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Das Böse in Serie – oder: Antihelden im TV

Liebe Zukunftia-Fans, lasst uns kurz über das BÖSE reden. Nein, nicht über den Typen, der die Ortographie auch für Internet-Kommentarfelder erfunden hat, sondern über zwielichtige Gestalten in modernen Serien. Ist Euch schon mal aufgefallen, dass Menschen mit Liebe zum Strafgesetzbuch keine Chance mehr in „anspruchsvoller“ TV-Unterhaltung haben? Wer will, kann seine Mattscheibe ausschließlich von fragwürdigen Gestalten bevölkern lassen, ihnen sozusagen ein „Homeland“ (harhar) bieten. Zeit, das kurz mal auseinander zu dröseln…

Rekapitulieren wir mal kurz – und unvollständig:

In „Dexter“ ist seit 7 Staffeln ein mordender Serienkiller, der erst dann Gefühle – z.B. für seinen Sohn – entwickelte, als die Macher der Serie diese dringend für neuen Geschichten brauchten.

In „Sopranos“ dürfen wir den Leuten von der Mafia über die grobschlächtigen Schultern sehen. Hier wird auf der ganzen Skala von „Grundlos“ bis „Seeehr verständlich“ umgelegt, und das ohne viel Moral-Blabla.

In „Sons Of Anarchy“, ebenfalls eine HBO-Serie, handelt eine Motorradgang mit Waffen und anderem Scheiß. Natürlich müssen auch hier Menschen dran glauben; schließlich hört der gemeine Rocker nicht mit dem Tier auf, das irgendwann mal für seine Jacke sterben musste.

In „Breaking Bad“ entwickelt sich der Highschool-Lehrer Walter White zu einem mit Drogen dealenden, Leute umlegenden Psychopathen. Dass er dabei die Aufmerksamkeit von anderen Drogendealern und Leuteumlegern auf sich zieht, kümmert ihn maximal so… mittel.

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„Ah, das ist also dieser Moral-Neutralisierer, von dem sie gesprochen haben?“ – „Jau. Damit wird der ‚Ab 16‘- und ‚Ab 18‘-Stempel in der DVD-Fabrik aktiviert.“ – Runterged-engelt: Gehetzt von Polizei, ehemaligen Partnern und dem Filialleiter der SCHNIEFER-Filiale (ehemals SCHLECKER) muss Walter White immer weiter aufrüsten. Das Nasenpflaster kommt beispielsweise aus der Raketenforschung…

In „Broadwalk Empire“ ist Steve Buscemi der nicht gerade zimperliche Alkoholschmuggler in Zeiten der Prohibition. Das erinnert leicht an „Sopranos“, nicht nur durch die Farbe der austretenden Körperflüssigkeiten (rot)…

Selbst in der leicht perversen Arztserie „Nip/Tuck“ mussten die beiden Schönheitschirurgen schon zu Beginn eine Leiche verschwinden lassen. Man spricht hier in Fachkreisen auch vom „Ab(sch)nippeln“.

Auch in „Game Of Thrones“ hat fast jede Figur früher oder später Dreck am Stecken, bzw. Blut am Schwert. Okay, manche Figuren sind viel netter als andere, aber selbst die werden ihr Steak wohl eher „rot“ bis „flüssig“ essen.

Die Liste ließe sich vermutlich noch ewig fortsetzen; wir sehen aber schon jetzt: Böse Figuren ziehen den Zuschauer an, auch wenn sich die Serien große Mühe geben, diese in ganzen Bleistift-Wagenladungen an Graustufen abzubilden. Ja, natürlich sind die oben aufgeführten Leutchen mit ihrem Tötungs- oder Verstümmelungsdrang (= letzteres nur selten, und dann nur für besonders „verdiente“ Mitmenschen) oftmals auch nur Opfer von Um- oder niedrigen Kontoständen… Wobei dieser Zwiespalt das gaze erst interessant macht. Aaaber zur Vereinfachung dieses Artikels würde ich sie dennoch „böse“ nennen wollen. Oder „Moralisch alternativ ausgerichtet“ vielleicht noch…

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Einer der derzeit besten Bösewichte, die man LIEBT zu hassen, ist King Joffrey (der Typ links, kann man leicht verwechseln). Obwohl man sein Alter locker an den Haaren seines Milchbarts abzählen kann, verkörpert er den puren Sadismus und Machttrieb besser als zehn Star-Trek-Kinobösewichte zusammen. Die würde er schon köpfen, bevor sie ihre weit hergeholten Rachephantasien überhaupt erst von ihrem Ghostwriter abgeholt hätten!

