Film- und Serienkritiken

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„Vesper“ – Das Review für Kunstkenner

„Vesper“ – Das Review für Kunstkenner

Ein europäischer SF-Film, der in einer kaputten, hoffnungslosen Welt spielt? Einerseits eine „schöne“ Idee, andererseits will man ausrufen: „Schon wieder eine neue Folge Maischberger?“ – Trotzdem war ich interessiert, wie die Titelheldin namens Vesper ihren bettlägrigen Vater retten(?) wird, der nach einer Umwelt-Apokalypse – Hashtag Knickpunkt statt Kipp-Punkt – nur noch im Bett rumliegt. Bis eines Tages ein mückenförmiges Raumschiff einer feineren Gesellschaft abstürzt und ein blondes Mädchen ausspuckt. (Das sind so diese Zusammenfassungen, bei denen der TATORT-Zuschauer uns das Ordnungsamt auf den Hals hetzt)


Die Texttafel zu Beginn fand ich richtig TOLL! – Ja, das war so eine Art „Star Wars im Stadtpark“, wo man gleich sieht/liest, dass im Stadtpark der Borkenkäfer oder eine Art genetische Seuche gewütet hat.

Ihr fragt, warum?

Weil hier schon klar ist, dass man uns hier nicht mit dem Weltuntergang ködert (der natürlich verhindert werden müsste), sondern dieser schon stattgefunden hat. Somit MUSS sich der Film mit Hard-SF-Themen beschäftigen – es geht kaum anders. Dicke Muckis und Supersoldaten kann es ja trotzdem geben, aber ohne ein Worldbuilding (= was machen die Überlebenden? Wo bekommt man seinen Reisepass im Apokalypse-Rathaus?) wird dieser Film garantiert nicht auskommen!

Und die ersten Bilder zeigen dann auch gleich, dass Vergangenheits-Klap von vor 10 Sekunden vollkommen recht hatte:

Die Landschaft ist ein atmendes, visuell verschobenes Etwas. Die Natur zugeschleimt und entstellt wie nach einem globalen Chemieunfall… Oder halt ein normaler Tag in Kollege Sparkillers Unterhose.
Dinge blubbern und atmen, die es nicht sollten. Und andere recken sich tot – oder viel zu lebendig – in den unglücksverkündenden Nebel hinein, in dem die Zeit gefroren zu sein scheint..

(*Literatur-Nobelpreis unter Tür durchgeschoben bekomm*)

„Papa, warum gehst du eigentlich in einer fliegenden Avatar-Kugel aus dem Haus?“ – „Das Finanzamt erkennt mein Arbeitszimmer sonst nicht an.“ – Gemeint ist das Zimmer mit dem Schimmel, den Oma-Tapeten und dem Elektroschrott auf dem Boden. Und ja, ihr habt es schon erraten: Der Vater ist von Beruf Trekkie und SF-Fan…

Bei der Landschaft hört das unheimliche Gefühl noch lange nicht auf. Auch Kleidung, Gadgets und Kulissen haben immer so eine kleine Portion Extra-Entstelltheit, für die man sich bei Disney oder Warner Bros. schon sehr lange gegenseitig auf den Kopp hauen müsste.

Schade nur, dass irgendwann das niedrige Budget mit der komatisierenden Stimmungskeule aus der Ecke springt… Wer ganz (un)genau hinsieht, dem fällt auf, dass man später dutzende oder hunderte Bäume sieht, bei denen keine Alienschnecken abhängen. Und Tentakeln, Würmchen und Gedärmchen wachsen da auch keine mehr.

Klar, den Borkenkäfer sieht man auch nur, wenn man GANZ genau hinschaut, allerdings fühlte es sich dadurch manchmal gar nicht mehr so SF-mäßig an, sondern wie ein teurer Fanfilm, bei dem traditionell auch unter dichter Bepflanzung rumgeschwafelt wird. Nicht umsonst sagt man: „Dramaturgie sollst du unter Buchen suchen, Action soll unter Eichen weichen.“

Doch all das hat mich noch nicht dolle gestört.

Auch nicht das gefühlskalte Kunstfilmer-Feeling. Oder die an Erklärungen arme Story, bei der stundenlang dem bösen Großgrundbesitzer ausgewichen oder halbtote Väter und halbtote Himmelsmädchen vom Ein-Personen-Pflegepersonal ausgefragt werden. („Was brauchst du? Ich hab den Atmungs-Luftballon repariert. Ich hab noch einen Chip geklaut. Kannst du fliegen, essen, labern?“)

Aber nachdem ich nach über einer Stunde immer noch nicht wusste, was jetzt das Hauptziel der Geschichte ist – die Todkranken im Bett überleben lassen, alle anderen mit eigenem Lattenrost wieder wegschicken? –, verlor ich die Geduld.

