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„The Terror“ – Das Review zur Serie

Dan Simmons, das Urgestein neuerer SF-Klassiker, ist für mich ein extrem interessanter Autor. Er recherchiert gut und hat eine wahnsinnige Phantasie. Die Nachteile dabei sind allerdings: Er recherchiert gut. Und er hat eine wahnsinnige Phantasie. – Somit konnte ich leider seinen Historien-Brocken „The Terror“ (aka „¼ Wald pro Buch“) niemals zu Ende lesen. Was schade war, da die beißende Kälte und die Verzweiflung der Männer gut rüberkamen. Aber JETZT gibt es ja die offizielle Serie zum Mitfrieren.

Anmerkung: Die Serie gibt es gerade kostenlos bei Amazon Prime

Inhalt: Die beiden britischen Schiffe „Terror“ und „Erebus“ der tatsächlich im Jahre 1845 stattgefundenen Franklin-Expedition werden ausgeschickt, um eine Passage „unten links“ vom Nordpol zu finden. Doch leider häufen sich nach und nach die Probleme in den Fachbereichen „Essen“, „Gesund bleiben“ und „Alle Körperteile am Leib behalten“. Können die beiden grundverschiedenen Captains ihre Crews trotzdem zusammenhalten?

Besser als alles von Annette Frier: Der frostige Männerausflug entwickelt sich immer mehr zum (Achtung) Debakühl

Besprechung:

Okay, die obige Frage ist schnell beantwortet, sobald man die historischen Hintergründe googelt. Alternativ können sich Leute mit gutem Gedächtnis bei ihrem früheren Geschichtslehrer melden – und ihm für den fiesen Spoiler vor 20 Jahren die Zahnreihen umdekorieren. Aber wenn man es genau nimmt, geht es gar nicht sooo sehr um den Ausgang der Expedition, sondern darum, WIE genau alles ganz schlimm wurde (Ich persönlich tippe drauf, dass man eine hoffnungsvoll gemeinte Reise nicht mit Schiffen namens „Terror“ beginnen sollte?). Und hier zeigt sich auch, dass Dan Simmons vor allem im SF- und Horror-Genre zuhause ist: Er mischt nämlich ein übernatürliches Element unter, um den Seefahrern und Eislutschern ihr klägliches Rest-Leben zu erschweren.

Und das ist beinahe auch mein dickster Kritikpunkt, den ich auch schon beim Buch verspürte: Die Story braucht die Fantasy-Gefahr nicht! Es ist schon bedrückend genug, den Männern beim Skorbut-Twister, beim Finger-Abfrieren und beim Ordnung-Erhalten zuzuschauen. Ja, die Kerle sind so sehr damit beschäftigt, sich nicht an die Gurgel zu gehen (oder verbotenerweise an den Schaft) und die Kommandostruktur einzuhalten, dass man auch zwei Staffeln nur mit diesen Elementen hätte füllen können.

Das war es aber auch schon mit den dicksten Mecker-Kloppern. Denn im Kern ist „The Terror“ eine düstere, höchst gelungene Hochglanzserie für diejenigen, die sich für anspruchsvoll halten. Also für fast alle.

„Meine Herren, unser Essen verrottet. Wir hätten die 40 Tonnen Cornetto nicht neben dem Heizraum lagern sollen.“ – Unverfroren britisch: Sie mögen im Eis festsitzen, aber man muss das Positive sehen. Im Buch war die Mimik z.B. auf den Faltenwurf der schützenden Gesichtsmaske beschränkt. Für die Serie zog man gefühlt einfach mal 15 Grad Minus ab…

Die (R)Eise im Überblick:

