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„The Signal“ – Das Review in Signalfarben

Indie-Filme KÖNNEN gut sein, gewollt künstlerisch angehauchte Streifen ebenso, sogar die mit relativ offener Erzählstruktur und einem Top-Star drin, der den Underdog-Streifen etwas aufwerten soll. Wenn jedoch das ALLES zusammen kommt, ist das so, als würde man ein Lottosystem namens „6 aus 10“ nach und nach in das übliche „6 aus 49“ umwandeln. Dann ist die Kult-Qualität fast schon auf Jackpot-Wahrscheinlichkeit. Oder ist es hier anders?

INFORMATIONEN:

Regie: William Eubank
Jahr: 2014
Budget: 2 Mio $

Poster
Dann doch lieber Indie… Jones.
Inhalt: „Ein Hacker in der Wüste!“ – „Halte ihn fest!“ / „Äh, wo bin ich plötzlich? In einer unterirdischen Anlage mit einem Star aus … Matrix?!“ – „Guten Tag, Jungs. Und … nun … sollten … wir … koop-er-ier-en.“

Besprechung:

Die Stimmung geht anfangs runter wie das Öl, mit dem Stephen Spielberg bis Mitte der 90er noch eingerieben wurde: Die Jungs sind irgendwo zwischen „sympathisch bodenständig“ und „übertrieben nerdig“ (= In der Regel bedeutet das 2.800 Euro Gehalt in einem großen Unternehmen), das Mädel hübsch, ohne zu offensichtlich „angemalt“ zu sein. – Oder den Zuschauer mit Klischees anzuschmieren. Somit fiebert man dann auch erst mal mit, als in der Wüste Alienköppe hinter dem Baum hervorlugen und man plötzlich in den Himmel gesaugt wird. Das typische Los aller Amerikaner seit den UFO-Sichtungen der 50er Jahre.

Ab hier ist eigentlich schon alles ein SPOILER, aber ohne geht diese Besprechung wohl nicht (in lustig): Laurence Fishburne sitzt in einem Laborkomplex freundlich lächelnd da und erklärt dem Hauptdarsteller, dass er „ruhig bleiben“ soll, keine „Panik“ haben, „Fragen beantworten“, „Tests“ absolvieren. So weit, so „LOST“. Wobei hier – im Gegensatz zur mehrjährigen Verarschungsinsel – der Hauptdarsteller immerhin strukturiert nachfragt, was das alles SOLL. Und was wir hier so HABEN.

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„Duhuuu, lass uns etwas schwören, für die Zukunft!“ – „Dass du immer die Springentaste bei Counterstrike bekommst, wenn wir zusammen an einer Tastatur spielen?“ – „Genau!“ – Gesunde (N)Erdfarben: Der Film startet sehr bodenständig, fast schon unterirdisch… GUT. Das Problem kommt erst auf, als er das leisten will, was auch große Hollywoodproduktionen meistens leisten: Nämlich nix. Aber das in laut.

Doch irgendwann kommen die ersten Zweifel, ob der Drehbuchautor nicht doch das eine oder andere Mal im Zahlen-Drück-Bunker der zweiten LOST-Staffel übernachtet hat. Die Handlung kippte, als man (ohne dramaturgische Not) nicht wusste, ob der Hauptdarsteller nun seinen Kumpel wirklich über den Lüftungsschacht gehört, oder er‘s sich nur eingebildet hat. Letzteres wohl eher nicht, aber egal war’s am Ende trotzdem. Der Kumpel taucht nämlich nur noch einmal auf (DOPPEL-MEGASPOILER) und hat dann kräftigste Obelixarme, der „Human-Experiment-Power©“ sei Dank. – Ob, warum oder aus welchem Zweck er da plötzlich rumlief (Vorher ausgebrochen? Wusste dann trotzdem, wo Kollege war? Von den Entführern sinnfrei hingeschickt?), das habe ich dann nicht kapiert.

Überhaupt ist das wieder ein Film, der Unlogik (oder fehlendes „Zurechtbiegen-Wollen“ im Zuschauerkopf) mit angeblichem Anspruchs-Anstrich zu erklären versucht. Hier nur einige wenige Beispiele, auch mit Spoilern:

„BILD-Gucker wissen mehr:“ Warum haben die Aliens dem Jungen ein Bild von einem Alien gezeigt („Hey, kennste, kennste, kennste deeeen schon?!“), wenn sie doch selber Aliens waren? Als Rückversicherung, dass die dreifach verzwirbelte Gaga-Logik auch bloß ni… noch funktioniert?

Bekloppte für Intelligenztests gesucht: Die anderen Figuren in der Fake-Wüste waren also auch entführte Menschen? Hat man also erst Rednecks und verblödete Kirchengängerinnen entführt, bevor man auf den Trichter kam, einen Profihacker als Lockvogel einzusetzen? Und was genau wurde an denen überhaupt verändert? Der Wille zum Willen, unter Berücksichtigung des Wollens? – Irgendwie so was konkret Schwammiges war es wohl.

