Film- und Serienkritiken

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„The Circle“ – Eine Kritik von dystopischen Ausmaßen

In dieser Romanverfilmung von 2017 bekommt es Emma Watson mit einer Tech-Firma zu tun, die kein Problem mit der totalen Überwachung der Menschheit hat. Die Regierung oder restliche Menschheit übrigens auch nicht. Okay, bis auf einige besorgte Eltern und einem leicht überdrehten jungen Mann vielleicht. Aber es sollte ja mit dem Teufel zugehen, wenn die globale Dramatik nur anhand von billigen Family-Soap-Elementen aufgezeigt werden würde, oder? – Oh. Hallo, Teufel. Du schon hier? Ich habe dich doch erst für das „Fazit“ dieses Reviews bestellt?

Inhalt: Mae Holland darf in einer Art Google/Facebook-Mischfirma anfangen, die sich „The Circle“ nennt. Dass diese leicht sektenhaft aufgebaut ist, ist dabei nicht mal das Schlimmste. Bedenklicher ist, dass das Unternehmen scheinbar tun kann, was es will. Noch bedenklicher ist, dass dieser Umstand ab einem bestimmt Punkt (Stichwort „Wählerverzeichnis“) nicht mal mehr vom Drehbuch selbst erklärt wird.

Es gibt nichts cooleres als dystopische Szenarien, die drei Fässer aufmachen, vier wieder zuschweißen und 20 weitere Fässer mit billigen Schockelementen verzieren. Oder?

Besprechung:

Leider kranken die dystopischen Edel-Ideen extrem an den Entscheidungen der Hauptfigur:

„Oh, ich werde hier zu bestimmten Freizeitaktivitäten gezwungen? Dann gucke ich erst mal überfordert und geschockt – und mache es dann.“

„Upsi, ich trage einen Sensor im Arm und einen im Bauchi? Dann schaue ich lieber mal irritiert – und mache es dann.“

„Hm, ich bin frustriert und genervt von der Gesamtsituation und komme daher fast bei einem Paddelausflug um‘s Leben, weil ich zu blöd bin, mich in der finstersten Nebelnacht besonders krampfhaft an mein Schwimmgerät zu klammern? – Dann werde ich auf der nächsten Firmen-Großkundgebung erst mal verkünden, für alle Ewigkeit(!) immer eine Kamera dabei zu haben und mein ganzes Leben ins Netz zu streamen. Sex, Intimität und Betriebsgeheimnisse werden eh überbewertet. Ich halte dieses Überwachungs-Ding für eine äußerst starke Idee, obwohl der schwarze Hinterbänkler von der letzten Party mir (und dem Zuschauer) bereits erklärt hat, dass totale Überwachung irgendwie total … total ist.“

„Naivität“ ist hier schon nicht mehr gaaanz das richtige Wort, oder? Ja, hier muss ich sogar nach einem neuen, umschreibenden Begriff suchen, der ausdrückt, dass der Charakter Mae Holland nur mit einem 45-minütigen Baseballschläger-Massage ausreichend in die Normalität zurückgeholt werden kann. – Wobei, eigentlich funktioniert wohl auch das nicht. Schließlich fühlt sich das gesamte Drehbuch schon verdächtig nach zukloppendem Hartholz an.

„Und nun sehen Sie, wie unsere neue Technologie es möglich macht, dass verrückte Hillbillys meinen besten Freund innerhalb weniger Sekunden in der Einöde zu Tode jagen können! Also… Ich weiß wirklich nicht, wie die Regierung DAS kritisch bewerten könnte.“ – Dann doch lieber Powerpoint: Gegen Ende wird die Story so abwegig, dass es unwahrscheinlich wirkt, dass eine solche Firma komplexe Technologien entwickeln kann. Einschließlich dem Ackerbau und dem Rad.

