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„Preacher“ (Staffel 1) – Unsere Kritik zur geistlichen Serie

„Preacher“ (Staffel 1) – Unsere Kritik zur geistlichen Serie

Ein Priester, der in einer ländlichen Gegend eine gottähnliche Macht verliehen bekommt und nun alle um sich herum manipulieren kann? – Klingt wie der normale Evangelikalen-Prediger in den USA, der beim Gestikulieren fast zum Propeller-Flug abhebt. Doch hier ist die Lage doch etwas anders (und seltsamer); spätestens dann, wenn fleischfetischistische Industrielle ausgerechnet eine Kirche im Nirgendwo besitzen wollen (drum herum ist nur Wüste) und zwei Splatter-Engel die Sterblichen mit einer Kaffeedose aufmischen…

Diese Serie ist derzeit kostenlos für Amazon-Prime-Mitglieder zu beschauen.

„Breaking Bad“ trifft frontal auf „Tarantino“, welcher bei der Kollision „Buffy“ zum Kaffee einlädt. Und ja, diese drei Vergleiche sind so offensichtlich, dass sie mich fast ärgern. Nicht wegen des eigentlichen Serieninhalts, sondern weil JEDER im Netz die Serie so beschreibt: Die Bilder wie bei „Breaking Bad“ (Wüste bis zum Anschlag, Digi-Kamera deutlich über 100 Euro), die Gangster und sympathischen Unsympathen halt wie beim ewigen „Pulper“ namens Quentin, die Grundstory mit viel Humor und Vampiren wie bei „Buffy“. Wer da ganz andere Vergleiche findet, gehört vielleicht nicht zum langweiligen Vergleichs-Mainstream, hat aber dafür keine Ahnung. Denn besser kann man es wirklich kaum beschreiben.

Es ist jedoch die klare Comicoptik, die diese Serie so bemerkenswert macht: Klare Linien in der Bildsprache und viele offene Räume – nicht nur in den Häusern drin. Kurz, die Bildaufteilung zeigt hier immer wieder starke Kante(n). Es macht Spaß, der Kamera zu folgen, so schön beleuchtet und arrangiert ist hier das Grauen – welches selbst gar nicht sooo grau (oder wüstengelb) wirkt, sondern meist sogar recht bunt.

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„Natürlich glaube ich an den Lieben Gott! Meine Haarspitzen reichten ja schon mehrmals bis zum Siebten Himmel.“ – He’s a son of a preacher man: Das Casting scheint gelungen, wenn man den Comic zum Vergleich heranzieht – was man eigentlich nicht machen sollte, denn wer gewalttätige Comics liest, hilft auch Terroristen bei grün über die Straße.

Zugegeben, der Prediger ist nicht sonderlich sympathisch, eher eine Art ultramoderner Terence Hill, der fünf Leute am Stück verkloppt und sich dann frisches Gel in die Haare reibt. – Seine Freundin? Ist ebenfalls eine brutale Schlägerin mit Tendenz zur körperlichen Allmächtigkeit. Und von dem Vampir, der im Notfall Meerschweinchen und Menschen durchs Gebiss zieht, als hätten sie einen „Iss mich“-Zettel am Rücken, fangen wir am besten gar nicht erst an. Oder etwa doch? – Irgendwie ist er nämlich doch der kantigste unter den Kantigen, dessen Sprüche nicht selten eine Filminsider oder eine sonstige Punchline beinhalten.

Alle wichtigen Figuren schrammen gerade noch an der Linie entlang, ab deren Übertretung man ihnen nicht mehr würde folgen wollen. Man glaubt dem Prediger gerade noch, dass er die Welt verbessern möchte – auch wenn er zwischendurch so brutal, egozentrisch und überzeichnet ist, dass man bei ihm eher die Wahl-Zugehörigkeit beim lokalen IS-Verband unterstellen möchte. Alles ist im Fluss, nichts fix. Wird die Hauptfigur gar selbst wird Oberbösewicht? Alles möglich, alles denkbar. Ein echter Gegenspieler lässt sich nämlich trotz Engeln und Dämonen kaum blicken. Überhaupt lässt sich die Serie kaum mal in die Karten schauen: Ab und zu passieren wirklich einschneidende Dinge, dann folgen wieder mal 1-2 Episoden, die man nur deswegen nicht als „wegschneidenswert“ betiteln möchte, weil man sich besonders schöne Screenshots von ihnen über den Kamin gehängt hat.

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„Die Kettensäge? Die brauche ich für meine Hostien-Burger! Jungfrauen zerlegen sich doch nicht von alleine.“ – Geht’n Vampir in die Kirche: Absurde Momente rund um das Thema Religion und deren popkulturelle Mutationen sind das A und O bei „Preacher“. Kommt da eigentlich auch mal was mit Mohammed, oder wird die wichtigste religiöse Figur wieder mal sträflich ignoriert?