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„Guten Tag! Möchten sie den roten Koffer oder den grünen Koffer? Je nachdem, welchen sie davon schlucken, könnte es für sie … völlig gleich ausgehen.“ – Matrix-Matrize aktiviert: Mister Fishburne hat für mich immer noch einen Nerd-Bonus. Niemand kann sich so vielsagend den Pöter plattsitzen (oder Straßenmarkierungen breit treten) wie er.

“Kann ich bitte den Laborleiter sprechen?“ – Die Aliens ersetzen die Beine des Hauptdarstellers, wollen aber nicht, dass er sie benutzt, sondern machen Intelligenzexperimente(!) mit ihm? Was machen die dann mit einem, der einen 100-Meter-Lauf absolvieren soll? Das Gehirn rausnehmen? Und wieso bekommt der Held es so spät mit? Dauerte eine gefühlte Woche, bis er checkt, dass seine Beine aus Papier(-Look-Alike) bestehen. Wie war er auf dem Klo (oder wurde von anderen gesäubert)? Hose nur 10 Zentimeter runter gezogen und alles konsequent … zugeschmiert? Die Zukunft UNSERER Altenpflege, jetzt schon in der SF der Gegenwart? Oder watt?

Es gäbe noch mehr aufzuzählen, doch das meiste ist irgendwann sowieso egal. Der generelle Look passt immerhin, egal, was einem der Film an Komischem entgegenwirft (Sollte der Helden-Kumpel die eingesperrte Kuh eigentlich ESSEN?!). Nichts sieht richtig billig aus, manche Einstellungen sind sogar besser als bei großen Filmen. Und Mister Fishburne ist mit seiner (deutschen) Samtstimme nebst seinem geduldigem Erklären sowieso der heimliche Held des Streifens: „Jaaa, wir wissen, dass du verwirrt bist. Geschockt. All das Blut, die Experimente… Und nun versuche bitte, diese Kreisfigur in das Brett mit dem ausgeschnittenen Viereck zu stecken.“

Der Fehler des Films sind „nur“ die Charaktere und ihre Verwendung. Die Freundin macht am Ende z.B. nix mehr außer mitlaufen und „Ich liebe dich!“ japsen. Ein Hohn, wenn man bedenkt, dass sie am ruhigen Beginn noch umziehen wollte, in Liebesnöten war und Schmucksteine in die Schlucht geworfen hat. Hätte man weglassen können. Die Freundin jetzt, nicht die Schlucht. Die war noch wichtig.

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„Ich glaube, wir brauchen für das neue Badezimmer noch einen … Fliegenleger. Ich komme sonst unmöglich auf den Boden zurück der … Totsachen zurück.“ – Der Gag des Jahrtausends: Dass dieser in der Bildbeschriftung eines mittelmäßigen SF-Films untergebracht sein wird, hätte wohl niemand gedacht. Ansonsten gibt es zur „Generischen Zeitlupenszene No. 293“ leider nichts zu sagen.

Das Ende ist dann auch nicht mehr soooo überraschend. Dass man sich nicht mehr in Amerika befand, war nach dem Zaunenpfahlwink (= Straße hört einfach auf) für all jene klar, die medientechnisch über Rosamunde Pilcher hinausgewachsen sind. So fühlte ich mich nach dem Schlussbild dann auch eher nach Mohnkuchen mit Kaffeekännchen, als nach epischer Analysier-Action. Trotzdem: Einen 2-Millionen-Dollar-Film so gut aussehen zu lassen, so dass ich nach 2 Wochen(!) noch weiß, was ich gut (und blöd) fand, das schaffte nicht mal Transformers, Teil… 7… – oder so. Und dass Körperprothesen wie verklebte Papierflieger(!) aussehen, ist auch echt mal was Neues!

Und wenn ich gewusst hätte, dass dieser Regisseur auch die fast unzumutbare, faselbildrige Hirn-Hirse „Love“ (2011) verbrochen hat, ich hätte ihm nicht mal zugetraut, soooo weit in Richtung Durchschnitt zu kommen. NOCH ein Film, und ich weiß, was du eigentlich von mir willst, Junge! Ich spüre es, ganz tief drin in deinen verquasteten Alien-Gaga-Welten!


Fazit: Die ersten zwei Dritteln sind gut, ein rundes „6,521 von 10“-Knorke eben. Und das sogar trotz der doofen Grundstory, vorbehaltlich der Erklärversuche begeisterter Kunstfilmfans. – Aber die unnötige Action am Schluss, die gewollt coolen Krass-Bilder, Auflösungen und verschenkten Charaktere reißen mit dem löchrigen „Papierhintern“ wieder ein, was der Beginn aus Kruppstahl aufgebaut hat. Und darüber bin ich sogar so verwirrt, dass ich nicht weiß, was hierunter in einer Viertelstunde für Zahlenwerte stehen werden.

Mist. NOCH ein perfides Alienexperiment?!

ACTION
HUMOR
TIEFSINN
ALLES IN ALLEM

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Artikel

von Klapowski am 06.03.15 in Film-Review

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