Das ernsthafte Medienmagazin

Star Trek Enterprise – 1.xx – Hoffmanns Bilanz

Was erlaube Rick? Die 1. Staffel einer neuen Star Trek Serie gilt gemeinhin als die Schwächste der Reihe. Das läßt sich auch ohne Übertreibung von ENT behaupten. 26 Episoden im 22. Jahrhundert und schon habe ich keine Lust mehr.

Eine Prä-Kirk-Ära mit Post-Janeway-Charme ist ungefähr so reizvoll wie ein DS9-Ableger mit Dr.Pulaski oben ohne. Was für eine Scheiß-Serie! Bin total enttäuscht. Nirgend- wo wird gepimpert und der Holodoc wird jetzt von einem Cardassianer gespielt.

Ist das alles? Habe ich dafür die Holomatrix in meiner Küche frisch gestrichen? Wozu lerne ich eigentlich den ganzen letzten Sommer klingonisch, andorianisch und exilalbanisch, wenn sich schon nach drei Folgen herausstellt, dass der Gag der mit den fehlenden Universalübersetzern ungefähr so ernst gemeint wie Berman’s Versprechen, dass T’Pol nur nackig rumlaufen wird?

Arme Hoshi! Komm her und lass Dich knuddeln, mein armes Sato-Maso-Mäuschen! Erst nimmt man ihr kurz vor den Osterferien den lauen Lehrerjob in Brasilien weg und drei Wochen später stellt sich heraus: der ganze Quadrant spricht fließend Englisch! Da ist Hoshi sicher nicht die einzige, die sich veralbert vorkommt.

Ähnlich unverbraucht ist zur Zeit auch noch Three of Jackson-Five. Beim Anblick von Herrn Maiwetter geht mir sowieso immer nur durch den Kopf: „Für die Jahreszeit zu warm“…

Und schnell wurde klar: es handelt sich bei ihm um ein genauso wertvolles und unverzichtbares Crewmitglied wie bei Harry Kim oder Wesley Crusher. Was hat der Bengel eigentlich auf dem ersten menschlichen Deep-Space-Schiff verloren? Die Genieaufzuchtstation namens Starfleet-Academy ist ja wohl noch nicht erfunden. Folgerichtig ist unser Bro’Sis auch die meiste Zeit damit beschäftigt, Löcher ins All zu staunen und durch Abwesenheit zu glänzen. Hoffentlich bleibt das so.

Über zu wenig Beschäftigung kann sich Commander Tucker dagegen nicht beklagen. Ob verliebt oder verprügelt, ob besoffen oder schwanger – Tucker ist immer der erste Mann an der Spritze, wenn es gilt, Alien-Bräute flachzulegen, Raumschiffe zu schrotten, die Menschheit zu blamieren oder seinen nackten Oberkörper in die Kamera zu halten. Irgendwie kommen mir seine Aufritte mächtig bekannt vor. Und ehrlich gesagt: ich kann seine doofe Visage schon nicht mehr sehen. In den „Aktion Mensch“-Werbespots hat er mir besser gefallen.

Als potentielle Schiffschlampe ist Jolene Blalock alias T’Pol bisher ein totaler Reinfall. Sieht ohnehin aus wie Alexandra Kamp mit altem Fußball auffem Kopp. Duschen Vulkanierinnen nie? Bekommt man zwischendurch nicht mal ein klitzekleines Pon-Färrchen? Wozu hat die Evolution eigentlich gutaussehende Vulkanierinnen erschaffen? Das ist ja biologisch genauso sinnvoll wie ein Grottenolm mit Locken. In erotischer Hinsicht ein absoluter Tiefschlag, der auch durch Archers exzessiv zur Schau getragene Brusthaare nicht hinreichend kompensiert wird.

Mächtig auf die Ketten geht mir der totale kreative Overkill der Autorencrew. Eine Staffel im 22. Jahrhundert und wir mussten bereits 2 Holodecks und drei Rassen des 24. Jahrhunderts erdulden, sowie sieben Pappplaneten, die ich schon aus VOY kannte. Man ist ja schließlich nach 600 Episoden kein Greenhorn mehr im All. Und wenn ein Scheiß-DS9-Drehbuch und eine Scheiß-TNG-Kulisse gemeinsam zwangsrecycled werden, weiß ich als mündiger Zuschauer doch, wo der Barthel den Most holt.

So bekloppt kann doch niemand sein, dass er seine Griffel nicht einmal eine einzige Staffel lang vom alten Dreck der 90er fernhalten kann! Allein TOS bietet soviele gute Ideen an die man anknüpfen könnte (grüne notgeile Aliendamen, Julius Cäsar als Hausmeister auf Rigel III, Indianerzelte mitten Weltraum), dass der Rückgriff auf Neelix‘ alte Töppe bestenfalls peinlich wirkt.

Erfreulich wenig – nämlich genau einmal – wurde hingegen bisher vom Transporter Gebrauch gemacht. Zwischenzeitlich waren ja auch sämtliche lustigen Geschichten rund um Transporterunfälle à la „Die Fliege“ ausgelutscht.

