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„Everything Everywhere All At Once“ – Eine Kritik unter Tausenden

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Dieser Film über eine überforderte Wäschereibesitzerin, die auf dem Finanzamt zur Kämpferin des Multiversums wird, hat für Aufsehen gesorgt. Und das nicht nur deshalb, weil Michelle Yeoh endlich einen Charakter spielt, dessen Schreibweise ich nicht einmal die Woche googeln muss („Phillippha Goeurgiuo, oder so ähnlich?“). Nein, viele sahen hierin den besten Multiversumsfilm aller Zeiten. Und zwar in einem Universum, in dem alle anderen Filme… äh… von Ameisen gedreht werden?


Wer das Werk NICHT kennt, möge statt meiner Inhaltszusammenfassung lieber diesen Trailer anschauen.

Sonst werden meine Finger durch all das Tippen zu angekokelten Bratwürsten.

Endlich gibt es im Multiversum eine Chance auf einen Multivitaminsaft: Dieser Film mixt viele Stilmittel. Zwischen 11,7% und 47,9% passen dabei sogar auf EUREN Geschmack. – Kunst?

Ja, es stimmt schon. Man kann sich total TOLL fühlen, wenn man diesen Film sieht.

Elitär. Als Durchblicker. Als popkultureller Feinschmecker. Als genialer Versteher von Paralleluniversen, der Oma und Opa ins Gesicht lacht: „Haha! Ich habe vor 15 Jahren ‚Das Universum in der Nussschale‘ gelesen und danach noch 10 Marvel-Filme geschaut!“

Und daher verstehe ich auch total, dass mir von mehreren Personen begeistert von diesem filmischen ADHS-Spätwerk vorgeschwärmt wurde. Es sei genial, wie man emotionale Themen („Was ist Liebe? Und warum sind da Holzspäne auf meiner Zuckerwatte?“) zusammen mit tiefgreifenden Erkenntnissen anpacke („Wenn ich eine Quittung anders beim Finanzamt einreiche, bekomme ich statt Streifen an der Uniform eine gestreifte Gefängnisuniform!“)…

All diese Themen seien doch wahnsinnig gut verwoben. Und wer das nicht sehe, habe Wurstfinger und eine lesbischen Lohnsteuerverein.

Und genau so ist es auch: Dieser Film ist wie eine Wundertüte. Und weil man so viel reinpackt, knallt auch das eine oder andere auf den Tisch, das einem gefällt. Ob Kampfsport, Kant, Klaviersolo oder Komödienklamauk… Irgendwas wird schon zünden, wenn man nur genug Schießbudenfigur… Schießpulver dran klatscht.

Zugegeben, das Prinzip „Alles kann, alles MUSS“ ist von den Machern ziemlich clever, andererseits aber auch ein bisschen … feige?

, „Everything Everywhere All At Once“ – Eine Kritik unter Tausenden

„Ich weiß, unsere Hände sehen lustig aus. Aber warte mal ab, bis wir den Gag ‚Ketchup statt Blut‘ bringen!“ – Humor zum Fremdschä… Fremdlachen: natürlich ist dieser Film nicht beliebig. Man kann ihn auf viele Arten deuten. Am Bahnhof forscht man auch bereits an den psychoaktiven Substanzen dafür.

Klar, es geht darum, dass eine emotional verwahrloste Teenagerin zu einem Schreckgespenst im Multiversum wird – um nur eine der 16 Prämissen des Films aufzugreifen. Was ungefähr so tiefgründig ist wie ein beliebiges anderes Thema aus der BRAVO. („Kann es sein, dass ich vom Schwangerwerden plötzlich küssen muss?“)

Zumal man sich hier auch alle paar Sekunden um etwas anders kümmern muss: Warum entwickelten die Affen in der „Odyssee im Weltraum“-Hommage ihre Hot Dog-Würstchenfinger? Und kann eine bierbäuchige Sachbearbeiterin wirklich Martial Arts, wenn man einfach das Universum wechselt? – Klar, der Film soll Spaß machen und dabei auch noch Minibotschaften mitgeben, aber bei mir sorgte das nach einer Stunde eher für Ermüdungserscheinungen. Da war irgendwann bei mir mehr Martial Fart statt Martial Art angesagt.

Dass da kosmische Energien in einem Donat gespeichert werden, man Lippenstifte essen muss oder der Ehemann der Hauptfigur zehn Wandlungen/Leben durchmacht, ist ja alles hoch unterhaltsam, aber hätten dafür nicht auch ein paar TikTok-Videos gereicht?

