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VOY: Equinox (1 + 2)

Lange Zeit habe ich nichts von meinem persönlichen Shinzon – Christoph Weißenborn à la CrysIs – gehört, was auch meinen Faustabdrücken im Ohrmuschelbereich zugeschrieben werden kann. Heute meldet er sich jedoch mit einem Artikel zurück, den ich für seinen bisher besten halte: frische Gags, gelegentliche Nennung meines Namens, mein patentierter Schreibstil (ohne dass dies ein Plagiat wäre), viele Bilder und ein nettes Mail-Anschreiben machen den Gastartikel perfekt. Wird wohl doch Zeit, dass ich Euch Franchise-Filialen gründen lasse, wie?

Es folgt: Ein guter Artikel von Christoph Weißenborn

Equinox (lat): Zwielicht; Tag- und Nachtgleiche. Dass Janeway zwielichtig und auch am Tag gleich hässlich ist wie die Nacht wissen wir ja schon länger. Wer zusätzlich noch wissen will, wo sich Jonathan Archer seine Luftschleusentricks abgeguckt hat und warum ein Unglück selten allein kommt erfährt es – live – in diesem Review.

Geben wir es ruhig zu, wir wissen es doch alle längst: Voyager ist Scheiße. Captain Janeway ist nichts weiter als eine Photonentorpedo-Patentante, Seven irrelevant, Tuvok ein Vulkanier ohne Seele oder wenigstens Brüste und der Rest der Crew ist ein einziger Kindergarten im Deltaquadranten. In den Geschichten mir dem fliegenden Rambomesser mutieren stets die Borg zur begrünten Krabbelgruppe und aus Logik und Moral werden „Yo, Kick!“ und „Oral“. So weit Klapowskis Meinung.

Doch was ist mit mir? Als Angehöriger der dritten Fangeneration, 10 Jahre jünger als Klapo, bin ich Teil der Zielgruppe von Voyager. Und ich mochte Voyager. Wirklich. Und dann ging ST-Enterprise.de online. Klapowski, du hast mir die Serie meiner Jugend versaut! Oder sie hat meine Jugend versaut, je nach Betrachtungswinkel. Doch der Reihe nach:

Story
Voyager trifft Equinox. Janeway trifft Captain Ransom. Ransom trifft falsche Entscheidungen. Star Trek trifft Guantanamo Bay. Photonentorpedo trifft Ransoms Schiff. Ransom trifft Gott. C’est la vie.

Analyse, Mr. Spock!
Das Drehbuch dieser Doppelfolge stammt von Brannon Braga und Joe Menosky. Wer Joe Menosky ist? Dieser Mann hat das Drehbuch zu „Darmok“ geschrieben, eine der allerbesten Folgen der gesamten Next Generation! Das alleine reicht für mich schon als Grund, auch diese Folge hier um mindestens drei Notenpunkte aufzuwerten. Und diesen „Lehrers Liebling“-Effekt hatte die Serie durchaus nötig um das Klassenziel noch zu erreichen.

In den meisten Voyager-Foren quer durch das Web wimmelt es nur so von Shuttle-Countern, „Anomalie der Woche“-Zählern und Zahlenspielen rund um die 47, das Durchschnittsalter, in dem ein Trekkie zum ersten Mal Sex hat. Verständlich, bilden solche sinnlosen Kleinigkeiten (nicht der Sex, die Counter) doch die einzige echte Kontinuität der Serie. Und natürlich die Kazon, denen man am Ende der dritten Staffel ein Netzwerkkabel ins Ohr steckte, den Zutritt zum Sonnenstudio verwehrte und sie fortan als „Borg“ verkaufte. Gerade in den Cliffhangern zwischen zwei Staffeln waren die Borg später so beliebt wie eine nackte Frau im Fußballstadion. Umso mehr habe ich mich gefreut bei „Equinox“ einmal KEINE Borg zu sehen. Und auch KEINE Zeitreisestory! Die meisten so genannten Sehenswürdigkeiten sind vom vielen Hinschauen nämlich schon ganz abgenutzt.