Zumindest im Vergleich zu den Helden der 80er- und 90er-Jahre käme man nicht umhin, als konservativer Zuschauer von damals schreiend wegzulaufen, wenn Walter White mal gerade wieder Leute vergiftet und Mafiosi in „Sopranos“ betagte Omis ersticken. Früher gab es Helden wie MacGyver, der zwar hübsch schlau war, mit seiner pazifistischen Einstellung („Nur so viel Sprengstoff in die Kaugummi-Bananenschalen-Bombe, dass die Bösen abgelenkt sind!“) allerdings nirgends aneckte. Und das war unrealistisch. Denn wer es gleich staffelweise mit Wildhütern, Schatzdieben und Schmetterlingsflügel-Ausreißern zu tun hat, MUSS eigentlich irgendwann zum Berserker werden. Schon alleine deshalb, da man nicht jede Woche in Lebensgefahr geraten kann, ohne wie ein frustrierter Polizeibeamter mal „versehentlich“ den Kiefer des bereits Überwältigten in die Botanik zu kicken.

Wir Zuschauer wollen an unsere Grenzen gehen, vielleicht sogar einem „Bösen“ Erfolg wünschen, weil dieser immer noch sympathischer als ein NOCH fieserer Gegenspieler ist. Klar, das kann auch mächtig in die Hose gehen, wenn es kalkuliert und aufgesetzt wirkt. Man denke nur (bitte nicht) an Captain Archer, der in der dritten ENTERPRISE-Staffel einen Verdächtigten in der Luftschleuse „verhörte“, weil die Serie „24“ gerade ungefähr so erfolgreich war wie Terroristen, die Hochhäuser mit Flugzeugen zerbröseln. Das war schon von der Inszenierung und der Auflösung her peinlich. Es war eben der platte Versuch, in einer Gutmenschenserie Schlechtmenschen einzuführen, ohne die Funfolge in der nächsten Woche (= Doctor Phlox bleibt mit seinem Piephahn im Torpedorohr hängen) zu sehr aus den Augen zu verlieren.

Aber zurück zu den GUTEN Beispielen der „böswilligen“ TV-Helden: Dexter, Hannibal (gerade als Serie gestartet) und Co… – Diese Menschen(schinder) sind natürlich nur auf dem ersten Blick fies, da es die Drehbuchautoren mit manipulativen Mitteln verstehen, den Zuschauer für sich zu gewinnen: „Wie?! Der bringt auch Kinderschänder um? Wo ist die Emmynominierung? Ich möchte ein Kind mit diesem Mann… äh… retten!“

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„Hey, Weißkopfadler! Fängst DU mir die Sonne weg, dann fängst du dir eine! Außerdem hast du vor 2 Jahren mal meine Tochter angesehen… und dabei irgendwie schwul gewirkt. Du weißt ja, was wir mit Schwulen machen, oder?“ – Sch(m)erzbold: Meist sind dies nur hohle Platzhirsch-Sprüche vom Familienvater Tony Soprano, aber wenn der örtliche Meteorologe gut bestochen wurde, gibt es ein Ohrfeigengewitter mit anschließender Flut für die Geldwäsche, hohooo!

Oder wir fiebern einfach aus Gewöhnung mit gewissen Individuen mit, weil wir ihnen medial schon ein paar Folgen hinterher gelatscht sind und wir (und unser Moralsystem) einfach zu faul sind, die fragwürdigen Szenen empört aus der DVD heraus zu ritzen. So eine Art „Stockholm-Syndrom“, nur dass es hier eine mediale Gefangenschaft ist, keine reale Geiselnahme.

