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The Orville – 1.07 – Die (ab)stimmungsvolle Kritik

Handlung: Zwei Undercover-Forscher der Födera… Planetaren Union gehen auf einem Planeten verloren, welcher zu 99,9% mit der Erde identisch ist und damit ordentlich Geld beim Kulissenbau einspart. Ein Außenteam der Orville macht sich sofort auf die Suche nach den Vermissten und wird dabei schnell mit einem seltsam-perversen Rechtssystem konfrontiert. Nein, keine YouTube-Kommentare! Obwohl…

Ha! Endlich mal eine Folge, welche nicht so extrem TNG-ähnlich ist! Diese hier ist nämlich extrem TOS-ähnlich. Zumindest hat man schon dort die Idee eingeführt, dass auch außerirdische Planeten über den Wilden Westen, Chicago, Nazi-Deutschland und griechische Tempel verfügen. Doch auch solche Tempel können ganz schön in die Kaffeekasse gehen, weswegen man in „Majority Rule“ erst einmal in unsere eigene Gegenwart reist. (Wo man sogar unseren Kalender verwendet, trotz wohl etwas anderen Orbit. Hust.)

„Boah, diese Alien-Kultur ist so fremdartig! So exotisch! Jeder verhält sich hier so anders, als wir.“ – „Stimmt, bei uns würde sich doch niemand jemals einen 2016er Chevrolet Silverado kaufen! Ieeeh!“ – Glaubunwürdigkeit. Gut, bei der parallelen Entwicklung dieses Planeten kann ich ja prinzipiell noch alle drei Augen zudrücken. Aber konnte wirklich niemand den Set-Designer auf solche kleinen Details aufmerksam machen? Oder ging man hier vielleicht sogar die „So dreist, dass es schon wieder cool ist.“-Route? Falls ja… Respekt! Ganz ehrlich! *auf downvote-button drück*

Auch der Grund für den Besuch ist hier so identisch, wie plump: Zwei Antropo… Androlo… Menschenforscher verschwinden plötzlich und die Nicht-Sternenflotte schickt unsere Helden zum Nachgucken vorbei. Vorher gibt es natürlich noch „Wie verstecken wir unsere Alien-Knubbel“-Szene #432, bevor es per Shuttle runter nach Nicht-Amerika geht. Das soll aber nicht heißen, dass dies alles automatisch nicht unterhaltsam ist. Zumal man in Zeiten einer neuen Trek-Serie mit Besenstil im Popo schließlich dankbar alles annimmt, was man an lockeren Optimismus kriegen kann.

Was der Folge bereits sehr gut getan hat: Captain MacFarlane hielt sich so ziemlich aus der Sache raus und blieb auf dem Schiff hocken. Ich wage sogar zu behaupten: Als dezent eingesetzter Nebencharakter würde er mich nicht einmal mehr stören. So wirkte der Humor dieses Mal auch kaum noch als ein sich mit dem Rest beissendes Element und schmiegte sich vergleichsweise elegant in die Geschichte ein. Ist ja auch nicht so, dass unser liebes Star Trek nicht auch ab und an mal charmant albern sein kann, bzw. konnte.

So auch der Plot dieses Mal, welcher durchaus eine nette Satire auf soziale Medien wie Reddit, YouTube, Facebook, etc. darstellt. Hat man als Person zu viele negative Stimmen bekommen, erhält man in vielen Geschäften auch schon einmal Hausverbot. Und so fern der Realität sind die Gründe für das kollektive Downvoten gar nicht. Die eigene Meinung ist nicht die populäre? Jemanden nicht die Tür aufgehalten oder einen guten Morgen gewünscht? Klapo-Artikel für besser als meine befunden? Schnell wendet sich der kollektive Chat gegen einen, was bei extremen Fällen sogar mit einer Lobotomie enden kann. (Und im letzteren Fall sogar zu Recht!)

„Da sehen sie es, liebe Zuschauer. Der Mob… äh… unsere Demokratie hat gesprochen! Und das Ergebnis überrascht mich nicht.“ – „Richtig, liebe Klothilde. Aber das hätte dieser Klapowski schließlich wissen müssen, bevor er unverlangt den unteren Meinungskasten geschrieben hat.“ – „Und gegen Team Spark anzutreten war sowieso keine gute Idee. Allein seine lustigen Bilduntertitel. Köstlich!“ – Regieren für Lemminge. Aber so überspitzt das hier alles auch wirkt, wir verfügen bereits über ganz ähnliche Systeme, welche halt nur nicht Gesetz sind. Aber das braucht es auch nicht. Denn glauben nicht bereits viele eine Behauptung auf Facebook, nur weil diese genügend Likes hat? Ich sage ja und verlange eine sofortige Sprengung des Mondes wegen den ganzen dort stationierten Nazi-Untertassen!