Dass kleinste Entscheidungen ein neues Universum aufmachen, ahnen wir ja jeden Tag, wenn wir unserem fiesen Chef NICHT die Zähne raustreten, um nicht aus der Lebensarbeitszeit-Lohnfortzahlung herauszufallen…

, „Everything Everywhere All At Once“ – Eine Kritik unter Tausenden

„Ich kann nun endlich kämpfen! Das wird alle philosophischen Probleme lösen!“ – „Oh, seht mal! Richard David Precht hat sich endlich zur Frau umwandeln lassen.“ – Hand(kanten)schlag für den Tiefsinn: Jede Welt steht für eine eigene Denkrichtung. Bei manchen muss man vorher halt die Gehirnerschütterung auskurieren.

Und dass wir unsere große Liebe nur deswegen kennengelernt haben, weil wir damals an der Uni in den Papierkorb gekotzt haben (statt beim Bankberater Tango zu tanzen), ist jedem normalen Menschen wohl klar.

HIER wird die Vielfältigkeit des Universums aber derartig überspitzt und parodiert, dass am Ende nicht mehr viel übrigbleibt, was mich interessiert.

Wie soll man denn noch den Finanzamt-Ärger ernst nehmen, wenn bewaffnete Multiversum-Schergen uns die Scheiße aus dem Leib prügeln? Und ob die Hauptfigur ihren Mann nun liebt oder hasst, ist jetzt weniger auf eine tiefgründige Autorenentscheidung zurückzuführen, sondern nur auf eine (gewollt) clevere Dimensions-Ausfahrt. Die Liebe entsteht z.B. dadurch, dass man keine Opernkarriere anstrebt, sondern Amtlicher Bleistiftanspitzer in der Wurstfabrik wird. Ist doch logisch?

Loben muss ich aber, wie viel Mühe man sich bei all den Übergängen und Schrägheiten gegeben hat. Und der Riesendildo, mit dem die Bösewichte verdroschen werden, hat auch oft eine schöne Form, wann immer er zwischen mehreren Schwabbelzuständen wechselt.

Also so wie die ganze Dramaturgie dieses Films?

, „Everything Everywhere All At Once“ – Eine Kritik unter Tausenden

„Schaut, was da noch auf uns wartet! Es ist grauenvoll, erschreckend, überfordernd!“ – „Ja, wer hätte mit einer weiteren Stunde an Film gerechnet?!“ – So viele Welten, so wenig Drogen-Therapieplätze: Ich will den Film nicht schlecht machen. In 192.029.456 Universen ist er schließlich sogar ein zeitloser Klassiker geworden.


Fazit:

Wenn man mit Spatzen auf Kanonen schießt, sieht das – zugegeben – natürlich total urig und witzig aus. Aber viel bleibt langfristig nicht hängen.

Nach vier Anläufen konnte ich den Film endlich zu Ende schauen und bin etwas verwundert, wie sehr sich Leute begeistern lassen, wenn man nur etwas mit der Multiversums-Karotte rumwedelt. Gewürzt mit ein paar Asia-Kämpfen der Schulnote „3 Plus“.

Ja, als popkulturell Interessierter sollte man ihn durchaus mal gesehen haben. Alleine schon, um sich gedanklich bereits auf das Metaverse einzuspielen, wo King Kong höchstpersönlich uns die neueste Eigenkapital-Exceltabelle vorlegen wird.

Noch mal gucken werde ich dies aber nicht. Höchstens Ausschnitte, um mir ein paar GIFs oder Memes zu basteln. Ich weiß auch schon, welches Publikum das in 15 Jahren mögen wird!

(*Mit Powerpoint-Präsentation zum Altersheim lauf*)

ACTION
HUMOR
TIEFSINN
ALLES IN ALLEM

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Artikel

von Klapowski am 11.11.22 in Filmkritik

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Kommentare (7)

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  1. Equi000 sagt:

    Nach diesem aus meiner Sicht leicht irrsinnig/irrwitzigen Handlungsfetzen im Film ist meine Interpretation, dass es hier nicht um ein Multiversum oder sonstige im weitesten Sinne „SF-artigen“ Dinge geht, sondern schlicht um einen schizophrenen (Drogen?) Trip mit Nervenzusammenbruch der Hauptprotagonistin. Dafür spricht auch, dass ausgerechnet die eigene Tochter die Bösewichtin in allen Multiversen ist.

    Das Ganze ist also mE nichts anderes als die Aufarbeitung eines Mutter-Tochter Konflikts… selbstverständlich mit lesbischer Einlage. Was anderes kann man heute in Filmen selbstverständlich nicht mehr zeigen. Wo käme man da hin, wenn einfach Männlein und Weiblein zusammen wären?

