Film- und Serienkritiken

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„Downsizing“ – Die Kritik für große Meckerköppe

Der Beginn dieses „Menschen werden klein“-Movies ist verheißungsvoll. Statt crazy Ami-Nerds zeigt man uns ein ganz normale Forscher aus Nordeuropa – nur echt mit Halbglatze, Watschelgang und lustig klingender Trottelsprache. Und auch die erste Enthüllungskonferenz, die Hintergrundinfos und die gezeigte Verkleinerungsprozedur (inklusive Entnahme aller Implantate) atmeten vor allem einen Gedanken: Die Prämisse derartig logisch darzustellen, dass man als Zuschauer fast den realen Wikipedia-Artikel verfassen möchte: „Die erste erfolgreiche Verkleinerung erfolgte im Jahre…“

Inhalt: In der nahen Zukunft wird ein Verfahren entwickelt, mit dem sich jeder Mensch auf wenige Zentimeter verkleinern lassen kann. Unsere Hauptfigur entscheidet sich ebenfalls dazu – fühlt sich in der neuen Mini-Gesellschaft aber recht einsam.

Besprechung:

Klingt sofort unterhaltsam? Da habt ihr vollkommen Recht! Ja, eine dankbarere Prämisse gibt es kaum! Und das wäre es auch so geblieben, wenn dem Drehbuchautor nicht beim zweiten Akt ein alter Schmierzettel mit zwei bis drei anderen Ideen zwischen die Seiten gerutscht wäre.

Denn ab da gerät die Story aus der Spur. Wo am Anfang noch Faszination für die Menschen herrschte, die sich freiwillig schrumpfen lassen, geht es ganz schnell darum, wie man sich als Geschiedener in einer fremden Stadt fühlt. „Downsizing“ schafft es irgendwie, die eigene Grundidee downzu-sizen und uns zu 85% eine Geschichte zu präsentieren, die auch ohne den ganzen Schrumpel-Hintergrund funktioniert hätte. – Wie wäre es z.B. mit ein paar RIESEN gewesen, die fernab unserer Gesellschaft eine ganz neue aufbauen? Äh, die exakt wie die unsere aussieht?

Der Trailer zeigt die besten Stellen des Films in der besten Weise, mit der am besten geeigneten Musik. Es hilft also alles nichts: Wir müssen in Zukunft für den Trailer (weniger) Eintritt bezahlen und den Kinofilm einfach weglassen! Ich nenne es eine „Shrink-to-Win-Situation“, ganz im Sinne des Schrumpfthemas.

Schlimmer noch: Die Hauptfigur entwickelt sich trotz zahlreicher Anstubser („Guck mal, Drogen!“, „Guck mal, Party!“, „Guck mal, Lebenssinn!“, „Guck mal, neue Frau!“) kaum weiter. Fühlt man am Anfang noch mit, so wirkt das ganze Geschehen bereits im Mittelteil wie eine gigantische Parodie auf … irgendwas. Nur habe ich leider nicht rausgefunden, ob die verwendete Ironie unsere menschliche Gesellschaft betrifft – oder doch nur die Regeln des Filmemachens. („Guck mal, diese beiden Figuren sind jetzt Freunde, weil eine der beiden es behauptet! Huuui, ich bin die magische Drehbuch-Fee!“)

Alles Weitere kommt jetzt einfach in praktische Kästen:

