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„Narcos“ – Kritik zur 1. und 2. Staffel

„Liebes Klapo-Redakteursteam – und Sparkiller! Hiermit möchte ich anfragen, warum keine der vielversprechenden SF-Serien mehr reviewt werden.“ – „Sehr geehrter Zuleser. Bitte teilen Sie mir doch umgehend mit, welche SF-Serie Sie derzeit für vielversprechend halten.“ – Die Antwort steht noch aus, soll aber über einen Anwalt eingehen. Bis daher erfreuen wir uns einfach an einer weitere Netflix-Perle um die wahre, total verko(r)kste Geschichte von Drogenkönig Pablo Escobar.

Um das vorwegzunehmen: „Narcos“ ist Premium. Jenes „Premium“, von denen einem Jahre später noch Arbeitskollegen am Pinkelbecken vorschwärmen (wobei der Schwärmer dann wohl ich bin), jenes „Premium“, an dem man man eigentlich nur vom Geschmack her was aussetzen kann („Mag keine Südländer“), nicht aber von der Machart her.

Allein die frische Erzählweise ersetzt hier bis zu 2 Handbücher zu „House of Cards“:

Naheliegende Erklärungen werden mit „Sie haben richtig geraten!“ aus dem Off angekündigt, nicht so naheliegende mit längeren Einstellungen behutsam an den Zuschauer herangeführt. – Und das ist super! Als wären die Macher prämierte Pädagogen für Dreijährige! Es klingt zwar nicht gaaanz wie „Das ist der Onkel Paaaaul und der ist seeeeehr böööse!“, aber ist oft nah dran, ohne aber billig zu wirken. Wer z.B. vergessen hat, was Kokain bewirkt, bekommt auch das in einer stummen Laborszene noch mal gezeigt. Zusätzlich wird die Handlung auf Standbild gesetzt, wenn ein neues Element erklärt wird. – Denn hier ist man Mensch, hier darf man doof!

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„Sollen wir die Gedärme rausziehen, Boss?“ – „Oder eine Kugel durch den Magen jagen?“ – „Wir könnten Säure draufschütten und sie mit einem rostigen Eisenstab umrühren!“ – Klappe, Leute! Ich hab nur ganz normales Sodbrennen. Trotzdem lieb gemeint von euch.“ – Gewaltenteilung: Don Pablo hat seine Jungs im Griff. War ja auch schwer genug, ihnen einen an den Schultern dran zu montieren.

Vor allem passiert meist angemessen viel.

Vorbei die Serienzeiten, in denen man in Folge 2 einen Killer engagierte, damit dieser in Episode 6 das erste Mal seine Pistole reinigt. Innerhalb von 3 Folgen hat es Escobar vom kleinen Schmuggler (70er Jahre) zum Präsidentschaftskandidaten (80er) geschafft, so dass man messerscharf zu dem Schluss kommt, dass er in Folge 10 unweigerlich das Kommando der ersten Enterprise übernehmen wird. Manchmal geht alles in Season 1 sogar so fix, dass man gerne noch das eine oder andere über die entführte Frau oder den gefolterten DEA-Agenten sehen möchte – die es ja praktischerweise in der Realität wirklich mal gegeben hat. Mehr Zeit nehmen ist eben manchmal nicht übel.

Und das sage ICH, obwohl ich sonst meckere, wenn Halle Berry immer noch nach einer halben Staffel versucht, von Weltraumaffen geschwängert zu werden.

Zugegeben, Pablo ist kein menschenfressender „Hannibal“, kein stechkartenschummelnder Halbtagsmörder wie „Dexter“ und kann auch nicht so schön die Kühlschranktür nach Pasta absuchen wie Toni Soprano. Ja, eigentlich ist er sogar zu Beginn erschreckend normal, sieht normal aus und trägt einen abnormal normalen Pornobalken. Sein rhetorisches Talent ist nur deswegen brillant, weil er selten viel sagt, dann aber stets das „Richtige“. Man spricht in dieser Hinsicht ja gerne von der „Banalität des Bösen“, wenn man eigentlich sagen will, das man kürzlich was über Hitlers Quietscheentchensammlung gelesen hat.

