Film- und Serienkritiken

Ernsthafte Kritiken zu Film und Serie.

„Apollo 13“ – Die Retro-Kritik

Endlich wird mein „Pile Of Shame“ um eine paar Byte tiefer. Jetzt habe ich nämlich diesen Klassiker nachgeholt. – Wie? Wieso ich den Film noch nicht gesehen hatte, obwohl er natürlich in die Muttermilch eines jeden Vakuumschnüfflers gehört? Nun, es ergab sich nicht… Meine Kinozeit begann nämlich etwas später (und fiel direkt in deren vorzeitiges Ende), Picard war für mich damals noch eher der „Tom Hanks zum Anfassen“ und die Streaming-Dienste vor 20 Jahren waren eher doof („Was? Nichts bei Napster bezahlen und trotzdem nur 30 kb/s? Unverschämtheit!“).

Umso unbeeinflusster und offener konnte ich „Apollo 13“ genießen. Was für einen verbitterten Trekkie ja auch mal ganz erholsam ist (= „WAS?! Die Gerüchte zum übernächsten ST-Film taugen nichts? Den Film lasse ich aus!“)

Inhalt: Bei einer Mondmission gibt es einen Defekt am Raumschiff, so dass die Kapsel recht unkontrolliert um unseren Trabanten trudelt. Fieberhaft versuchen Tom Hanks und seine teils – infektionsbedingt – fiebernden Kollegen, alles am Laufen zu halten. Derweil tüftelt die Bodenstation an MacGyver-verdächtigen Lösungsvorschlägen.

Besprechung:

Alles weitere bringen wir mit dem bewährten „Kasten-Fünffach-Antrieb“ auf Kurs:

Erklär mal mehr! – Es ist nicht einfach, ALLEN Zuschauern die Probleme am Raumschiffe so zu erklären, ohne dass man sich vom Onkel Filmemacher auf den Schoß gesetzt fühlt („Vakuum ist so was wie kalte Luft – aber mit Ersticken!“). Doch das gelingt hier recht gut, was auch daran liegt, dass selbst die NASA-Experten nie alles wissen. Somit müssen sich also der Elektromann, der Energiemann und der Gasmann stets gegenseitig auf den aktuellsten Stand bringen (= „Hey, fragen wir zusammen den Auf-Stand-bringen-Mann, Leute?“). Den Rest erledigen die Bilder, die Nachrichtenszenen, die Astronauten und eine gesunde Allgemeinbildung.
Build dir dein Bild – Die altbackenen Optik-Szenen kann man an einer Hand abzählen (= „Moment mal! Hat man die Startrampe als Scherenschnitt in die Landschaft geklebt?“). Die meisten Sequenzen sind so gut gealtert, dass man nicht eine Sekunde daran zweifelt, dass Tom Hanks & Friends gerade (t)rudelmäßig durch den Weltraum rauschen. Die meiste Zeit betrachtet man tatsächlich echte Modelle, die lediglich mit CGI (= rumtrudelnde Polygon-Alufolie in 10 Varianten) aufgepeppt wurden.

„Wir müssen den Sauerstoffverbrauch verringern! Vorschläge?“ – „Die zehnköpfige Crew aus filmenden Influencern rauswerfen?“ – „WAS?! Ohne Öffentlichkeitsarbeit wäre dieser Flug ein Desaster!“ – Fliegbait: Vieles würde heute anders gehandhabt werden. So würde man heute GAR NICHT mehr auf dem Mond landen. Dafür hätte man aber mehr Zeit für krude Theorien, warum nie einer dort war.

Und nun der Showauftritt von „De Dröhner“ – Nichts gegen bombastische Orchestermusik und Pauken, in die man Löcher kloppen möchte, aber: Manchmal zündet mir die epische Ohrenrakete ein paar Brennstufen zu viel. So hätte ich auch gerne auf die engelsgleiche Chormusik am Ende verzichtet; ich hatte durchaus verstanden, dass eine überstandene Notwasserung eher was Gutes ist. Oder ist man hier auf Jesus gelandet – und ich hab‘s nur nicht gesehen?
Wir heißen doch nicht Burnham! – Einerseits ist es ganz nett, dass die Astronauten so cool und professionell bleiben. Das macht nach dem vielen Training und den psychischen Auswahlprozessen durchaus Sinn. Am Ende des Films ist man aber dennoch überrascht, wie wenig Zeit wir mit Tom Hanks entgleisenden Gesichtszügen verbracht haben – gerade im Vergleich zu „Cast Away“, den ich kurz vorher sah. Hier hätte ich mir ein bisschen mehr Klaustrophobie gewünscht („Unter das Space-Spülbecken kriechen? ICH?“) oder stressbedingtes Klagen („Dieser Mond hätte nie erfunden werden dürfen!“). Und zur Stimmungsverdeutlichung hätte ich sogar ausnahmsweise etwas Wackelkamera© genommen!
Kein Drama, Baby! – Am Ende des Tages muss man sich damit abfinden, dass dies keine Soap, keine Science Fiction und kein Weltraum-Horror sein soll. Wir sehen den menschlichen Erfindungsgeist auf dem Höhepunkt seines Schaffens und erleben Genies, die noch zwei Plastiktüten neu zuschneiden konnten, um die Luftversorgung zu reparieren. Es geht um drei Männer, die mit Videospielskills (= Rakete mit Joystick anhand des Äquators ausrichten) ihr Leben retten und das ziemlich prima finden. Das ist gelebte Geschichte, das ist das Leben, das wollen die Leute sehen!