Hier gehört einfach zusammen, was zusammen verstört. Dass diese Geschichte einem Comic entsprang, ist bei den Keilereien besonders deutlich. Die ständig durchbrechende Gewalt ist verspielter als eine Katze vor einem batteriebetriebenen Wollknäuel. Abgetrennte Gliedmaßen, zerstückelte Geschäftspartner, das Aufschneiden lebendiger Körper zwecks Entnahme machtvoller Kräfte, die in eine Kaffeedose(!) gesteckt werden sollen, die man in der ersten Folge bereits durchs All fliegen sieht… – Das alles ist ein großer Spaß, zudem der Vampir und die ebenfalls mitmischenden Engel niemals nachhaltig unter ihrem Gliedmaßenmangel leiden. Gerne wird ein Gewaltexzess (Stichwort: 20 Leichen im Hotelzimmer) auch mal mit Dackelaugen und poppiger Musik untermalt.

Und das ist vielleicht auch der größte Kritikpunkt: Diese Serie ist so cool wie ein Eiswasser und so crazy-ironisch, wie es die neue stolze Nerdgeneration schätzt, aber eben nicht genial vom Erzählerischen Standpunkt her. Was bedeutet, dass sich für einen gewünschten Effekt auch mal mehrere Charaktere widersprüchlich verhalten können. – Wer eben noch wild entschlossen Kadaver zerlegen wollte, kann im nächsten Moment lustige Kinderlinder summen, um das magische Ritual auch mit weniger Blut abzuschließen. – Nicht zu vergessen der völlig irre Mastzucht-Industrielle, der ungestraft Leichenberge in seinem Büro ansammelt, mit Heerscharen tumber Idioten eine Kirche zerballert und nicht mal ansatzweise öffentliche Kritik auf sich zieht. (Alles Putin- und Erdogan-Versteher in dem Dorf da?)

Was die Charaktere wirklich wollen und brauchen, das geht schon mal unter in diesen humorisch-hippen Bildern. Mal ist blutige Rache angesagt, dann kleinbürgerliches Getue und Kirchengänge. Mal ist der Vampir im Team vorsichtig und ein bisschen faul, dann lässt er sich absichtlich in der Sonne verbrutzeln, um einen popeligen „Ich habe Recht“-Punkt zu verdeutlichen („Ich wusste, dass du mich löschen würdest!“). Was dann wiederum 2 Folgen benötigt, um ihn überhaupt erst wieder heile werden zu lassen. Einerseits sehr unterhaltsam und unvorhersehbar, andererseits muss man sich nachvollziehbare Nagelkau-Gedanken wie „Wie wird er/sie wohl reagieren?“ gar nicht machen.

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„Die Liebe zu Gott ist echt mein letzter Strohhalm. Vielleicht ist der Strohhalm aber auch mein Gott. Anders werde ich ja nicht satt, wenn es Steak gibt.“ – Heute schon über Menschen mit Behinderungen (hier: Geheimratsecken in jungen Jahren) gelacht? – Gerade diese Figur hat ein bis zwei sehr intensive Momente. Sie werden vor lauter Staunen seinen Mund imitieren, versprochen!

(MASSIVER SPOILER) Gerade die zehnte Episode lässt einen doch etwas ratlos zurück – auch wenn dauernd „Big Lebowski“ zitiert wird, um die eigenen fehlende Charakterentwicklung auf den Arm zu nehmen und klar zu machen, dass man vieles mit voller Absicht so strickte. Die Idee z.B., mit Gott(!) zu telefonieren(!), zerfasert am Ende, weil buchstäblich alle beteiligten Nebenpersonen einfach … tot sind. Da hätte man sich so manche Charakterentwicklung (sei sie auch widersprüchlich) weglassen können, wenn Crazy-Firmenboss, Seltsam-Sheriff und Co. doch eh nie wieder auftauchen. Und ich weiß immer noch nicht, ob das „Star Trek 5“-ähnliche Ende jetzt total genial ist, oder ob es eigentlich gar nichts über irgendetwas aussagt. Bis halt auf die Tatsache, dass der reale Gott irgendwie verschollen ist. (SPOILER ENDE!)

Eins ist aber sicher: Die Dialoge sind grandios! Hier gibt es kein Standard-Geblubber, wer wann wohin zu gehen hat. Nein, bis auf Komapatienten und stumme Football-Maskottchen(!) redet eigentlich jeder Charakter druckreif im Dauerironie-Modus. Selbst Leute, denen eine Sekunde vorher noch der Penis abgeschossen wurde, finden’s irgendwie brüllend lustig. Da verzeiht man so manche Wendung, die nur des bildhaften Experiments wegen eingeflochten wurde.

Ein schöner Trailer, fürwahr. Wer jetzt noch keine Meinung hierzu hat, hat vergessen, auf „Play“ zu drücken.


