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„Shutter Island“ – Das Review zum Psychopharmaka

Für seine Vielschichtigkeit, die jede Hochzeitstorte die Tränen in die Sahne treibt, wurde dieses Martin-Scorses-Filmchen hochgelobt. Für alle, denen David-Lynch-Filme zu schwierig und unsere gelegentlichen Zukunftia-Videos zu kurz sind, wird das sogar zutreffen, bietet „Schnulli Eiland“ doch für jeden was, der gerne mit verbundenen Augen über falsche Fährten geführt wird, bis einem die Knöchel bluten und der Regisseur einem das sehnlichst erwartete Navigationssystem für die Schlusspointe in die Hand drückt. Natürlich werden wir im hinteren Teil des Reviews wieder mal das ENDE andeuten. Was aber nicht schlimm ist, denn der Film tut es ja selber auch…

INFORMATIONEN:

Regie: Martin Scorsese
Jahr: 2011
Budget: 80 Mio. $

Poster
Eine Insel mit zwei Zwergen...

Inhalt: Auf einer Insel mit einer elitären Nervenheilanstalt ist eine Kindermörderin aus ihrer Zelle verschwunden. DiCaprio und sein blasser Hutständer rücken an, um sie nach kurzer Zeit zu finden. Oder doch nicht? Und wieso hat Leonardo dauernd Migräne und kippt aus den Latschen? Geheimnisvoll, geheimnisvoll…

Besprechung:

Dieser Streifen schreit die ganze Zeit „Seht her, diese rätselhafte Szene wird Euch später die Ohren auf Dumboniverau schlackern lassen!“ und winkt schon nach 15 Minuten mit einem vorhersehbar unverhersehbaren Ende herum wie ein „Documenta“-Aussteller mit subversiven Interviews. Schon hier ist einem klar, dass hier später mit mehreren Realitätsebenen gespielt wird, denn zu abstrus, surreal und beknackt ist die Story, als dass die vorgegebene Prämisse der Wahrheit entsprechen könnte: 2 unterbeschäftigte Bundesagenten reisen nämlich zu einer Insel an, um eine popelige Kindermörderin einzufangen, die angeblich aus einer verschlossenen Irrenanstaltszelle entkommen ist. In UNSERER Welt hätte man den Anstaltswärtern per Telefon die Benutzung eines Türscharniers und einer glaubwürdigeren Lüge erklärt und sich dann mit dem Kollegen auf dem Revier einen schönen Mau-Mau-Abend gegönnt.

Ich will ja eigentlich nicht spoilen, aber koooomisch, dass Lenoardo de Plothole-io ab der Hälfte des Filmes in Anstaltsklamotten rumrennt („Meine Krawatte trocknet immer noch im Anstaltsschwimmbecken? Verdammt, warum dauert das so lange?“), nach ein paar Minuten komische Flashbacks hat („Oh, Gollum steht im Garten. Na denn…“) und sein Partner so auffällig blass ist, dass sein geheimer Realcharakter fast schon mit den Fäusten gegen die dünnen Dramaturgiewände hämmert. – Die BluRay-Hülle verspricht ein schockierendes Ende, in das man fortan alle Hoffnungen zu setzen hat, während Leonardo stundenlang wegen seine tote Frau trauert („Verdammt, ich vermisse Dich so, wie Du da auf der Kreidemarkierung in den Visions- und Traumkulissen herumstehst!“), ab und zu was von einem befreiten Konzentrationslager faselt (fast wäre ich auf diese falsche Spur reingefallen) und dem kryptischen Gelalle von 20 Suppenkaspern lauscht, die alle mehr oder weniger komplett erstunkene Auflösungshinweise streuen.

„Verdammt, Doktor! Draußen sind es 40 Grad und wir haben beide einen Mantel an! Was zum Geier geht da vor sich, hä?“ – „Warum sollten ich ihnen helfen? Halten sie mich für Ghandi oder so?“ – Ben Kingsley präsentiert: Einen Mysteryfilm über überbehütete(!) Menschen auf einer Irrenanstalt-Insel. Die Plätze für die Zuschauer sind HIER (*auf Elektroschockliege zeig*), HIER (*Auf Gummizelle zeig*) und zwischen den Töpfen und Pfannen der hier angewendeten Küchenpsychologie…

Immerhin, die Landschaftsaufnahmen, einige Kameraeinstellungen und das sinnlos spazierengetragene Designerpflaster an der Stirn der Hauptfigur (was sollte DAS? Hinweis darauf, dass der, der einen Schaden hat, verspottet werden sollte?) sorgen für etwas Abwechslung. Wirklich ans Herz geht einem Leonardos Figur aber auch dann nicht, wenn er im finalen und aufklärenden Flashback „Neeeeein“-gröhlend in die Krankamera glotzt, bis der Pathos beschlägt. Ich fand die Ach-so-grausame Szene mit den sinnlos mit Seewasser abgefüllten Kindern eher lächer- als ganzgroßesKino-ig. Es ist zwar mal ganz nett, wenn auch mal Kids in Hollywoodfilmen dem großen Infantilitätsgott (JarJar Binks) geopfert werden, aber wenn ich jetzt schon wieder vergessen habe, warum Leos Frau sie eigentlich vollgegossen hat, kann es kein drehbuchpreiswürdiges Drama gewesen sein (Windelpreise gestiegen? Sonderangebot auf der Motive-Resterampe?)…

