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Nolan’s „Batman hält die Welt in Atem“ – Überraschungsreview

Er hat es wieder getan! Christopher Nolan enthüllte auf einer Pressekonferenz vor 24 Stunden, dass er bei dem Dreh von „The Dark Knight Rises“ auch gleich einen streng geheimen 4. Batman-Teil fertig gestellt hat, der bereits im Dezember in die Kinos kommt. Zu unserer Überraschung durften wir das Werk nach der Pressekonferenz auch gleich sehen! Und wir können schon jetzt verraten: Nolan hat auch diesmal wieder ein tiefsinniges Werk erschaffen, das unserer Gesellschaft den Spiegel vor die Fresse ballert…

INFORMATIONEN:

Regie: Christopher Nolan
Jahr: 2012
Budget: 250 Mio. Dollar

Poster
Auf Fledermausschwingen in die Philosophie
Die Tatsache, dass ein Katzenhai involviert ist, bringt die beiden Superhelden auf die Spur des „Katzenweibs“, was eine ebenso mutige wie zutreffende Bezeichnung von „Catwoman“ ist. Ja, nicht immer ist Englisch angesagt, manchmal würde auch „Spinnenmann“, „Höllenjunge“ oder „Dufte-Mann“ („Super“ klingt im Deutschen etwas abgegriffen, oder?) genügen. Quasi nur anhand von Raten kommen Batman und Robin auch noch auf den Trichter, dass der Pinguin, der Joker und der Riddler ebenfalls involviert sein MÜSSEN, denn diese „Superschurken“ sind laut Polizeicomputer gerade auf freiem Fuß (Gesellschaftlich relevante Themen: Genügt das für eine Anklage? Siehe das entfernte Beispiel „Minority Report“). Hier zeigt Nolan Metaebenen-Mut und setzt fort, was er im 3. Teil seiner (ersten) Trilogie begonnen hat: Eine angenehm lockere Figurenbeteiligung und –motivation, zumindest bei den Bösen. Und hat man sich zuvor schon gewundert, wo Bane alle seine Handlanger her bekommt, so wird im 4. Teil einfach behauptet, dass der Pinguin der Anführer von „Millionen Verbrechern“ ist. Richtig so, Nolan!

Er simplifiziert dadurch das „Böse“ auf diejenigen, die mit dem Gesetz in Konflikt gekommen sind und wirft dadurch die provokante Frage auf, ob dies allein schon die Unmoral begründet. Gibt es nicht auch „gute“ Verbrecher, weltweit betrachtet? Was ist mit Pussy Riot? Es ist gut, dass Christopher Nolan sich auf derartig dünnes Eis begibt (angedeutet von der Reale-Eisdecke-Szene im 3. Film) und uns wachrüttelt. „Was ist das Böse?“, das fragt er uns, und warum besitzt gerade UNSER Universum Naturkonstanten, welche das Leben überhaupt erst möglich machen?

Schön auch die Szene, in der der Admiral in einer Fake-Schiffskabine festgehalten wird. Von außen pustet ein Handlanger Rauch vor das Bullauge, damit die Geisel denkt, dass man sich auf hoher See in einer Nebelbank befindet. Eine ausgefeilte Konstruktion, die einen staunen lässt, was Nolan mit 250 Millionen Dollar Filmbudget wieder Schönes gezaubert hat! Nebenbei wird die Frage aufgeworfen, was denn eigentlich die Realität ist, wie Subjektivismus und Objektivismus in anderen Ismussen zusammenspielen. Hier liest man Hegel, Leibnitz (nicht den Keks!) und Pythagoras’ jüngeren Sohn heraus. – Erst recht in der Szene, in der der Admiral vom Joker Tee serviert bekommt und er ihm (aufgrund des Make-Ups) bescheinigt, etwas zu blass zu sein, „mein Junge“.

Ein nachdenklich machender Moment, der das unwissende Opfer heroisiert (Altruismus!), da es sich ohne Notwendigkeit um die Gesundheit eines vermeintlichen Schiffsjungen sorgt, welcher jedoch der unerkannte Freiheitsberauber ist. Wie schon vorher bricht Nolan die Figur des Jokers auf und eröffnet viele Deutungsmöglichkeiten in Bezug auf den Grund seines Aussehens und seiner Motivation. So trägt der Clown einen kleinen weißen Schnurbart, der kurzerhand auch weiß eingemalt wurde. Ein Hinweis auf Kindesmissbrauch, ausgegangen von einer sehr männlichen Vaterfigur? Schon in „The Dark Knight“ durfte ja darüber spekuliert werden.

