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„Mr. Bean macht Ferien“ – Der erste Verriss ohne Ton

Der Pantomimen-Prostituierte verkauft nach 10 Jahren also doch noch mal das, was andere Menschen in Ermangelung passender Abwertungen „seinen Körper“ nennen müssen. Eigentlich wollte Rowan Atkinson ja nie wieder Mr. Bean spielen, da er lange Zeit einen bestimmten Passus auf seiner Geburtsurkunde verdrängte: „für diese Rolle geboren“. Da er mit seinen Nicht-Bean-Filmen bei seinem Publikum aus nachvollziehbaren Gründen durchfiel („He, der spielt nicht Bean!“), entschied sich Atkinson aber nun doch für das Unvermeidbare und… machte Ferien.

Die Story: Mr. Bean gewinnt eine Frankreichreise für eine Person ohne Dialog. Mit der Zeit verliert der Brite nicht nur seine Koffer, seine Tickets, sein Geld und den richtigen Anschlusszug, sondern auch seine Fähigkeit, mit Nichtigkeiten grandios zu unterhalten. Zu allem Überfluss hat er auch noch einen russischen Knaben an der Knetgummibacke, dessen Vater unser Bean zuvor aus dem Zug extrahiert hat. Es folgt eine Odyssee als Anhalter, Fahrradfahrer, Straßensänger und Filmstatist, bevor sich alles zum viel zu Oberguten wendet…

Um einen Teil des Fazits vorwegzunehmen: Man fragt sich ernsthaft (was bei einem Komödienreview bereits das falsche Wort ist), ob der sonst so einfallsreiche Mister Bean die letzten 10 Jahren in einer Cryokapsel verbracht hat: Der Film bietet quantitativ gerade mal die Gags einer einzigen TV-Folge und das vielleicht sogar von einer der zahlreichen ungedrehten.

Kaum zu glauben, dass da nach einem Jahrzehnt so wenig Kreativität für den grunzenden Mentalschweiger herausgesprungen sein soll! Man denke nur an die 10 Sylvesterabende oder 10 Weihnachtsfeiern, die wir seitdem verpasst haben – Schlimmer ist jedoch, dass viele der vorhandenen Gags Variationen der göttlichen und somit (leider) unsterblichen Klassiker sind: Schon früher musste Bean im Restaurant sein ungeliebtes Essen in Damenhandtaschen schubsen oder kleine Jungs auf Reisen aufheitern. Soweit also nichts Neues für uns Jäger der verlorenen Grimasse… Und als alter Fan muss ich natürlich auch bei der Continuity kleinlich meine Zungenspitze an die Nase tippen (vergleiche „Das Examen“, Folge 1): Als Mr. Bean das erste Mal Urlaub machte, fand er Muscheln sogar in der gammeligen Variante knorke… In diesem Film schüttelt er sich hingegen. Andererseits erinnern sich aber sogar Schneckenhirne an früher erlittene Schmerzen und die hat man noch nicht mal kotzen sehen.

Mr Bean macht Ferien - 1

„Heda! Ich habe keine Zeit dafür! Ich muss doch gleich noch total altbacken-humorig meinen Zug verpassen!“ – Willkommen bei der Halsarmee: In einer der schönsten Filmszenen sehen wir, wie die Hollywood-Maschinerie (rechts im Bild) den Briten 10 Jahren lang durchkaut und auf der anderen Seite wieder ausspuckt.

Die Serie lebte stets davon, dass unser aller Mister ein oder mehrere lächerliche Alltagsproblemchen hatte, die er nach mehreren Anläufen möglichst kreativ und abwegig löste. Vergleiche dazu auch „Bean – Katalysator des Archetypischen“ (Kapitel 3 und 4) und „Mentale Dysfunktionen bei Elektivem Mutismus (Seite 101-109). Dieses Element (Chemisch auf der Elementenliste unter Einsteinium zugeordnet) ist natürlich auch im Film vorhanden, nur halt nicht in der typischen Bean-Dramaturgie des minutenlangen Ausprobierens. Der beliebte Faktor der „parallelen Logikwelt“ und der Abwandlung der Mediumbasierten Wahrnehmungskette war für uns Forscher des subjektiven Realitätsempfindens infantiler Briten ja stets der Hauptgrund des unablässigen TV-Konsums.