„Ich habe gehört, sie haben Unschuldige getötet?“ – „Ach, hat die Borgqueen wieder geplaudert?“ – Willkommen bei einer neuen Folge von „Wer ist hier der Boss?“ BOSS ist nämlich die Abkürzung für „Bösewicht Ohne Seele und Skrupel“

Geteiltes Leid macht doppelt breit (Equinox, Teil I)

Als ich das erste Mal gehört habe, dass es ein neues Sternenflottenschiff im Deltaquadranten gibt, da dachte ich ja zuerst Janeway hätte sich aus dem Delta Flyer, Neelix Bratpfanne und ihrer alten Haarspange kurzerhand eine neue Galaxy-Klasse zusammengeschraubt. Aber nein, stattdessen habe ich meinen Traum in Grau bekommen! Grautöne! Ich liebe Grau! Und das nicht nur, weil ich Deutscher und ein Kind des 20. Jahrhunderts bin…

Endlich mal ein Schiff, das die Kratzer auf der Außenhülle mit in die nächste Folge, ja sogar in die nächste Staffel nimmt! Anstatt Kazon mit Krusty-der-Clown-Logik und einem Kollektiv mit der Effektivität des SED-Politbüros hat die Equinox Gegner getroffen, die ihr echte Schäden zugefügt haben! Ja, die Schäden auf der Außenhülle bleiben wo sie sind und auch die (Dach-)Schäden der Crew sind klar definiert. Im Gegensatz zum Personal von der Voyager, wo ich bei einigen Figuren, wie z.B. Harry, heute noch immer nicht weiß ob sie auf meinem Schiff mehr als den Strom leiten dürften. Wohl eher nicht.

Captain Ransom ist ein sehr mutiger Mann. Es muss wohl Mut sein, was einen dazu veranlasst, einen Notruf einfach so in den Deltaquadranten zu blasen. Vor allem wenn man alle Zivilisationen, die man bisher getroffen hat, mit einem Tritt in den Arsch beglückt hat und nicht wissen kann, dass das einzige Sternenflottenschiff im Umkreis von tausenden Lichtjahren praktisch vor der Nase parkt. Denn der Notruf wird von keinem anderen Schiff als der Voyager persönlich aufgefangen. Gut, vielleicht wäre ein Zusammenstoß mit den Borg doch das geringere Übel gewesen.

Trotzdem mochte ich Ransom, im Grunde mehr als Janeway. Und ich mochte den ersten Offizier der Equinox, Maxwell Burke. Auch er ein Mensch der zwar nicht so subtil geschauspielert wurde wie ich es mir gewünscht hätte, zumindest nach dem Drehbuch aber ein Charakter mit mehr Stil als z.B…Tom Paris! Der ursprünglich als alter Rammler geplante Tom sah ja reichlich alt aus gegen Maxwell, von dessen Typ ich gerne mehr Bösewichter in Star Trek gesehen hätte. Die Voyager zu sabotieren und nebenbei noch professioneller an B’Elanna herum zu baggern als Tom in den letzten zwei Staffeln zusammen, das hatte schon was! Ein bisschen was von James Bond’schen Tugenden zum Beispiel.

„…und dann habe ich so meine Hand erhoben und gesagt ‚Noch ein Wort über Borg, Rick, und ich zeige dir mal, wie das Publikum dich beklatschen wird’“ – Jerry Ryan war schon bei der ersten Probe fasziniert von John Savage (Cpt. Ransom), hatte dieser ihr doch versprochen dorthin zu gehen, wo noch nie ein Mann zuvor gewesen war. Außer Brannon Braga vielleicht.

Und wo wir gerade beim Vergleich der Crews sind: Für Maria Gilmore, die Maschinistin der Equinox, würde ich B’Elanna Terror sofort vor die Luftschleuse setzen. Wenn ich Frauen mit regelmäßigen Wutanfällen sehen will kann ich auch ins Büro oder nach Hause gehen! Das Gilmore-Girl wirkt dank eingebauter Phobie und Schüchternheit auf mich nicht nur attraktiver als so manche Trek-Superfrauen (und da schließe ich auch einen bestimmten DS9-Charakter mit ein, Klapowski), ich nehme ihr auch noch locker ab, dass sie am Montag wieder eine Naomi Wildman in den Kindergarten bringen muss, während sie gleichzeitig die Pappkulissen für die Schulaufführung ihres Sohnes ausschneidet. Und wäre ich ein paar Jahrzehnte älter hätte ich auch gar nichts dagegen wenn es meine Kinder wären.

