Film- und Serienkritiken

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„The Crossing“ – Kritik zur ersten Folge

Das Anfangsbild ist verstörend: Unzählige menschliche Leiber treiben im Wasser, offensichtlich ertrunken (oder seeehr tief schlafende Amphibien). Die Frage nach dem Grund wird dankenswerterweise rasch von den wenigen Überlebenden geklärt: „Wir kommen 200 Jahre aus der Zukunft, wir machten eine Zeitreise, landeten im Wasser und sind jetzt hier. Ein Schwarzer, ein kleines Mädchen, eine Normalo-Frau und 46 andere Figuren, die ab jetzt jederzeit aus dem Hut gezogen werden können. Bitte rätseln Sie … JETZT, wie die Geschichte weitergehen könnte! (*Stoppuhr anmach*)“

„Was ist das für ein krankes Spiel, Leute?!“ – „Ein Tsunami hat weitere Dollar-Millionen für durchschnittliche Serien an Land gespült, DAS ist los!“

Genau wie in der Einleitung fühlt sich die Serie dann auch leider an: Standard-Figuren mit mysteriösem Hintergrund treffen halt auf Standard-Sheriffs („Dieser Quadratkilometer ist meine Verantwortung, Frau Regierungstrulla!“) und auf Standard-Geheimdienstler mit standardisierten Standard-Dialogen. Sofort fragt man sich, wo jetzt eigentlich noch das restliche Geheimnis liegen soll, wenn wir schon WISSEN, dass diese Leute in unsere Zeit geflüchtet sind. Gottseidank wird aber auch diese Frage rasch beantwortet: Ein paar andere Luschis sind schon vor Jahren per Zeitreise bei uns eingetroffen, um irgendwas Gemeines zu machen, das die Serien „4400“ und „LOST“ total neidisch machen könnte – WENN man das nicht schon so oft gesehen hätte.

„Hey, Leute! Das erinnert mich total an die Flüchtlingskrise 2015!“ – „HA! Erste Folge und schon sind wir Grimmepreis-würdig!“ – Macht mal nicht die Welle: Der Beginn ist vielversprechend, doch alles geschieht so unatmosphärisch-gehetzt, dass man nach 10 Minuten schon ein „Was bisher geschah“ hätte einblenden können.

Im Ernst, wen triggert es heute noch an, wenn ein mysteriöses Ereignis in eine große Verschwörung mündet? Wenn alle paar Folgen ein weiterer Schlaubi-Bär aus der Ecke kriecht und etwas enthüllt, was in den ersten Episoden – trotz großer Kommunikationsbereitschaft – nicht erklärt wurde: „Ach ja, die böse Megafirma heißt FiesoFein GmbH. Konnten die Autoren ja damals noch nicht wissen“. Oder wenn die üblichen Mantelträger reihenweise aus den diversen Geheimdiensten kriechen, weil „der Präsident die Sache erledigt sehen möchte“? Nicht falsch verstehen, all diese Szenen sehen wir in Folge 1 noch NICHT, aber dass es so kommen wird, ist so glasklar wie das Salzwasser am Leichenstrand.

Auch die Details gehen einem bereits nach 30 Minuten auf die Nerven: So sind die Bösen(?) natürlich alle körperlich optimiert und können meterhoch springen (= Nützlich für mindestens 13 Staffeln), die Guten haben sofort einen unbedingten Aufklärungswillen (= Sheriff verliebt sich sofort in süßes Kind, will daher wissen, wie die Handlung weitergeht) und es dauert auch keine ganze Episode, bis sich die ersten Figuren gegenseitig im Auto bedrohen (= „Fahren Sie los! Wir wollen pünktlich bei 1.02 rauskommen!“). Ungewöhnlich, kantig oder visuell wegweisend ist hier nix. Im Gegenteil: Schauspielerisch gibt es eher die alten Laien… äh, alte Leier aus hübschen Menschen, naiven Menschen und düsteren Menschen, die ohne jede zweite Ebene sofort rausposaunen, wie es gerade um die ersten 0,5% des Geheimnisaufdeckungs-Dampfplauderns steht.