„Wir sind Wesen der Nacht und der Selbstjustiz. Wir bitten sie daher inständig: Keine Einladungen mehr als Alleinunterhalter bei Kindergeburtstagen in unseren (geheimen) Briefkasten einwerfen. Danke sehr!“ – Nettman Returns: Wie weit darf sich ein Rächer an die Öffentlichkeit wagen, um der RTL2-Newsredaktion seine geheimen Pläne zu offenbaren? Medienkritik wird hier groß – und in Buntstiften – geschrieben.

Batman und Robin haben ebenfalls ihre Rolle verändert, um in einer Gesellschaft bestehen zu können, in der Transparenz gefordert ist: Die beiden sind nur noch sparsam kostümiert, für flüchtige Bekannte schnell wiederzuerkennen und geben im Polizeiquartier auch (Steh-)Pressekonferenzen wie es auch der Präsident der Rassekatzenschau tun würde. Dass der Regisseur auf diese Weise auf die transparenzgeleiteten Grundsätze von Wikileaks und der Piratenpartei anspielt, das überrascht und erfreut zugleich! Nolan scheint generell einer optimistischeren Zukunft (mit höherem Leitzins?) entgegenzusehen, sind die Farben im neuen „Batman“ doch erstaunlich vielfältig! Eine frühlingshafte Kolorierung unterstreicht den herbeitirilierten Wirtschaftsaufschwung und ergibt einen schönen Kontra- und Abschlusspunkt zu „The Dark Knight Rises“.

Die Musik ist diesmal weniger dumpf und scheint auf dem ersten Blick nur kindgerecht-eingängig zu sein. Doch wer den Filmemacher etwas besser kennt, der weiß, dass alles eine tiefere Bedeutung hat! Der Score untermalt vermutlich die Wiederauferstehung des einstmals gefallenen Helden, der von der Geburt (1. Film) über das Erwachsenwerden (2. Film) bis hin zum Greisenalter und Tod (3. Film) alle anderen Lebenabschnitte durchlebt hat. Dass er nun quasi im gefühlten Alter von… hmm… 12 wieder neu beginnt, lässt buddhistische Tendenzen vermuten (Wiedergeburt!). Eine spirituelle Idee, die im (Kampf-)Kloster des ersten und dritten Streifens bereits sanft eingeführt wurde.

„Liebe Freunde! Schon Schiller pflegte bei solchen Momenten zu sagen: Hilfe, die Räuber!“ – „Wir sollen uns also selber zur Hilfe anrufen?“ – „Nein, denn ist fragwürdig, wie man in einem System der ungerechten Güterverteilung das Wort ‚Räuber’ definieren soll!“ – Wankelmütig: Christopher Nolan versieht seine Bösewichte erneut mit gesellschaftlich relevanten Anliegen. Das innere des U-Bootes gleicht sogar exakt dem Modell, welches die Deutschen vor einigen Wochen heimlich an die Israelis verkauft haben.

Auch die Dialoge sind ein Genuss für Liebhaber des rhetorisch-invasiven Minimaleingriffes: „Ich bin eine Katze und mag kein Wasser!“, jault Catwoman… Pardon… „Katzenweib“ beim drohenden Untergang des U-Bootes, woraufhin gefordert wird, dass „der Rätselknacker“ bitte „dieses Rätsel lösen“ möge. Und schon halten sich alle schaukelnd, jammernd und persönliche Eigenarten versprühend in den Armen! Eine Arbeitsteilung wie in modernen Dienstleistungsgesellschaften (Vergleiche: Primärer, Sekundärer und Tertiärer Sektor im volkswirtschaftlichen Sinne sowie Legislative, Exekutive und Judicative im staatsrechtlichen).


Fazit: „Batman hält die Welt in Atem“ ist erneut ein großer Wurf eines Regisseurs, der unbequem den Finger in die Wunden legt, die sein Regieassistent mit einer Handkamera überhaupt erst aufgerissen hat. Große Themen und Weltentwürfe sind dem altersweisen Wunderkind genau so wichtig wie politische Kritik und die Rolle des Militärs (Hauptfrage des Filmes: Warum ist der völlig schwachsinnige General so wichtig?). Hier zeigt sich die Zeigefreudigkeit des moralischen Zeigefingers eines zwiegespaltenen Zeitgenossens. Nolan hat es erneut getan und uns tief beeindruckt. – Weiter so! Für das Feuilleton und noch viiiel weiter!

