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„Tau“ – Die Minikritik zum Netflix-Filmchen

Netflix hat sich bereits viele Sporen für seine SF-Filme verdient! Und zwar jene Sporen, die man einatmet und davon allergiebedingt tüchtig husten muss – plus die Sporen, die an Cowboystiefeln die Zutret-Fläche am Zuschauer-Hintern vergrößern. Doch obwohl mir noch kein exklusiver SF-Film gefiel, gebe ich nicht auf, diese Dinge zu schauen. Zu groß ist mein Bedürfnis, bei der nächsten Netflix-Aktionärsversammlung etwas weniger ausfallend brüllen zu müssen.

Der Beginn ist alles andere als vielversprechend: In einer nicht näher skizzierten oder gar interessant dargestellten Zukunft wird irgendein nichtssagendes Luder überwältigt und auf die Theaterbüh… äh… an den Handlungsort des Films gebracht. Wobei hier schnell die effekthascherische Farbwahl des Films auffällt: Orange (bedrohlich), Blau (beim Essen) und eigentlich auch alle anderen Farben – je nach Würfelglück des Beleuchters.

In diesem Horrorhaus warten dann auch schon zwei Redshirts, die beim verdächtig einfachen (Fast-)Ausbruch (= kurz am Gasrohr rumruckeln, bis die Tür explodiert) zerhäckselt werden. Natürlich gelingt der Weglauf-Weckruf aber nicht komplett, so dass am Ende nur Blondie übrigbleibt, die nun dem irren Nerd des Hauses gegenübersteht. Plus seiner KI nebst Kampfroboter. Fortan soll sie kleine Puzzles lösen, um damit die KI weiterzuentwickeln. Raus darf sie natürlich nicht. Aber vielleicht kann sie ja den halbfertigen Computer manipulieren, um dem voll-fertigen Wissenschaftler zu entrinnen?

Kann man etwas eigentlich auch mit einem hämischen Grinsen „Trash“ nennen, wenn man es nach stundenlangem Suchen auf einer Mülldeponie gefunden hat? Sollte man sich dann nicht vielmehr freuen und sagen: „Aus einer Tasse ohne Henkel kann man immerhin noch trinken“?

Das eigentliche Wunder bei diesem Filmchen ist tatsächlich, dass man ihn nicht vollkommen mies findet – und ab und zu sogar sehnsuchtsvoll an Kirk denkt, der ebenfalls diversen Supercomputern den Prozessor qualmig gequatscht hat. Noch dazu erinnert vieles an die 80er-Jahre: Die Schnitte, die Lichter und die Ausstattung tun nämlich so, als läge ein TV-Bild von 640p noch immer in ferner Zukunft. So dürfen Badezimmerarmaturen gerne mal nach ausgestanzten Konservendosen aussehen oder die Wohnzimmereinrichtung so karg daherkommen, dass es schon arg unrealistisch wirkt. So ordnungsliebend kann nicht mal ein irrer Nerd sein. Der sieht ja hier quasi schon keine Ordnung mehr, die er lieben könnte.

Ein bisschen dreckiger hätte es nach heutigen Maßstäben auch sein können. So vergehen mehrere Tage, ohne dass man erfahren würde, ob die Dame z.B. alleine aufs Klo geht (oder vom Killerroboter einen Pott hingestellt bekommt?) oder ob sie auch mal was anderes tut, als sich alle relevanten Fragen/Handlungen für die Zeiträume aufzusparen, in denen der Zuschauer diese auch mitbekommt. Ja, das wirkt schon alles sehr klinisch, dieses Meister-Propper-Wohnzimmer-Panorama, in dem 24 Stunden am Tag nur „KI-Symbole an der Wand – Der Film“ aufgeführt wird.

Bitte nicht verwechseln: Pan Tau (links) kann zaubern, der Computer Tau hingegen zaudern. Dafür hat der dreieckige Wicht mit der geometrischen Figur in der Mitte (der sogenannte „Anuskreisel“) aber die deutlich schönere Stimme. Im Original sogar die vom Schauspieler Gary Oldman.

