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Ex-stream-e Flatrates – oder: Alte Filme immer und überall

NEIN, ich werde nicht von der Firma Amazon (oder Watchever) bezahlt, ganz im Gegenteil! DIE müssten eigentlich inzwischen Werbung für MICH machen („Heute im Angebot: 3 Verrisse zum Preis der eigenen Selbstachtung!“). Dennoch will ich an dieser Stelle einfach mal glücklich über die neuen Stream-Angebote reden, die es endlich möglich machen, in der Bahn auf dem Smartphone „Independence Day“ in 800×600 zu sehen, wenn man zwischen den Funkmasten ein paar Minuten Geduld mitbringt. Doch Spaß beiseite: Ist dieses Streamen inzwischen etwa doch ganz dolle toll?

Amazon bietet also für 30 Euro (für clevere Prime-Neukunden wie mich) bzw. 50 Euro im Jahr Zugang zur Serien- und Filmbibliothek? Klasse! Da werden sich meine Englischskills auf Dauer wohl wieder verschlechtern, wenn mein Cousin aus den USA (Bernd Torend) mir nicht mehr wöchentlich seine VHS-Kassetten mit den neuesten Filmen aus dem US-Fernsehen schicken muss (Weltpremiere oft erst 2 Wochen nach Eingang der VHS – keine Ahnung, wie der Bernd das manchmal macht).

Endlich: 10 Jahre seit der technischen Möglichmachung und 2 Millionen Jahre nach der Erfindung der HD-fähigen Rezeptoren im menschlichen Auge gibt es auch vom obersten Mediendealer und E/U-Marktführer (=Entertainen & Unterdrücken) endlich ein Angebot, das Netz- und Vorhaut erwartungsfroh blinzeln lässt!

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„Schatz, der Fernseher ist immer noch kaputt!“ – „Kein Problem, Mausibausi! Ich kaufe einfach NOCH ein Filmposter für die Wände und schon ist der Abend gerettet.“ – „Ach, Du bist sooo klug, seitdem Du für diese Werbeagentur ‚Zum Goldenen Lackaff‘ arbeitest!“ – Bildersturm: Die Werbung stellt vor allem die Vielfalt der „On Demand“-Angebote heraus. Die ja auch unbestreitbar da ist, wenn man denn französische Kunstfilme mit einem an Elephantitis leidenden Elefanten dazu zählt.

Die bisherigen Streamingangebote der letzten 10 Jahre waren ja eher Makulator als „Da guck ich nur!“. In sträflicher Unterschätzung des Volkswillens, welcher natürlich Flatrateangebote vorzieht, wollte man uns z.B. im Playstation-3-Shop schon mal Filmchen für Europreise „verleihen“, für die theoretisch der Kauf einer professionellen Popkornmaschine in Frage kam. – Und auch Telekom, Alice und Co. konnten so viele “Mann-Frau-Hund-lachen-vor Fernseher-in-90-Quadratmeter-Wohnzimmer“-Anzeigen schalten, so viel sie wollten: Das „Jederzeit“-Fernsehen hatte den Ruf der zuckeligen Luxus-Flash-Animation für alle, die zu doof zum Bedienen einer Raubkopiersoftware sind. Von fehlenden Netzwerkfähigkeiten des Fernsehers ganz zu schweigen.

Doch das ist längst vorbei, vorbei! Denn auch der SPIEGEL bestätigte es vor einiger Zeit, was in der Regel ein Indikator dafür ist, dass es längst jeder weiß: Die Deutschen streamen immer mehr Filme und Serien zu immer humaneren Preisen, so dass die Werbespotindustrie in 10-20 Jahren eigentlich Werbespots zum Schalten von Werbespots schalten müsste. (Bei Plakatwerbung und Radiospots schon lange üblich) Denn glaubt man den medienkritischen Meinungsmachermagazinen (was man natürlich nicht sollte), so hat das Fernsehen à la RTL und Pro 7 irgendwann ausgedient. Was natürlich schade wäre, denn niemand würde für ein Premiumformat wie „Bauer sucht Frau“ auf Watchever oder einem fiktiven „Trash-On-Demand“-Internetportal Geld ausgeben.

Wie gesagt: Ich finde das alles gut! „Amazon Instant Video“ ist da ja nur das die Spitze des Fleißbergs seitens der pixelbombardierenden Industrie. Da baue ich mir vor Freude glatt einen Maxdome in die Hose!