So bleibt man dann nach 45 Minuten erschüttert unbeeindruckt zurück. Man ist sofort bereit, die Frage nach dem GRUND der Zeitreiseflucht mit einem „War wohl Scheiße bei denen?“ zu beantworten und dann angeln zu gehen. Tja… Heutzutage reicht es eben nicht mehr, ein unfassbares Geschehen vorzustellen (Menschen verschwinden, Zeit friert ein, Aliens urinieren auf uns herab), um dann 14 Figuren Doppelagenten sein zu lassen, 19 düstere Visionen vorzustellen, 32 Klischees auszuwalzen und 54 offene Fragen in den nächsten 87 Folgen auszubreiten.

„Die Invasion aus der Zukunft muss SOFORT aufgehalten werden! Sie ziehen schon unsichtbar an meinen Mundwinkeln!“ – Grumpy Gaby muss es richten: Aus irgendeinem Grund müssen taffe Mädels immer genau SO aussehen. Allerdings werden diese nur bis zu einem bestimmten Alter gebraucht. Denn mit Mitte 30 gehen sie zum letzten Mal zum Lachen in den Keller – und werden dort zugunsten einer jüngeren Nachfolgerin eingeschläfert.

Wer trotzdem Bock auf die Serie hat: Diese wird – neben den üblichen 30 anderen Starts/Woche – kostenlos über Amazon Prime gezeigt.


Fazit: Okay, es ist NUR die erste Folge, aber DIE kann ich ja schon wunderbar be- bzw. aburteilen. Und das fällt äußerst leicht, ragt doch nichts sonderlich aus dem Reigen der Geschiedenen („Will Tochter sehen, sonst gucke ich traurig!“) oder der Ermittelnden („Hoffentlich glaubt man uns. Wir haben ja nur 50 übereinstimmende Aussagen.“) heraus. Klar, vielen Zuschauern wird diese x-te Auflage der alten LOST- und Thriller-Mechaniken genügen, doch für mich schmeckt‘s deutlich fader als eine angeschwemmte Wasserleiche. (*Pfefferstreuer hinter Schulter werf *)

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von Klapowski am 10.05.18 in Serienkritik

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Kommentare (3)

  1. Onkel Hotte sagt:

    Ups, und ich dachte die Serie würde tatsächlich von (toten) Flüchtlingen handeln, die halt auch mal an die Küsten der USA angeschwemmt werden. Wäre vielleicht interessanter geworden, so hab ich jetzt nach dem Review kein Bock mehr drauf.

    Aber irgendwnn musste der Zeitpunkt ja kommen, an dem das hochgelobte Format „Serie 2.0“ allein aufgrund der Masse wieder schlecht und seicht werden würde, von Ausnahmen abgesehen natürlich.

  2. Tabularius sagt:

    Ich beneide ja die Leute die die Zeit, oder besser die Lust haben sich ueberhaupt durch die ganzen Serien durchzukaempfen.
    Auch wenn man sich nur die erste Folge anscheut, ist das doch eigentlich zu frustrierend.

    • BigBadBorg sagt:

      Und nicht vergessen, die Chance der Absetzung einer solchen Serie ist nicht gerade gering. Ich habe kein Interesse zuviel Zeit zu investieren nur um mit einem Cliffhanger abgespeist zu werden der nie aufgelöst wird. Wie zum Beispiel gerade bei The Expanse (die aber zum Glück von Amazon übernommen wurde).

      Ich kann die Serien die ich in den letzten Jahren geguckt habe an zwei Händen abzählen. Letztes Jahr waren es sogar 2 1/2 Serien, The Orville, The Expanse und drei Folgen Discovery.

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