Fazit: Nicht super originell, aber dafür gut umgesetzt, trifft es wohl am Besten. Die kleine Moral-Lektion der Café-Angestellten, die erschreckend echten Talkshow-Besuche, der kulturelle Hut-Zwischenfall oder kleine Gaga-Details in der Erden-Kopie wie doppelte Hemdskragen und Riesentassen ließen diese Episode äußerst rund wirken. Neben der Geschlechtsfolge wohl mein bisheriger Favorit und quasi eine familientaugliche und nur wenig plumpere Lite-Version von „Black Mirror“. Und das ist ein echtes Kompliment!

Von mir also einen Daumen hoch. Oh, Mist…

ACTION
HUMOR
TIEFSINN
ALLES IN ALLEM
KLAPOS KLAPPRIGER MEINUNGSKASTEN
Klick dich doch selbst, du Arsch!
Da der Vergleich mit der bekannten „Black Mirror“-Episode bis zur Veröffentlichung dieses Kastens vermutlich bereits 500.000 Downvotes beträgt, lasse ich das mal weg und sage stattdessen: „Orville“ traut sich was!
Okay, Abkupfern und neu Zusammenrühren gilt gemeinhin nicht als „Traut sich was“-Indikator. Aber wenn man bedenkt, dass diese Serie als Pennäler-Witz anfing („Du hast einen Penis, haha!“), dann zu einer TNG-Parodie wurde („Der Pseudoklingone hat auch einen Penis, haha!“) und zuletzt noch einige Moralthemen drauf schaufelte („Ist es okay, keinen Penis zu haben? Ha-Ha?“), so ist das Gesamtpaket dann doch wieder unberechenbar.
Schade nur, dass man dafür an irgendwelchen Stellen stets was abschleifen muss. Hier war es zum Beispiel meine Großhirnrinde, als der John vom Außenteam mal eben schnell – zwecks Turbostart des Episodenthemas – eine Heldenstatue antanzte. Hätte man es nicht so drehen können, dass er mit dem Zeigefinger drauf zeigt und es in dieser Kultur z.B. eine anrüchige Geste ist? („Wieso denken Sie, unsere Kriegsheldin sollte mit sich selbst kopulieren?“) Da gefiel mir ja sogar Wesley Crusher besser, als der damals wegen einer Stolpereinlage ins Gewächshaus hingerichtet werden sollte.

Auch darf man keine Minute zu lange über den Plot nachdenken:

– Kioskbesitzer verkaufen Badges mit tausenden Upvotes. Wahrscheinlich hat jeder, der NICHT von einem Raumschiff stammt, gleich zehn in der Schublade? Wurde das Voting-System gar extra für doofe Außenweltler erfunden, um endlich mal die gezeigte Gehirnbrutzler ausprobieren zu können?

– Wieso haben die beiden Vorab-Beobachter nicht schon nach einem Arbeitstag von deren Gesellschaftssystem berichtet? Waren die lustigen Ampel-Dreiecke, dank denen man jeder Person im Brustbereich herumtatschen kann, etwa nicht auffällig genug?

– Hätte sich John in deren Entschuldigungs-Show nicht mehr anstrengen können? Okay, wäre weniger witzig gewesen („Äh, rettet den Regen-Wal?“), aber doch irgendwie realistisch.

Trotz allem Gemecker: Die Episode gefiel mir trotzdem. Das Thema ist aktuell, spiegelt schön plump aktuelle Gesellschaftsthemen und erinnert dadurch an TOS und TNG. Man muss ja auch nicht immer einen Discovery-verdächtigen Zehnteiler abfeuern, wenn man eigentlich nur mal schnell einen auf „Bele und Lokai“ machen will. Wenn man halt mal einen Moral-Quickie während den jahrelangen „Black Mirror“-Ausstrahlungspausen braucht.

Fazit: Von den üblichen Oberflächlichkeiten abgesehen (Der Planet ist etwas zu amerikanisch, es gibt sogar HUNDE!), trägt auch diese eher witzarme Episode das Herz genau an dem Fleck, an dem bei Star Trek früher noch ein warmer Kommunikator schlug. Obwohl die Auflösung etwas zu „einfach“ war und noch etwas globaler hätte ausfallen können (alle bekommen z.B. je einen Downvote für jede eigenen Vote?), versage ich mir das Downgrade auf zweieinhalb Sterne. Denn ich habe hieraus gelernt!

Bewertung: 6 von 10 Punkten


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Artikel

von Sparkiller am 29.10.17 in Serienkritik

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Kommentare (7)

  1. Serienfan sagt:

    Bei der wirklich guten Folge „Nosedive“ dachte ich irgendwann: Hab’s kapiert! Die Orville-Folge zückte nur kurz den Holzhammer und erzeugte dann Spannung mit der Frage, wie John (der sich aus Spannungsgründen extra blöd anstellte) da wieder rauskommen soll.