Im Film kommt die behütete Gradlinigkeit eines Sketches, die auch durch statische und wiederkehrende Bildmotive – Stichwort: „Nur eine Kamera“ – erschaffen wurde, leider zu kurz. Statt sich Probleme zu schaffen, die dann ausgiebig einem Lösungsprozess des „Trial and Error“ unterworfen werden, (im Sinne der Arbeiten Edward L. Thorndikes) hetzt Bean von einer schlappen Anekdote zur Nächsten. Eine Herangehensweise, die schon im ersten Film nicht nur Freunde unter den Ethologen fand.

„Bröööh-hööhöö! Wiieeehhhr! Chrkronz!“ – Übersetzung: „Selbst meine netteren Scherze, wie hier das Überholen der Profiradsportler, werden durch die ellenlangen Einleitungen und Vorwegnahmen zu Tode gedopt.“ – Nicht ohne meinen (Sc)helm: Atkinson strampelt sich, wenn auch nicht „ab“. Abgehen, abhauen und abweinen besorgen diesmal schließlich schon die Zuschauer.

Da guter „Beanismus“ eine Wissenschaft für sich ist, ist es besonders schade, dass hier Fehler begangen wurden, die nicht passieren sollten. Schließlich geht der Produzent im Eigeninteresse wohl davon aus, dass der Film für die Zielgruppe des „Kinokarten-ohne-fremde-Hilfe-Käufers“ wie geschaffen ist. Auch wenn vieles darauf hindeutet, dass hier der Spaß doch ein wenig auf die Demenzkranken unter den Bean-Fans abzielt: Dass Atkinson z.B. gleich seine Krawatte in den Fahrkartenautomaten schieben wird, dürfte jedem Zuschauer klar sein, der Charlie Chaplin nicht nur aus Science Fiction-Romanen des Mittelalters kennt.

Klar, die Hampeleien und Gesichtsmuskelzusammenrottungen sind noch immer schön anzusehen, aber irgendwie hat man nun doch das Gefühl, jede Zuckung auswendig mit Vornamen und prozentualer Witzigkeitsabnahme zu kennen. Sicherlich kann Rowan im Stechschritt laufen und dabei seine Beine bis auf Kopfhöhe hochziehen, ohne dabei umzufallen. – Diesen Verdienst wider der Physik will ich nach einem sch(m)erzhaften Eigenversuch in meinen vier Wänden nicht im Geringsten schmälern! Aber ist DAS die Kreativität, mit der wir uns nach Jahren des Wartens zufrieden geben? Nein, nicht die englische Bohne, meine Herrschaften!

Dabei waren die Vorsätze durchaus nobel und die Grundidee einleuchtend verwirrend: Dadurch, dass Bean kreuz und quer durch Frankreich verblödelt (analog zu „ver-irren“ oder „ver-laufen“), hat man fast wieder eine Episodenstruktur an der Hand. Auch die sparsame Einsetzung des sogenannten „Oralen Flattersyndroms“, das bei 99,999% aller heutigen Filme akustische Verwendung findet, weist auf alte Qualitäten hin. FAST. Denn da kann die inselaffige Gesichtsbaracke noch so retromäßig vor sich hinwiehern: Das Tempo und die Gagdichte sind nicht mal ausreichend, um Teddy ein bestätigendes Kopf(abk)nicken abzuringen. Schon deshalb, weil Beans Kuscheltier auch in diesem Film keine Rolle spielt. Genau so wenig wie die anderen Markenzeichen, die in der Vergangenheit zu unserem Irren gehörten wie die Logopädie-Monatskarte: Die hässliche Freundin fehlt, die völlig lethargischen Gastdarsteller sowie die Tatsache, dass Mr. Bean eher zu den „Vorsorgern“ gehört und nicht selten abstruse Dinge aus den Taschen zieht, welche tatsächlich nützlich sind.

