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Die Toten von Alpha III – Eine fast wahre Geschichte.

Worte. Taten. Sie bedeuteten nichts mehr, waren hohl geworden. Und dennoch wanden sie sich noch träge durch die Zeit, hin zu einem fernen Ziel.

Warum?

Lest es selbst…

„Brrrbl!“, erschallte der Ruf über dem einsamen Mond.
Die zuckenden, sich windenden Leiber gerieten in Unruhe. Dies geschah nicht mehr so oft wie früher.
Die zwei Reihen aus Alkoven standen sich seit nunmehr 18 Jahren gegenüber. Auf jeden der metallischen Objekte war ein Körper geschnallt. Längst sah man kaum noch Krawatten; auch die Blusen und Röcke der Damen waren verschmutzt und zerstört, hingen in traurigen Fetzen herab.
Die Atmosphäre des Mondes war dünn. Nicht mehr als ein Säuseln schmutzigen Windes, der dann und wann über die kalten Felsen wischte. Und dennoch hatte sein unablässiges Wirken dafür gesorgt, dass die Kleidung vergangen war.
Glasige, leere Augen starrten nun in die jeweils gegenüberliegende Reihe. Sie waren stumpf, bar jeden Willens – auf dem ersten Blick zumindest. Doch wenn man genau hinsah, entdeckte man das Aufblitzen von Gedankenfetzen unter den traurigen Brauen, ein wollendes Blinzeln in den eingesunkenen Höhlen.
Wussten sie noch, warum sie hier waren? Erinnerten die dünnen Nahrungsschläuche, die direkt zu ihren Mägen führten, diese Menschen an die Anfänge?
Die dreißig Männer und Frauen schienen seit Ewigkeiten hier zu sein, festgeschnallt für Ewigkeiten, die noch folgen mochten. Gefrorenen an Leib und Seele. Gegenüber aufgestellt wie Truppen, die von riesigen Händen in den Krieg geführt werden sollten. Die grausame Parodie von Spielfiguren eines sehr dummes Spiels.
Nicht mehr.
„Brrrbl!“, ertönte es erneut. Eine der Frauen rechts außen, eine nicht um einen Tag gealterte Staatssekretärin, hatte gezuckt. Speichel tropfte aus ihrem halboffenen Mund. Wusste sie, wer sie hier aufgestellt hatte, nur vier Meter von der gegenüber liegenden Alkovenreihe entfernt?
„Brrrbllb!“, wiederholte sie mit mehr Nachdruck.
Die Unruhe ringsum wuchs. Beine zuckten, auch Arme, von denen die Haut wie sorgsam abgeschält herabhing. Augen rollten von links nach rechts, Brustkörbe erbebten. Die Wesen erinnerten sich. Die neuen Sinneseindrücke hatten sie aus ihrer Lethargie gerissen.
„Spaaaaaaa… Spaaaaaarrrrh…“ So gurgelte es aus dem Rachen eines Mannes, der einst einen schwarzen Anzug getragen haben mochte. Er rollte jeden Buchstaben mit Kraft aus seiner Kehle. Nach zehn Anläufen gelang es ihm, das ersehnte Wort zu formen:
„Spaaaaahhhrrrrrpaketh! – Spaaaarpaket!“
Noch mehr Leiber zuckten und regten sich rasselnd auf den blanken Oberflächen ihrer Stützvorrichtungen. Zähne bleckten, Nasen erhoben sich schnüffelnd in die Höhe, eine neue Chance auf Vollendung witternd. Die Vibrationen waren so stark, dass ein zerschlissener Aktenkoffer umfiel, der seit genau 18 Jahren an ein und der selben Stelle gestanden hatte.
„Ziiiins… Satz!“, krähte eine ältere Frau mit einem Dutt. „Zentral. Zentral. Zentralbank!“ Das letzte Wort führte die vorläufige Befriedigung mit sich, es ausgesprochen zu haben.
„Gha! Gha! Gha!“ Ein Mann mit Glatze und furchtbar viel Mondstaub in den Furchen seines Gesichts fühlte sich provoziert. Er spie die Laute in das Gesicht der Frau, die schräg gegenüber von ihm aufgestellt worden war. „Volk. Griechisches Vooooolk! Ent-Ent-Entscheidet! SELBST! SELBST!!“
„Bank. Bank! Zins? Schuld! Schulden!“, ertönte es dicht neben ihm.
„Nein, nein!“, dröhnte es von gegenüber. „Hilfspaket – nein!!“ Gliedmaßen zappelten und rappelten.
„Merkel pfui! Steuergeeeeeld!“, blökte es von woanders.
Nun war die ganze Ebene in Bewegung. Ein rasselndes, schwankendes, bebendes Brüllen und Schaukeln aus Wollen – und Verneinen. Dreißig Stimmen erhoben sich über dem Mond, nach den klaren Sternen greifend, verzweifelt und voller Inbrunst.
„Finanzminister!“
„Leeeetztes Woooort!“
„Volksabstimmuuuung!“
„Schäubleeee?“
„Milliarden!!“
„Letztes Wooort!“
„Ga. Nein. Ga.“
„Nnnnbbl.“
„Nbbl.“
„Nn.“
Und so schnell, wie sie gekommen war, verebbte die Unruhe.
Friede kehrte ein, ein vielstimmiges Schnaufen. Körper, die sich entspannten, sich in ihre Fesseln fallen ließen.
Nur ab und zu vernahm man noch ein „Leeetztes Wort!“ von einem Mann am Rand.
Dann:
Stille.
Der Wind fegte wieder über den Mond, der so unendlich grau und öde war.
Der Nahrungsbrei wanderte mit leisen Schlürfgeräuschen durch die dünnen Schläuche.
Sie würden wieder erwachen.
Ein Zeitpunkt war so gut wie der nächste.
Niemand würde sie retten, die Verdammten, die Ausgestoßenen.

Die gigantischen Häuser der Banken glitzerten auf dem Planeten über ihnen.


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von Klapowski am 13.07.15 in All-Gemeines

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Kommentare (4)

  1. G.G.Hoffmann sagt:

    Ist das der erste Teaser zur langerwarteten Fortsetzung von „Jenseits der Götter“? Wird David wieder mitspielen? Und Darth JEV? Und diese, äh, Frau? Und wann kommt der Roman endlich auf Bluray?

  2. Raketenwurm sagt:

    Ist das jetzt eine Utopie oder eine Dystopie ? *kopfkratz*

  3. Cronos sagt:

    Ich kapiere nicht mal um was es überhaupt geht.

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