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Kotwort Zivildienst

Junge Leute kennen das Problem: Bund verweigern macht keinen Spaß, muss aber s(ch)ein… Warum Gewissensentscheidungen so lustig sind und wieso man gefüllte Nachttöpfe besser nicht auf den Herd stellt, erfahrt ihr hier…

Seit 41 Jahren also füttern junge Menschen von heute die Trümmerfrauen und KZ-Aufseher von vorgestern mit Brei, Gries und Haferflocken. Genau so lange schon stehen Zivis in Fahrdiensten bereit, um geistig behinderte Menschen (im weiteren „Bekloppte“ genannt) auf den Rummelplatz zu fahren, die Kotze aus der Geisterbahn zu wischen und sich schon auf den nächsten Ausflug zu freuen.

Meist Kinobesuch („Pumuckl begräbt Meister Eder“, „Pipi im Tacka-Tucka-Land“) oder Schwimmbad (Der Horror überhaupt, dank der zahlreichen, aufzublasenden Schwimmflügel). Gute, freundliche Menschen hingegen betreuen ihre Klientel in Behindertenwerkstätten und weihen diese in die Kunst des Fingernägelzusammenlötens ein.

Aus gegebenen Anlass nun also eine kurze Übersicht über die letzten 41 Zivi-Jahre:

1.) Im Moment werden jährlich maximal 120.000 junge Menschen zum Dienst an der biologischen Waffe einberufen. Aus Haushaltsgründen, die mir nicht ganz klar sind, soll diese Zahl möglichst nicht überschritten werden.

2.) Viele Mathematiker wird es nun überraschen, aber das Jubiläum „41 Jahre Zividienst“ bedeutet, daß die ersten Fäkalienfreaks im April 1961 erstmals ihrem perversen Treiben nachgehen durften.

3.) Noch vor einigen Jahren ging es bei der Verweigerung hoch her. In Anhöherungen mußte der potentiellen Zivi darlegen, warum er auf die abwegige Idee gekommen ist, Bund, Krieg und Waffengewalt könnten moralisch in irgendeiner Form verwerflich sein.

Milliarden von jungen Menschen wurde in dieser Zeit ihre „Gewissensentscheidung“ nicht abgenommen. Das Perverse: Die endgültige Entscheidung über die Befreiung vom Waffendienst hatte häufig wenig mit dem wahren Zustand des Gewissens zu tun. – Intellektuelle Laberköppe mit Abitur hatten prinzipiell bessere Chancen, ihre Gewissenshaltung nachvollziehbar darzulegen, als der 17-jährige Lehrling mit der Lizens zum Steinekloppen. – Was sehr ungerecht war, denn eigentlich waren beide Gruppen GLEICHERMAßEN verlogene Banden von Verpissern und Vaterlandsverrätern, die sich für eine fromme Lüge nicht zu schade waren.

4.) Zivis sind WICHTIG! Ohne Zivis würden die Pflegesysteme aus Kostengründen zusammenbrechen wie Kartenhäuser. Ohne Zivis keinen Müller, keine Mühler und auch kein volles Korn. Nicht mal Wasa. – So eng hängt das alles in unserer modernen Welt aus Wirtschaft, Kosten und Steuern also zusammen. Erschreckend!

Ein Abschaffen des Wehrdienstes würde also nach derzeitigem Recht bedeuten: No Zivi!
Die Wichtigkeit dieser Gesellen haben inzwischen sogar geistig versteinerte Kriegsveteranen begriffen. Selbst die, die selber noch für Führer und Vaterland gedient haben und Zivis stets als „Verpisser“ und „anarchisches Verräterpack“ bezeichnet haben, wissen deren Leistungen nun zu schätzen. Kein Wunder: Wer sitzt schon gerne AUF einem fremden Stuhl IM eigenen Stuhl? Ekelhaft, nicht wahr?

Ich vertrete ja schon lange die Meinung, daß unser Staat ein faschistisches, von Militär-, Geheim- und Normalpolizei geführtes Regime ist! OK, mir ist es ja eigentlich egal: Das Regime (Nennen wir es im weiteren „Regime“) überweist pünktlich und ausreichend, wann immer wir in Not geraten.

Doch neuere Erzählungen unterstützen meine Thesen, daß da einiges nicht mit rechten Dingen zugeht. Wenn nicht sogar mit Rechten(!) Dingen!

Das äußert sich darin, daß intelligente junge Menschen, die sicherlich eine PERFEKTE Verweigerung an die königlichen Rekrutierungsbüros entsannt haben, plötzlich eingezogen werden! Aus irgendeinem Grunde werden gerade DIE Verweigerungen, die NICHT unmotiviert aus 3,99-DM-Verweigerungshandbüchern abgeschrieben wurden, Zielscheibe für fiese Exempel! Die meisten davon auch noch statuiert!

Wer kennt sie hingegen nicht, die Schulkollegen von damals, die einfach eine Fotokopie von Pharisäer 5, Abschnitt B, Ziffer 3 an das Kreiswehrersatzamt geschickt haben. Am besten noch mit einem Kommentar darunter, der die ersten Versuche an Pappis altersschwacher Schreibmaschine aufzeigt:

„Ichc lese die Biebel. Mein Oma war in Krieg. Und mein Opa auch. Wir habn immer viel über die damalsige Zeit gesprochen und ich bin daher so gerworpden, daß ich, Krieg, und tot, wegen Waffengewalt, auch in Bezug auf 3. Weltreich und von wegen damals, habe viel gehört (und sowieso). Mit freundl+%ichen Grussen. ihr Detlev!“

Und DIESE LEUTE haben garantiert Glück und erwischen eine Zivi-Stelle als Matratzentester im Dorfpuff.

Während manche staatsrechtlich gebildete Bürger auf 17 DIN-A-4-Seiten (Schriftgröße 7) ausführlich berichten können, daß Oppa von 46 Kugeln durchsiebt wurde und Jahre später (nur durch viel Glück) mit Abscheu davon berichten konnte. Daß Omma viel geweint hat in der Zeit, wegen der Vertreibung und der Verwüstung von Häusern, Autos und Verwandten. Daß man mit seinen Großeltern stunden- ja, TAGElang beim Kaminfeuer über die moralischen Abgründe des Krieges diskutiert hat, als man gerade erst 9 Jahre alt war.

Wusch! „Abgelehnt! Melden sie sich übermorgen an Tor 3 bei unserem Pförtner in grün!“

Das verstehe, wer will! Und ich WILL ja!


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Artikel

von Klapowski am 27.09.02 in All-Gemeines

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