Während Chakotay sich also einer Frau mit Platzangst nähert (im Fahrstuhl, super Idee) wird Ransom bei seinen Gesprächen mit Admiral in spe Janeway klar, dass er sich wohl lieber von den namenlosen Aliens hätte töten lassen sollen. Janeway ist nämlich plötzlich zu Miss „Ich kenne alle Sternenflottenregeln auswendig“ mutiert und pisst Ransom erst mal gehörig ans Bein. Sie darf das Oberkommando führen, denn Sie hat das größere Schiff. Ein Prinzip, dass dem Mann des 21. Jahrhunderts auch als „Wer hat den längsten?“ wohlbekannt ist. So ist es eben mit den Sternenflotten-Captains im Deltaquadranten: Es kann nur eine geben! Und diese eine hat einen sehr hintergründigen Humor, behauptet sie im Gespräch mit Ransom doch allen Ernstes, die oberste Direktive nie gebrochen zu haben! Äh…Darf ich mal kurz? Massive Einmischung in die Angelegenheiten fremder Zivilisationen schon in „Caretaker“, Verletzung territorialer Rechte (diverse Folgen), Massenmord, bis sogar Sisko blass wird (praktisch alle Folgen nach den ersten Staffeln) und was weiß ich noch. Von wegen „Oberste Direktive“, bei Janeway sollte man lieber erst mal mit der Genfer Konvention anfangen!

Wo sie gerade dabei ist zwingt Janeway Ransom auch noch sein Schiff aufzugeben, damit man sich ganz auf die Voyager konzentrieren könne. Ja! Super Idee! Die Mitarbeit von Ransom gewinnt man bestimmt, indem man dem Mann klar macht, dass er ein Nichts und sein Schiff eigentlich scheiß egal ist. Mal ganz abgesehen davon, dass Janeways Gedächtnis offensichtlich gelitten hat. Denn noch eine halbe Staffel früher hat sie für sich selbst den Grundsatz festgelegt: „Ein Captain geht immer mit dem Schiff unter“ („Dark Frontier“). Und da erwartet sie von Captain Ransom Begeisterung bei der Vorstellung, auf der Equinox nach Jahren einfach so das Licht auszumachen und ab sofort auf der Voyager als Kloputzer anzufangen? Wäre ich Ransom, ich hätte der guten Cathryn bei meiner späteren Flucht noch schnell einen Photonentorpedo direkt auf die Brücke gebeamt, mit dem freundlichen Schriftzug „3…2…1…Bye, Cathi“.

„Nie, nie, nie mehr dürfen wir die Grundprinzipen der Föderation zu unserem Eigennutz übertreten“ – „Wir könnten Seven of Nine entführen“ – „Gehen wir“ – Vielleicht war es doch keine so gute Idee das Rot in den neuen Uniformen auf Augenhöhe anzubringen, denn Rot macht bekanntlich aggressiv. Nachdem sich seine Augen an die Helligkeit auf der Voyager gewöhnt haben sieht daher auch Ransom wieder rot – und wir schwarz für seine Zukunft.

Schöner Ausbruch übrigens. Das Sicherheitspersonal darf zur Abwechslung direkt von vorne abgeknallt werden und trotzdem die Flucht entdeckt wird versperrt kein Kraftfeld den Weg („Sperren sie Deck 9“ – Ha ha ha, das ist ja wie „Sperren sie die Grenzen von NRW, der Kinderschänder darf uns nicht entkommen“), alle Konsolen in der Umgebung werden brav ungesperrt gelassen und Harry darf sich auf der Brücke wieder mal wundern: „Huch, wollen die etwa weg? Noch vor dem Frühstück?“. Hatte schon immer das Gefühl, die Voyagercrew ist eher durch unautorisierte Beamvorgänge, denn durch Borgkuben aus der Ruhe zu bringen.

Mit von der Entführungspartie ist natürlich mal wieder Seven of Nine, der lebende Beweis dass Frauen wirklich nur Migräne haben können, wenn sie sich gerade in einer Beziehung befinden. Na ja, vielleicht kann sie der Crew der Equinox wenigstens einen etwas sensibleren Umgang mit den Aliens zeigen – Assimilation zum Beispiel.