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Dieses Geschäftsmodell ist angekratzt: Ein paar Wochen im Jahre 2010 testete ich tatsächlich einen Dienst, bei dem ich DVDs physisch(!) zugeschickt bekam. Was auch gar keine schlechte Idee ist, wenn man die Fehlerkorrektur seines Players unter Urknallbedingungen testen möchte. Ich hatte auch Glück: Die meisten Kratzer reichten nur von Zeitindex 00:00:01 bis 01:30:00, so dass dem Genuss des Abspanns in der Regel nichts entgegen stand.

Und dabei habe ich sogar schon seit Monaten einen Watchever-Account, wo ich mir für 9 Euro pro weiblichen Zyklus den heißesten Scheiß aus dem Jahre 2002 ansehen kann! – Ja, Okay, die Filme bei Watchever, Amazon und den anderen Petabyte-Pappnasen wie „Telekom-versucht-es-auch-immer-wieder“ sind vom Frischegrad eher mit luftgetrockneten Hartwürsten zu vergleichen. ABER wenn ich mir die aktuellen Industrie-Bifis so ansehe („Captain America 7“, „Robocop – Remake der 2014er-Version“), so bin ich teilweise ganz FROH, wenn mich das eingeschränkte Angebot zu dem Konsum von Arthouse-Filmen um einsame Frauen, Männer und Transsexuelle zwingt. Ansonsten hätte ich mir das preisgekrönte Unterschichtendrama „Precious“ wohl niemals angesehen und würde noch heute irrtümlicherweise vermuten, dass der Kult um „Tanz der Teufel“ irgendwie berechtigt ist.

Wem das alles zu teuer ist („Zwei Euro Fuffzich für ‚Amazon Instant Video‘ im Monat?? Bin ich Krösus – oder etwa Nichtraucher?!“), dem sei MEIN ganz persönliches Nutzungs- und Bestellverhalten mal beispielhaft ans Herz und GEZ-Anschreiben gelegt. Vielleicht kennt Ihr das ja auch: Mal drei Tage mit Sackhaarspliss krank zu Hause, mal kurz auf der Suche nach Til-Schweiger-Hassvideos falsch abgebogen und schooon sitzt man wieder vor Amazon und bestellt sich für 50 Tacken die Komplettbox von „Knight Rider“, „Meine kleine Farm“ oder „Boston Legal“. Okay, gerade DIESE Sachen, die man dringend sucht, gibt es natürlich NIE in den Onlinebibliotheken, aber allein das gute Gefühl, dort jederzeit „Breaking Bad“ in HD sehen zu können, hält mich vielleicht schon davon ab, mir für 100 Euro die „Ultimate Spongebob-Collection (mit Badeschwamm)“ zu beschaffen.

Kurz gesagt: Ich mag, nein, ich LIEBE diese neue Richtung, welche das Streaming-Web-TV genommen hat! Da nehme ich sogar in Kauf, dass der Verdienst pro TV-Folge für die eigentlichen Macher im mehrstelligen Nachkomma-Cent-Bereich liegen dürfte. Oder dass Telekom, Maxdome & Co. so viel an Lizenzgebühren zahlen, dass pro Monat wieder 500 Filme rausfliegen müssen, damit 20 neue nachrücken können. – Aber: Dank der knallharten Investitions- und Deflationsbereitschaft von Amazon sowie der Bereitschaft ihrer polnischen Lagerarbeiter, auf einen flächendeckenden Brotaufstrich zu verzichten, wird sich das schon preislich/auswahltechnisch irgendwie so einpendeln, dass jeder (also zu 95% ich) was davon hat.

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Kacheloptik (nicht nur) für Windows-8-User. Ältere Leute gucken hingegen lieber aus ihren 8 Fenstern, um sich unterhalten zu lassen (Erhältliche Genres: Regen, Wind und Falschparker). – Aber jetzt mal Spaß am Freizeitstress beiseite: Natürlich ist es nicht immer einfach, was Passendes zu finden. Aber WENN ich erst mal die 14 deutschen synchronisierten Staffeln einer bislang unbekannten Kultserie gefunden habe, dann lache ICH! MUHAHA! (*Klick… Such… Klick… Such…*)

Klar könnte man jetzt bedauern, dass durchs Flatrate-Streaming nun der Ausverkauf der TV-Landschaft ansteht und wertvolle Einnahmen aus dem DVD/BluRay-Geschäft wegfallen. Von der (fehlenden) Lizensierungskohle von RTL & Co., die JETZT eigentlich auch nicht mehr anfangen müssen, Dexter und Game of Thrones zu zeigen, mal ganz zu schweigen. Die könnten sich eigentlich schon mal ein Special zum 25-jährigen Jubiläum dieser Serien überlegen. Motto: „Finden wir auch toll, haben wir damals auch 4 Folgen regulär gezeigt und den Rest um 23:30 Uhr versendet“. – Gerne auch in einem tollen Bluebox-Format wie „Die 20 schönsten Retro-Serien, die wo die Tochter von Olli Pocher gut finden tutet“.

