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„Dark“ – Die Kritik zum deutschen Netflix-Hammer

Ich möchte mich bereits jetzt entschuldigen. Für meine unglaubliche Klischeehaftigkeit, für mein ungeheures Versagen, auf ein geschichtliches Großereignis mit dem angemessenen Abstand und der korrekten Coolness zu reagieren. Denn statt mich knietief in die Storyanalyse dieser Serie zu begeben, werdet ihr gleich vor allem diesen Satz lesen: „Für eine DEUTSCHE Serie ist’s ganz gut.“ Aber ihr dürfte dann ja gerne mit MEINER Deutschstämmigkeit kontern, wenn es an die Bewertung meines Reviews geht, okay?

Inhalt: In einem Kaff namens Winden verschwindet ein Kind – nicht das erste, wie sich nach und nach herausstellt. Lediglich einige ältere Bürger der Gemeinde scheinen mehr über dieses Phänomen zu wissen. Im Zentrum des ganzen Verschwindibus-Zaubers scheint eine Höhle in den Wäldern zu stehen.

Besprechung:

Meine anfängliche Skepsis hatte gute Gründe. Schließlich stachen deutsche Serien doch bisher vor allem dadurch heraus, dass sie für ihr Budget stets den allerbesten Premium-Look herausholten. Dumm nur, dass das Budget stets nur aus einem Appel(rest) und einem Ei(erschalenfragment) bestand. Okay, manchmal lag das Budget auch höher als das. Dann wurde es jedoch oftmals für alte Witzebücher und professionelles Schauspieltalent-Downgrading ausgegeben.

Doch nicht so bei „Dark“. Das sieht toll aus und wird auch ebenso geschauspielt. Zu viel zur Story will ich jedoch nicht erzählen, ist doch das Selbst-Entdecken und Selbst-nix-raffen hier das oberste Gebot. Und weiter unten werdet ihr eh noch früh genug erfahren, dass es um verschiedene Zeitebenen, verschollene Kinder (mit Schauspieltalent!) und eine im Mystik-Bereich eher überambitionierte Höhle geht…

Es hat sich diesmal gelohnt, den allgemeinen Standard nach DIN-Norm 2930 (= „Thrillervereinheitlichungsnorm“) zu erfüllen: Die ersten Serieninspektoren bescheinigten dieser Produktion schon früh ein hohes Maß an „Internationalen Standards“ und „genreüblichen Mindest-Wendungen“. Blöd nur, dass ab jetzt immer diese blaue Prüf-Plakette („Deutsche Guckempfehlungsbescheinigung“) mitten auf meinem Monitor klebt?!

Bis auf wenige Ausnahmen wird der Zuschauer hier NICHT mit übertriebenen Gesten und Betonungen malträtiert, die auch dem Dümmsten sagen sollen, dass eine Figur gerade wütend oder traurig ist. („Was?! Frederike hat einen neuen Freeeeeuuund?! Das macht mich sehr wütend! Und traurig!“) Ja, es ist das erste Mal, dass ich sagen kann, dass mir fast jeder Darsteller gut gefällt. Wirklich jeder ist hier gut gecastet und verzichtet auf die sonst übliche Gulaschmimik für gesichtsblinde Zuschauer. Kein Wunder: Die üblichen Verdächtigen aus der deutschen A-Riege (= professionelle Kinderretter namens Veronika) bleiben komplett außen vor. Und da man recht häufig verschiedene Versionen einer Person sieht (jung, mittelalt, knackig alt), ahne ich da einen gewissen Aufwand auf der Castingcouch zu erkennen. Hier passen eigentlich alle Figuren – bis hin zum hinterletzten Laberlappen.

Dafür könnte die Serie allerdings ein anderes Problem bekommen: Ähnlich wie in LOST werden nämlich recht viele Hinweise, Namen und Plot-Devices ausgestreut. Was geschah z.B. im Kernkraftwerk? Wer ist der Kapuzenmann mit dem Uhrenfetisch? Welches Kind verschwand wann und wieso variiert das Aussehen beim Wieder-Auftauchen zwischen „Als Pirat mit ZWEI Augenklappen vielleicht noch zu gebrauchen“ und „Eigentlich ist ja gar nix schlimmes passiert“? – Hier muss man wahrlich vierdimensional denken, um am Ende nicht wie der einzige in der Klasse dazustehen, der die Matheaufgaben nicht verstanden hat. Was bei „Dark“ womöglich schwierig wird, weil zwischendrin gerne mal Denk- und Erinnerungslücken in der Länge eines Jahres auftauchen. (Die zweite Staffel wurde gerade bestätigt)

„Okay, ich komme jetzt rein! Aber sei gewarnt, fiese Höhle: Sollte ich hier drin verschwinden, wird man es in 20 Jahren erfahren und in 40 nach mir suchen.“ – Willkommen bei den Lochis: Zwar gibt es die üblichen Mini-Probleme in Sachen Planung (= niemand hinterlässt mal ein paar Infos mehr als nötig), doch HIER hat man immerhin die Ausrede, dass die Zeitlinie bestimmte Abzweigungen einfach per deutschem Drehbuch-Reinheitsgebot „verboten“ hat.