„Entschuldigung, der Herr. Sind sie vielleicht Billi G. Kalauer?“ – „Nö. Ich heiße Asbach Sch. Erz!“ – Trägt sogar schon Schimmelkappe: Manche Szenen sind so abgedroschen, das sie schon fast wieder Mut sind. Die Zeit von Männern in Frauenklamotten ist aber definitiv vorbei. Die frühe Nachmittagstalkshow lief heute schließlich schon.

Wenn ich ganz ehrlich zu mir selber bin, so hat sich diese Art von Humor wohl einfach ausgealbert. Man wird einfach älter, reifer und stellt mit Bedauern fest, dass sich die wenigsten Zahnärzte ungestraft mit Betäubungsspritzen ins Bein stechen lassen und dann ulkig umfallen. – Vom einstig so erhebenden „Bean me up“-Gefühl ist mental bei mir leider nichts mehr zu spüren… Was einst frisch und neu war ist durch ständige Wiederholung auch nur eine (Lauf)Masche unter vielen geworden, wenn auch eine, für die Bully Herbig & Co. lange stricken müssten. Bean ist nämlich noch immer ein positiver Anachronismus unter heutigen Comediens. Diese haben ja meist nicht viel mehr drauf als 1,5 Kunstfiguren, von denen mindestens 2 total seltsam sprechen und eine exakt ihrem wirklichen Charakter entspricht. Pastewka und Nontschew dürften die letzten sein, die mit gewissem Körpereinsatz und Timing daherkommen…

Wenn Atkinson durch Frankreich stolpert, sich in einem Lokushäuschen einsperrt oder an einem Filmset den Strom wegzapft, ist das eine Art von harmlosen Humor, an den man sich nach der ewigen Pimmelei und Gags über den Titti-Kacka-See (Gröhl) auch als ehemaliger Fan wieder gewöhnen muss. Dabei wäre dies sicherlich schneller gegangen, wenn man das Tempo etwas erhöht und die ehemals vorhandene Kreativität nicht nur zum Auffüllen des Kinotrailers benutzt hätte.

Die Geschichte um eine schöne Frau, die angebliche Entführung eines Jungen und die Filmfestspiele in Cannes, verliert in den letzten Minuten nämlich leider völlig den anarchistischen Drive. Kurz vor dem Abspann mutiert das Ganze sogar derart zu einer Heile-Welt-Tanz-mit-mir-Strandparade mit allen Hauptdarstellern, dass man Mr. Bean glatt für den hässlichen Analzwilling von Walt Disney halten möchte. Immerhin bleibt uns dann doch die angedeutete Liebesgeschichte mit der französischen Schauspielerin erspart, die durchaus lüstern zum Chefchaoten herüberblinst. Eine Vertiefung dieses Elements wäre natürlich ohne Frage auf Kindesmissbrauch von Volljährigen hinausgelaufen. Da kann man direkt froh sein, dass das ursprüngliche Konzept des Filmes, nämlich eine Geschichte um „Mr. und Misses Bean“, wieder fallengelassen wurde, nachdem Rowan Atkinson glaubwürdig versichern konnte, dass seine Figur ihren Schniepel nur zur nächtlichen Matratzenbefeuchtung benötigt.

„Und nun singe ich das schöne deutsche Lied: ‚Warum ist es am Bein so schön’!“ – „Uni-form“, zu Deutsch „Einheitliches Aussehen“, ist einer der Hauptanliegen des Films. Und natürlich das Liegen an sich: Die meisten Witze sind nämlich einheitlich langweilig und wurden daher bereits in der ersten Drehpause mit Nachdruck an der Garderobe abgegeben.