Nur den Kopf zwischen den Beinen und den Penis auf dem Hals hätte ich gerne noch gesehen. Vielleicht bei Major Kira. Aber bei dem Ideenreichtum der Autoren wird man auch bei Enterprise auf den Transporter schon in Bälde nicht mehr verzichten können. Bisher hat Star Trek noch jede nagelneue Erfindung binnen weniger Jahre mit handelsüblichen Bordmitteln (Pflaster, Pudding, Hammer, Trikobaltrelaisplasmaphalanxdepolarisator) zur Serienreife geführt. Erwähnte ich bereits den Universalübersetzer?

Unerträglich daher, dass man zwar 20 Fantastialliarden Dollar für nagelneue Kulissen aus purem Platin ausgibt, aber die Zuschauer alle drei Folgen mit Drehbüchern beleidigt, die es nicht durch die Voyager-Qualitätskontrolle geschafft haben. Wen sollten denn Stories wie Terra Nova, Die Saat, Familienbande, Schlafende Hunde und Oasis bitteschön ansprechen?

Gut gefallen hat mir hingegen bisher Captain Archer. Da gibt es aber auch gar nichts zu meckern! Nein, auf den Mann lasse ich nichts kommen. Gut, seine blöde Töle würden Hoshi und ich sicher lieber zwischen zwei Brötchenhälften sehen. Aber ansonsten ist Archer genau mein Typ. Also vom Charakter her. Ein bißchen Kirk, ein bißchen Riker und kein bißchen Sisko oder Janeway. Bisher keine bekloppten Visionen oder pseudophilosophisches Geschwafel und keine Notwehr-Massaker an außerirdischen Kleinkindern. Da hat Vati auch Verständnis, wenn sich Mutti den Sessel etwas näher an den Fernseher rückt. So einen Body bekommt man am Warmbadetag im heimischen Hallenbad ja selten zu Gesicht. Wenn er demnächst noch Preisboxen oder Schwanzvergleich mit einem Aliencaptain macht, weiß ich schon, wer in 30 Jahren mit Perücke auf Conventions Scheiße erzählt.

Überhaupt hätte die Serie durchaus das Potential, sich kongenial von dem Billigmüll der letzten Jahre abzusetzen. Warum nicht dort anknüpfen, wo „Ally McBeal“ und „Friends“ aufgehört haben? Prominente Superstars als Gastkünstler!

Leonardo DiCaprio als Küchenjunge, Bruce Willis schraubt beiläufig am Warpkern ‚rum, Robin & Robby Williams als außerirdische zweieiige Zwillinge, George Clooney als heißblütiger Vulkanier, Robert de Niro als Lieutenant mit emotionalen Problemen (tritt mit Sonnenbrille, Ledermantel und Kinnbart aus einem Turbolift heraus, hinter ihm ein blutiger Haufen, den man nur noch an den Rangabzeichen als Fähnrich erkennt: „Frag mich nie wieder nach der Uhrzeit, Du dreckige Schwuchtel…“)

Und diese herrliche Schrottechnik! Keine Kraftfelder die notfalls die explodierte Untersassensektion ersetzen oder Warpplasmainjektionen, die durch den Hauptdeflektor geleitet werden, um wahlweise die Küche zu heizen oder eine feindliche Flotte zu vernichten. Apropos Küche. Würde ich gern mal sehen. Hat mir in „Star Trek 6“ so viel Spaß bereitet. Mehr Klos, mehr Küchen, mehr Duschen!

Wo bleiben denn die versprochenen revolutionären Neuerungen? Warum ist Star Trek immer so schrecklich konservativ? Mann, das ist eine Serie des 21. Jahrhunderts. Da wird es ja wohl ‚mal erlaubt sein, dass die Leute wie in „Pulp Fiction“ reden und sich nicht ständig benehmen, wie katholische Pfarrerstöchter. Daran, dass es eine amerikanische Serie ist, kann es ja wohl allein nicht liegen. Bei „Sex and the city“ (gleiche Zielgruppe, gleiche Uhrzeit) setzen sich Frauen auch nackt auf’s Klo und pinkeln vor einem Millionenpublikum. Da kann „Enterprise“ doch noch einen draufsetzen!

Nur Mut!


Weitersagen!

Artikel

von Hoffmann am 28.05.02 in Star Trek - Enterprise

Stichworte

, ,

Ähnliche Artikel


Kommentare (2)

  1. G.G. Hoffmann sagt:

    Großartiges Review! Hatte ganz vergessen, wie kreativ und weitsichtig ich einmal war.

    • Raketenwurm sagt:

      Stimmt, Du hast Gastauftritte und eine Küche gefordert, und in der allerletzten ENT-Folge haben wir tatsächlich beides bekommen. SUPER !

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Brandneues
Gemischtes
Newsletter
Arschiv
Zum Archiv unserer gesammelten (Mach-)Werke.
Büchers
Jenseits der Goetter

Jenseits der Macht