Film- und Serienkritiken

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The Orville – 1.02 – Das Rufmord-Review unter dem Satire-Deckmantel

Handlung: Nach dem Reagieren auf einen Notruf verschwinden Captain MacFarlane (gespielt von MacFarlane) nebst erster Offizier Ex-Frau plötzlich, weswegen die außerirdische Lieutenant Kitan das Kommando über die Orville übernehmen muss. Eine ernste und lebensnahe Situation, welche nur selten durch anspruchsvolle Dickdarm-Witze und einem in der Nebenhandlung nackt auf seinem Ei sitzenden Mann aufgelockert wird. Pardon, dies ist natürlich eine ebenso lebensnahe Charakterentwicklung. Genau.

Ha, werden jetzt einige denken. Das wird bestimmt wieder so ein überkritisches Review voller Verachtung von den selben Leuten, welche sich immer noch lüstern an ihren alten „The Next Generation“ DVD-Boxen reiben. Und recht haben Sie, diese Feinschmecker intellektueller Fernsehunterhaltung. Zumindest theoretisch, denn schon allein deswegen fange ich schon rein aus Trotz mit einer kleinen Auflistung von Dingen an, welche mir POSITIV aufgefallen sind. Ein tolles Wort übrigens, dieses „Positiv“, welches ich erst die Tage im Duden entdeckt habe.

Musik zum Lobdudeln: Sehr gelungen ist überraschenderweise die melodiöse Untermalung der Serie. Überraschend, weil selbst die Star Trek Serien am Ende nur noch ein meist unauffälliges Gemurmel aus sich stets wiederholenden Brummlauten in den Äther gepustet haben. Zwar ähnelt der Stil auch hier der Vorlage, verfügt aber über wesentlich mehr Abwechslung und Wumms. Am ehesten würde ich es mit der ersten Staffel von TNG vergleichen, welchen in diesem Bereich tatsächlich GUT war. Und einen Touch von „Zorn des Khan“ glaube ich auch gehört zu haben. Schön.
Einmal Intro intravenös, bitte: Hier geben sich Mucke und Trek-Stimmung direkt die Klinke in die nicht vorhandene Hand. Die Orville gleitet hier majestätisch durch den Weltraum und taucht mit der Anmut eines medaillenbehängten Olympiaschwimmers durch diverse Kometenschweife und Kometenfelder. Kein Witz, hat mir sehr gefallen. Kein Witz kommt auch darin vor, weswegen mir das Konzept der Serie auch weiterhin aufstösst. Denn laut der MacFarlane-Formel hätte der Uranus zumindest zwei menschliche Pobacken haben müssen. („Ha, köstlich! Welch leichtfüßiges Aufbrechen der Ernsthaftigkeit der Vorlage!“)
Ein glatter Stilbruch: Im Vergleich zum Piloten ist der Wechsel zwischen Debil-Humor und tauglicher Unterhaltung wirklich besser geworden. Neben dem Intro gibt es dieses Mal sogar ganze Szenen ohne jeden Kaka-Witz. Natürlich kann man sich ein gepflegtes Kotzen in den Korridor auch hier nicht schenken. („Was für ein Denkmal an die TOS-Ära!“)

„Hui, diese grobe Brückenkulisse sieht doch schon einmal sehr cool aus. Wann wird sie denn ungefähr fertig sein, damit wir anfangen können?“ – „Wieso fertig? Wir drehen doch schon längst!?“ – Machen Sie’s so! Oder auch nicht. Denn nicht nur dieser Teil des Schiffes wirkt etwas arg leer und detailarm. Und mit dem Witzebuch von MacFarlane fangen wir besser gar nicht erst an.