Auch der Cliffhanger am Ende der Folge war eine Con-geniale Idee des selbstironischen Autorenteams – oder wie soll man es sonst nennen, wenn uns die spannende Frage vorgelegt wird, ob Captain Janeway wohl an der Backpfeife einer billigen Spezies 8472-Kopie versterben wird? Ich mag ja Folgen mit einem offenen Ende, aber muss diese Öffnung denn jedes Mal der Arsch sein? Wie wär’s denn mal mit einer Frage die der Zuschauer nicht beantworten kann, wenn er eins und eins zusammenzählt? (Das Ergebnis entspricht zufällig den durchschnittlichen Zuschauerzahlen von ENT) Mal ganz davon abgesehen dass die versammelte Brückencrew der Voyager offen im Raum herum steht und in Zeitlupe brüllt statt in Deckung zu gehen oder sich wegzurollen, wie jeder Mensch der noch über seine Urin-stinkte verfügt.

Star Trek: Voyager ist reinste Folter! (Equinox II)

Ich mag Captain Janeway. Besonders seit sie ihren moralischen Kompass in einem Magnetsturm eingebüßt hat. Insofern kann ich Klapowski nicht ganz verstehen, wenn er immer wieder auf Janeway herum reitet. Also jetzt so satiretechnisch. Ich finde Charaktere im moralischen Zwielicht durchaus interessanter als so eine stocksteife Dumpfbirne wie Reed. Besser noch, ihre Inkonsequenz macht Janeway zu einer echten Frau! Die benutzen die Regeln nämlich auch meist wie es ihnen passt und widersprechen dann auch noch, wenn man ihnen totale Subjektivität vorwirft. Ich bin da total anders. Ich bin stolz auf meine Subjektivität.

Insofern ist der zweite Teil dieser Doppelfolge ein Musterbeispiel an Weiblichkeit in Star Trek: Hatte sie im ersten Teil die Crew der Equinox noch in ihre Quartiere verbannt, weil diese nicht „den höheren Prinzipien der Föderation gefolgt sind“, so bestraft sie Chakotay in dieser Folge auf die gleiche Weise eben weil er das getan hat. Aber dazu später mehr.

„Jetzt reicht’s. Die Brühe, die Neelix serviert, hat war ja ungenießbar“ – Von wegen kalter Kaffee: Nicht nur Janeway findet den Koch zum kotzen, auch Ransom muss nach seinem ersten Kontakt mit einem Talaxianer sofort (aus)brechen. Einige Crewman haben mit Neelix auch noch eine Rechnung offen. Mit mindestens 19% Mehr-Nerd-steuer.


Kann mir bitte erst mal jemand erklären wofür diese 40-Kilo-Handfeuerwaffen gut sind? Die Einführung von langläufigen Gewehren habe ich ja noch mit einem dünnen „Na halt zum besser zielen und so…“ abgenickt, aber das ist doch nun wirklich zuviel des Schlechten! Haben diese Dinger überhaupt jemals irgendeinen sichtbaren Effekt im Vergleich zum Handphaser gehabt? Außer dass sie so praktisch sein müssen wie eine Interkontinentalrakete zum Äpfel pflücken.

Aber nun wieder zur wichtigsten Szene dieser Folge: Abu Ghreib heißt jetzt Voyager. Kein Witz, die Moral des US-Militärs erscheint direkt utopisch gerecht im Vergleich zu dieser Folge! Beide Male hat eine Frau Menschen mit dunklem Teint wegen deren Herkunft (Irak / Equinox) gefoltert, heute wird man dafür verurteilt, in 200 Jahren gibt’s nur noch ein Stirnrunzeln von Verteidigungsminister Rums-Tuvok.

Ein Captain der Sternenflotte der einfach so vor sich hin foltern darf, Deltaquadrant hin, 70 Jahre bis zum nächsten Kriegsverbrechertribunal her. So viele Standgerichte, wie man da am liebsten halten möchte gibt es doch gar nicht! Kann diese Frau denn niemand überreden oder wenigstens über den Haufen schießen? Und das bringt uns zum meist unterschätzten Vegetarier der Voyager: Chakotay. Viele Leute glauben ja, Vegetarier seien harmlose Leute. Die Karotten sind da ganz anderer Ansicht.