Wobei die erste Staffel sich noch mehr wie Kokain im Blut anfühlt: Wie in einer ZDF-Doku mit echten Darstellern hat man hier das Gefühl, einer spannenden Geschichtsstunde zu lauschen. Nur eben nicht mit Hannibal vor den Bluescreen-Alpen, sondern mit Kieferknirsch-Pablo und seiner wilden Crew. Das schnelle Tempo trägt seinen Teil hierzu bei. Spätestens bei einigen Wendungen (Stichwort: „Eigenes Gefängnis bauen und mit Pomp drin wohnen dürfen“) fragt man sich dann doch, wieso Hitler eigentlich nur so ödes Zeugs getrieben hat.

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„Diesmal finden wir den Kerl! Ich habe ein sehr, sehr gutes Gefühl hierbei!“ – „Solange es nicht nur daran liegt, dass ich dir gestern meine Liebe gestanden habe…“ – „Oh. Ähm. Mist! Grrr. – Alle zurück, Leute, wieder ein Fehlalarm!“ – Das hält man ja im Cop nicht aus: Diese beiden Gesellen sind etwas „overpowered“, stehen aber repräsentativ für viele andere, die damals Escobar jagten.

Dagegen fällt die zweite Staffel etwas ab; die fiktionalen Elemente scheinen mir hier zuzunehmen, da alles in etwas kleinerem Rahmen gezeigt wird: Das junge Frau, die zur Tarnung ins Taxi gesetzt wird (und danach Beifahrerin im eigenen Sarg werden soll), das dauernde Entkommen und Sich-drüber-Aufregen von Pablo, der zeitlich eher gedrungene Rahmen (ungefähr 1-2 Jahre statt 10 Jahre), die ständigen Loser-Einsätze der 2-3 Cops. Letztere funktionieren als Identifikationsfiguren ganz okay, verwandeln sich aber etwas plakativ von moralisch verlotterten Extrempolizisten zu moralisch verlotterteren Extrempolizisten. Und ja, liebe Schnellleser: Zwischen diesen beiden Dingen liegen nur 2 Buchstaben.

Trotzdem hat die ganze Story immer noch eine Sogwirkung wie eine darbende Koksnase vor einem Blech mit Weizenmehl. Immer wieder ertappt man sich dabei, dass man nun endlich WILL, dass Pablo mal mit dem Bügeleisen massiert wird – obwohl man weiß, dass es noch viele Episoden dauern wird. Sein großkotziges Auftreten („Macht alle tot, belebt die Toten wieder, fangt von vorne an!“) ist ebenso hassenswert (positiv jetzt, nicht Wesley-Crusher-technisch) wie sein nervtötender Großmut seinen engsten Familienmitgliedern gegenüber. Kann er nicht wenigstens seine Kinder mies behandeln, damit man ihm nicht alle drei Folgen doch wieder mitleidig einen Kinderriegel unter den Schnauzer schieben will?

Manchmal ist es doch die fehlende Plakativität, die einem hier … fehlt. Wenn Escobar trotz Bombenanschlägen und Zivilisten-Kollateralschaden stets wie eine Ente mit Bierbauch durch die Gegend watschelt, mag das realistisch sein, der BILD-Leser in einem schreit aber doch manchmal nach mehr. Länger als 2 Staffeln hätte man die Story wirklich nicht ziehen dürfen; das Ende kommt gerade richtig. Trotzdem muss Netflix beweisen, dass die zwei(!) noch geplanten Staffeln auch ohne Pablo Escobar noch funktionieren.

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„Hm. Grummel. Und dann noch den Opa vom Dings… Drei im Sinn. Zwei Beine pro Person… Verdammt, ‚P.M.‘ hatte unrecht! Man kann keinen Leichenberg bis zum Mond bauen!“ – Die letzten 20% der Serie sehen ungefähr so aus. Wer sich daran nicht stört, freut sich auf ein solides Schaukelvergnügen.

Eins ist sicher: Der Aufwand für die Serie ist gigantisch. Die Kamerafahrten sind teilweise genial, auch wenn das so mancher nur unbewusst bemerkten wird: Bei der Stürmung eines Hauses sehen wir geplatzte Köpfe und Blutfontainen, während die Kamera – nicht zu wackelig, nicht zu statisch – rauslatscht, um das Haus herum und zum Keller wieder rein. Ohne sichtbarem Schnitt. Und in den ärmlichen Gebieten Kolumbiens mit den ständig neuen Villen, Wohnungen, Bergen, Bretterbuden, Laboren und Gangsterlöchern fühlt man sich irgendwann so zuhause, dass man sein Deospray gegen Sagrotan tauschen möchte.