Der Trick ist easy und fast von jedem zu vollführen: Die Autoren müssen nur SEHR realistisch bleiben und die Dreck-am-Stecken-Träger in ihrem Alltag zeigen. Selbst unter Aufbietung sämtlicher Mordlust wird ein Killer nur einen winzigen Bruchteil seiner Zeit mit Wohnraumschaffung verbringen können. Und natürlich ist auch ein Mörder ein guter Vater („Dexter“), wenn er sich schon mal an die „Haltung“ eines Kindes gewöhnt hat. Und warum sollte ein Neonazi am Wochenende nicht einen Türken vom Hochhaus werfen und seinem kurdischen Kumpel einen Tag später, 3 Etagen tiefer, nicht beim Umziehen helfen (= Keine Serie, private Phantasie ©)? Das alles ist möglich und auch realistischer als die Vorstellung, dass ein Mörder, Vergewaltiger oder Psychopath nie einer Oma den Sitzplatz im Bus anbietet.

Und das ist es, was diese Serien so erfolgreich macht. 92% Normaler Alltag, 7% Mord&Totschlag und 1% moralische Begründungen. Die selbe Mischung, die Sparkiller und mich schon so erfolgreich gemacht hat, als wir nachts in Bielefeld noch Voyager-Fans „klatschten“. Und wenn mal wenig Fieses geschieht, so liegt das nächste Elend zumindest schon wieder in der Luft, oder aber man freut sich, dass der Böse einem Unwissenden gegenüber behauptete, Gestern geangelt zu haben. Obwohl er in Wirklichkeit jemanden im Klo runter gespült hat. So erzeugt man Kontraste (Lüge/Wirklichkeit) fast wie von selbst, lädt jede Situation mit Täuschung, Versteckspiel und Metaebenen auf. Und auch zwei Dutzend solcherlei Serien können den Hunger danach (noch) nicht stillen, haben wir doch bis heute trotzdem immer noch 1.000x mehr vom Gegenteil gesehen, von A wie „A-Team“ bis Z wie… äh… „Zen-Mönch-Dokumentation“.

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„Ja, weiter links! Und jetzt im Kreis! Gleeeichmäßige Bewegungen! Ja, dir werde ich das Zähneputzen schon noch beibringen, Freundchen!“ – Achtung, Geheimtipp: Die Gefängnisserie „Oz“ kam Ende der 90er bei dem „Böse Leute“-US-Sender HBO heraus und schaffte 6 Staffeln. Wer sich am Bildformat 4:3, Kontrastverhältnis (der DVDs) von gefühlten 4:1 und an einem ebensolchen Anteil an schwarzen Gewalttätern nicht stört, sollte seinen Penis ruhig mal reinhalt… reinschauen.

Nun sagte Kollege Sparkiller mir immer wieder mal, dass er mindestens EINE sympathische Figur braucht, um eine derartige Serie langfristig gucken zu können. Ich habe lange darüber nachgedacht (30 Sekunden) und bin zu dem klaren Schluss gekommen: „Jein“. Nette Menschen eignen sich einfach nicht mehr für Serien, weiß der Teufel (= Serienidee mit Satan?), wie sich das ganz genau tiefenpsychologisch entwickelt hat. Selbst in „Luther“, der Krimiserie, ist der Cop oft kerniger als die Verbrecher, die er jagt. Und würden wir „Doctor House“ schauen, wenn der Typ statt Stock und Zynismus lediglich Knigge und Respekt mit sich herumtragen würde?