    Ich tu mich mit einer Bewertung schwer, tendiere aber auf einer IMDB Skala auch eher nur zur 5, weil die wenigen wirklich guten, lustigen, gelungen-einfallsreichen Szenen, doch von viel hektischem Füllmaterial und zT einfach völlig abstrusen und peinlichen Szenen überschattet werden.

    Kann man gesehen haben, muss man nicht gesehen haben.

  2. Statrick Pewart sagt:

    Also die Szene mit den Steinen fand ich lustig.

  3. verwirrter Gast sagt:

    Boah! Wat’n langer Name und dann auch noch so’n halber Zungenbrecher!
    Beschreiben würde ich das Ganze wohl als: Eine ziemlich abgedrehte Asia-Tragikomödie, die mich die ganze Zeit irgendwie stark an „Parasite“ erinnerte, nur halt noch abgedrehter … Und deswegen hab ich den Film dann auch nach 20 oder 30 Minuten ausgemacht. Konnte mich einfach nicht überzeugen.
    … Um es mal kurz auf den Punkt zu bringen.

    Seltsam finde ich nur die überschwenglichen Kritiken, die der Film anscheinend überall bekommen hat. (Ebenso auch bei „Parasite“ konnte ich das schon nicht so wirklich nachvollziehen.)
    Ich glaube das Hauptproblem war (auch hier wieder), dass die Protagonisten mir einfach so ganz und gar nicht sympathisch waren. Michelle Yeohs Rolle ist hier einfach zu durchtrieben und kaltschnäuzig. Das mag super realistisch sein – so sind Menschen nun mal. Beisst sich dann aber wieder ordentlich mit der überdrehten Komik – oder besser gesagt überdrehten, gewollten Komik.
    Also z.B. am Anfang, beim Finanzamt, als ihre „lustig-kreativen“ Steuer-Absetzungsmöglichkeiten einfach von der bösen, hässlichen Sachbearbeiterin abgelehnt wurden … Also naja, da hielt sich mein Mitleid doch eher in sehr engen Grenzen …

    Was das Genre Tragikomödien betrifft, will ich dann hier immerhin gleich mal loswerden – wenn wir schon beim Thema sind -, dass ich „Helden der Wahrscheinlichkeit“ von Anders Thomas Jensen („Adams Äpfel“) richtig klasse fand. Den kann ich hingegen wirklich rundum empfehlen. *Drei Daumen hoch!*

  4. Nummer 6 sagt:

    Danke Klappo, ich wäre schier verzweifelt, wenn auch Du diesen Unfug gelobt hättest.
    Ich kann mir die allgemeine Begeisterung nur mit dem „Des Kaisers neue Kleider“-Effekt erklären. Keiner traut sich zu einem Verriß, weil selbst die Profis nicht sicher sind, ob sie da vielleicht eine besonders clever verschlüsselte Botschaft übersehen haben könnten…

  5. Michel sagt:

    Sooo schlimm war der Film nicht, ganz im Gegenteil, zumindest, was den Kern der Handlung und alle Einfälle zu den alternativen Zeitlinien angeht. Leider ist er ermüdend lang. Eingedampft auf 85 Minuten oder so wäre das sicher eine runde Sache gewesen.

    Wie man so eine abgefahrene SF-Idee richtig umsetzen kann, zeigt „Beyond the Infinite 2 Minutes“. Das kurze Filmchen holt alles aus seiner Laufzeit raus und weiß, wann man aufhören muss (man sollte dabei aber wohlwollend über asiatisches Overacting hinwegsehen und nicht zu sehr über die Länge von Stromkabeln nachdenken).

    • Klapowski sagt:

      „Beyond the Infinite 2 Minutes“ kann man wirklich gut wegsnacken.

      Allerdings hätte man hier wirklich mehr darauf eingehen können, warum man denkt, wirklich ALLES wiederholen zu müssen, was man vor 2 Minuten sah. Ist ja irgendwie der Kern des Filmes – wobei er andererseits nur deswegen so interessant wirkt, weil wirklich alles perfekt zusammenspielt und es keine Widersprüche gibt (oder ich keine gefunden habe).

      Antworten
    • verwirrter Gast sagt:

      Den hab ich mir jetzt am Wochenende auch mal angesehen. Unter den genannten Voraussetzungen wirklich ein toller Film. Sehr unterhaltsam, wie es dann mit jeder Versuchsidee immer komplexer wird. Bis sich dann plötzlich die Ereignisse überschlagen und man als Zuschauer fast schon mit qualmendem Kopf dasitzt. :)

      Antworten

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