Aber wie oben schon angedeutet: Trotzdem hat dieses rückständige Filmchen etwas. Und damit meine ich nicht die viel zu schnell manipulierbare KI („Ich töte dich, wenn du nicht in drei Sekunden… – Äh… Was sind eigentlich Sonnenblumen? Erklären, erklären!“) oder gar das unrealistische Zeitmanagment der ganzen Story („Schnell, ich muss stundenlang Rätsel lösen! Lass uns daher gaaanz schnell stundenlang in irgendwelchen Sachbüchern lesen!“). Nein, die Stärke der vorhersehbaren Story liegt tatsächlich in ihrer Vorhersehbarkeit. Wo man bei „Mute“ versuchte, einfach mal mit GAR KEINER nennenswerten Geschichte zu „überraschen“ oder bei „Extinction“ alles mit einem krampfigen Twist aufzuwerten, so bekommt man hier, was man erwartet: Einen Computer, der einfach nicht gelöscht werden will und verdammt gerne im Frack in die Oper gehen möchte – weil klassische Musik so toll ist. Welche auch sonst, wenn es um kunstliebende Klischee-KIs geht?

Das mag man für albern, billig und logik-lückig halten, versprüht am Ende aber den Charme einer „Black Mirror“-Folge, wie sie vielleicht im Jahre 1994 gedreht worden wäre. Und wer auf solche Vergleiche steht, darf noch gerne einen Schuss Steven King dazumischen (= Der Böse ist böse, weil er böse ist. Fertig) und alles mit einer Portion „Outer Limits“ abschmecken. Ach ja, Sex und Nacktheit gibt es auch keine; wir sind hier ja nicht in der HBO-Sauna – obwohl ich mir die optisch genau so vorstelle…

Die Computereffekte wirken gerade noch gut genug, der Film geht nicht allzu lang und ein bisschen Mitleid für die leidende KI ist am Ende auch mit drin. Da verzeiht man gerne die oben aufgeführten Schwächen und verschweigt die zwanzig ungenannten noch dazu. Hier bekommt man halt, was Trailer und Intro versprechen. Kunst will das hier gar nicht sein – und wenn doch, habe ich es glücklicherweise nicht bemerkt.

„Und, Frau? Was hast du heute im Haushalt für mich gemacht?“ – „Drei virtuelle Puzzles, sieben Pixel-Schieberätsel und zwei Kopfrechenaufgaben. Mit kleinen Tierfiguren statt Zahlen.“ – „Ha! Ich wusste doch, dass ich über Putzfrau24 die richtige für den Job finden würde!“ – Des Rätsels Dröhnung: Den ganzen Tag sinnfreie Minispielchen ohne sichtbaren Erfolg lösen, das macht einfach keinen Spaß. Ich frage mich, ob mein Arbeitgeber das langsam mal mitkriegt…


Fazit: Kein Meisterwerk, aber für Netflix-Verhältnisse(!) doch ein solides Sonntag-Nachmittag-Erlebnis. Halb gewollter Trash steht dem Streamingportal tatsächlich besser als krampfhaft produzierte „Kunst“ aus dem kleinen Geldbeutel. Und wer schon immer mal wissen wollte, ob Musik, Liebe und Vertrauen stärker sein könnten als die Rücksichtslosigkeit technophiler Brillenträger, der sollte unbedingt mal reinschauen.

Und zumindest am Ende ist „Tau“ fast schon der verfilmte Elke-Heidenreich-Roman für SF-Liebhaber.

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Artikel

von Klapowski am 26.09.18 in All-Gemeines

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Kommentare (1)

  1. Serienfan sagt:

    Mich erinnert die Beschreibung an den SF-Klassiker „Des Teufels Saat“ von 1977, mit Julie Christie in der Hauptrolle.

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