Total verspielt – Die Schauspieler sind so glaubhaft und gut gecastet, dass man jedem einzelnen die verfrorenen Finger warmküssen möchte. Als Begründung brumme ich einfach mal ein wissendes „Briten halt!“ und verweise darauf, dass man all diese Leute aus zahlreichen Luxus-Produktionen kennt. Hier gibt es wirklich keinen einzigen Akteur, der uns „die Burnham macht“ (neues Sprichwort) oder ähnlich negativ auffällt.
Mach mehr Mehl dran! – Ein schwieriger Punkt war für mich die Gestaltung des arktischen Winters. Einerseits ist es beeindruckend, dass die erste Staffelhälfte komplett im Studio spielt, andererseits gibt es auch ein paar Stellen, wo die Alpinaweiß-Felsen ein wenig zuuu nah an der Kamera stehen. Und dass im Wasser immer wieder weiße Styropor-Platten (in Eisform) rumdümpeln, lässt den Umweltschützer in mir aufheulen. Doch insgesamt wirkt es frostig genug – wenn auch nicht ganz sooo krass wie im Buch („Und so musste er sich mit einem Schürhaken die Eiszapfen vom Oberschenkel kratzen. Auf den nächsten zehn Seiten beschreibe ich die genaue Kratztechnik.“)…
Mittagsruhe von 6:00 bis 24:00 – Die dramatischen Opfer der Männer wirken umso „geiler“ (für TV-Sadisten), je weniger Effekthascherei darum betrieben wird. Daher verzichtete man – dankenswerterweise – auch auf den „Alphornchor Hollywood-West“ und setzt Musik, funkelnde Effekte und erschreckenden Sound äußerst dezent ein. Und: Wichtige Entscheidungen der Figuren werden weder ellenlang vorbereitet noch tagelang nachbesprochen. Tja, die Serie ist eben ein Fenster ins Testosteron-Land, kein Kinderprogramm für meinen Kollegen, den guten Spahrkillar (Name anonymisiert).
Wenn Tränen gefrieren – Okay, gute Laune und lockere Sprüche sind nicht unbedingt die Stärke der Produktion. Andererseits will ich aber auch nicht etwas bemängeln, was GEWOLLT ist. Und dass hier alle nicht mal zum Weinen in den Keller gehen wollen, da dort schon die vergammelten Lebensmittel lagern, ist sehr gewollt. Somit ist es eigentlich ein Pluspunkt, hiernach mächtig mies drauf zu sein. Andererseits könnten das unsere Angehörigen, die unseren schlaftablettengefüllten Leib vor dem Fernseher finden, durchaus kritischer sehen?
Weitergehen! Hier gibt es nichts mehr zu frieren. – Eine zweite Staffel wird es nicht geben. Und das in Zeiten des „Da geht noch was!“ schon etwas Besonderes. Die Serie erzählt ihre Geschichte, lässt einige Wendungen und verstörende Bilder unkommentiert stehen und ist dann einfach am Ende. Das ist wohltuend in Zeiten, in denen selbst das Leben einer Eintagsfliege zum mehrjährigen Franchise erhoben wird.

„Verdammt! Die Lümmel haben schon wieder haufenweise Salz vor meiner Haustür ausgeschütt-Eeeeeeee… (*Krach*)“ – Lochfraß in Eis und Fleisch: Die übernatürlichen Elemente muss man einfach mal so hinnehmen. Die Figuren nehmen sie ja auch in Kauf. Oft sogar bewegungslos. Und über 10 Quadratmeter verteilt.


Fazit: Eine Serie, von der ich mich seltsamerweise nicht los-eisen (haha) konnte. Die Stimmung ist zwar bedrückend, aber wenn man nach dem Ansehen tatsächlich Bock hat, sich mit den historisch belegten Geschehnissen zu befassen, wurde wohl nichts falsch gemacht. Und sei es nur, damit wir nach „Star Trek – Discovery“ wieder lernen, dass eine Kommandostruktur nicht nur als Programmheft für den Kindergeburtstag taugt.

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Artikel

von Klapowski am 18.04.18 in Serienkritik

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Kommentare (9)

  1. Cronos sagt:

    Eine gute Serie? Nicht zu glauben. Muss ich ansehen!

  2. MrAnderson sagt:

    Sicher dass es keine zweite Staffel geben soll? Die Serie wurde doch als Anthologieserie angekündigt. Ich denke es geht weiter mit historischem Horror unter dem Titel „The Terror“. Und ja, ich habe Wikipedia leergesaugt, was Wissen über die Vorfälle damals angeht auch über sämtliche Rettungsaktionen, etc. Tolle Serie!

    • Klapowski sagt:

      > Sicher dass es keine zweite Staffel geben soll?

      Zumindest habe ich bis vor einigen Tagen nichts Konkretes gefunden.

      Klar könnte man eine andere Handlung (= Jesus und seine Jünger, die von einem Monster bedroht werden?) auch „The Terror“ nennen, aber erstens wäre das schon eeetwas seltsam (es geht ja um das gleichnamige Buch bzw. den Namen des Schiffes) und zweitens wäre es vermutlich nicht mehr von Dan Simmons. Also von A bis Z ein komplett anderes Setting.

      Alternativ kannst du dir natürlich eine beliebige andere Horrorserie ansehen und sie – nur für dich – „The Terror“ nennen.

