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Doctor Who – 7.07 – „The Bells Of Saint John“ Review

Liebe Kinder… Beim letzten Mal lernten wir, dass wir niiiiemals bei Leuteausbeutern wie bei den Chefs von „kik“ einkaufen dürfen (waren schöne Aliens aus alten Pullovern übrigens) und davor erfuhren wir, dass man seinen Müll immer trennen muss, damit sich unsere Hände nicht in Joghurtbecher verwandeln (plausible Erklärung hierfür steht noch aus). Tja, und diiiesmal zeigt uns die Serie „Doctor Who“, dass man niemals die Gefahren des Internet unterschätzen sollte, da sonst die SEELE eines Menschen direkt durch den WLAN-Anschluss rausgesaugt wird.

Wie? Die 2-Jährigen von der hinteren Bank meinen, das sei doch etwas sehr plump und bildhaft-belehrend? Hey, Danke, nettes Kompliment. Nehmt Euch beim Rausgehen nachher einen schönen Bibelcomic vom Lehrerpult, ja?

Aber im Ernst: Dies ist eine Episode, die eher als lockerer Einstieg nach der Serienpause dienen soll. Wie ein guter(?) Wein, der zwar durch die Gesamtlagerung von 3 Wochen nicht wirklich reif ist, aber immer noch als hervorragend süßer Traubensaft durchgeht. So bietet diese Folge denn auch nicht viel hassenswertes, denn sie zu hassen wäre gleichbedeutend damit, dem Weihnachtsmann den falschen Bart im Supermarkt herunter zu reißen oder kleine Kinder zu essen.

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„Doctor, wissen sie jetzt endlich, von welchem Film ich spreche? Letzter Tipp: Die von oben herunterkommenden Computersymbole sind dort GRÜN.“ – „Hmm… Broken Flowers? Hard Rain? Keine Ahnung, ich selber spiele seit 3 Jahren nur bei der Muppet Show mit und keiner merkt’s!“ – Mit 50.000er Leitung auch bei Großveranstaltungen und Koreakriegen möglich: Erstarrte Menschen, die nur ein Flashvideo auf einem mobilen Apple-Gerät abspielen wollten.

Aber bevor wir uns in die übliche Mischung aus „Haha, ist die Serie gewollt trashig!“ und „Statt das vorhergehende immer zu betonen, schweifen wir lieber scherzhaft ab!“ versenken, möchte ich mal einiges loben, nämlich:
a) dass dies hier wenigstens zu Beginn „nur“ böse Menschen sind, keine Aliens (Hat ja fast schon Däniken-Züge, dass man der Menschheit ohne E.T.s nix Konstruktives/Destruktives zutraut)
b) es hier wunderschöne Wortwitze gibt wie z.B. die TARDIS als „Mobile Phone“ zu bezeichnen (alle außer Moffat, die den naheliegenden Gag seit 2005 schon hätten in der Serie unterbringen können, haben sicherlich sofort Harakiri-Selbstmord begangen)
und c) es mit dem Internet tatsächlich mal ein Thema gibt, das wir alle seeehr gut kennen (= „Tagchen, Herr Torrent!“) und das in der Serie höchstens mal als überhöhte Zukunftsvariante à la William Gibson auftauchte.

Okay, bis zu z) mag ich dann aber doch nicht weiter machen, denn wie immer ist mir der Doctor dann doch zu mächtig. Gegen physikalisches Wissen und schnelle Auffassungsgabe habe ich ja nicht mal etwas, aber wenn der Doc regelmäßig das Drehbuch „gehackt“ hat, um auch die abwegigsten Autorenidee kontern zu können, dann frage ich mich doch, ob das nicht einfach „Schlechtes Schreiben“ ist. Denn genau so werden „Magische Problemlösungen“©, „Vorher nicht eingeführte Charakter-Fähigkeiten“ und „Ständig zufällig auf Menschen in (SF-)Not treffen“ allgemein zusammenfassend bezeichnet. Wo zum Beispiel hat der Doc gelernt, mit einem Netbook den Upload eines Menschen zu stoppen? Schließlich arbeitete er doch bestimmt in der Zukunft bereits mit dem „Human Upload Defender 9.0“ und ist mit der alten Windowsvariante des Programms (2.0, um genau zu sein) gar nicht mehr vertraut?