Aber hey: Ich habe Dank HBO nicht das Gefühl, dass sich teure und aufwendige Produktionen nicht lohnen würden. Und wer auch immer erlaubt hat, dass „Big Bang Theory“ bis Staffel 6 bei einem Streaming-Portal gezeigt wird, hat sein Kalkulationsprogramm garantiert nicht mit zusammengebundener Zwangsjacke bedient haben. Da wird es schon Gründe geben.

Von Serien wie „House Of Cards“, die NUR für bestimmte Internetdienstleister produziert werden, ganz zu schwelg… schweigen. – Das haut also schon alles irgendwie hin. Besser 20 flexible Vertriebsmöglichkeiten, als z.B. im Jahr 1985 die Serie „MacGyver“ im US-Fernsehen rausbringen, die dann meta-zeitnah (= 2008) auf DVD erscheint.

Aber wieder zurück zum Kernthema Onlinebibliotheken. – Zugegeben, Amazon und Clouds sind der Satan und Microsoft macht dooooofe Betriebssysteme (nur mal wieder am Rande bemerkt). Aber über kurz oder lang werden sich wohl immer weniger Leute dicke Boxen in das Regal stellen, die man dann eh nur alle 6,4 Jahre bei einem Komplettdurchlauf von „Ally McBeal“ anfasst. Stets mit dem komischen Gefühl, für diesen altbackenen Scheiß tatsächlich Schrankplatz geopfert zu haben, der mit „Legend of Zelda“-Merchandising viel besser hätte ausgenutzt werden können.

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Scheiß(r)egal: Das hier ist nicht meine Sammlung, aber sie KÖNNTE es sein. Kollege Sparkiller lacht mich sowieso schon seit Jahren aus („Ha! Platzverschwendung!“), weil er inzwischen genau diesen Raum im Regal mit 1-Terabyte-Festplatten zugestellt hat (Natürlich legale Kopien aller ARD-Sonntagskrimis). Dazu kann ICH ja bald nur sagen: „Bei mir wird nur noch gecloud!“

Klar, „Offline-Content“ wird auch weiterhin einen Stellenwert in meinem Herzen haben. Spätestens, wenn ich mir auf einem Quantenbit-Chip von der Größe eines Stecknadelkopfes alle SF-Serien von 1970-2010 in die Nische stelle (Notiz an mich: Dann nicht mehr mit dem Staubsauger auf dem Regal hantieren), dann kann man ja mal wieder zugreifen. Denn was ich physisch habe, das bleibt mir auch. Ist ja nicht so, dass eine 50.000er-Leitung ein Garant dafür wäre, dass man am Samstagabend gegen 21 Uhr mal einen Watchever-Film ohne Verbindungsprobleme sehen könnte.

So weit ist die Technik halt noch nicht, weil so eine zusätzliche Serverbereitstellung miiindestens 2 Tage (über externe Dienstleister) kosten würde, plus einen RAM-Riegel, den es bei Aldi an der Kasse gibt. – Okay, ich untertreibe natürlich, aber in Zeiten, in denen 100 Stunden Videomaterial in jeder YouTube-Minute hochgeladen werden (vieles davon HD), um sogleich ruckelfrei von mir abgerufen zu werden, erwarte ich von Streaming-Diensten eine Betriebssicherheit, die jene von Flugzeugen nur leicht unterschreiten darf.

Aber das sind natürlich Kinderkrankheiten, die mit Merkels Netzausbau und Amazons Weltherrschaft (gerne auch umgekehrt) ausgemeeeerzt werden dürften. Dereinst werden uns unsere Enkel mal fragen, warum Urgroßmutter ganze 7 Free-TV-Tage auf die neue Folge „Jodeln Reloaded“ wartet, statt sich in der WGM (= Webgedächtnis-Mediathek) einfach noch mal die Folge des Vorgängerformates von August 1938 anzusehen. Rückwärts und von einer intelligenten KI in Echtzeit witzig kommentiert.

Und wer überhaupt keinen Bock auf Streamingportale hat, sollte einfach mal rund um die Uhr auf 5 Rechnern und in HD mehrere Mediathekvideos von den Öffentlich-Rechtlichen parallel laufen lassen. ZDF-Dokus, ARD-Nachrichten, WDR-Gaga-Krimis… Schädigt sie und ihre Server, und zwar so richtig!

