Film- und Serienkritiken

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„Zero Theorem“ – Die Kritik zum Selbstfärben

Ein kahlköpfiger Einsiedler, der aus unerfindlichen Gründen von sich selbst in der „Wir“-Form spricht (Borg?), hockt in einer alten Kirche, arbeitet unverständliches Zeugs am Computer und wartet auf einen bestimmten, ihn rettenden „Anruf“, der ihn von allem Elend erlösen soll. Was in Teilen meiner Kindheit entspricht (bis auf die Sache mit der Glatze, die kam erst 4 Jahre später), ist natürlich der langerwartete Dystopie-Kracher von Terry Gilliam.

INFORMATIONEN:

Regie: Terry Gilliam
Jahr: 2013
Budget: 10,3 Mio Dollar

Poster
Die Datenbrille für Kurz- und Tiefsichtige

Bei Terry Gilliam ihm weiß man spätestens nach „Brazil“ und „12 Monkeys“, was einen erwartet: Eine Art „Monty Python“ trifft „1984“ trifft „Substanzenverkäufer am Bahnhof“. Eine Art Drogentrip für alle, die mehr auf die späten Nebenwirkungen stehen (Kopfweh, Verwirrung). Dazu kommt in diesen Filmen noch, dass alle Leute verrückt in eine Fischaugen-Linse gucken und bekloppte Perücken und glänzende Regenmäntel tragen. Und am Ende ist alles irgendwie -risch zu sehen: Metaphorisch, Anaphorisch, Provisorisch.

Doch der Stil ist schwer zu beschreiben, wenn man ihn nicht kennt.

Am besten, man startet daher mit diesem stechenden Videoschmerz im Aug- und Hirnapfel – gewürzt mit dem Wissen, dass Terry diesmal nur popelige 10 Millionen Dollar Budget hatte, was so manche Lokalitäten-Wiederholung erklären dürfte:

„Jaaaa! Ich werde bald den Sinn der Welt ergründen!“ – „Aber sie spielen mit einem Gamepad Lego mit Pixeltürmchen, Mann!“ – „Das nennt man Dualismus, sie Schnösel! Danach ruft ja vielleicht Stephen Hawking an!“

Auch dieser Film schlägt in jene bunt genoppte Kerbe. Er reiht lustige Bildgags (z.B. dass der Mann namens „Management“ stets den Stoff des Stuhls trägt, auf dem er sitzt) und aberwitzige Charaktere aneinander. Erklärt wird wenig, dafür geht es aber immer um das Große und ziemlich Ganze. So sahen echte Filmkritiker in „Zero Theorem“ die Themenbereiche Überwachung (finde ich nicht), Großkonzerne (eher weniger), den Sinn des Lebens (auf jeden Fall!) oder den Wunsch nach Geborgenheit (der Plastikstrand deutet drauf hin) verarbeitet. Wobei es ja nicht schlimm ist, wenn sich die Kritik sich nicht einig sind – aber: in einem DRIN sollten die Stimmen am Ende eines Films mit dem Diskutieren aufhören.

Und da hapert es im Städtchen Bunthausen.

„Werte Dame, ich weiß nicht, wo sie ihren BH verloren haben. Ich bin schon froh darüber, endlich wieder meine Pilotenbrille gefunden und aufgesetzt zu haben.“ – „Ach, du bist immer soooo süß, wenn du süüüß bist! Und ich kenne dich immerhin seit (*zur Tür umdreh*) vier Metern!“ – Ich habe immer geahnt, dass der Philosoph Peter Sloterdijk genau so auf seine eingängigen Texte kommt!

Okay, der Manne baut so eine Art Weltformel in einer extrem langweiligen Version von „Minecraft“ zusammen. Doch das kann man in einer Welt der digitalen Raumschiffverkäufer (= „Eve Online“) und Goldpharmer (= reale Goldminen) durchaus mal machen, nette Idee. Doch leider geschieht dies hier alles nur in seiner Wohn-Kirche, wenn man von diversen Ausflügen in die Virtual Reality absieht. Mal geht es um Sex, dann um Pizza, dann wieder um Online-Sex. – Ah, und ein durchtriebener Kleinwüchsiger kommt zur Tür rein (kein Sex-Bezug)! Äh, wo war ich? Das Drehbuch ist gerade los, selbst rumfragen…

So ist man den ganzen Film damit beschäftigt, gedankliche Duplo-Steine (groß, bunt, kantig) im Kopf herum zu schieben, nur am dann erneut sehen zu müssen, dass wieder ein neuer Verrückter am Klingelschild-Roulette teilnimmt. Alle spielen sie dann mit beim großen Metaphern-Tourette-Syndrom, als wäre es ein irres Party-Brettspiel:

Hauptfigur: „Ich will doch nur meinen Anruf.“
Frau: „Lass uns doch etwas Spaß haben. Liebst du mich? Wir kennen uns doch schon seit zwei Szenen!“
Junger Hacker: „Oh, die Pizza kommt!“
Arbeitskollege: „Sie haben ihren Bildschirm zerstört. Ich klebe ihnen gerade einen neuen drauf, ja?“
Junger Hacker: „Um noch mal auf das Zero Theorem zurückzukommen, welches besagt, dass am Ende alles in einem Schwarzen Loch … “
Hauptfigur: „Gibt es da auch meinen geliebten Anruf?“
Maus: (*klaut runter gefallenes Essen*)
Verrückte Mexikaner kommen zur Tür rein: „Wir haben hier was für siieee!“