Im Ernst, man will uns ernsthaft verklickern, dass ALLE Firmenbeteiligten (abzüglich des kritisch gewordenen Genies im Hintergrund, das jungen Frauen gerne nachts Moralpredigten im [Server]Park hält) es für eine gute Idee halten, wenn Häuserwände in Zukunft von winzigen Superkameras tapeziert werden? Die zudem – aus welchem Grund auch immer – keinen Energieverbrauch zu haben scheinen, wenn sie direkt mit einem Satelliten(!) kommunizieren? Okay, das könnte man uns gerne als Dystopie, Groteske oder Facebook-Satire verkaufen, aber dafür nimmt sich der Film dann doch etwas zu ernst. Wie soll ich die Kamera-Tapezierer© denn auch für voll nehmen, wenn das Naheliegendste (ein Verbot durch die Regierung z.B.) nicht wirklich diskutiert wird, damit die dünne Story immer schön vorankommt?

Emma Watsons Figur ist jedoch der dickste Schwachpunkt dieser Story. Siehe oben – wenn ihr euch noch mal traut. Zudem ist sie so langweilig, dass selbst Big Brother höchstpersönlich sich die digitalen Hände vor‘s Gesicht halten möchte, um dieses Elend nicht mehr länger anzusehen. Sie ist diese Art von Hohlnudel, die auch ihr Menstruationsblut über Instagram streamen würde, solange es ausreichend nach einem exotischen Essensbild aussieht (Würg).

Am schlimmsten ist jedoch, dass Mae Hollands Blödheit keinen tieferen dramaturgischen Zweck erfüllt. Und vollkommen aufgesetzt wirkt. War nicht der anfängliche Witz zu Beginn, dass sie eigentlich sehr schlau sein muss, um bei Goog… The Circle arbeiten zu können? Umso seltsamer wirkt es, dass eine mittelmäßige Call-Center-Mitarbeiterin heimlich im Büro des obersten Chefs rumschleichen kann und sofort von den wichtigsten Personen im Monsterkonzern umgarnt wird. Obwohl sie sich mit ihren stammeligen Anfangs-Aussagen („Äh. Ja. Alles supi hier. Pups.“) eher als persönliche Putzkraft des Parkplatz-Pförtners empfiehlt.

„Chef, ich habe eine Idee! Wir könnten gaaanz vielen Babys Sensoren einpflanzen und die Bälger dann zu Server-Farmen zusammenschnallen. Das mag unkonventionell wirken, aber … hey: Hitler galt zuerst ja auch als unkonventionell.“ – Vier Liter Wasser zwischen den Ohren: Weil sie einmal im Ego-Suff ins Salzwasser geplumpst ist, ist diese Frau ab jetzt qualifiziert, die Welt zu verändern. DANKE, Merkel.

Glaubt man am Anfang noch, dass Mae Holland tief im Inneren eine Abscheu gegen viele der Firmenpraktiken hat, so wird relativ schnell klar, dass sie überhaupt nicht nachdenkt. Niemals. Nicht die Bohne. – Und wenn ein kritischer Neuralprozess mal doch besonders gut passen würde, so genügt ein kurzer Gedanke an die Therapie des schwerkranken Vaters, die freundlicherweise von der Dämonenfirma bezahlt wird. Genauso gut hätten uns die Filmemacher eine magenkranke Katze („Dank The Circle kann ich endlich dieses Spezialfutter bezahlen! Stirb, Privatsphäre!“) oder den klassischen behinderten Bruder präsentieren können („Therapieeee guuut, Schwesta! Muss nicht mehr Kaka in Haaaand machen!“). Plumper wäre es kaum gegangen.

Es sei denn, man sähe die Eltern beim Sex mit einer Penispumpe, was versehentlich in die ganze Welt gestreamt wird. – Äh, wobei… Diese Szene gibt es wirklich im Film. Konnte man ja auch nicht ahnen, dass totale Überwachung auch so was kann! Tsss, diese moderne Technik… Seit wann gibt es Kameras? Doch erst seit 120 Jahren oder so?