Dazu kommt nach der Auflösung des Klatschendramas noch die Frage, warum die Hauptfigur der gefährlichste Patient auf der Insel gewesen sein soll? Er war doch die meiste Zeit ein ganz Lieber, trug seine Unterhose nicht auf dem Kopf und fühlte sich nur selten genötigt, seinen unbewaffneten Gegenübern mit einem herumliegenden Gegenstand den Scheitel nachzuziehen. Denn – oh Wunder – , das ganze Transentheater wurde von der Anstaltsleitung nur inszeniert, damit ihr Patient endlich kapiert, dass seine erdachte Scheinwelt nur ein Schutzwall ist. Genau so gut könnte man einem Typen, der sich für Napoleon hält, eine Kanone an die Seite stellen und ihn gegen ein paar verkleidete Studenten antreten lassen, getreu dem Motto: „Wenn unsere Bemühungen filmreif sind, dann MUSS unser Patient ja zur Besinnung kommen. In Filmen gibt es schließlich auch immer eine Auflösung!“

„Nein, Du kannst nicht real sein! Da war doch dieser Brand… Es brannte lichterloh!“ – „Klar, Schatzi, ich hatte Dir Tabascosoße in das Kondom geschüttet, weil Du nur wirres Zeug geredet hast. Aber keine Angst! Wir probieren das Ganze jetzt noch mal mit HÄSSLICHEN Tapeten, ja?“ – Willkommen beim Flaschenstehen: Dieser Film ist einfach nur aufrüttelnd. Zumindest tun das die Mitzuschauer, die neben einem NICHT eingepennt sind.

Die schockierend gemeinten Szenen sind zudem auch viel zu sauber, zu hübsch inszeniert und sehen aus wie die Demo für ein Next-Gen-Videospielsystem. „Shutter Island“ hat so viel mit einem Trip in die Seelenabgründe zu tun wie Wattwandern mit Bootsfahren. Die tollen Kritiken im Internet und die Vor- und Nachschusslorbeeren für Martin Scorsese, der seit gut 10 Jahren ausschließlich Leonardo DiCaprio-Filme rausbringt (dieser Kerl kann einfach ALLES nicht spielen!), kann ich absolut nicht nachvollziehen. Und wenn ich es könnte, würde ich es trotzdem nicht TUN, denn ich bin gar nicht wirklich hier, wisst Ihr? Ich tue hier nur Buße für ein Verbrechen, weil Eure Omma vor 70 Jahren einen jüdischen Gemüsehändler vergewaltigt hat. Und um das zu feiern, werde ich hier nachträglich Bilder und Flashbacks von Salatgurken und mysteriösen Tomatenscheiben hineinstellen…


Fazit: Viel zu langer Film über Bekloppte FÜR Bekloppte, die trotz den Auflösungen von „Sixth Sense“, „LOST“ und „Fight Club“ bis heute jede Story bejubeln, in der am Ende herauskommt, dass der Dings die ganze Zeit schon mit dem Bums im Kleiderschrank gestanden hat. DAHER also die halbstündigen Visionen von fliegenden Mottenkugeln und Hemdkragenschweißrändern. Scorsese zwingt uns auf einen Horrortrip durch einen – bei aller Verschachtelung irgendwie vorhersehbaren – weichgespülten Psychotrip. Das ist so verstörend wie der Spee-Megaperls-Reklamefuchs, nur eben nicht so tiefgründig.

ACTION
HUMOR
TIEFSINN
ALLES IN ALLEM

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Artikel

von Klapowski am 28.05.12 in Film-Review

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Kommentare (4)

  1. Exverlobter sagt:

    Immer noch leer?
    Also ich habe den FIlm leider nicht gesehen, sonst würde ich hier was zu beisteuern.
    Also sage ich einfach mal Hallo!

  2. Ferox21 sagt:

    Nun, ich habe damals vor vielen Jahren auch nur den Trailer zur Schüttel-Insel gesehen. Und irgendwie war mir der hier dreist gespoilerte Schlussgag (in Wahrheit ist der Cop der Insasse in der Irrenanstalt) damals so offensichtlich, dass ich mir den Kinobesuch gespart habe.

    Ansonsten natürlich so pointiert geschrieben wie immer. Danke auch mal für Reviews von Filmen die (anscheinend) kaum einer der Mitleser hier gesehen hat.

  3. Justice sagt:

    Also mich errinnert der film eher an irgendetwas deustches. Ich mein klar nachdem in germany nach 45 wirklich alle andersdenkenden ausgerottet waren, und der ganze laden in schutt und asche lag, musste man sich ja irgendein „mäntelchen“ schnappen um wieder im internationalen geschäft mitmischen zu können. Also der deustche wollte immer schon irgendwie wichtig erscheinen, aber was bei den deutschen halt immer rauskommt ist irgendwie sowas wie das zoophilie gesetz von ilse aigner. hat der film irgendwelche nicht erkannten hintergründe welche der deustche nach hollywood schickt und dann im inzwischen absolut deutsch geprägten hollywood film versteckt ?

  4. G.G. Hoffmann sagt:

    Unverschämtheit. Totaler Spitzenfilm.

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