Dass ich jede zweite Metapher nicht kapiere und ALLE aneinander vorberblubbern, damit könnte ich noch leben. Aber wenn ein Junge Fieber bekommt, dieser ins Eiswasser gelegt wird und eine andere(!) Person gefeuert wird, weil der „perverse“ Held angeblich mit einem „Jungen in der Badewanne gespielt hat“, steige ich aus. Bei solchen Entwicklungen könnte man auch Personen im Glücksbärchi-Kostüm um den Ofen springen lassen, um den Punkt(?) klarzumachen.

„Ah, hier steht es ja in der Betriebsanleitung: ‚Das Kasperlehafte des Virtual-Reality-Anzugs soll verdeutlichen, wie wenig zielstrebig das Leben in virtuellen Welten sein kann.‘ Cool! Das habe ich sogar ohne drei bunte Hüte im Kühlschrank begriffen, Danke, Terry!“ – Natürlich hat alles irgendwas zu bedeuten. Doch auch hier ist es wie der mit dem Matheunterrricht ab der 5. Klasse: Man hat keine Ahnung, wofür man das jemals braucht.

Okay, bis zur Hälfte ist das wenig langweilig, da der Film visuell mehr hermacht als ein tropisches Aquarium. Doch ab der zweiten Stunde will man etwas mehr Fleisch an seinen Fisch, ein bisschen mehr Schwarzloch im Online-Porno des Helden, oder mehr echte Liebe statt überkandidelten Frauenfiguren, die wohl irgendeinem Reboot von Klimbim entsprungen sind.

Ja, in Minute 75 wird es etwas ernster. Blöd nur, dass ich da immer noch nicht weiß, warum eigentlich. – Vor wem muss der Manne gerettet werden? Vor sich selbst? Einer Depression? Seiner furchtbaren Arbeit? Der Einsamkeit? Dem Ende der Welt? Dem Schild an seiner Tür, mit der Aufschrift „Freaks übernachten kostenlos“? – Das die Story wirr ist, könnte ich noch verkraften, wenn es diese Art Wirrheit wäre, bei der Urängste wie ein Drache aussehen und Liebe wie ein Stück rosa Stollengebäck. Eben wie bei „Brazil“ damals. Stattdessen diskutieren die Schauspieler hier über einen Running Gag, den nur sie verstehen. Und der Zuschauer ist wie der neue Typ auf dieser Party, der sich hinter zwei hochgehaltenen Bierflaschen zu verstecken versucht – mantrartig dahersagend: „Warum wollten die, dass ich komme?!“

„Sehen Sie, hierfür haben Sie die ganze Zeit lang gearbeitet! Freuen Sie sich?“ – „Aha. Das Schwarze Loch…“ – „Nicht doch! An dem ersten 300-Zoller-Fernseher mit sichtbarer Dreifach-Teilung!“ – „Ah. Dreifaltigkeit. Das hilft mir im Tod weiter. Danke!“ – Der Typ links ist übrigens Matt Damon. Ist aber auch nicht sonderlich schlimm/gut/erkennbar.

Kritik darf… MUSS man auch an der deutschen Synchro äußern. Es ist zwar nachvollziehbar, dass Hauptdarsteller Christoph Walz sich selbst vertont, doch hört man es (reinen) Schauspielern immer an, wenn sie plötzlich die Kunst des Synchrons entdecken (müssen). In diesem Fall klingt es, als trüge er eine Wäscheklammer am Zwerchfell. Dazu kommt: Ein Vernuscheln, das in der Originalszene vielleicht noch kultig wirkt, erscheint schlimmer, wenn auch die Lippenstellung nicht zu dem Gebrabbel passen will. Vielleicht ist es aber auch Absicht, dass die Hauptfigur wie eine Mischung aus Til Schweiger und Entscheidungsfindungs-Legastheniker wirkt.

Ansonsten macht Christoph seine Sache sehr gut. Ihm gelingt es, den nebelhaften Plot ebenso wolkig zu spielen.


Fazit: Der schräge Look (tatsächlich steht die Kamera oft schief) rettet den Film nur in den lustigen Momenten. Sobald es um irgendwas „Entitätiges“ gehen soll oder gar eine Liebesgeschichte angedeutet wird, ahnt man, was dieses Werk meint, wenn es einen zwischendurch vorbetet: „Null muss 100 Prozent betragen“. Fazit vom Fazit: Als unterhaltsame Kunst annehmbar, als Unterhaltungsprodukt eine Zumutung.

Wertung als Kunstobjekt:

ACTION
HUMOR
TIEFSINN
ALLES IN ALLEM

Wertung als Geschichte:

ACTION
HUMOR
TIEFSINN
ALLES IN ALLEM

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Artikel

von Klapowski am 08.01.17 in Filmkritik

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