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The Orville – 1.11 – „New Dimensions“ – Die Kritik ohne Plattheiten?

Wie sagte es Picard mal im siebten Film? „Die Zeit ist das Feuer, in dem wir verbrennen.“ – Jetzt ist die 11. Episode schon vor so langer Zeit gelaufen, dass die Stelle des Maschinenraumchefs vermutlich schon wieder neu besetzt wurde. Ich tippe dabei auf Bortus, der zwischendurch unabsichtlich Antimaterie und Plasmafeuer mampft. Aber wenn ihr noch Lust habt, schauen wir uns trotzdem kurz an, wie gut diese Allegorie auf das Treiben HINTER den „Orville“-Kulissen (= McFarlane will nur chillen und Bier trinken, ist manchmal aber ein guter Autor) eigentlich gealtert ist.

Inhalt: John Lamarr fällt vor allem durch Albernheiten und falsche (bzw gruselig passende) Freunde auf. Doch als die Stelle des Maschinenraumchefs neu besetzt werden soll, fällt auf, dass John einer der klügsten Menschen an Bord ist. Doch dummerweise (haha) möchte John gar nicht klug und Chef eines Teams sein… Als das Schiff jedoch auf eine Raumanomalie trifft, muss er genau das werden.

Besprechung:

Auch in der 11. Episode lugen die Script-Standards des 90er-Star-Treks aus jeder Nische. Schon damals durften wir uns mit Personalangelegenheiten herumschlagen (keiner mag Wesley bei seinem ersten Teamprojekt – und seine Mutter weiß genau, WARUM), woraufhin der Weltraum-Personalchef (Gott?) eine unglaubliche Gefahr heraufbeschwört, die als Weiterbildungsmaßnahme dienen soll. Unter Aufbietung von psychologischem Standardwissen, das auch in ruhigeren Zeiten nicht geschadet hätte, raufen sich dann alle zusammen. Schlussendlich entdeckt das Team dann, dass „der Neue“ gar nicht sooo doof ist. Und nach dutzenden ähnlichen Abenteuern auch eigentlich nicht mehr sooo neu.

So simpel das auch klingt, so okay finde ich das von Zeit zu Zeit in Serien wie diesen. Denn zwischen diversen Abenteuern (Geschmacksrichtungen: episch und albern) und vielen humoristischen Einsprengseln (Geschmacksrichtungen: Pipi und Kaka) muss es eben auch mal so eine Folge geben. Umso mehr, weil ich mich schon gefragt habe, was dieser Gag-Belächler und Furzkissenhalter vom viel häufiger gezeigten Piloten eigentlich da soll. Nun erfahren wir also, dass John einer der allerklügsten Leute überhaupt ist, am liebsten aber Bier konsumiert und seine Ruhe hat. DAMIT kann ich mich teilweise identifizieren! Auch wenn ich gar nicht so viel Bier trinke…

John ist also quasi der Chief O‘Brian an Bord. Eben ein Normalo mit Löckchen. Jedenfalls darf sich der Zwangs-Geförderte dann auch bald beweisen, weil eine Weltraumanomalie das Schiff bedroht. Dass auch diese Gefahr etwas … zweidimensional daherkommt, passt ja dann ganz gut zur gesamten Ausrichtung der Geschichte.

„Okay… Jeder, der kein Fruchtgummi möchte, zeigt jetzt bitte auf das Kartoffelchip-Buffet auf der anderen Raumseite, ja?“ – „Das sind keine Fruchtgummis! Das sind meine Enkel!“ – „Ruhe, Yaphit! Die waren gar nicht einfach platt zu hauen!“ – Weich… enstellung: Um sein Team zu motivieren, sollte man Süßkram servieren. Die Aussicht auf eine Nicht-Verpuffung im Warpstrudel reicht manchen ja leider noch nicht für ein stinknormales Zusammenreißen.