„Und hier wird die kaputte Natur zu etwas Vorteilhaftem um-destilliert?“ – „Nö. Papa mag selbstgebrannten Karottenschnaps. Kennst du eigentlich ein Mittel gegen spontane Blindheit?“ – Dass Vesper ein kleines Wissenschafts-Genie geworden ist, wird vom Film gut erklärt: Sie hatte nicht genug Nährstoffe, um zu einem großen Wissenschafts-Genie heranzuwachsen.

Klar, das hier ist ein Kunstfilm. Eine europäische Perle, die durchaus schöne Bilder von Verfall, Zerbröselung und feuchten Wäldern zeigt. ABER das ist noch lange keine Ausrede dafür, sämtliche Dialoge so zu gestalten, dass man beim Zuhören schon wieder vergessen hat, warum einem NICHT die Ohren bluten. Dafür werden diese nämlich zu wenig beansprucht.

Selbst hochemotionale Themen werden hier mit dem patentierten „Trauma-Gesicht“ begegnet. Mit monotoner Stimme wird dann geklärt, wer mal wo abgestürzt oder durchs Kellerfenster eingebrochen ist. Und gerade DAS wirkte hier unschön.

Was bei „Blade Runner 2079“ noch passte (Distanzierung durch Technik und so), kommt in einer Einöde, in der Menschen sich gegenseitig die Butter vom Brot nehmen, nicht rüber…

„Verpiss dich, du Arschloch!“, will man da hören. Geworfenen Steine, mal eine Mini-Träne, einen Stein im Schuh – oder einfach mal eine spontan rausgeblubberte Phrase wie z.B.:

„Lassmir dochhiernichtallesgefallen, wo simmer denn hier?!“

Stattdessen: „Hast … du … das … mitgenommen?“ – *Schweigen* – *Abschätziges Schmatzen*

Dazu kommt, dass die rettende Reise erst spät beginnt: Erst bei 1:30 brechen die neuen Freunde auf, um die Welt zu retten – oder zumindest etwas Schleim wegzuputzen. Und bei 1:47 ist alles auch schon wieder vorbei. Bis dahin hängt man meist im eigenen Haus ab, weil immer noch was zu klären oder einzusammeln ist.

ICH kenne das natürlich auch, will das aber nur begrenzt in Filmen sehen. („Klar gehe ich bald raus… Nachdem ich das neue ‚Turok 3‘-Remake ausprobiert habe!“)

„Boah, diese epische Reise nimmt gleich ihr Ende. War doch gut, dass ich beim faulen Baum mal links statt rechts abgebogen bin?“ – Welt retten statt Wegducken: Nach sehr viel häuslicher Gewalt (auch sprachlich – also für MEINE Ohren) bricht man in die große weite Welt auf. Gerade noch rechtzeitig… Der Abspanntext drückte schon so stark von unten gegen die Schuhsohlen.

Das Innere der verstörend aussehenden Gebäude erleben wir ebenso wenig wie eine Interaktion mit den absurd aussehenden Kapuzen-Menschen – oder irgendeinem anderen Menschen als den (guten) Schauspieler Eddie Marsan.

Und das ist – sperrige Erzählweise hin oder her – einfach zu wenig Essbares beim Parasiten-Buffet.


Fazit:

Einen Film, den ich so sehr mögen wollte, dass ich wochenlang zwanghaft auf die richtige Stimmung wartete, um das Design und die Schweigekloster-Klumpengesichter wertschätzen zu können.

Am Ende muss ich aber leider festhalten: Das war nix.

Und das sage ich als LIEBHABER von schnarchigen Indie-Experimenten, zu dem mich Hollywood inzwischen erzogen hat (Danke dafür!)…

Wenn man mit Figuren nicht mitfiebern kann, obwohl diese in Kammer- und Waldversteck-Spielen um’s Überleben kämpfen, ist etwas schief gelaufen. Mehr Tempo und Spielfreude hätte hier vieles repariert…

Aber so ist’s so spannend wie Oma Erna, die beim Kartoffelstechen was von „Symbiose“ und „DNA-Abgleich“ murmelt.

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Artikel

von Klapowski am 11.12.23 in Filmkritik

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Kommentare (2)

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  1. Sir Oliver sagt:

    Mein Luftkissenfahrzeug ist voller Aale.

  2. BigBadBorg sagt:

    Schade eigentlich, aber ich kann mich an nix mehr erinnern. Ich weiß aber dass ich ziemlich gespannt war auf den Film.

    Bin ja immer offen für Marvel-Spektakel, aber nebenher mag ich auch kleinere Indie-Filme ganz gerne, dieser hier hat mich aber dann doch sehr gelangweilt. Die Story kam einfach nicht in die Pötte. Dann doch lieber sowas wie Time Lapse, Coherence oder Radius.

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