ACTION
HUMOR
TIEFSINN
ALLES IN ALLEM

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Artikel

von Klapowski am 09.10.12 in Film-Review

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Kommentare (5)

  1. Onkel Hutt sagt:

    Schrottfilm…… quillt über vor CGI Effekten und dem auf alt getrimmten Instagram(C)-Filter.

  2. gff sagt:

    Dieses Review trifft wahrlich den Nagel auf den Kopf.
    Doch bin ich erstaunt, daß weitere wichtige Elemente tiefster Bedeutung keine Erwähnung finden:

    Im Kampf gegen den Hai (der ja ganz deutlich für den Bruder der Datenkrake; die Finanzwelt steht- starr und künstlich: aufgeblasen!), kann das dynamische Duo mit einem speziellen Gegenmittel aufwarten, das sie für solche Fälle immer im Batkopter mit sich führen. Was ist das Anti-Hai-Spray denn anderes als eine Parabel für industriellen Größenwahn und Spielerei mit Genen und der Natur?! In your face, Pharma Lobby!!

    Noch eine weitere Schlüsselszene sei genannt:
    Um die gesellschaftliche Lage mit all ihren Zwängen und Aspekten darzustellen, lässt Nolan Batman eine riesige Bombe über den belebten Kai hin und her tragen. Enten, Blasorchester, Nonnen und Mutter mit Kinderwagen: Sie alle sitzen mit in diesem Pulverfass, das wir die Zivilisation nennen. Batman ist dabei ein Symbol der Kräfte, die um Ausgleich bemüht sind. Grade denkt er, „an dieser Stelle kann ich den schwelenden Konflikt (dargestellt durch die schwelende Bombe) lösen“. Doch nein! Aus allen Richtung strömen die eben Genannten sternförmig (möglicher Hinweis auf die Religionen?) auf ihn zu.

    Da stellt sich abschließend (unter anderem) die Frage: wird Batman es schaffen, dieses System aufzubrechen???

    Die Welt hält gespannt den Atem an!

  3. Exverlobter sagt:

    Ich habe eine Hassliebe zu den neuen Nolan-Filmen. Als eigenständige Filme sind sie natürlich sehr gut, aber als Comic-Filme sind sie mir zu ernsthaft, und selbstverliebt.
    Batman hält die Welt in Atem ist genauso wie ein guter Comic-Film sein sollte: Er nimmt sich selbst nicht ernst und man hat trotzdem eine gute Zeit beim Anschauen. Ich bin für mehr kindliche Ironie in Comic-Filmen. Diese „Wir machen nur noch ernsthafte Filme“-Attitüde geht mir zunehmend auf die Nerven.

    • DJ Doena sagt:

      Ich mochte BB und TDK. Ich fand diese neue Ernsthaftigkeit erfrischend. Ich finde nicht, dass Comic-Bösewichte wie schräge Karikaturen daher kommen müssen (Wer kann schon ernsthaft Lex Luthor und seine Kalifornienversenkungspläne in „Superman: Der Film“ ernstnehmen?

      Aber wenn man schon auf die ernthafte Schiene geht, dann darf man da auch nicht patzen. Und das hat TDKR dann doch gewaltig gemacht. Der Film war am Ende nur noch ein mit der Storybrechstange zusammengeflicktes Actionmachwerk ohne sinnvolle Auflösung des Plots.

  4. BigBadBorg sagt:

    Ich schließe mich DJ Doena an. Jedoch litt auch Batman Begins meiner Meinung nach an einem schwachen Ende, ebenso wie The Dark Knight Rises. Einfach übertriebenes Krachbumm, welches in dem genialen zweiten Teil wesentlich eleganter gelöst wurde. Nichts desto trotz ist es eine sehr gute Filmtrilogie, welche eindrucksvoll beweist: Comic-Verfilmungen müssen nicht unfreiwillig komisch sein, sondern können durchaus auch „Anspruch“ auf die Leinwand zaubern.

    Zurück zum Review: Batman hält die Welt in Atem ist dennoch mein Liebling! Erinnert sich noch irgendjemand an den Film-TED in den Öffentlich Rechtlichen vor zig Jahren? Es standen immer drei Filme zur Auswahl, und man konnte durch Anrufen den Film wählen, welcher dann abends gezeigt werden sollte. Als sie damals diesen Film in der Auswahl hatten, habe ich meinen Eltern mein Taschengeld eines Monats angeboten, damit ich den ganzen Tag anrufen konnte :). Und als der Film dann kam war das was ganz besonderes! =)

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