Schlau mit leichtem Hau – Die Frage, wie clever oder dümmlich die Offiziere bei The Orville sind, sollte man eigentlich genauso wenig aufwerfen wie die Frage, mit welch komischem Schiff Commander Pike eigentlich zur Zeit von „Discovery“ rumgedüst ist. Wir fassen zusammen: Der Captain ist mittelmäßig begabt, wurde aber trotzdem gefördert und ist jetzt superschlau? Der Pilot ist ein Idiot, aber trotzdem der aller-allerbeste Pilot? John ist ein Genie, will das aber nur im Sangria-Eimer ausleben? Isaac ist superklug, kennt aber weder Katzen noch grundlegende menschliche Verhaltensweisen? Wie auch bei Sitcoms darf man darüber nicht länger als 10 Sekunden herumdenken. – Ups, vorbei!
Kein Hirn am Fleischklopfer? – So sehr ich doch die Idee eines zweidimensionalen Universums mag, so schade fand ich es, dass dieses irgendwie aussah, als hätte man einmal mit dem Hammer auf das gesamte „Tron“-Universum gekloppt und danach die Flächen mit Leuchtfarbe „veredelt“. Ein bisschen komplexer/interessanter als ein Bleistift-Labyrinth in einem Rätselheft für Kinder hätte das gerne sein dürfen! Andererseits, auch das ist wunderbarste TNG-Tradition: Viel Spaß für wenig SFX-Überstunden. Wir sind ja hier nicht in Japan!
Moderner Zweitakter – Abgesehen von den obigen Kleinigkeiten hatte die Episode wieder einen Flow, der wenig mit dem vergossenen Ranze-Sirup aus den Folgen 1 und 2 gemein hatte. Jeder watschelt nach getaner Dialog-Arbeit brav aus dem Bild, nichts geht zu lange oder wirkt überflüssig. Und langsam gewinnt auch Commander Kelly Grayson auch außerhalb ihrer Schminkspiegel-Reflektion etwas mehr an Profil. Die „Sie geht halt gerne fremd!“-Charakterisierung der ersten Staffelhälfte war echt doof. Meeehr!
Grüner wird‘s nicht (hoffentlich) – Yaphit ist nicht unbedingt mein Lieblingscharakter. Klar, ein Schleimalien ist schon was Neues für Star Trek (Odo konnte seine Urform ja nur mittels zwei Immobilienkrediten pro Staffel bezahlen), dafür reißt er mit dem Popel am Po aber wieder das ein, was er vorne herum aufgebaut hat. Ein bisschen alienmäßiges Verhalten wäre mir viel lieber als seine prollige Liebesbekundungen und der Hinweis, dass er bei der Beförderung benachteiligt wird, weil er keine ansprechende Menschenform besitzt (Rassismus-Gag, haha!). Beides musste ich mir von meiner Exfreundin schon oft genug anhören!
Gekommen, um zu gehen – Irgendwas sagt mir, dass der bisherige Maschinenraum-Cheffe von Anfang an darauf ausgelegt war, bald abgelegt zu werden. Vor allem seine seltenen Auftritte, die vor allem auf „Feist aussehen und schwitzen“ beschränkt waren, machen hier im Nachhinein Sinn, Watson. Und endlich hat John Lamarr also etwas Sinnvolles zu tun, während der Alte sich im Ruhestand (nicht tot oder plump weg-versetzt!) um die Leerung seiner Doppelherz-Flaschen bemüht. Das ist mal eine dezente Charakterentwicklung, die ich nach TNGs eher schlechtem Vorbild („Schnauze, Zuschauer! Doktor Pulaski ist halt jetzt hier/wieder weg, basta!“) gerne annehme.

Captain: „Oh Gott, so sieht also eine zweidimensionale Zivilisation aus?“ – TV-Zuschauer: „Wie diese bunten Farben auch nach OBEN abstrahlen. Voll unlogisch!“ – Serienautoren: „Jaaa! Sie nitpicken uns wie richtiges Star Trek! Schlagt stärker zu, ja, Lechz?“ – Auf dem Boden der Tatsachen: Endlich mal eine Simulation, mit der aktuelle Virtual-Reality-Brillen nicht hoffnungslos überfordert sind.


Fazit: Eine Episode, die neben fast verständlichem Technobabble auch noch ein anderes Universum und etwas Charakterentwicklung bereithält, das ist zu 3 von 5 genau mein Ding. Die Dinge, welche die restlichen 2 von 5 ausgemacht hätten, wär z.B. eine SF-Geschichte, die ich eeetwas ernster nehmen kann als ein 2D-Volk, das als Standby-Lichter über die Leiterbahn-Textur rast. Hier hätte ich mir gewünscht, man hätte dem tollen Einfall mehr Freiraum gegeben als nur die Bohnenlücken im Jellybean-Beutel.

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von Klapowski am 28.12.17 in Serienkritik

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Kommentare (5)

  1. Sparkiller sagt:

    Aha! Bin also nicht nur ICH ausgebrannt, was die Weltraum-Abenteuer diverser Raumschiff-Crews angeht.

    Fände es daher sehr toll, wenn man zur Abwechslung mal die erste Folge der neuen Black Mirror Staffel durchnehmen könnte. Immer dasselbe ist doch auf Dauer dooof!

  2. Parteihase sagt:

    Bin mir nicht sicher ob das Picardzitat am Anfang absichtlich falsch zitiert wurde, aber bin mir dafür ziemlich sicher, dass das von seinem Gegenspieler stammte, dessen Namen ich jetzt nicht erst google.

    Ansonsten eine Flatlandepisode, positiv die Autoren stehen dazu und nennen offen ihre Inspiration. Ausbaufähig wäre eine Interaktion mit der 2D-Welt gewesen. Hatte gehofft, dass die die Orville als Bedrohung ansehen und Gegenmaßnahmen ergreifen.

  3. phip sagt:

    Zu den Pipi- und Kaka-Witzen gesellt sich in dieser Folge nun auch noch Kotze hinzu und wir erfahren mehr über den Inhalt Bortuses Gedärme (netter Runnig Gag). Ich glaube, dies sind hier – neben der Charakterentwicklung – die einzigen neuen Dimensionen, die sich uns eröffnen, und eigentlich müsste diese Folge „Few Dimensions“ heißen, wenn man man bedenkt, wie flach das Ganze diese ominöse neue Welt war.

    Die Interaktion mit der Alienwelt hat man sich hier wohl ganz geschickt für die nächste Folge aufgespart, sonst wäre es in den 45 min wirklich zu viel der Handlung gewesen und der Zuschauer wäre überfordert (soll er sich stattdessen die entsprechende Futurama-Folge anschauen). Auf dem Schiff spielten sich ja schon ganz schöne Dramen ab … Isaac, der auf der Brücke versucht eine Bindung zu Gordon aufzubauen oder das von Ed entdeckte Geheimnis … In der Schlussszene hätte ich mir vom Johnny gewünscht, dass er ein paar nette Worte an Yaphit richtet, so wie damals B’Elana zu Joe als er übersprungen wurde, aber die Zeit war wohl zu kurz und dann wäre es auch noch ein Plagiat. So wird John wohl mein am wenigsten gemochter Charakter.

    Zum ersten Mal empfinde ich die von Klapo vergebene Sternenzahl für eine Orville-Folge als nicht zu gering.

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