Wer an dieser Stelle immer noch nicht eingeschlafen ist, sollte sich jetzt entweder Streichhölzer in die Augen klemmen (= „Hammergag“ im letzten Teil des Films), oder sich durch die abschließende Aufzählung weiterer Rohrkrepier- und Gag-Euthanisierungen in das Land der Retro-Träume versetzen lassen. Denn gerade der letzte Teil des Filmes – SPOILER – bietet noch mal alles auf und ab, was mittelmäßige Komödien so in das kuschelige Zentrum der Bewertungsskala rutschen lässt. Alle Klassiker sind wieder da:

– Chaos auf einer öffentlichen Veranstaltung, um den Zuschauer vorab die „Das kann ja was werden“-Bonusneugier aus den Rippen zu leiern (siehe die Enden der „Nackte Kanone“-Filme)

– Dazu absolute Knaller wie „Männer, die sich als Frau verkleiden und auf Stöckelschuhen zu laufen versuchen“ (Rudi Carell würde im Grabe rotieren. Vor Freude. Aber aufgrund des Wickelkleides wohl eher langsam)

– Bean tauscht den gezeigten Kinofilm aus und verbarrikadiert sich im Vorführraum. Folgende Witze aus der klassischen „Verbarrikadier-Satire“ dürfen dabei natürlich nicht fehlen: a) Eine unverstellte zweite Tür wird übersehen und b) der Barrikade werden nutzlose Objekte hinzugefügt (hier: leerer Plastikbecher).

Wie an diesen Beispielen unschwer zu erkennen ist, muss man hier nicht 4 Semester „Fun-Freitag“ studiert haben, um 80% aller Gags bereits am üblen Geruch zu erkennen. Da gefiel mir sogar der erste Film besser, in dem sich Bean am Ende wenigstens ein gestohlenes Gemälde übers Bett pinnen durfte. Einziger Lichtblick: In Cannes läuft der wohl langweiligste Film der Welt, der in seiner intellektuellen Verschrobenheit immerhin als Kunstfilm-Parodie in dieser Serienkomödien-Hommage funktioniert. Schön auch, dass der große Bean-Fan Willem Dafoe mitspielen mochte.

„Juchuu! Ich bin endlich GRAAAAH!“ – Stillpause beendet: Der große Schweiger ist nun wieder am Busen der Natur, die ihm anlässlich seiner Zeugung einst so übel mitgespielt hat. Dank der Wellen kann man immerhin auf eine verspätete „Abtreibung“ hoffen. Das Ende des Filmes bringt dem Zuschauer genau das, auf das er die ganze Zeit gewartet hat: Endlich in Ruhe pinkeln gehen zu können, ohne die Angst, den einzigen Hammergag zu verpassen.

Fazit: Schade drum… Der lebensuntüchtige Sohn von Phillip Zappel lässt zu viele Sekunden und Minuten zwischen den Gags verstreichen, um statt dessen im geldschneiderischen Amoklauf ganz viele Grimassen ganz schrecklich zu schneiden. Da man alle dummen Gesichter von Atkinson inzwischen problemlos an 10 Horrorspiegelkabinetten abzählen kann und die Scherze genau so nachgetönt wie Rowans Haupthaar daherkommen, gibt es selbst für Freunde der Serie keinen Grund, sich diesen Spät-Blattschuss anzutun. Die 8 Euro fürs Kino sollten sich lieber zu 7 weiteren Freunden gesellen, die dann gemeinsam die Anschaffung der kompletten DVD-Box erwägen…


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Artikel

von Klapowski am 18.04.07 in Film-Review

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Kommentare (3)

  1. Otto Normalzuleser sagt:

    Das war hart… Ich sehe vor mir, wie Rowan Atkinson seine Humorerzeugende Gesichtslandschaft vor Entäuschung verzieht… Gruuawaah…..

    Und außerdem: ERSTER!

  2. Cronos sagt:

    Der Fortsetzungswahn hat kein Ende. Es ist also nicht die letzte aufgewärmte Blödelei die wir erdulden müssen.

    :)

    Ach ja: ACHTER! … äh, nee… *an-den-Fingern-nachzähl-grübel*

  3. bergh sagt:

    tach auch !

    Tja, dann werde ich wohl nicht ins Kino gehen….

    Gruss BergH

    @Klapowski
    Wie lange mußt Du solche Worte recherchieren ?
    Oder kennst Du die etwa auswendig :eek:

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