Wäre ich Narr genug noch einen vernünftigen Menschen auf der Voyager zu suchen, der imstande ist gegen einen fanatischen Captain das Wort zu erheben, dann würde ich es bei Winnetou versuchen. Zugegeben, er redet mit Geistern und nicht vorhandenen Tieren, plant ein mieses Boxcomeback a la Maske, aber wenn jemand auf dem Schiff der Einäugige unter den Blinden war, dann war es der erste Offizier. Ich lehn mich jetzt mal so weit aus dem Fenster, dass der Prager Fenstersturz dagegen klein kariert wirkt: Chakotay hasst Janeway in Wahrheit, spätestens seit sie ihn zu diesen nächtlichen Besuchen in ihrem Quartier gezwungen hat. Ich bin der vollen Überzeugung, dass er sich schon ein paar Mal mit einem Shuttle heimlich absetzen wollte. Leider hat er die in der Eile alle eigenhändig zu Schrott geflogen.

„Hey, die sehen aus als kämen sie von zu Hause! Vielleicht können wir die mal nach dem Weg fragen?“ – Fünf Jahre im Deltaquadranten und um die Ecke trifft man die Nachbarn. Diese Untertassensektion könnte glatt ein Kerzenhalter sein. Gleich im Bild: Captain Janeway ist eine gute Gastgeberin und gibt für alle Fälle schon mal Feuer.

Übrigens: Die Folterszene folgt nicht nur nicht dem deutschen Grundgesetz, sie missachtet auch die Grundregeln des Universums: Janeway: „Sagen sie mir, wo die Equinox ist, sonst deaktiviere ich die Schilde um diesen Raum!“ Äh. Ja. Klar. Und wenn ich alle Wände in meiner Wohnung einreiße, die Außenwände aber stehen lasse, dann kann also plötzlich jeder ein- und ausgehen oder wie? Selbst mit viel technischem Unverständnis (bei mir leicht zu haben) und Goodwill (schon schwieriger) ein blöder Schildbürgerstreich. Wenn diese Viecher schon Löcher aus einer anderen Dimension oder sonst was überall im Raum öffnen können, wieso sollten die Schilde sie davon abhalten es im Schiff zu tun? Oder gleich in Janeways Magengrube? Bei so was vermisse ich ja immer die guten alten TOS-Zeiten, in denen die einzigen effektiven Schilde noch aus Eisen bestanden und von Kirk dem Ritter persönlich über die Omme gezogen wurden.

Bei den Autoren möchte ich mich allerdings gar nicht über die Szenen zwischen Janeway und Chakotay beschweren, gehören sie doch für mich zu dem besten was Voyager überhaupt zu bieten hatte, in allen sieben Jahren. Sowieso. Denn selten traten die Gegensätze zwischen den beiden so offen zu Tage und selten wurde so klar was für eine bekloppte Fanatikerin Janeway eigentlich ist; sie tut alles „for the Uniform“. Ihr Verhalten erinnert doch sehr an das Benehmen einschlägiger religiöser Kulturkreise unserer Zeit (nein, nicht DER Kreis), denen anscheinend die entscheidenden Bibel/Koran/Lustiges Taschenbuch-Stellen verloren gegangen sind, an denen es da heißt „Töten Böse. Nich. Lasses”.

„Hier. Pfefferminz hilft gegen Mundgeruch“ – Garrett hält gern auch noch seine rechte Wang hin. Auch im 24. Jahrhundert ist vom Chinesen eben noch vieles billig zu haben. Zum Beispiel das, was Janeway erst vorhin von ihm wollte. Wie? Nee. Ich meine „Rache, süß-sauer“

Janeway folgt im Verlauf der Folge weiter ihrem Lebensmotto („Was du nicht willst, das man dir tu, füg besser einem andern zu“) und droht ihrem sonst eher wesleyhaften Liebling Tuvok mit dem Einsperren im Kinderzimmer und ohne Abendessen ins Bett, als der sie mal vorsichtig daran erinnert, dass die Worte „Selbst“ und „Justiz“ auch getrennt behandelt werden können. Schade nur, dass Tuvok an dieser Stelle auf den Nackengriff verzichtet hat. Dieser arschlose Vulkanier! Wenn er ein Mensch wäre, wäre seine Antwort wohl gewesen: “Fahr zur Hölle!” Im Ernst: Wenn ihr wählen müsstet, zwischen einem harmlosen Kiffer und einer Verbrecherin mit Fahrkarte nach Den’Haag, wen würdet ihr wählen? Gut, die Italiener wären sich da wohl weniger sicher, aber wir?