Tja, all das mag man bemängeln (ICH mag es sogar sehr!), aber im nächsten Moment liebt man ihn wieder, den Mann, der einer K.O.-enen Frau angebissenen Kekse hinstellt und gleichzeitig an den Ahornblättern in ihrem Poesiealbum rumknabbert. SO einen netten Freund hätten wir doch alle gern und sei es nur, um uns seinen Behindertenausweis zu leihen und dann kostenreduziert Bahn zu fahren. Der „Who“, der ist schon „Wer“ und nach jeder Staffelpause erinnere ich mich wieder daran, dass ich Matt Smith auch dann noch gucken würde, wenn er sich nur zu Orchestermusik umzieht, ans Telefon geht oder Frauen an der Haustür erschreckt. – Was hier alles auch geschieht; viel mehr passiert in den ersten 20 Minuten nicht…

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„Oooh, doof. Jetzt wollte ich euch mal etwas Außergewöhnliches demonstrieren, aber mein Screwdriver leuchtet gar nicht in ROT. Schade, seid ihr enttäuscht?“ – Alles nur ein(e) Vor-Wand: Ja, der Doctor düst hier gerade eine Hochhauswand entlang. Was ich aber für viel philosophischer halte: Fällt der Doktor RUNTER oder in das Zimmer, wenn er ein offenes Fenster erwischt? Und müsste er im Krankenhaus dann auch an der WAND liegen, falls keiner sein Schwerkraft-Device ausgeschaltet bekommt? Mann, ist die Serie deep!

Eigentlich ist dies hier ja auch nur eine weitere „Companion-Kennenlernfolge“ und somit vom Timing, dem Pacing und dem Impact (gab zu X-Mas ein neues Englischbuch für Klapo, jahaa) der ersten „Amy“-Episode gaaar nicht mal so unähnlich. Ja, die Story ist nur Who-Durchschnitt, doch die süßen Kennenlernenszenen mit dem hübschen Licht und dem „CD haben will“-würdigen Soundtrack machen selbst aus bärbeißigen Kritikern wieder schnurrende Kätzchen. – Die beim Schnurren natürlich den TARDIS-Sound imitieren, logisch.

Spaß machte vor allem des Doctors flottes Teleportieren in das abstürzende Flugzeug (zeit- und ortsungebunden sein wird einfach NIE langweilig), die böse Chefin, die per Touchscreen-Schieberegler einfach den „IQ“ ihrer Mitarbeiter höher schiebt (warum nicht? In Bielefeld-Baumheide wird einem der IQ sogar mit dem Baseballschläger RUNTER gepegelt, aua…) und die komischen Metallmenschen, deren Hinterköpfe einer Satellitenschüssel ähneln. Wobei ich das schon für etwas „too much“ halte, wenn in meiner Wohnung erst Leute mit halben Kopp erscheinen müssen, bevor ich ins Netz gebeamt werde. Etwas auffällig im Internetcafè, der Unibibliothek oder im Bus? – Aber die richtigen Menschen waren hier zum Glück präsenter, ja, die Szene, in der die Cafèangestellten „gehackt“ werden und der Bösewicht über sie spricht, war sogar einfach gut. Auf eine einfache Art.

Nachdenken sollte man natürlich über keinen Aspekt der Folge näher, genau so wenig wie seit 7 Jahren darüber, WARUM man diesen Unfug eigentlich knorke findet (als Kind vom Wickeltisch gefallen?). Alleine, wie desinteressiert die gerade erwachenden Jetpiloten dem Doctor hinterher sehen, der gerade den Absturz verhindert hat. Eigentlich sind alle anderen Figuren nur das Schaufensterglas, durch das der Doctor – als „Produkt“ – gut aussehen soll. Was auch rüberkommt, als der Doc mit seiner auftauchenden TARDIS in der Fußgängerzone die Leute als vermeintlicher Straßenkünstler beeindruckt. Der Charakter selbst mag nur ein mittelgroßer Egomane sein, aber wie seine Autoren morgens noch eine Hose über ihren Penis ziehen können, ist mir ein Rätsel…

