Film- und Serienkritiken

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Black Mirror, Staffel 3 – Kritik zu den Folgen 1, 2, 3

Onkel Klapo liebt die Serie „Black Mirror“ – und „Black Mirror“ liebt Onkel Klapo wie eine Handykamera einen Autobahnunfall mit 30 Toten. Zumindest war es im letzten Jahr so, als ich den unbedingten Marsch- und Guckbefehl für die Staffeln 1 und 2 ausgab und vorsichtshalber die Redaktion vom „Lüttenberger Stadtkurier“ besetzen ließ, um einem Putsch gegen meine Anordung zuvorzukommen. Nun steht also Staffel 3 bei Netflix an. Doch werden auch hier wieder Bestnoten verteilt?

Episode 3.1 – „Nosedive“

Inhalt: In der nahen Zukunft ist das Internet-Ranking einer Person alles. Wer im Fahrstuhl schief grüßt oder selbst nicht nett genug wertet, bekommt sofort die Quittung. Und irgendwann rutscht dann das ganze Leben ab…

Besprechung:

Die ersten 5 Minuten: „Oh, jeder bewertet jeden, den er sieht! Interessant“
Nach 10 Minuten: „Okay, sie machen es immer noch.“
Nach 30 Minuten: „Hm, ihr Durchschnitt fällt aber rapide. Wer hätte das geahnt? Ach ja… – Ich.“

Natürlich, die Idee, den Beliebtheitsrang bei sozialen Medien als Währung der Zukunft zu nutzen, ist gut. – wobei man sich aber nicht zu genau fragen darf, WARUM eigentlich. Geld gibt es ja auch noch, und das kann man ja wenigstens noch überweisen, damit einem der Nächste weiterhilft. Die Bewertungen sind quasi nur dazu da, um das Drumherum etwas ansprechender zu gestalten (keine Penner am Bahnschalter; nur hübsche Leute an der Schnellkasse). Aber gut, wir befinden uns ja hier in einer Mischung aus Dystopie, Parabel, Satire und Hirnfurz, durchmischt mit einer Spur „Weil ich das so haben wollte“. Also alles noch im grünen Bereich.

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„Oh, ich habe ein Like aus meiner Bondage-Gruppe! Dann darf ich mir ja heute was zu Essen kaufen und muss den Lederanzug nicht enger schnallen. Juchuu!“ –Daumen hoch statt Dame down: Natürlich werden diese Zeiten niemals wiederkehren. Es sei denn, sie bekommt irgendwie eine Katze aufs Profilbild.

Doch die Dramaturgie und das Ende ziehen diese Story dann noch mal etwas runter. Der Roadtrip mit seinen kleinen und großen Unglücken ist zwar amüsant, aber auch nicht mehr. Fast jede Szene ist dazu gedacht, die Figur im sozialen Ranking sinken zu lassen, was wir als Konzept auch bei „Dick und Doof“ und „Nackte Kanone“ hatten, nur eben ohne Smartphone dabei.

Hier wünscht man sich fast, die Grundidee auf eine normale TV-Folge à 40 Minuten gekürzt zu sehen. Gut eine Stunde lang einem Facebook-Profil beim Zusammenfallen zu sehen, war dann vielleicht doch etwas zu viel…

Fazit: Solider Auftakt mit garantiertem „Jaaahaa, habe den Gag jetzt kapiert“-Gefühl nach x Minuten. Vielleicht hätte man statt des lockeren Elektrotrabbi-Trips auch ein bisschen mehr in die Tiefe der Gesellschaft gehen müssen: Warum ist das so? warum bleibt das so? Wieso ist das wichtig? – Da gab es schon deutlich Verstörenderes in der Serie.

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Episode 3.2 – „Playtest“

Inhalt: Ein normaler Typ soll/will/muss eine bahnbrechende neue Maschine ausprobieren, dank der Virtual Reality und die Wirklichkeit kaum noch zu unterscheiden ist.

Besprechung:

Das Problem bei „Real oder nicht?“-Geschichten ist leider, dass am Ende fast jede „Auflösung“ … hüstel … so was wie „Sinn“ (aber nicht zwangsläufig Spaß) macht. Eben vom klassischen „Oh, er ist schon seit einem Jahr in der Maschine!“ bis hin zu „Erst, seitdem er im Flur in den grünen Farbeimer trat“ bis hin zum dreimaligem „Ach, der Schluss war aaaauch noch eine Simulation“. – Alles schon längst dagewesen. Nicht zuletzt bei Star Trek in zwei Riker-, je einer Crusher-, Worf- und 28 Voyager-Episoden.

Einerseits macht das immer wieder Spaß, andererseits wird somit nach den ersten 10 Minuten ALLES egal. Umso mehr noch, wenn die Hauptfigur anscheinend ein völlig debiler Sprücheklopfer ist. Komisch eigentlich, verhält sich Mister Hipster doch zu Beginn noch wie ein ganz normal nervender Bartträger, der halt mal 180 Länder in 2 Tagen bereisen will.