Spätestens ab dieser Stelle war klar, dass die Story diesmal einen innovativen Ausgang nehmen würde: Das Böse siegt! Nämlich Janeway. Wie? Was? Ihr glaubt ich übertreibe? Von wegen! Beide Captains Foltern hier Menschen, Ransom passiv durch den Doktor, der ihn dazu noch überreden muss, Janeway vollkommen aktiv und eigensinnig, trotz massivem Widerspruch sämtlicher Offiziere in Reichweite! Sie sucht die offene Kampfhandlung und bringt ihre gesamte Crew in Lebensgefahr, nur weil sie einen moralischen Disput mit Ransom hat. Er dagegen will eine Konfrontation so weit es geht vermeiden (wie Janeway selbst feststellt), mit der Voyager wie mit seinem Gewissen. Sein Holodeck für Arme hinterm Ohr ist insofern verständlich, denn schon heute verzeichnet die CD „Südseeklänge für die Seele“ reißenden Absatz, so die Aufnahmen nicht gerade während eines Tsunami entstanden sind.

“Na, Ransom, könnte aber größer sein ihr…*räusper*…Verantwortungsbewusstsein” – Von wegen unterkühlt: Seven on the Rocks. Und sogar mal ohne Implantate! Von zwei Ausnahmen mal abgesehen. Ran, Man!

In seinen feuchten Träumen vom Strand wird Ransom von seiner Phantasie von Seven of Nine heimgesucht (die auch mich seit diesem schicksalhaften Tag verfolgt), die ihn mit ihren…Argumenten überreden kann sich der Voyager zu ergeben. Diese Szenen sind ganz klar von Brannon Braga geschrieben worden, der ja eine Zeit lang mit Jerry Ryan gef…liiert war und wohl auch Alpträume von ihrer Durchsetzungsfähigkeit gehabt haben muss.

Ich habe es nie verstanden und ich werde nie verstehen warum ein Captain ein Held ist, wenn er mit seinem Schiff untergeht. Jeder Vollidiot kann sterben. Ist es nicht ungleich mutiger zu leben und sich den eigenen Fehlern zu stellen? Warum musste die Equinox eigentlich unbedingt zerstört werden? Was wäre falsch gewesen an dem Bild eines aus seinem Shuttle steigenden Ransom, dem sogleich die Handschellen angelegt werden? Eingesperrt in einer Zelle, die nur unwesentlich einladender als die Brücke der Equinox wirkt? Überhaupt, warum muss eigentlich in jeder Serie alles komplett beseitigt werden, wenn es eine moralische Frage aufwirft, die der Autor nicht beantworten kann? Ist Ransom jetzt lieb oder böse? Scheiß egal, friss Blei!

„Jo, Spitz die Lauscher Cathi. Hier kommt der Janeway Rap. Jo. Hey! Listen, Jay! I won’t stay. Not a day. Fucked you in the cargo bay. You gotta pay. Die, you may. No matter, what way. That’s all to say. Shortly: You’re gay“ – Captain Ransom ist der Eminem des 24. Jahrhunderts: Er liefert eine geile Bühnenshow mit Trockeneis und wird anschließend von Janeway auf offener Milchstraße niedergeschossen. Dieses billige Zugeständnis an die jugendliche Zielgruppe ist jedoch keine 50 Cent wert.

Erinnert sich hier noch jemand an eine hübsche Folterkammer aka Luftschleuse? Beim schreiben der ENT-Folge 3.02 „The Anomaly“ muss wohl ungefähr folgender Dialog stattgefunden haben:

„Brannon, ich habe hier eine ziemlich actionhaltige Voyager-Episode mit fragwürdiger Moral, die könnten wir doch als Grundlage nehmen?“

„Ja, Rick, aber vielleicht sollten wie die Handlung etwas an das 22. Jahrhundert anpassen?“

„Gute Idee. Dann nehmen wir einfach die spannenden Antagonisten raus und setzen dafür Piraten ein. Schließlich waren die Zuschauerzahlen von ‚Fluch der Karibik’ höher als die bei ‚Equinox’“

„Und was machen wir mit der Folterszene, Rick? Auf der ENTERPRISE gibt es ja keine innovativen Aliens als lebendes Folterinstrument. Außer vielleicht Dark Phlox.“

„Dann stecken wir ihn eben einfach in die Luftschleuse“

„Brillant! Raubt mir den Atem!“

Weiter im Text: Die Voyager findet die Equinox und Ransom wird noch mal von seinem ersten Offizier über Ohr gehauen. Gilmore, bis jetzt Ja-Sagerin vom Dienst, verhilft Ransom zur Flucht, der die verbliebene Crew auf die Voyager beamt. Die Equinox explodiert samt Ransom in einem riesigen Feuerball. Schön zu wissen dass wenigstens Janeway ihren Spaß in dieser Folge hatte.