Zusammen mit mindestens drei Zeitebenen und zusätzlichen Verwandtschaftsbeziehungen ist also viel Futter für verlorene Fäden vorhanden. Bisher geht das aber noch. Wo ich bei LOST spätestens am Ende der ersten Staffel/Anfang zweite Staffel das Gefühl hatte, dass sich die Autoren alle Hinweise aus etwas ziehen, das verdächtig nach Schließmuskel aussieht, so werden HIER schon nach wenigen Episoden die ersten Hinweise aufgelöst. Was gut ist. Moderne Serien sollten sich nicht nur darüber definieren, was der Showmaster am Ende hinter dem letzten Vorhang hervorzieht. Es könnte immer noch der Zonk sein.

Überhaupt wird man die vielen Rätsel und Zeitsprünge – ob nun aufgeklärt oder nicht – nicht ewig durchhalten können, da ich mich schon im Staffelfinale am Ende meiner geistigen Leistungskraft wähnte: „Wer war noch mal die Ziehmutter vom weeem? Ist die kleine Tochter jetzt 1980 der greisenhafte Onkel vom hundertjährigen Zeitreisenden oder doch umgekehrt?“

Und leider gibt es gerade im Mittelteil so ca. drei Folgen, bei denen es irgendwie nicht recht vorangeht. Hier zeigt sich erneut, dass Netflix mit seiner bekannten „Wir wollen mindestens 10 Folgen“-Politik nicht immer eine GroKo mit unserem Guckvergnügen eingehen kann. Klar, es gibt einer (Dorf-)Welt mehr Tiefe, wenn zwei Menschen fremd gehen und eine andere plötzlich die Krebsdiagnose bekommt. Doch ab einer bestimmte Menge an Subplots suhlt man sich plötzlich nur noch in Elternabendenden, jugendlichen Beischlafproblemen und Arztbesuchen. Und DAS ist angesichts eines geheimnisvollen Irren, der Zwangs-Zeitreisenden die Augen rauskokelt, doch etwas schade.

„Ich verstehe meinen eigenen Kinderarzt nicht mehr. Immer, wenn ich mich nicht mit ‚Marty McFly‘ vorstelle, stopft er mir dieses Ding in den Mund.“ – Kurz angebunden: Nicht nur der Geist der Zuschauer, sondern auch die jüngeren Darsteller müssen sich ständig mit dem/den „Schnallen“ beschäftigen.

Überhaupt bin ich mir nicht sicher, ob die Stärke der Geschichte überhaupt an dem hochkomplexen Plot liegt. Möglicherweise bin ich auch nur davon begeistert, düstere Wälder zu sehen (unheimlich!), atmosphärische Musik zu hören (unheimlich gut!) und generell in eine mystische Stimmung einzutauchen, die uns nicht alle zehn Sekunden vorschreibt, was wir zu empfinden haben. „Dark“ ist eben eher wie ein Sudoku in Seriengestalt: Eine kühle Welt vieler Kästchen, in die man nacheinander reinschaut, bis die eigene Birne raucht und das Bügeleisen im Wohnzimmer anbrennt.

All das mit dem etwas traurigen(?) Nebeneffekt, dass man das Rätsel vermutlich kein zweites Mal lösen (bzw. anschauen) wird, wenn es erst mal ausgefüllt vor einem liegt. Denn wirkliche Heldenfiguren oder sympathische Leute gibt es hier nicht zu sehen. Man fiebert eigentlich nie mit bestimmten Gesichtern mit, sondern lässt sich zwangsweise in jeder Episode auf eine andere Ensemble-Geschmacksrichtung ein. Einer fegt halt aus Leidenschaft den Hof, der andere vermisst halt bevorzugt seine Kinder und der nächste vertuscht für sein Leben gerne Industrieunfälle. – Das ist erzählerisch nicht weltbewegend, muss es aber vielleicht auch nicht sein.