Dass alles stets vorschriftsmäßig wie in den 80ern und 90ern aussieht – bis hin zur letzten Hotelbar -, nimmt man da schon fast nebenbei zur Kenntnis. Hieran muss sich demnächst auch die neue „Star Trek“-Serie messen lassen – auch wenn das im ersten Moment etwas komisch klingt.

Zu politisch, zu gewollt, zu lange her, zu drogistisch. – Der Trailer hat mich jetzt auch nicht überzeugt. Gut, dass sie danach noch diese superbe Serie nachgeschoben haben!

Und eins muss man der Serie lassen: So oft habe ich noch nie „Puta!“ als Beschimpfung gehört. Schlägt das amerikanische „Fuck!“ phonetisch noch um Längen. Erwähnte ich eigentlich, dass man die Hälfte der Serie untertitelt genießen muss, weil konsequent Spanisch gesprochen wird? Tja, jetzt müsst ihr es trotzdem gucken, haha! Weil ich es längst em-pfoh-len hab!

Reingelegt.


Fazit: Eine weitere Premiumserie für Weißnasen, die den Zuschauer nicht mit affigen Cliffhangern, Popmusik und „Ich sag dir mal gerade, was du fühlen sollst“-Szenen behelligt. Wer „Sopranos“ und „Breaking Bad“ mochte, sollte hier mal mit dem linken Nasenloch reinschnüffeln. Dass die zweite Staffel ein paar Hänger hat („Oh, wir sind schon wieder in Problemen! Safe-House Nummer 192, wiiir kommen!“), ist da wirklich meckern auf hohem Niveau.

Erste Staffel:

ACTION
HUMOR
TIEFSINN
ALLES IN ALLEM

Zweite Staffel:

ACTION
HUMOR
TIEFSINN
ALLES IN ALLEM

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Artikel

von Klapowski am 23.09.16 in TV-Review

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Kommentare (4)

  1. Cronos sagt:

    Ich dachte die Serie sei Schrott. Ich schätze ich werde ihr jetzt mal eine Chance geben.

  2. DarthDigitus sagt:

    Absolut korrekt!
    Die Serie ist der Hammer, bitte mehr von solcher Qualität.
    Ansonsten möchte ich jedem noch die Serie Gomorrha empfehlen, sehr realistisch gehalten, wenn auch, im gegensatz zu Narcos, fiktional. Ist wohl von den machern des gleichnamigen Episodenfilms.
    Meiner Meinung nach eine der besten Europäischen Serien die es zur Zeit gibt.

    • Onkel Hotte sagt:

      Im Prinzip fiktional aber genug non-fiktional das die Mafia sich auf den Schlips getreten fühlt und sich daher Autor samt Familie seit zehn Jahren verstecken müssen.

    • DarthDigitus sagt:

      Korrekt.
      Genau das macht die Serie so gut, es könnte genau so sein.
      Morgens ins cafe, Handgranate rein und danach, als wäre nichts gewesen, die Tochter von der Schule abholen. Später mit den „guten“ Freunden noch was Trinken gehen und hoffen dass man heute nicht vom Don zum Abschuß freigegeben wurde.
      Die banalität mit der Verbrechen verübt werden als auch der extreme Kontrast zwischen den einzelnen Lebensrealitäten (Wohnen in irgendwelchen Betonmietskasernen btw. Sozialbau, die Wohnungen selbst sind Luxuriös bis Kitschig) spiegeln, unter anderem, m.M.n. die heutige Realität in vielen Italienischen Vorstädten wieder. Mit Geld und „Fame“ lässt sich gut neues Kanonenfutter anwerben.
      Leider ist der Italienische Staat nicht in der lage diese Seuche, die das gesamte Italienische System befallen hat, zu bekämpfen bzw. ist zu stark durchsetzt. (siehe ÖPNV in Rom)
      Die Leidtragenden sind wie immer die, die ohnehin nichts haben und die, die sich dagegen Wehren oder zumindest die Missstände aufdecken wollen.
      Interessanterweise Spielen im Film, in dem viele Laiendarsteller mitspielen, wohl einige echte Mafiosi mit, dabei hatten sie wohl keine bedenken.
      Ich wünsche dem Autor und seiner Famillie alles gute und bin Dankbar das er es mit seinem Werk schafft ein realistisches, schonungsloses Bild der Mafia zu zeichnen, das vielleicht dem ein oder anderen die Augen öffnet.

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