Noch eine Kleinigkeit bevor wir Janeway das Blödesverdienstkreuz verleihen: Sie sagt dass sie Ransom vertraut weil er ein Captain der Sternenflotte ist und am Ende eben doch das richtige tun wird. Fünf Minuten später, gleich ist die Folge zu Ende. Gleich wird sie kommen, die Entschuldigung von Janeway an Chakotay, bei der sie einfach selber umsetzt was sie eben noch Ransom ans Bein gebunden hat. Aber nein, statt großzügiger Entschuldigung nur ein Hundeblick in Richtung Chakotay. Es gibt eben Leute denen sogar der Mut fehlt feige zu sein. Chakotay will jedoch nicht die Hand beißen, die ihn füttert, da er indianischer Traditionalist ist und die Indianer in der Geschichte schon immer durch die Weißen unterdrückt wurden. „Eine Meuterei wäre zu weit gegangen“? So langsam verstehe ich warum Frauen eine Schwäche für harte Kerle haben – Junge, der Captain weiß es nun mal nicht besser, aber zu wissen was das richtige ist und es trotzdem nicht zu tun, das ist die größte Feigheit die man begehen kann!

„In all den Jahren ist diese Plakette nie herunter gefallen. Oh, auf der Rückseite steht was: ‚Nicht vergessen: Oberste Direktive’“ – Im Gegensatz zu Picard hat Janeway durchaus etwas auf der Platte. Nämlich eine Hand voll alter Indianerfilme und das Video „Gabelstaplerflieger Klaus“

Während der Abspann mit nichts sagendem Sternengeflimmer über meinen Monitor läuft komme ich nicht darum herum mir sehnlichst zu wünschen die Serie würde „Star Trek: Equinox“ heißen.

„Star Trek: Equinox“ hätte dem Treffen mit der Voyager auch einen ganz neuen Gehalt gegeben: Nach der Zerstörung des lieb gewonnenen Schrottschiffes hilft die auf der Voyager verbliebene Crew Chakotay die Kontrolle über die Voyager zu übernehmen. Lessing und der Rest von der Equinox werden nämlich nach dieser Behandlung NIEMALS mit Janeway zusammen arbeiten! Warum ist wohl keines der am Ende an Bord genommenen Crewmitglieder in einer späteren Folge zumindest noch mal kurz durch den Gang gelaufen? Ganz einfach, Janeway hat denn doch noch die multiplen Verwendungsmöglichkeiten einer Luftschleuse entdeckt. Das wussten sogar die Autoren, die deswegen keines der an Bord gekommenen Crewmitglieder jemals wieder auch nur erwähnt haben.

Fazit:
Die Serie Voyager wird oft unterschätzt. Sehr viele der in Voyager vorgekommenen Handlungen sind in ihrer Grundidee hoch interessant. So auch in dieser Doppelfolge. Doch wie so oft bei Voyager hat sich das Autorenteam größte Mühe gegeben die Idee zu einer uninspirierten Duke-Nukem-Forever-Episode umzubauen. Zum Glück ist ihnen das bei „Equinox“ nicht so vollständig gelungen wie bei den meisten anderen (Doppel-)Folgen.

So finden sich viele interessante Aspekte in der Folge: Der Teufel der Equinox ist anständiger als die Göttin der Voyager, Chakotay darf die Emanzipation des Mannes vorantreiben (ja, liebe Chromosomengenossen: Wir steuern geradewegs auf die Herrschaft der Frau zu) und Brannon darf seine sexuellen Fesselfantasien zu Papier bringen.

Die Episode ist es auf jeden Fall wert gesehen und für spannend befunden zu werden. Das Gefühl dabei ist das gleiche wie bei einem Internet-Flash-Video: Doof, aber gute Unterhaltung so lange man es sich nicht zu oft ansieht und das Gehirn am Garderobenständer aufgehängt hat.


Verabschieden möchte ich mich von euch mit einem Zitat passend zu dieser Folge.

“Art, like morality, consists in drawing the line somewhere.“
G.K. Chesterton


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Artikel

von Klapowski am 21.10.06 in Gastbeitrag

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Kommentare (9)

  1. nakedtruth sagt:

    Guter Artikel.