Doch kaum erschnüffelt er von weitem eine VR-Brille, poltert und blödelt er sich durch die Handlung: „HAHAHAHA! Ihr könnt mich so leicht nicht reinlegen, HAHAHA!“ – Natürlich immer gefolgt von einem satten Dämpfer („Aua, Mama, hingefallen, buhää!“), der 10 Sekunden später schon wieder vergessen ist: „HAHAHA! War ja gar nicht so schlimm, HAHAHA!“

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„Haha, das komische Ding funktioniert ja gar nicht, wie lachhaft!“ – „Sir, wir sagten Ihnen doch, dass wir noch eine Minute brauchen.“ – „Haha, Sie brauchen also noch 55,2 Sekunden, wie lachhaft!“ – Produkttest(er) des Grauens: Wer Kunden wie diese hat, bringt schon allein aus Rache explodierende Akkus auf den Markt…

Ein Umstand, der selbst das schönste Geisterhaus in eine typische Schrei- und Plärr-Komödie verwandelt.

Fazit: Eine nette Grundidee trifft auf einen mehr als grund-ungünstigen Vollhonk. Der Schlussgag ist nett, der Weg dahin jedoch psychologisch untermauert wie im Kindergarten. Die visualisierte Angst vor Spinnen (gähn) und alten Schulfreunden? Ehrlich jetzt, Black Mirror?

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Episode 3.3 – „Shut Up And Dance“

Inhalt: Ein Junge masturbiert und wird dabei über seine Laptop-Kamera aufgenommen. Schon ist er erpressbar und muss gar seltsame Dinge erledigen.

Besprechung:

„So, liebe Kinder, jetzt lernen wir mal anhand dieses Schulvideos, dass wir keine fremden Programme installieren sollten – zumindest nicht in Verbindung mit Pornographie auf dem Rechner. Na, hört eure Lehrerin ein kollektives ‚Pfui Bah‘ dazu?“

Und nun zum Sprachunterricht. Die Steigerung von klischeehaft lautet: klischeeiger, am klischeeigsten, und dann … 3. Black-Mirror-Folge. Sehr gut.

Was als interessante Idee beginnt (Was macht man, wenn irgendwelche Leute dich ausspionieren und erpressen?), wird schnell zu einer „Huii, die können dich dann krass fernlenken!“-Party, wie sie sich besorgte Eltern… äh … deutlich SCHLIMMER vorstellen könnten. Schade, da war ich von der Serie von Folge eins an Schwerwiegenderes gewöhnt (Sex mit einem Schwein für die Medien, ja oder nein?), als dass ich jetzt bei Banküberfällen und ungezeigten(!) Prügeleien in den Sack mit dem Dystopie-Pokal des Jahres greifen würde.

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„Sie schreiben, dass ich um 17 Uhr vom Hochhaus springen muss, damit sie meiner Oma nicht mein Masturbationsvideo per Fax schicken. Ich muss es also tun, sonst ist mein Leben zerstört!“ – Die Halloweenfolge für Hacker-Ängstliche: Der Hauptpunkt der Episode ist schon klar, aber ein Fragezeichen wäre mir deutlich lieber gewesen.

Was wohl auch daran liegt, dass das Ende zu plakativ war: Laute Musik, verheulte Gesichter, Überraschungsarmut an allen Enden. Ich hoffe, es wurde wenigstens ausreichend Budget für die cooleren Folgen eingespart?

Fazit: Eine Geschichte, die ich in 5 Jahren genau so bei einem pseudo-modernen „Tatort“ erwarte. „Huiii, diese neuen Medien ab 1997 sind ja ganz schön gefääährlich! Dieter, gib ma Kreppband!“ (*Laptop-Kamera abkleb*) Bisher die schlechteste, innovationsärmste und plakativste Episode der gesamten Serie. „Leider“ aber immer noch gut genug, um mittelmäßig zu sein.

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Artikel

von Klapowski am 17.11.16 in Serienkritik

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Kommentare (2)

  1. Nicht verstanden sagt:

    Da scheint jemand die Folgen nicht ganz verstanden zu haben. Zumindest in der letzten Folge wird doch ein wirklich sehr ähnlich krasser Umstand wie die Schweineszene beschrieben.
    Die Sympathieempfindung gegenüber dem Hauptcharakter wird komplett in Frage gestellt.
    Alles Punkte, die in diesem „Review“ nicht vorhanden sind. Kritisch mit auseinandergesetzt? Ich glaube kaum.

    • Klapowski sagt:

      Reicht mir nur leider nicht, dass etwas irgendwie „ähnlich krass“ ist.

      Ich finde jetzt auch nicht, dass der „Impact“ vergleichbar stark war. Über die Schweinefickerfolge wird heute noch als erstes geredet, wenn es um die Serie geht, von dem jungen Bengel, der blutverschmiert aus dem Wald torkelt, habe ich bei „Serienempfehlern“ jedoch noch nichts gehört. Die Episode mit dem Politiker war auf allen Ebenen mutiger und quasi so noch nicht dagewesen.

      „Da scheint jemand die Folgen nicht ganz verstanden zu haben.“

      Kann natürlich auch sein. Habe generell große Probleme damit, simple 50-Minuten-Handlungen inhaltlich zu begreifen und moralisch/dramaturgisch zu bewerten. Ist so eine kleine Schwäche von mir, die sonst aber verborgen bleibt. „Danke“ für’s Enthüllen, ey!

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