Schicht mit Geschichte: Aus Spoiler-Gründen gehe ich jetzt nicht direkt daraufhin, was dieser Episode geschieht. Aber die Idee ist nichts Neues, aber trotzdem interessant genug erzählt. Wenn auch durch eine Auflösung etwas getrübt, welche genau so gut auch in „Family Guy“ hätte passen können. (So eine Überraschung!)
Aufwand im Abwind: Auch in Folge 2 schwankt die CGI-Qualität stärker als Klapo nach dem Plündern des Redaktions-Schnappsschranks. Einige Szenen (z.B.Alien-Zoo, Städte-Panorama) wirken sehr aufwändig und verspielt, während andere, wie das Orville-Shuttle, anscheinend vom Praktikanten reingeschlunzt wurden. Ähnlich sieht es bei den Kulissen aus. Gerade die Schiffsbrücke sollte doch nicht aus Fanfilm-Spanplatten ohne jede Details bestehen.
Der 500 Meter tiefe Lachkeller: Es muss schon interessant sein, die Drehbücher für Orville zu schreiben. Am ehesten kann ich es mir ja vorstellen, dass zuerst ca. 30 Minuten an normalen SciFi-Abläufen verfasst werden und MacFarlane & Co. danach selber Hand anlegen. Anders kann ich mir solche 180 Grad Schwankungen in Sachen Stil sonst einfach nicht erklären, wo man uns erst ein absolut ernstgemeintes Pompös-Intro präsentiert, nach welchem der Steuermann neugierig fragt, ob das erwähnte Ei eigentlich aus dem Arsch des Worf-Imitats gepresst wurde („Was für tolle Dialoge voller Kulturreferenzen!“).

Aber am Ende muss ich aber ungelogen zugeben: Es hat einige Fortschritte gegeben! Teilweise sehr kleine, teilweise etwas größere. Sollte dies so weitergehen, könnte aus „Orville“ tatsächlich noch etwas sehr anschauliches werden. Zwar etwas, unter dem Deckmantel der Satire, arg geklautes, aber trotzdem.

Fazit: Weiterhin etwas zu fischig oder zu fleischig. Je nachdem, worauf man mehr Appetit hat. Ich persönlich würde mir eine Konzentration auf die trekkigen Aspekte wünschen und gleichzeitig ein Heilmittel für das humoristische Tourette-Syndrom, durch welches in dieser Serie bei eigentlich normalen Szenen plötzlich jemand anfängt in der Nase zu popeln. Denn das nervige Rumpopeln in TV-Serien übernehmen schließlich schon WIR!

ACTION
HUMOR
TIEFSINN
ALLES IN ALLEM
KLAPOS KLAPPRIGER MEINUNGSKASTEN
Timing-Probleme zu lang bebrütet
Wirklich schade… Das, was „The Orville“ an Timing richtig macht (= parallel zu „Discovery“ ausgestrahlt zu werden), reißt es leider mit seinem Popo (der immerhin weite Teile der Gags reinbalanciert) wieder ein. Teilweise jedenfalls. Und mir geht es gar nicht so sehr darum, dass die Späße ein wenig ausgefeilter sein können, sondern mehr um den Cut zur rechten Zeit.

Eigentlich müsste es so laufen: Ein Scherz war so mittelgut? Egal, einfach superschnell zur nächsten Einstellung springen, und den Zuschauer selber grübeln lassen, was er da gerade vernommen hat („Herbert, hat er gerade BUTT gesagt?!“)… Das sorgt nämlich für frischen Wind im Rohrkrepierer-Roulette und hat schon ganz anderen Komödien aus den nicht immer vermeidbaren Niedrigtreffer-Minuten geholfen! Viel falscher erscheint es mir, den grundlegenden Gag (= Eltern quatschen peinliches Zeug auf dem Hauptbildschirm) auf ganze zwei Minuten auszudehnen, auf dass der Zuschauer genug Zeit hat, nebenbei ein halbes Buch zum Thema Humortheorie zu lesen.

Aber da es im Moment eher Mode ist, die „liebevollen Dialoge“ der Serie zu preisen, oder die „fein beobachteten Elemente aus TNG“, können wir den Humor ja mal kurz beiseite lassen. Denn auch ohne den gibt es so einiges zu kritisieren: Das unsichere Crewmitglied Alara Kitan traut sich die Führung des Schiffes nicht zu, kotzt aber einmal in die Ecke, schickt dabei Ensign Parker weg („Go away now!“) und ist DANN zu Rummstata-Musik bereit für ihre Aufgabe? Warum plötzlich? War es die allgemeine Befreiung von … äh … der Kotze? – Ich habe diese Szene extra ein zweites Mal angesehen, da ich dachte, der kleine Ensign Parker hätte etwas in ihr getriggert, sie gar an sich selbst an seiner Stelle erinnert. Doch nichts dergleichen. Diese kleine Szene war faktisch überflüssig.

Immer „gut“ wird die Serie nur, wenn sie ihre Klischee-Geschichte zu erzählen versucht. Getriggert von jahrzehntelangem Trek-Konsum reagiert unser Körper auf Schiffsunglücke, Doktor-Ratschläge, Kraftfeldgeräusche und Entführungsgeschichten zuverlässig mit reichlich Endorphinabgabe. Wie schon Martin Luther es so schön sagte: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“.