Geh, Sellschaft! – Die Ansätze sind so toll, dass ich zu Beginn laut auf meine Marx-Biographie klatschen wollte: Was bedeutete es für die „kleine“ und „große“ Wirtschaft, wenn Menschen nur noch ein Tausendstel an Kosten verursachen und nur noch winzige, günstige Artikel konsumieren? Oder wird alles sogar furchtbar teuer, weil eine Spritze, ein Fernseher oder Kondom in Mini-Größe extrem schwer herzustellen sind? Kann ein „großer“ Staat überhaupt wollen, dass alle reich und satt sind? – Doch all diese großen Fragen schwimmen unbeantwortet am Zuschauer vorbei, was den Film (Achtung!) kleiner macht, als er sein müsste.
Er tut, was ihm geplagt wird – Die Hauptfigur ist irgendwie schon eine besonders taube Nuss. Wie ein Autist auf Mon-Cheriè-Überdosis stolpert er von einer Situation zur nächsten. So wird er verlassen, vollgequatscht oder einfach „mitgenommen“, ohne dass er selbst eine nennenswerte Entscheidung fällt. Und als er am Ende des Films vor eine extrem wichtige Wahl gestellt wird, hält er erst eine große Ansprache („Bin auserwählt! Sonst nicht hier, sondern woanders! Waaah!“), um sich dann doch anders zu überlegen – und zurück zum ersten Akt zu trotten. Schon schlimm, wie der mich an mich selbst erinnert!
Flutschi-Figuren on the road – Die restlichen Charaktere eiern irgendwo zwischen “Kultig” und “Waren wohl gerade in der Stadt?“ herum. So gerne ich Christoph Waltz und Udo Kier auch sehe: Ihre Figuren scheinen keine eindeutige Funktion zu haben. Waltz ist z.B. mal der steinreiche Partylöwe, der Arbeit nicht mehr nötig hat, dann aber doch ein paar(?!) normal große Flaschen Alkohol nach Schweden schmuggelt? Warum? Um mit einem Winzschiff auf die andere Seite der Welt zu reisen (Kosten: 1.000 Euro?), um dort 200 Euro abzugreifen, um dann mit -800 Euro zurück in die Winzig-Welt zu reisen? Äh, was dort ja gemäß Filmlogik dann -800.000 Öcken entspricht? Ich bin verwirrt…
Alles hat (k)ein Ende… – Der Ausgang der Story ist ein solcher Schuss in den Ofen, dass ich danach erst mal ein paar Tonnen Kohle verbrannt habe – als Protest. Denn statt sich auf die „kleine Welt“ zu konzentrieren, wechselt man am Ende vollkommen den Fokus und zeigt uns ein paar Birkenstock-bedampfte Spinner, die sich vor dem Klimawandel in einer Höhle einschließen. Und ja: Das kommt ungefähr so rüber, als würde man bei „Blade Runner“ plötzlich über den ökologischen Sinn von Elektro(fliege)autos fabulieren.
Rad ab? Dann bitte rassistisch! – Die Asiatin war für mich das Highlight des Films. Ihr übertriebener Dialekt, die in abgehackten Sätzen verborgenen Weisheiten („War das Liebesfick oder Hassfick mit mir?“) und ihre Bereitschaft, sich auch mit den schrecklichsten Entwicklungen zu arrangieren, mag manchem wie Rassismus vorkommen (= „Hier werden Schlitzis als obrigkeitshörig dargestellt! Das gefällt mir als weißer Kommentator nicht!“), doch so ist es nicht. Im Gegenteil: Diese Figur ist die einzige, die Dinge auf den Punkt bringt, schnell Lösungen findet und mutig daherkommt. Ja, so konstruktiv muss man mit uns weißen Jammer-Losern interagieren!

„Hey, Mann? Waren das eigentlich gute Idee, zu verlassen Hauptfilm, um in Pampa machen ganz viel Philosophie über Umweltthemen?“ – „Hey! DU hast doch gesagt, dass du nicht mehr genug Verbandszeug hast, um auf Sachsens Marktplätzen über das Thema Migration zu diskutieren!“ – Dramaturgieflüchtlinge: Spätestens, wenn dieses Bild erscheint, sollte man den Film ausmachen.


Fazit: Was toll beginnt, wird gegen Ende zur mittelschweren Erzähl-Katastrophe. Beinahe jeder interessante Ansatz wird hier einfach „verkleinert“ und durch mehrere Greenpeace-Broschüren und unbedachte Handlungen ersetzt. Dass wir Menschen klima-technisch einiges falsch machen, war z.B. gar nicht die Grundfrage des Films. Doch trotzdem wird’s ausgewalzt, als gäbe es (Haha) kein Morgen.

Jede Filmminute zu dem Thema Klimawandel wirkt leider so, als würde uns ein Hobby-Jesus in der Fußgängerzone mit Kaka bewerfen, weil wir fiesen Umweltzerstörer mit einer Plastiktüte vorbeigeschlendert sind…

Zumal man mit der Verkleinerungstechnologie bereits eine so tolle Antwort auf fast alle Probleme liefert, dass man am Ende nicht mal mit einer coolen offenen Frage zurückbleibt. Somit bleibt uns nur noch das emotionale Empfinden der Hauptfigur übrig. Deren bevorzugter Gefühlszustand kann nämlich nur beim stundenlangen Benutzen eines Kreisverkehrs erreicht werden…

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Artikel

von Klapowski am 01.11.18 in Filmkritik

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Kommentare (2)

  1. Helbnerd sagt:

    Ich kann dem nur zustimmen. „Downsizing“ beginnt grandios, zerfasert dann aber völlig. Ein Freund von mir brachte es auf den Punkt: „Ein Film über absolut alles und ohne jede Aussage.“

  2. Tabularius sagt:

    Da gabs doch auch ne Star Trek TAS Folge zu dem Thema. Vielleicht ist die ja besser.
    (hab beides nicht gesehen. Aber ein Review zu der Folge würd ich lesen)

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