      Funktioniert bei mir mit „The Orville“ ja auch ganz brauchbar… („Oh, dieses ‚Star Trek – Discovery‘ ist wenigstens witzig, hihi.“)

    • Cronos sagt:

      Na ja, es gab ja auch noch einen aufwändige und lange andauernde Rettungsmission, später dann Experditionen um das Schicksal der Vermissten aufzuklären. Dabei sind auch noch etliche Menschen ums Leben gekommen. Ich denke da könnte man ansetzen, wenn man eine 2. Staffel drehen will.

  3. MrAnderson sagt:

    The Terror ist ja recht allgemein vom Titel. Da kann man sich doch eine Menge drunter vorstellen. Ich habe gerade mal ein bisschen gegoogelt und tatsächlich wurde die Serie im März 2016 auf allen Seiten als Anthologieserie angekündigt für die in der ersten Staffel das gleichnamige Buch verfilmt wird. Bis in den Dezember hinein wurde weiterhin von der Serie als Anthologieserie berichtet. Vielleicht sucht man sich Bücher die auf historischen Tragödien beruhen für weitere Staffeln. Vielleicht war es auch von Anfang an eine Falschmeldung die sich hartnäckig festgebissen hat.

    Zu Orville. Danke für den Tipp, aber ich habe „The Orville“ schon lange in meinen privaten Star Trek Kanon eingeschlossen. Und jaaa, Discovery gefällt mir irgendwie auch, besonders eure Kritiken dazu. :-)

  4. Onkel Hotte sagt:

    Ich finde die Serie bisher auch sehr gut gelungen. Klasse Schauspieler, allen voran Ciarán Hinds, und gutes Setting.
    Ich war in der zweiten oder dritten Folge etwas erstaunt, als die auf einmal schon 18 Monate im Eis rumlungerten. Da hätte man vielleicht noch etwas mehr zeigen können, wie man sich am Anfang so mit der Situation zurechtfindet, jetzt erstmal gestrandet zu sein und sich damit abfinden zu müssen. Bin jetzt bei der fünften Folge und gespannt was noch alles kommt. Ich hoffe auch, das das Thema „mysteriöser Eisbär“ nicht zur sehr Akte-X-artig in den Vordergrund gedrängt wird.
    Man merkt aber schon, wie die Stimmung langsam aber sicher den Bach runtergeht.
    Ich finde es auch nicht schlimm zu wissen wie es im Prinzip ausgeht, wusste man bei „Apollo 13“ ja auch und tat dem Film keinen Abbruch.
    Ach ja, im Zweifel kann man hier ja noch eine Prequel-Serie nachschieben, wo es u.a. um die vorherige Arktis-Expedition(nen) von Capt. Franklin geht oder mehr von dem etwas durchgeknallten Typen, der Franklin bei einer Feier vor zuviel Leichtsinn bei der anstehenden Expedition warnt.

  5. BigBadBorg sagt:

    Ich wußte gar nicht dass es sich um reale Ereignisse handelt. Das macht es nochmal grausamer!

    Das einzige das ich nicht mochte war diese Eisbärgeschichte. Irgendwie hatte ich mir in meiner Phantasie etwas bizarreres vorgestellt (in Richtung Cuthuhlu gehend). Das war mir dann doch schon zu normal, einfach nur irgendein Tiermonster auf die Leute zulaufen zu lassen.

    Aber egal, ich mochte die Serie ebenfalls, und ich freute mich wie Bolle über das Ende. Eine abgeschlossene Geschichte?? Das ich das noch erleben darf…

  6. teletubbed sagt:

    Danke für dieses Review. Ich hatte die Serie ursprünglich als weitere Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Schauspieler abgeschrieben und werde sie mir nun doch besorgen.

  7. HAL3000 sagt:

    Für mich ist „The Terror“ ein eindeutiges Serienhighlight des Jahres 2018.
    Und ja, es gibt eine 2. Staffel – die hat allerdings nichts mehr mit den Ereignissen der Franklin- Expedition zu tun.
    Sprich, es gibt nen komplett neuen Cast und eine völlig neue Story.
    „Die zweite Staffel der Anthologie-Serie erzählt die Geschichte eines gespensterhaften Wesens, das die japanisch-amerikanische Gemeinschaft während des Zweiten Weltkriegs in ihren Unterkünften in Südkalifornien heimsucht. Internierungslager, in denen viele während des Krieges festgehalten wurden, die der Verfolgung im militärischen Einsatzgebiet zum Opfer fielen.“, so die Seite kino.de
    Was dabei rauskommt, und ob man das hervorragende Niveau des Vorgängers halten kann, wird man wohl anno 2019 bei Prime zu sehen kriegen.

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