Ein wenig ratlos ließ mich dann auch das Ende der Staffel zurück. Nachdem wir noch ein paar weitere Details und Verknüpfungen gezeigt bekamen (Stichwort „Komischer Apparat“), machte man noch eine VIERTE Zeitebene auf, was dann auch gleich als Cliffhanger für die zweite Staffel herhalten muss. Doch so gut ich die liebevolle Darstellung jeder einzelnen Jahreszahl genießen konnte, so wenig bin ich gewillt, ein weiteres Anschwellen an abgerissenen Kalenderblättern, vollgekritzelten Flipcharts und Familienstammbäumen hinzunehmen. Hier erhoffe ich mir für die nächste Season eher ein Abschwellen der Info-Baustellen, statt irgendwann einen waschechten Römer darüber lamentieren zu hören, dass sein Großvater Julius ebenfalls in einer Höhle verschwunden ist.

„Heureka! Stephen Hawking hatte recht! Tante Bärbel hat wirklich an ihrem eigenen Entbindungstermin Geburtstag!“ – Schreib-Kraft: Auch die Figuren, die schon etwas länger eingeweiht sind, müssen oftmals zu solchen Infosammlungen greifen. Kürzlich wurde sogar die weltweit allererste Person gesichtet, die hierfür ihren üblichen Gratis-Cloudspeicher KOSTENPFLICHTIG erhöht hat!

So bleibt am Ende eine Zeitreisegeschichte mit dörflichem Anstrich, die am Ende vielleicht keinen sooo tiefschürfenden Ursprung hat, wie wir bisher vermuten. Die Auflösung „Onkel Ernst war halt irre – und zufällig Physiker“ ist nämlich immer noch nicht gaaanz vom Tisch. Diese Produktion lebt vor allem durch ihre positive Sperrigkeit, die vielen Rätsel und liebevollen Details. Außerdem MUSS man die Episoden quasi schon hintereinander wegschauen und völlig eintauchen, weil man sonst schneller raus ist, als man „Notizblock“ sagen kann.

Übrigens wird die Serie auch gerne mal mit „Stranger Things“ verglichen, was ich jedoch für Quatsch halte. Denn bei S.T. geht es vor allem darum, in 2 x 10 Episoden ein bisschen Bauschaum in einen Dimensionsriss zu sprühen, wohingegen man bei „Dark“ erst mal gucken muss, wer denn der Bruder oder Vater des Bauschaum-Fabrikanten sein könnte. Und das nicht nur in den 80ern.


Fazit: Empfehlenswert? Ja! Absolut wegweisend und innovativ? Nein!

„Dark“ beweist nur endlich, dass auch WIR© mal sagen können: „Wir schaffen das!“ Nämlich eine solide Mischung aus halbseidenen Charakteren, einer Prise Science Fiction und dem Zauber moderner Kameratechnik. Überhaupt beobachte ich bei mir zunehmend, dass mir bei gut gefilmten 4K-Wäldern schnell mal einer abgeht und ich inhaltlich gar nicht mehr sooo viel anderes brauche. Es ist also nur noch eine Frage der Zeit, dass ich mich mit einem Schaukelstuhl auf den Veranda stelle und den Teutoburger Wald direkt über die Gleitsichtbrille in meine Augen „streame“. Bis es eben dark… äh… dunkel wird.

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von Klapowski am 16.03.18 in Serienkritik

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Kommentare (9)

  1. Bolleraner sagt:

    Dacht ich’s mir doch, dass die Serie dir gefällt. Die Kritik kann ich so uneingeschränkt unterschreiben.
    Wenngleich sie zwar nicht international wegweisend ist, doch hoffentlich national. Ich fürchte allerdings, dass es sich dabei um eine deutsche Eintagsfliege handelt. Deutsche Produktionen zeichnen sich nicht gerade durch einfallsreiche Weiterentwicklungen aus, sondern erschöpfen sich im (schlechten) Kopieren von Altbewährtem.

  2. bergh60 sagt:

    tach auch !

    Danke für den Tipp.

    Rezensier doch mal Stargate Origins,
    wenn Dein Hirn das aushält. Ich fand es sehr schwach.
    (Allerdings habe Ich es nur im Fast Forward Mode gesehen.)

    Gruß BergH

    • ted_simple sagt:

      Stargate Origins hat mich an Discovery erinnert:

      – Unkreative, klischeehafte Story und Charaktere
      – auf allen Ebenen schwach (Writing, Acting etc.)
      – In der letzten Folge werden alle Handlungsstränge überhastet beendet (zwar nicht ganz so schlimm wie bei Discovery, aber man wundert sich schon, wie schnell die „Allianz“ zwischen Aset und dem Obernazi zerbricht und die beiden auf unterschiedliche Weise „abserviert“ werden).