„Housten? Wir haben ein…-undzwanzig Probleme!“ – Wenn Murphys Gesetz nicht mehr reicht: Trotz der vielen Defekte an der Raumfähre bleiben die Jungs meist ruhig. Schließlich wurden viele Todesarten vorher detailliert trainiert und von führenden Priestern besprochen.

Mit einer nahezu perfekten und beinahe zeitlosen Inszenierung macht es der Film also leicht, von jedem geliebt zu werden, der in Gedanken schon mal sanft (s)eine Rakete gestreichelt hat. Keine Szene erscheint zu lang, nichts zu übertrieben oder gar zu experimentell. Wer das hier abwatscht, ist entweder ein professioneller HATER oder ein überanalysierender Schnösel (= „Die Fixierung auf die rein amerikanische Sichtweise halte ich als Anhänger des kongolesischen Raumfahrtprogramms für problematisch.“)…

Doch durch diese oberflächliche Perfektion erscheint „Apollo 13“ nur so „edgy“ wie ein alter Softball – in der Schnauze eines amerikanischen Familienhundes. Alle arbeiten halt brav zusammen, Tom Hanks würde in einem Seminar für Teambildung stets als leuchtendes Beispiel gelten und die Leute auf der Erde sind eeetwas schrullig, am Ende aber auch skillig.

Das ist dann nicht gerade eine große Vision, Künstlerkino, ein Nachdenk-Schinken oder gar ein Actionkracher. Wer hier eine zweite oder innovative Ebene suchen geht, muss schon die ganz großen Triebwerke für besonders lange Reisen zünden…

Wenn am Ende eingeblendet wird, was aus den realen Raumfahrern wurde, fühlt man sich einerseits schlauer, aber nicht gefordert.


Fazit: Ein Film, auf den sich wirklich alle einigen können: Deutschlehrer bekommen im Medienraum die Stunden bis zu den Sommerferien rum, Oma erinnert sich an früher („Jaaa, genau sooo war das damals im Fernsehen, als die Astronauten verschollen waren!“), Space-Begeisterte können sich gegenseitig auf den Rücken klopfen („Diese Menschheit, Mensch! Die ist schon ein gerissener Men… – Hund!“) und Doku-Freaks bekommen hier genug Futter, ohne durch dramaturgische Heulsusen-Fehltritte verschreckt zu werden.

Ein Film, den man gesehen haben MUSS.

Es sei denn, man lässt es einfach…

ACTION
HUMOR
TIEFSINN
ALLES IN ALLEM

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Artikel

von Klapowski am 07.04.19 in All-Gemeines

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Kommentare (12)

  1. G.G.Hoffmann sagt:

    Kann den Film immer wieder sehen. Die russischen Varianten „Gagarin“ und „Spacewalker“ sind ebenfalls erstaunlich gut.

  2. SimonWright sagt:

    Die Originalgeschehnisse im Raumschiff waren ja noch professioneller als im Film. Die kleine Krise mit Swigert und Haise, ob ersterer wirklich alles richtig gemacht hat beim Knöpfe drücken, wurde ja nur aus dramaturgischen Gründen eingebaut. Die Nasa schickt also wirklich Profis in den Weltraum und nicht einen Haufen dauertraumatisierter Amateure wie sich andere das gerne vorstellen.
    Auch wenn im Film kleinere Details nicht so stimmen und die Synchro sich schon mal ein eckiges Schwein aus dem englischen herbeizaubert, ist es wirklich ein großartiger Film.
    Tom Hanks hat auch „From the earth to the moon“ produziert, was ich mir ebenfalls immer wieder ansehen kann. Die Apollo-13-Episode wird da aber aus Sicht der Frauen geschildert um den Film nicht nochmal erzählen zu müssen.

  3. Schildkröt sagt:

    Ich muss dem Film leider ankreiden, dass die Realität zu kitschig ist. Die Ehefrau des einen Astronauten hat ja wohl tatsächlich vor dem Unfall ihren Ehering im Abfluss verloren. Kann mich daran noch erinnern, weil ich das als Teenager dramaturgisch zu billig fand – aber in dem Alter findet man ja jede Gefühlsregung kitschig. Wie ist die Szene denn nun objektiv betrachtet als Erwachsener?