Fazit: Storymäßig wird hier aus der erfreulich breiten „Mach’s einfach mal so“-Kelle geschöpft: Alles funky, alles crazy, mutig sowieso. Eine Typische 201x-er Serie at it’s nerdest. – Trotzdem zeigt sich auch hier, dass das „Gesetz der Serie“ auch für ausschweifende Verrücktheiten und schräge Charaktere gilt: Denn ja, es gibt auch durchaus Füllfolgen, Füllszenen und „Fülleicht am Ende von Staffel 2 doch etwas mehr Aufklärung, was das Ganze sollte?“-Gedanken. Daher 3 Sterne für die Story, jedoch 3,5 für Look und Idee.

ACTION
HUMOR
TIEFSINN
ALLES IN ALLEM
SPARKIS MICKRIGER MEINUNGSKASTEN
Serien-Gral oder doch nur alte Oblate?
Ah, Mitte 2016. Der Punkt in der Zeitleiste für Comicverfilmungen, wo man bereits einen Teleskoparm benötigt, um an die restlichen Kandidaten gaaaanz unten in der Kiste dran zu kommen.

Was meiner Meinung nach aber keinen Nachteil darstellt. Denn die üblichen Explosionsabonnenten wie Iron Man, Superman und Co. kommen, bzw. kloppen sich, bei mir schon lange aus den Ohren raus. Was auch am mangelnden Tiefgang liegt, welcher oft dem Pappaufsteller-Gegenspieler der Woche zu verschulden ist („Raaaah! Ich will Rachääää und/oder die Welt erobern! Ist doch auch egal, was davon! Raah-raaaah!“).

Daher kommt mir der schräge Prediger mit dem Dreitagebart gerade recht. Zwar brauchte ich mindestens zwei Folgen, um die beabsichtigte Stimmung richtig einschätzen zu können, aber danach ging es nur noch aufwärts auf der Spark-Wertungsskala! Denn der Mix aus Humor und Bibeldrama ist gelungen. Denn wo sonst kann man einen Charakter, welcher sich via Schrotflinte selber ein… pardon… Arschloch in die Fresse gepustet hat, für eine sympathisch-unterhaltsame Nebenfigur halten?

Überhaupt sind schräge Gestalten das Amen und Omen von Preacher, welche selbst den oben genannten Anus-Mann noch eher durchschnittlich wirken lassen. Stichwort Fleisch-Anbeter.

Auch die Hauptfiguren sind angenehm unterschiedlich, vom tarantino’esken Prediger bis zur „Komplizin aus der Vergangenheit“, welche mich auf eine positive Weise sehr an Buffy erinnerte. Was durch einen Vampir (der Typ aus den letzten „Misfits“-Staffeln) nur noch verstärkt wird.

Optisch erinnert die Serie sehr an Breaking Bad, mit den daraus bekannten schönen Standbildern. Hier hat man wirklich viele meiner liebsten Elemente genommen und fachmännisch durch den Mixer geschleudert.

Fazit: Der Anfang war für mich etwas gewöhnungsbedürftig, aber danach toppte eigentlich jede neue Folge den Vorgänger. Was dann auch in einem „göttlichen“ Finale gipfelt, bei welchem ich mich sogar laut beömmelt habe. Was nach sovielen Reviews gottloser Filme nun wirklich nicht mehr selbstverständlich ist.

ACTION
HUMOR
TIEFSINN
ALLES IN ALLEM

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Artikel

von Klapowski am 12.08.16 in Serienkritik

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Kommentare (3)

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  1. G.G.Hoffmann sagt:

    Dazu möchte ich nur sagen: Gewalt führt nur zu weiterer Gewalt und bringt im Grunde gar nichts. Mit diesem Zitat aus der Serie hätte man selbige auch gleich wieder einstellen können. Das schaue ich mir ja mal notgedrungen alle vier Jahre bei Tarantino an (aber nur, weil die Filme abseits der Gewalt gut sind), aber doch nicht in Serie.

  2. Onkel Hotte sagt:

    Haben den Piloten mal angetestet. Frau fragt, ob es denn nicht mal wieder eine Serie ohne 30 Liter Blut, abgetrennten Gliedmasse oder dergleichen geben kann und nicht direkt in soapähnliche Gewässer abdriftet wie Downton Abbey – gibt’s da vielleicht auch was von ratiopharm ? Ich denke da mal an „Mad Men“, auch wenn die ersten beiden Staffeln bischen zum einschlafen waren. Für Tips wäre ich dankbar. „House of Cards“ ist meiner Frau wiederum zu politisch. Sie merken es, es wird nicht leicht.

    • Klapowski sagt:

      Äh, und wie hat es DIR so gefallen? Oder ist „Frau fragt“ das neue „Darf mich nicht outen“-Äquivalent von einem Mann, der bei seinem Druiden in den Topf mit dem falschen Geschlecht gefallen ist?

      Aber im Ernst, „Mad Man“ habe ich 5 Folgen durchgehalten, „House of Cards“ derer 4. Solche Serien bringen uns hier alle tatsächlich nicht weiter… Vielleicht mal „Jessica Jones“ anprobieren (die Serie jetzt, nicht ihre Klamotten)? Gibt hier demnächst auch ein Review dazu – also in ein paar Wochen jetzt.

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