      Eine weitere Produktion, die man sich hätte sparen können. Aber trotzdem nicht ganz und ganz furchtbar. Gefühlt ein bisschen schlechter als Discovery, aber keinesfalls so sehr, wie die lächerlichen Bewertungen auf IMDB vermuten lassen (7,4 für DIS verglichen mit 4,0 für STO).

    • ted_simple sagt:

      Bei der Kontinuität hätten sie sich auch mehr Mühe geben können. Zwar gibt es einige Ansätze, die Kontinuität aufrechtzuerhalten (vor allem in der letzten Folge), aber irgendwie dann doch nur halbherzig. Dazu eines von zwei bis drei Beispielen, die mir aufgefallen sind: Ra erfährt also schon im Jahr 1938, dass die Menschen von der Erde das Stargate wieder in Benutzung genommen haben und die Adresse von Abydos kennen (dem gleichen Planet wie im Film von 1994)… warum ist das Stargate dann 1994 unbewacht und Ra hat sich auch nie Gedanken darum gemacht, wie mit den erstarkten Menschen von der Erde zu verfahren ist? Er hatte mehr als ein halbes Jahrhundert Zeit.

      SGO einfach auf einem ANDEREN Planeten spielen zu lassen, hat man sich wohl nicht getraut, weil man wiederum das „Wüsten-Feeling“ von Abydos haben wollte, oder was? Insgesamt ist SGO eigentlich nichts anderes als eine Light-Version des Filmes von 1994.

    • ted_simple sagt:

      Noch ein paar Bemerkungen:

      – Finanziell scheint Origins ein Erfolg zu sein (trotz des negativen Feedbacks, das die Serie bei IMDB erfahren hat). Lies hier: https://www.parrotanalytics.com/insights/strategic-distribution-lessons-from-stargate-origins/

      – Das könnte eine Wiederbelebung von Stargate bedeuten, wenn Origins sehr viel Geld einfährt.

      – So unterdurchschnittlich die Produktionsqualität auch sein mag, so gefällt mir doch gut, dass man nicht versucht hat, die bewährte Stargate-Formel großartig zu ändern. Es fühlt sich noch an wie Stargate, nur eben eine etwas trashige und billig produzierte Folge. Das ist allemal besser als bei Discovery, wo man alles irgendwie anders machen wollte und fast jede „Innovation“ (hüstel) ging nach hinten los.

  3. Sparkiller sagt:

    Wirklich ein großer Sprung für unsere muffige Fernsehlandschaft. Die Öffis sollten sich sogar schämen, in all den Jahrzehnten nichts vergleichbares in Sachen Story und Aufwand geschaffen zu haben. Also, noch MEHR schämen, meine ich.

    Wobei, ein bisschen Deutsch-Muff haftet dem Ganzen ja doch noch an. Die Interaktion zwischen den Figuren ist oft genauso unnatürlich steif wie beim Tatort und anscheinend ist jeder zweite Einwohner von Winden ein verkappter Philosoph, welcher auf einfache Fragen nur mit schwermütigen Tiefsinnigkeiten antworten kann („Alles hat seinen Preis! Selbst unsere Seele, unser Innerstes…“ – „Jau, Herr Meier. Datt is‘ scheen. Aber die Brötchen sind numma teurer geworden, da kann ich nix machen!“).

    Und wie Klapo schon sagte, ein wenig mehr Tempo hätte dem Ganzen schon gut getan. Erinnerte fast an „24“, wo alles in Echtzeit ablief. Nur ohne, dass etwas passiert. („Ach, die Höhle wieder. Kann man ja erstmal auf’s Klo gehen, bis der Bubi da wieder rauskommt…“)

    PS: Unfreiwillig komisch fand ich auch das Ende, welches, ohne zuviel verraten zu wollen, stark an einen Cosplay-Ausflug (Thema „Mad Max“) einer Gruppe Studenten erinnerte.

    • Bolleraner sagt:

      Na klar! Aber genau dieser Deutsch-Muff einer Schultheateraufführung ist es doch, was Dark positiv vom dumpfen emotions- und actiongehornochse der Amiserien abhebt. Zumal diese Atmo hier doch wirklich stimmig im Sinne der (weimarer) Klassik eingepflegt wurde.

  4. Dario Cueto sagt:

    Habt ihr nie Alpha 0.7 vor nen paar Jahren gesehen? War eine SciFi-Produktion des SWR – und eine verdammt gute! Oder Weinberg vor 2 Jahren von TNT? Dark ist auf dem Level eines experimentellen Tatorts, aber nun definitiv nicht der große Wurf.

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