Wir haben doch gesehen, zu was glatte Helden führen können: Niemand mit Verstand wollte den bescheuerten Helden aus Steven Spielbergs doofer Dinoserie sehen. Ja, ich meine diesen Typen, der seine sorgsam abgezählten Durchschnittskinder liebt, gut ausschaut, Muskeln hat und stets mutig das Richtige tut. Zumindest in den ersten beiden Episoden, denn danach habe ich mir lieber die Reklame-Pappfigur vor meinem hiesigen Eisladen angesehen, als eine Star-Trek-Figur ohne schmückendes Schiff zum Ausgleichen der Ödigkeit…

Und wenn ich mal ganz tief in mich gehe, kann ich mich tatsächlich eher mit moralisch entwurzelten Personen identifizieren. Denn trotz wütend geworfener Erdnussflips in Richtung Assad, Kim Jong Un und Dieter Bohlen (leider geschützt durch das Glas des Fernsehers) bin ich fernab der Wohnzimmermoralität doch eher ein fieser Möpp: Ich habe alle mir bekannten Menschen im Geiste schon 10 Mal erwürgt, renne aus Prinzip feige weg, wenn in der Bahn eine schwangere Inderin von 50 Nazis angepöbelt wird, empfinde „Blutsverwandtschaft“ nur als fadenscheinigen Grund, sich um die Gestörten und Nervtötenden des eigenen Clans zu kümmern und ich spende Geld nur gegen Quittung. WENN diese 500% höher ist als das Gespendete, ansonsten würde sich das vor dem Finanzamt gar nicht einzureichen lohnen.

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Was ich von der recht frischen Serie „Hannibal“ halten soll, außer bei Presse-Verköstigungen garantiert den Mund geschlossen, das weiß ich noch nicht. Dieser Typ könnte ein Grenzfall werden: Ich kann ja verstehen, dass Walter Drogen kocht (Geld) und die Leute aus „Game of Thrones“ oftmals für die Ehre antreten (Ehre = Geld), aber ICH persönlich mag mein Menschenfleisch ja nicht selber ritzen. Ich bevorzuge vielmehr freilaufende J.J.Abrams-Fans, die direkt auf dem Biohof geschlachtet wurden.

Von daher liebe ich Tony Soprano, der meine aufbrausende Seite repräsentiert, schätze Walter White, der das lauernde Genie in mir darstellt und vergöttere Dexter, der nach 6 Staffeln schon so ausgelutscht war wie ich erst nach 30! Viva la Demonication! Und die „Tudors“, „The Wire“ und „Game of Thrones“ fange ich sogar jetzt erst so richtig an!

Das einzige Problem könnte aber sein: Selbst dem kreativsten Serienmacher fallen sicher bald keine zwiespältigen Organisationen (Mafia, Gang, Drogendealer…) oder psychiatrische Störungen ein. Da hilft nur eines: Verbrechen in der fernen Zukunft, die es jetzt noch gar nicht gibt. Wenn es erst heißt „Die Robotergang“ oder „Die Planetenzerstörer“ oder „Schutzgeld und Predators“, dann bekommen wir endlich auch wieder gute(?) Science Fiction…


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von Klapowski am 25.04.13 in All-Gemeines

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Kommentare (3)

  1. Erdbeerquarkspeise sagt:

    Anmerkung: Sons of Anarchy ist nicht von HBO, sondern von FX Network (u.a. auch Justified und American Horror Story).

  2. DJ Doena sagt:

    In Dexter soll es um einen Serienkiller gehen? Kann ich mir gar nicht vorstellen, bei dem Vorspann:

    https://www.youtube.com/watch?v=6aJwLb2XmIg#t=14s

  3. DerBeimNamenNennt sagt:

    Ich muss zugeben: Ich habe keine dieser Serien verfolgt.
    Was aber moralisch zweifelhafte, herablassend-kühle Charaktere angeht, muss ich immer an Dr. House denken.
    Vielleicht passt er ja nicht wirklich hier rein, denn er tut ja in der Serie im Grunde was Gutes und die negativen Ausschläge sind selten und zeugen eher von gefühlskälte/egosimus. Jedenfalls scheont mir der Trick bei dieser Serie auch darin zu bestehen, dass die Handlungen der Figur von Nebenfiguren kommentiert werden und deshalb negativer erscheinen als sie allein schon sind.

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