So fand ich die Zoo-Idee dieser Episode durchaus nett, es jedoch ganz und gar unfreundlich vom Drehbuchautoren, dass wir diesen Plotpunkt erst in der zweiten Hälfte erreichten. Lieber hätte ich auf die neuerlichen Beziehungselemente verzichtet, die man mit jedem Augenzwinkern, In-Vergangenheit-Schwelgen und Bierflaschenwinken aus hundert anderen Sitcoms kennt.

Fazit: Nicht unsympathischer Genre-Mix, der einem trotz seiner unbestreitbaren Stärken immer wieder mit Tempo-, Logik-, Motivations-, und Gagqualitäts-Wechseln hart auf die Nerven und die Abkupferungs-Strichliste geht. – Ein Kopfsteinpflaster ist eine ideale Skilanglaufstrecke hiergegen! Und im Gegensatz zur C-Story (= Bortus brütet!), kann man sich nicht mal unbefangen auf die eigenen Eier setzen, um sich zu beruhigen. Auch hier: Sehr wohlwollende 5 von 10 Punkten.


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Artikel

von Sparkiller am 19.09.17 in Serienkritik

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Kommentare (4)

  1. bergh60 sagt:

    tach auch !

    Och kommt! So schlecht war es doch gar nicht. Imho eine richtig gute ST Serie und Episode zwei ließ einen ob der niedrigen Gagdichte fast einen FanFilm vermuten.

    Mir hat es gefallen. Umgeschaltet auf Tele 5 und was lief Voyager Chakotee und 7 of 6 landen auf einem Djungelplaneten.
    Da war Orville echt die bessere Wahl.
    Mindetsens gerechte 6 von 10. Kermits.

    Gruss BergH

    • Klapowski sagt:

      „So schlecht war es doch gar nicht.“

      Eine Krankheit geht um im Internet! Die totale Ablehnung vermuteter Totalablehnung!

      Laut zahlreicher Expertenmeinungen sind immer mehr Menschen betroffen: Ob durchschnittliche Bewertungen, Meinungen zwischen zwei extremen Polen, abgestufte Reviews, gewichtete Argumente. – Alles egal. Die Leser/User sehen nur noch Extreme! „Findet der Kritiker es ausschließlich scheiße oder supi?“ Das ist die Frage, die alle beschäftigt.

      Und wenn schon nicht ALLE, dann wenigstens das GANZE UNIVERSUM. Muhaaa.

      Im Ernst: 5 von 10, bzw. bei Sparkiller 3 von 5. Was will man mehr, angesichts der durchaus vermeidbaren Qualitätslücken?

      Und der Vergleich mit einem Fanfilm ist nicht wirklich schmeichelhaft. Denn obwohl ich drei Zeilen weiter oben mehr Diversität bei der Bewertung fordere (das meiste ist nun mal eher im Mittelfeld anzusiedeln), so gilt das für Fanfilme eher weniger. Die sind nämlich ALLE mies, vor allem die guten. Da lege ich mich erneut für die nächsten drei Zeilen fest!

      Oder guckt die irgendwer aus einem anderen Grund außer dem, dass man es grundsätzlich sympathisch findet, dass Gleichgesinnte mal sowas auf die Beine stellen?

  2. Susan sagt:

    Der dicke fette rote Pfeil nach unten in der Humor-Sektion hat mich schmunzeln lassen. Ob das die Serie auch vermag – keine Ahnung, ob ich’s mir antun werde.

  3. Bergh60 sagt:

    tach auch !

    @Klapo
    Du weisst Ich kann auch extremwerten. Hier liegen wir um rund 10 Prozentpunkte auseinander. Es gibt Schlimmeres.

    Diese Folge hat mir irgendwie gefallen; fragt mich nicht warum.
    Möglicherweise meine unbegründete Zuneigung zu schrägen TeenyFilmen. (Das turbogeile Gummiboot, Nicht noch ein Teenyfilm usw.), oder einfach, weil mir der Humor level zusagte. UNd es warene einige Perlen darin, aber eben wenige. Weniger Pipi und AA Humor ? Der brütende Kollos war , für mich, ein echter Schmunzler. Der Schreibtisch usw.
    Möglicherweise findet die Serie gerade Ihr Terrain.
    Und damit wird sie anschaubar. Es ist im Moment die einzige anschaubare Weltraum Science-Fiction, oder habt Ihr andere Tipps?

    Gruß BergH

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