    Sag bloß du hast auch neulich auf MTV / Viva oder so diese Stalkersendung gesehen, wo (Achtung, billiger Gag) ausführlich über Jeri und mich berichtet wurde.

    Hättest aber vielleicht noch erwähnen sollen, das die Equinox sich statt dem Tiger die Aliens in den Tank gesteckt hat und die deshalb nicht so gut auf die Menschen zu sprechen sind.

    Hm, um wie vieles hätte Neelix wohl die Reise verkürzen können, hätte es einen tragischen "Unfall" im Maschinenraum gegeben?

  2. bergh sagt:

    tach auch !

    @Crysis
    Schöne Review, ich muß mir die beiden Folgen nochmal anschauen.
    Waren die bei der ultimativ blöden 40 Jahre Zusammenstellung von Kabel 1 dabei ?
    [extrene Festplatte anschmeiß und nachschau]
    [Plong-Pling]
    [Gepresste Flüche an die Gräber der USB Entwickler]
    [auschalt/einschalt/umstöpsel]
    Ach nee da war die Doppel-Folge Skorpion.

    Egal, das haben wir,
    das wird geguckt.

    Gruss bergH

    Mehfrach Gröhl bei diversen Wortspielen:
    Seven in the rocks! Ohne Implantate , bis auf 2 .

    usw.

  3. Auswurf sagt:

    Klasse Artikel, Crys!s!
    Mehr davon, bitte! Mehr! MEEEEEHHHR!!

    So, und jetzt verschwinde ich schnell wieder, bevor mich noch jemand nach meinem ersten Gastartikel fragen kann.

    Gruß
    Auswurf, der schnelldurchdietürrausrennende

  4. Gast sagt:

    Klasse Artikel, nur die Weltraumviecher hätten im vorderen Teil noch mal erwähnung finden können.
    Egal *klatsch**klatsch*

    Cheers Beers
    Kuang

  5. bergh sagt:

    tach auch !

    Ich habe mir gestern Equie ähh Equin* ähh Equinox angeschaut un dkann Crysis da ein ganzes Stück weit folgen.
    "er ist eine Sternenflottenkapitän, er hat es nur eine Zeit lang vergessen."
    *Brülll* Sowas Plattes und dann von Käthe unglaublich.

    @Gast über mir
    Ja diese HuiBuhs für ganz Arme hätten erwähnt werden sollen.

    Gruss BergH

  6. crysis sagt:

    Okay, ihr habt Recht mit den Viechern. Das lag allerdings auch daran, dass ich die nie so ganz kapiert habe – Würmer mit Zähnen deren, Körpermasse Antimaterie "absondert" – Furzen die Antimaterie, oder wie? Die Materie-Antimaterie-Explosion möchte ich ja wirklich gerne mal sehen…

    Ansonsten vielen Dank für euer großes Lob, das von Klapowski war mir ja fast schon ein bißchen zu viel, immerhin habe ich ja s e i n e n patentierten Schreibstil beibehalten. Macht aber ruhig weiter mit dem Loben, dann überlege ich mir das mit der Rennfahrerkarriere vielleicht noch mal.

  7. wallace sagt:

    Ich muss sagen toller Artikel. Hat mir gefallen. Das war der endgültige Beweis. Janeway ist eine ……..!!!!!!!!(Schimpfwort oder ähnliches nach Wahl einsetzten). Dank Klapos Bemühungen sind meine letzten mickrigen Zweifel ad acta gelegt worden. Vielen herzlichen Dank.

    @nakedtruth

    wie hieß denn die ausführliche Sendung mit dir und Jeri :-)?So ungefähr. Vielleicht kannst du dir das aus deinen Hirnwindungen fischen.

  8. Exverlobter sagt:

    Alle die immer auf Enterprise rumhacken(Luftschleusen ARcher) sollten sich mal diese Folge anschauen. Janeway könnte ja schon fast aus dem "Mirror Universe" stammen.

  9. Gast sagt:

    Mir is ja besonders aufgestossen, dass Janeway den Captain an ein fremdes Volk ausgeliefert hat.
    Er hat ja gegen die Direktive verstossen, also könnte er auch nach Föderationsrecht verknackt werden.
    Sogar Saddam is ja vom Irak verurteilt wurden und nicht von den Briten oder den Ami's :)

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