benedict Cumberbatch auch nicht,
    er war eher schwach in dem Film. Da hat er schon wesentlich Besseres abgeliefert.

    Gruß BergH

  2. Mike Matrix sagt:

    TL;DR?

    Das war Wandavision – The Movie
    feat. müden Doctor Strange(love) :/
    feat. 2 Minuten unfähiger, aber diverser Illuminati Group :(
    Prädikat: extrem unwertvoll!

  3. Ferox21 sagt:

    Gutes Review, dass man so unterschreiben kann.

    Dr. Strange und des Wahnsinns fette Beute ist ein mäßiger Streifen, den man einmal gut wegkonsumieren kann, der aber auch nicht groß in Erinnerung bleibt.

    Bis vielleicht darauf, dass man die Charakterentwicklung von Frau Rothe-Hexe aus der Serie Wandavision hier komplett zunichte macht und sie noch einmal exakt die selbe Erkenntnis gewinnen lässt wie in besagter Serie.

    • G.G.Hoffmann sagt:

      Mir ist noch kein Marvel-Film groß in Erinnerung geblieben. Ich könnte, außer vielleicht die 1. Phase des MCU (Iron Man, The Avengers, Captain America, etc.), keinen auch nur ansatzweise inhaltlich wiedergegeben. Das ist alles so klebrig, lieblos und bunt, so oberflächlich und vorhersehbar, so unlustig und unspannend, so abgedroschen und langweilig, dass mich nach 15 Jahren Dauerberieselung die immer noch sehr guten Einspielergebnisse an den Kinokassen etwas ratlos zurücklassen.

      Alle früheren Hypes (Western, Tanzfilme, SciFi, Katastrophenfilme, etc.) gingen ja irgendwann auch mal wieder zuende. Aber mit dieser Form von Superheldenfilmen werden wir jetzt schon sein X-Men (2000) beglückt.

      Antworten
    • Kazairl sagt:

      Die gesamte jüngste Phase von Marvel war ein lieblos hingerotzter Mist, unzusammenhängend, nur des Contents wegen, was mir am ehesten noch von Marvel in Erinnerung geblieben ist in den letzten Jahren waren die beiden Guardians of the Galaxy Filme, der Rest des MCU war mir immer zu fad.

      Antworten
  4. Bergh60 sagt:

    Hört , hört.
    Wobei der eine, oder andere Film mir gefallen hat.
    (Die meisten wurden oben schon erwähnt.)

    Ich warte immer noch auf einen Erguss, oder Schwall Erbrochenes zu Bölack Adam.

    Wie kann man so einen unlustigen Scheiss produzieren.
    Ein gefundenens Fressen für Satyhre. :-)

    Gruss BergH

    • Kazairl sagt:

      Ich befürworte einen Black Adam Verriss. Selten so einen Dreck gesehen. The Rock kann keinen Anti-Helden verkörpern. In den Comics vielschichtig, verkommt Film Black Adam zur eindimensionalen Figur.

      Antworten

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