Was bei 18 Euro im Monat nicht leicht ist, zugegeben…


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Artikel

von Klapowski am 19.03.14 in All-Gemeines

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Kommentare (6)

  1. Exverlobter sagt:

    Bei Serien bevorzuge ich weiterhin DVDs. Da sind die Preise mittlerweile echt akzeptabel (50-100€ für eine komplette Serie, früher hat eine einzige Staffel soviel gekostet) Und es ruckelt nix.
    Bei Filmen sieht die Sache anders aus. Frisst extrem viel Platz, die meisten guckt man eh nie mehr an, und stauben vor sich hin. Filme kaufe ich nur noch wenn ich wirklich heiß auf das Bonusmaterial bin, wie bei der Monsterbox der Herr der Ringe-Trilogie. Und halt die Klassiker die man 2 mal pro Jahr guckt (Star Wars etc.)

  2. Onkel Hutt sagt:

    Ich habe den Kauf von Silberscheiben auch ganz schön zurückgefahren und bei jedem Umzug weiß ich das ich richtig entschieden habe.
    Wenn ich dann doch mal einen Klassiker sehen möchte klicke ich den halt bei meinem Lovefilmabo an. Man weiß zwar nie, wann genau der dann auch bei mir vorbeikommt aber man freut sich umso mehr wenn er dann im Postkasten liegt.
    Probleme mit zerkratzen Scheiben hatte ich in den letzten drei Jahren übrigens nur 1x. Die dummen Kiddies nutzen den Dienst nicht (mehr) sondern streamen nur noch ;)

  3. Exverlobter sagt:

    Streaming ist bequem, aber manchmal ruckelt es schon noch ziemlich stark. Also 100% ist das noch nicht ausgereift. Und ich finde es weiterhin schön manche Sachen die es wert sind physisch zu besitzen, da man bei Online-Filmen nie weiß wann die wieder gelöscht werden.

  4. Speedomon sagt:

    Das geilste ist Amazon Prime in Österreich. Kostet exakt dasselbe wie in D, inklusive Preiserhöhung. Bietet auch fast dasselbe. Okay, Filme on Demand ist nicht, weil, naja, keinen Bock die Rechte für so einen kleinen Markt auszuhandeln. Next day delivery ist auch nicht, weil man ja in jedes Gebirgsdorf fahren müsste. Da gibt’s teilweise nicht mal Straßen hin!
    Was geht ist das Ausleihen von E-Books. What a deal. o_O

    Mir egal, weil ich Amazon eh so gut es geht boykottiere. Wer soll denn bitte sonst deren Weltherrschaftsziele durchkreuzen?

  5. Raketenwurm sagt:

    Erwähnenswert wäre aber natürlich auch noch das kostenlose und trotzdem legale Streaming-Protal myvideo.de.
    Dort findet man die wirklich großen Perlen der Unterhaltungsindustrie. z.B. die Knallerkomödie „Little Herkules“ (unbedingt mal bei Minute 22 reinzappen, um die vorzügliche Synchronarbeit anzuhören), oder der genial animierte Trickfilm „Sauri – der Film“. Sci-Fi-Fans hingegen können sich über 65 utopische Meisterwerke freuen. Das sind teilweise sogar richtig aktuelle Streifen wie „Aliens vs. Avatars“, „Alien vs. Ninja“ oder sogar „Alien Predator War“.
    Da wird Amazon wohl noch 30-50 Euro runtergehen müssen mit dem Preis, um konkurrenzfähig zu sein…

  6. biermaaan sagt:

    Solange sich die Content-Anbieter nichtmal zusammen setzen und endlich einen vernünftigen Streaming-Dienst schaffen, der einen jegdliche(n) Serie(n) / Film(e) für 20€ pm ORDENTLICH streamt, sehe ich einfach schwarz. Dann nochmal das gleiche für 15€ pm für Musik, und die hätten ausgesorgt, garantiert.

    Die kostenlosen Alternativen sind nicht nur einfach kostenlos, sondern auch noch meist bequemer und qualitativ hochwertiger. Wer tritt sich schon freiwillig selber in den Arsch? Ok, es gibt so Idioten wie mich, die lieber die Staffelboxen kaufen, bzw sogar die Mp3’s bei einer legalen Quelle kaufen…. aber auf 1 Volldepp wie mich kommen locker 20 Pirateure… Die wird es zwar auch mit der superflat geben, aber es werden deutlich weniger sein!

    Apropos Art-House Filme, da fällt mir doch das Kino in GTA V ein: http://www.youtube.com/watch?v=gGMleHsr-8I

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