So verschleudert der Film seine interessanten Ansätze zum Thema Privatsphäre und Technikkonzerne leider an sein präpubertäres Vorschul-Niveau. Vermutlich glaubte man hier, den Zuschauer in die Rolle des Publikums im Kasperletheater versetzten zu müssen. Die Kinder warnen den Kasper ja auch brüllend, wenn hinter ihm seit Sekunden ein grünes Reptil herumschleicht… Nachher kann man dann wenigstens sagen, es früh genug gewusst zu haben: „Alles doof, das mit den Computers!“

„Buuuuhuuu, ich habe alle enttäuscht und abgestoßen, und das macht mich sooo traur… Oh, eine neue Schnapsidee ist mir aufgrund meiner Selbstgeißelung erschienen. Meine Gefühle sind wirklich ein … Genie!“ – Einfach 1,5 Ave Marias hochgeladen uuund weiter geht‘s: Ständig leidet die Hauptfigur unter ihren Taten, macht es in der nächsten Szene aber nur noch schlimmer. Aber gut, auch Psychopathen wollen ja nur etwas Liebe … äh, ausnutzen.


Fazit: Was als interessanter Plot beginnt, wird nach dem ersten Filmdrittel zum glaubwürdigkeitstechnischen Super-Gau. Emma Watson spielt ihre technikbegeisterte Egomanen-Heulsuse mit der unbändigen Kraft eines Mistkäfers und der reinsten Seele eines Internet-Trolls. Da kann nicht mal Tom Hanks als berufsjugendlicher Konzernchef irgendwas retten.

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Artikel

von Klapowski am 05.05.18 in Filmkritik

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Kommentare (4)

  1. G.G.Hoffmann sagt:

    Der Film, insbesondere die Besetzungen, haben ja überwiegend schlechte Kritiken geerntet. Das Buch allerdings fand ich sehr gut. Eine gelungene Persiflage auf Google, Facebook, Tesla & Co., wo Naivität, Kollektivismus und unbedingte Anbetung des Firmengründers offenbar Einstellungsvoraussetzung sind und von vielen Mitarbeitern auf einem weltabgeschirmten Campus auch so gelebt werden.

    Dass die Beschreibungen im Buch sich schwer auf die Leinwand würden umsetzen lassen, hätte man ahnen können. Ebenso, dass die beiden Hauptdarsteller in diesen Rollen erfrischende Totalausfälle sein würden.

  2. Bergh60 sagt:

    tach auch !

    Dass die Kurze mal daneben liegt : O.K. sie ist noch jung.
    Aber dass Tom Hanks was versaut ?
    Das kann doch nicht sein,
    oder ist, mal wieder, das Drehbuch DUNG?

  3. Ferox21 sagt:

    Ich hatte damals nur den Trailer gesehen und für mich entschieden, dass der Film höchstwahrscheinlich nichts werden wird. Die Story breitete sich direkt vor mir aus: Allmächtig erscheinende IT Firma, ziemlich klar ein Amalgam aus Facebook, Google und Apple. Charismatischer Chef mit Guru-Attitüde. Junge Mitarbeiterin, die erst Feuer und Flamme ist für die Firmenphilosophie, bis sie hinter die Schattenseiten ihres neuen Arbeitgebers kommt – und damit in höchste Gefahr gerät.

    Nein, für so etwas gebe ich keine Lebenszeit aus. Schade um Emma Watson. Eigentlich sehe ich sie immer wieder gerne, aber ich finde, dass sie in der letzten Zeit in Punkto Schauspielkunst ziemlich nachgelassen hat. Schade…

  4. Klapowski sagt:

    Wobei man sagen muss, dass das große Auflehnen gegen den Arbeitgeber einfach zu spät kommt. Nach dem ersten Drittel oder der Hälfte – das wäre quasi perfekt gewesen, weil man ab diesem Zeitpunkt mit ihr hätte mitfiebern können.

    Doch stattdessen ist sie bis kurz vor Schluss davon überzeugt, dass „Klatschvieh für den Chef“ und „Techno-Ideen für den Arsch“ zwei sehr erstrebenswerte Bachelor-Studiengänge sein könnten.

    Und das Finale ist auch nicht dramatisch genug, sondern erinnert mehr an einen klassischen „PRAAANK!!“. Und danach wird wieder selig in die Kamera gelächelt, als würde der Heiland gleich auf einem MacBook auf die Erde geritten kommen.

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