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„Hey, ist das frauenfeindlich, wenn ich an dieser Stelle sage: Schönes Gestell?“ – Trap on the Trepp: DAS sind ja mal durchsichtige Klamotten! Das wäre fast drei „Du Luder!“-Lästerartikel in der neuen „InTouch“ wert. Trotzdem lässt sich der Doctor von derlei Ungewöhnlichkeiten nicht aus dem Konzept bringen. Schließlich wird dieses ja von den Serienmachern seit 2005 in einer Glasvitrine angebetet und in fast jeder Episode sklavisch befolgt („Roboter drin? Kleine Mädchen?“)…

Die „Neue“ ist nett, mehr nicht. Niedliches Frauchen mit Hupen, Mundwerk und latenten Modellfähigkeiten, eben genau die Kragenweite von Moffat… äh, Moffats Castingberater und deren Castingberatercoaches. Für mich war die Kleine nicht so einprägsam sexy wie Amy bei ihrem Start, aber hey: Erstens WAR es ja gar nicht ihr Start, da sie ja schon vorher auftauchte (und dann tot war) und zweitens sollte man nicht so pubertär, schnell und oberflächlich über einen neuen Charakter urteilen. Zumindest nicht vor der ersten Bikiniszene.

Ob es sich bei der „Untoten“ nun um einen Wahrscheinlichkeitsschluckauf des Universums handelt, um zeitversetzte Klone oder um einen Jahrhunderte währenden Trend in der Gesichtschirurgie, das interessiert mich gar nicht mal. Dafür hat Moffat das Universum schon zu oft rebooten lassen oder ihm einen Mittelscheitel verpasst. Und das ist weiterhin das Problem vom Who: Unterhaltsam und einfallsreich ist jede einzelne Episode, aber man hat nicht mehr das Gefühl, echten Menschen/Timelords bei etwas Wichtigem zuzusehen, sondern 101 Brainstorming-Ergebnissen, die auf einem Fließband durch die Staffeln zuckeln. Jahrein, jahraus.

Aber darin liegt auch die Stärke der Serie. Man weiß: Am Ende siegt der Doctor, weil er die Bösen mit den eigenen Waffen schlägt und/oder belabert und/oder die Waffen der Bösen belabert. Mit einem einfachen Druck auf den Returnknopf – was nur in der Welt meiner Eltern unschaffbar wäre – wird die Basis der Antagonisten geresettet/gerettet/herunter gefahren. Und niemand musste bluten, nicht mal dann, wenn es in der Folge um Krieg oder Menstruation gegangen wäre. Die weibliche Chefin (schöne Rolle übrigens) bleibt jammernd und gebrochen zurück, während der Doctor im Epilog sich schon mal pseudo-zierend darauf einstellt, den neuen Kindersitz für die nächste Companion-Braut mit Duftbäumen zuzuhängen.

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„Kleine, willst du mitkommen?“ – „Weiß nicht.“ – „Ist Zeitmaschine, bist gestern wieder zu Hause!“ – „Okay. Soll ich süß gucken?“ – „Klar, stell Dir einfach vor, du bist mein Spiegelbild. Wo willst du hinfliegen?“ – „Zu etwas Spannenden in der Zukunft!“ – „Hey, kein Problem! Und die staffelübergreifende Realität-Verwirbelungsgeschichte lösen wir dann so nebenbei.“ (*zusammen actionreichen Trailer zur nächsten Episode anseh; Abspann; BBC-Sprecher; „Trademark 2013“-Schriftzug*)


Fazit: Eine Episode, die – je nach eigener Stimmung – belanglose Scheiße oder herrlich unkomplizierte Unterhaltung sein kann. Und da bei dieser Serie wirklich (wie fast immer) nur der eigene Gemütszustand bewertet werden kann, bestätige ich hiermit, dass ich zum Zeitpunkt des Guckens gut gegessen und getrunken habe, jedoch dringend aufs Klo musste. – Was die gute Stimmung wieder etwas dämpfte. Daher kann die Endbewertung nur gehobenes Mittelmaß sein:

ACTION
HUMOR
TIEFSINN
ALLES IN ALLEM
SPARKS MICKRIGER MEINUNGSKASTEN
Klingelingeling, hier kommt der Doktor, Mann!
Mittlerweile bezweifle ich ja ein wenig das Aufwandsverhältnis der vielen kleinen Hinweise, welche man sich als Nicht-ganz-Fan immer merken muß. Erwartet man wirklich von den Normaloglotzern, daß diese sich Stichpunkte wie „Woman im Shop“ (welche Neu-Companion Clara die Doc-Telefonnummer gegeben hat) oder „Warum war Clara als Digitalversion bereits vor vielen Folgen in der Dalek-Irrenanstalt?“ an die Wohnzimmerwand ritzen? Dann würde in meiner Bude jedenfalls schon nach einer Staffel Einsturzgefahr herrschen.

Sehr spaßig aber der Anruf im 12. Jahrhundert. Gut, daß Klarabella die „Glocken“ anscheinend über einen dermaßen langen… (Achtung!)… Zeitraum klingeln ließ, daß ein Mönch den Doktor nicht nur darüber informieren, sondern dieser auch noch wieder hinreiten konnte (!) ist zwar merkwürdig, aber Sinn macht das Thema Zeitreise sowieso eher selten. Und schließlich erreichen mich auch meine Notizmails aus der Vergangenheit ja ebenfalls ohne Probleme!

Trotzdem nehmen die „Cheats“ in Doctor Who so langsam überhand. Reicht schon sonst der elektrische Schraubenzieher oft als erklärungsfreier und spannungszerstörender Helfer in aussichtlosen Lagen („Praktisch, dieser Feinde-besiegen-Knopf!“), werden der Clara dieses Mal sogar die Pläne der Fiesen (!!) und ganz nebenbei „das Internet“ in den Kopf gestrahlt. Daß letzterer Vorgang zwangsläufig auch die eher unhygienischen Ecken des Netzes (Pornoseiten, Fanforen, Zukunftia) beinhaltet hat man dabei leider nicht in die Handlung einfließen lassen. Chance vertan, schade!

Fazit: Für den Doc und die schrägen Einfälle existiert ja auch weiterhin ein Platz in meinem verkrusteten Herzen, aber wenn man erst einmal den Fehler macht über den Aufbau der Serie nachzudenken, wirkt das Ding schon recht formelhaft. Hier werden vom Doc und seiner Plot-Wünschelrute die Roboter umprogrammiert, Wand-hochfahr-Motorräder aus der Garage gekramt und Seelen aus dem Netz geladen, daß Harry Potter vor Neid seinen ollen Holzstab wegschmeißt und den neuesten Sonic-Katalog ordert. Klar, ist alles schön anzusehen. Aber spannend? Dafür fehlt mittlerweile einfach die Magie.

Wertung: 5 von 10 Punkten.


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Artikel

von Klapowski am 05.04.13 in TV-Review

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Kommentare (2)

  1. DJ Doena sagt:

    Die Folge war irgendwie „mäh“. Alles schon mal gesehen: Rose in den Fernseher gesaugt, Donna in die Library.

    >Gut, daß Klarabella die „Glocken“ anscheinend über einen dermaßen langen… (Achtung!)… Zeitraum klingeln ließ, daß ein Mönch den Doktor nicht nur darüber informieren, sondern dieser auch noch wieder hinreiten konnte (!) ist zwar merkwürdig<

    Wie, du hast noch nie in einer Hotline angerufen? ;-)

  2. bergh sagt:

    tach auch !

    Nette Folge nicht mehr.
    Die neue Companion ist ja ganz ansehnlich,
    aber dei „Hupen“ sind in Wirklichkeit werder so groß noch so hübsch wie gedacht.
    Was ich nicht verstanden habe:
    Nachdem man die Maid zweimal äh verloren hat,
    wo kam dieses dritte Model(grins) her?

    Gruss BergH

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