    Dass die klassischen Medien hier genauso ihr Fett abbekamen wie die angeblich so bösen „sozialen Medien“ fand ich auch sehr gut.

    Gut, dass es „Star Trek: Discovery“ gibt. Dieser Kontrast ist wichtig, um „The Orville“ zu schätzen. „Star Trek“ war auf der einen Seite stets ernsthaft, auf der anderen stets humorvoll. MacFarlane nimmt die richtigen Dinge Ernst, und die richtigen Dinge mit Humor. Umgekehrt bei den „Discovery“-Machern. Die nehmen die falschen Dinge ernst, und die wichtigen Elemente nicht Ernst genug. Oder platt formuliert: Der Unterschied zwischen „Orville“ und „Discovery“ ist der zwischen „Star Trek IV“ und „Star Trek: Nemesis“.

    Noch ein paar Anmerkungen zur Folge: Mich haben ein wenig die arabischen Zahlen gestört. Leicht abgeänderte, aber erkennbare Ziffern hätte ich besser gefunden.

    Und ein Dialog wie „Warum benutzen wir zur Tarnung für Alara nicht die Holo-Technik?“ „Die ist zu unzuverlässig, auf dem Krill-Schiff wären wir beinahe aufgeflogen.“ hätte mir gefallen, einfach wegen der Kontinuität.

    Das Ende gefiel mir: Kein „ein Planet ändert seine gesamte Geschichte, weil wir einen Dialog geführt haben“, sondern eine winzige Änderung, so nach dem Motto: Jeder kann bei sich anfangen.

    Ansonsten können sich in Zukunft Sozialkundelehrer die Mühe sparen, den Kindern die Vorteile einer repräsentativen Demokratie zu erklären. Lehrreiche TV-Serien. Entweder werde ich alt, oder es ist einfach mal wieder Zeit für sowas. (Oder beides!)

  2. Parteihase sagt:

    Das war mir zu sehr eine LiteVersion von Black Mirror, um nicht zu sagen Plagiat, um mir zu gefallen. Am Ende habe ich nur noch gehofft, dass der Typ lobotomiert wird, um nicht mehr in der Serie zu nerven. Dazu kommt noch Staatspropaganda von wegen bester aller Demokratien. Dabei werden Repräsentanten auch nur über Likes auf dem Stimmzettel gewählt. Das hat überhaupt nichts mit „verdienen“ zu tun.

    Downvote!

  3. BigBadBorg sagt:

    Die Folge war wirklich clever, auch wenn viele sagen es wäre ein Abklatsch von Black Mirror. Allerdings muß ich mal schauen dass ich dieses Black Mirror was immer das ist mal besorgen muss.

    Lamar mag ein Idiot sein, aber mein Gott, er ist ein guter Navigator. Man kann nicht alles können (zum Beispiel klug sein). Und wie er da durch die Talkshows getingelt ist war einfach super! Da kommen muckelige Erinnerungen an Vera am Mittag hoch, würg!

    Und das Ende war wieder mal sehr stimmungsvoll, dabei wurde nur ein Fernseher ausgeschaltet. Hach, ich fühle mich in dieser Serie richtig wohl! Endlich wieder Star Trek!

    Upvote!

    • Serienfan sagt:

      „Black Mirror“ IST zu empfehlen. Abklatsch sehe ich hier nicht. Die „Black Mirror“-Folge war durchdachter. Bei „Orville“ war mir zum Beispiel gar nicht klar, welchen Sinn eigentlich die Upvotes haben. Sie brachten scheinbar keinen Vorteil. Allerdings würde ich mir die „Dark Mirror“-Folge nicht zweimal ansehen. Bei „The Orville“ habe ich das getan.

  4. Anubiz sagt:

    Im Gegensatz zu Star Trek erwarte ich bei Orville keine Logik, deswegen funktioniert es.
    Wie soll man eine unbekannte Badge downvoten, die der Typ gerade aufm Schwarzmarkt gekauft hat?(Und wieso holt man sich keine neue)
    Und wieso hackt man nicht das System und läßt die Downvotes verschwinden. Wie das gehen soll? Hallo! Spaceship! :)
    Hatte ja erwartet, daß am Ende das System stattdessen in der Form gehackt wird, daß alle Millionen an downs bekommen und daher das System zusammenbricht.

  5. bergh60 sagt:

    tach auch !

    Logik beiseite, das war Geiler Scheiss.

    Und seit sie den Humor reduziert haben, habe ich kaum noch Kritikpunkte.
    Bin ich ein anspruchsloser Konsument?
    Möglich;
    trotzdem gefällt mir The Orville immer noch besser, als
    Dark Trek Discovery.

    Gruss BergH

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