  4. Susan sagt:

    Ich hab den Film seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen, aber das Review beschreibt ihn ungefähr so, wie ich ihn in Erinnerung habe. Solide und recht akkurat, aber auch ziemlich safe gespielt. Und wenn ich mir Tom Hanks anschaue, fällt mir erst auf, wie alt der Film bereits ist!

  5. Serienfan sagt:

    Hollywood hat ein bestimmtes Heldenbild erschaffen. Danach ist der Held jemand, der die Dinge allein in die Hand nimmt, der oft auch gegen gesellschaftliche Widerstände kämpft, und der der sich eben nicht auf eine Gemeinschaft verlassen kann, die für ihn da ist. Der Held ist ein Einzelgänger, wenn er Glück hat verfügt er über einen einzelnen Sidekick.

    „Apollo 13“ baut ein anderes Heldenbild auf. Die „Gesellschaft“ ist der Held, weil sie gemeinsam Probleme löst. Der Held ist eingebettet in eine Gemeinschaft. Er ist Held, gerade weil er nie aus den Vorschriften ausbricht, sondern sie stoisch befolgt.

    Das ist gut gemeint, doch leider funktioniert es nicht. „Apollo 13“ ist langweilig, und die seltene Emotionalität wirkt dann auch noch kitschig und aufgesetzt. Dass viele Kulissen (und Figuren) letztlich doch aussehen wie aus einem Werbeprospekt, ist auch nicht hilfreich. Eine tiefere Charakterisierung der Figuren hat man wohl aus Respekt vor der Realität gleich ganz sein lassen.

    Das ist leider das Problem bei vielen Filmen, die reale Ereignisse aufgreifen. Es ist eine selbst auferlegte Nüchternheit, die dann oft nur mit einer Prise Filmkitsch bestreut wird.

  6. Tabularius sagt:

    Ich finde der Film kommt hier sogar noch zu schlecht weg (trotz der recht guten Bewertung)
    Ich finde ihn einfach grossartig!

    Auch wenn es (durch die Musik) manchmal recht dick aufgetragen ist, so kommt hier die Leistung der Ingenieure (und der Menscheit insgesamt) super zur Geltung.
    Und das ist, in anbetracht dessen was erreicht wurde auch absolut gerechtfertigt.

    Für mich funktioniert der Film aber auch als Actionfilm hervorragend.
    Die immer weiter ausartende Eskalation, und die klar definierten Ziele (nicht im all verloren gehen, zur Erdde zurück kommen, Sauerstoff reparieren etc)
    Waren für mich enorm spannend.

    Hier ist auch durchweg klar wie gefährlich die Situation ist und wie schlimm die Konsequenzen währen.

  7. Onkel Hotte sagt:

    Ich würde mir lieber 20x hintereinander „Apollo 13“ anschauen als diese verkackten Marvel Heldenfilme einmal (Zwei Filme von denen finde ich gut).

    • Grinch1969 sagt:

      Da verstehe ich einfach den Zusammenhang nicht, sorry. Oder ist das diese typisch deutsche Reaktion, die man auch sehr häufig in Vergleichen „STD-The Orville“ wiederfindet, dass ich eines nicht gut finden kann ohne etwas anderes oder anderen herabzusetzen.

      Tut mir leid, kapier ich nicht.

  8. bergh sagt:

    tach auch!
    Ein Film den man sich immer wieder anschauen kann.
    Sehr realistisch und das mit den Heldenbildern stimmt auch.
    In Apollo 13 haben zig tausende als Team zusammen gearbeitet, um die Jungs nach Hause zu bekommen und zwar lebend.
    Chuck Norris hätte dem Raumschiff befohlen auf dem Flugzeugträger zu materialisieren.
    Bruce Willis hätte es nacvh Hause geprügelt.
    Tom Hanks musste auf die Realität Rücksicht nehmen.

    Aufbruch zum Mond ist im Vergelich ein schnarchlahmer Film und hätte es nicht sein brauchen.

    Gruss BergH

  9. Andreas sagt:

    Ein großartiger Film, den ich zu meinen 10 Lieblingsfilmen zähle. Diesen würde ich ebenfalls auf eine einsame Insel mitnehmen – wenn ich dort Strom für den Blue Ray Player bekommen würde. Ich bin mal gespannt, ob „From The Earth to The Moon“ auf diversen Streaming Plattformen laufen wird, zum 50 jährigen Jubiläum von Apollo 11 diesen Sommer. ;)

    Ein Tipp für Literaturfreunde: „Apollo 13“ von Jim Lovell und Jeffrey Kluger beschreibt das Geschehen aus Jim Lovells Sicht.

  10. teletubbed sagt:

    Ja, Apollo 13 ist anguckbarer als so manches andere Howard-Produkt, zum Beispiel Bryce Dallas Howard.

  11. bergh sagt:

    tach auch !

    I might disagree.
    Wenn sie auf High Heels durch den Dschungel rennt kann man sie schon anschauen.

    Gruss BergH

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