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„Nineteen Eighty-Four (1984)“ – Das Klassik-Review

Endlich mal HOCHkultur auf Zukunftia! (*Laptop mit Review auf Bergspitze schlepp*) In unserem Bestreben, mich und meine imaginäre Welt stets zu verbessern, reviewen wir heute mal einen Klassiker. Nämlich dieses Dings mit dem Typen, der immer und überall zuschaut. Also ein Pottsau-Film allererste Kajüte! Passenderweise gedreht im Jahre 1984 und somit perfekt, um unsere üblichen Witze über ältere Filme zu reißen („Wie, schon 10 Sekunden gelaufen und noch kein Alien erschossen?“)…

INFORMATIONEN:

Regie: Michael Radford
Jahr: 1984
Budget: klein, sagt man

Poster
Macht doch alle, watt ich wollt!

Inhalt: 1984, irgendwo in einer Diktatur: Winston beschimpft wie alle anderen auf einer Großleinwand angebliche Verräter, Sex ist verboten, nicht genehmigte Wahrheiten sowieso. Alles hätte auch weiterhin so schön muckelig beengt sein können, wenn Winston sich nicht in eine Frau verlieben würde…

Wertung:

Der Plot von „Nineteen Eighty-Four“ ist so bekannt und im Gehirn so verankert, dass man schon beim Vorspann ausrufen möchte: „Hey, die auflackernden Namen vom Regisseur und seinen Hilfsschlümpfen waren beim Buch aber beeeesser!“. – Was natürlich nicht der Wahrheit entspricht, aber auf einer Webseite, in der ich das „Ministerium für Friesen“ leite, seien mir kleine Ungenauigkeit verziehen.

Man neigt als Zuschauer bei einer Verfilmung wie dieser dazu, dem Stimmungsaufbau nicht allzu viel Bedeutung zuzumessen, hat man doch schon so viele 1984-Ableger, -Umsetzungen und bezugnehmende Kommentare gelesen (der Buchname darf in keiner Rechtfertigungsschrift FÜR Raubkopien und GEGEN popelige Überwachungskameras am Hauptbahnhof fehlen), dass man die Atmosphäre-Stellen fast schon überspringen möchte, um zu seinen Lieblingssequenzen zu kommen. Zum Beispiel die, in der John Sheridan von seinem Verhörer stundenlang zur Verdrehung der Wahrheit gebracht werden soll. Wie? Ach, das war ja das Kammerspiel aus der 4. Staffel „Babylon 5“, verdammt, verwechselt! – Ach, dieses „1984“ versaut einem mit seiner epidemischen Dauer-Neuinterpretationswelle die schönste Gehirnwäsche zu ungeordnetem Chaos…

Wie dem auch sei: Dieser Film ist trotzdem ein guter! Wenn gleichgekleidete Heinzelmännchen mit selbstentwickelter Doofensprache („Dieses fleischlose Fleischgericht schmeckt doppel-plus gut, oder?“) in grün gestrichenen Kellern abhängen, die optisch zwischen „Matrix“ (Grünstich) und „Fight Club“ (Keller) rangieren, ist die Stimmung sofort auf Doppel-Plus. Obwohl ich schon oft gesehen oder gedanklich nacherlebt habe, wie ein Fernseher mich mit Namen anspricht und zum Frühsport animiert (bei mir sagt er immer: „Nimm mich, Du Tiger“ – bis der Pornofilm zu ende ist!), ist es immer wieder eine Wonne, Leuten dabei zusehen, wie sie anscheinend keine Wanne haben. Und sich jeden Tag eine neue Vergangenheit schnitzen müssen. – Da komme ich mir, der ich jeden Tag 178x „SPIEGEL ONLINE“ aktualisiere, um mich an Meldungen wie „Facebook-Aktie toll, aber weniger toll als erwartet“ zu „erfreuen“, doch gleich 20% weniger durchgeknallt vor!

„Verdammt! Da fällt mir endlich ein lustiges Wanderlied ein und dann gibt es keinen einzigen Reim auf ‚Schutt‘!“ – Abgelaufen: Die „Fußgängerzone“ heißt hier vermutlich nur deshalb so, weil einem beim Spazierengehen halb verweste Füße entgegen ragen. Diese Welt hat allerdings auch viele Vorzüge. So haben z.B. Taschendiebstähle seit dem Verbot von Tascheninhalten rapide abgenommen!

Die Atmosphäre hat diesen Retro-Chic, den man nur in älteren Filmen findet, bei denen zugekackte Wände noch nicht per Bluescreen erschaffen werden, sondern dem Regieassistenten noch liebevoll das handgemischte Abführmittel in das Essen gerührt wurde. Der Spruch „Weniger ist mehr“ ist natürlich etwas abgedroschen, aber wenn man sich vorstellt, wie alleine J.J.Abrams diesen Stoff neu verfilmt hätte (90 Minuten wird nicht verraten, dass „Brother“ mit Vornamen „Big“ heißt. Mit Wackelkamera!), ist man doch froh über diesen Film, bei dem versiffte Prostituierte ihr doppelt beschämendes Schamdreieck entblößen und die Hauptfigur aus dem Off vorlesen darf: „Es war wieder einer jener Tage, an denen mir der Putz in die Teetasse fiel und den Geschmack verbesserte…“ – Ich stehe ja auf so etwas!

Der Hauptdarsteller ist ein echter Charakterkopf, der philosophische Aufbau vorhanden, aber nicht nervig künstlerisch rübergebracht. Gerade bei so einem Stoff könnte man nämlich als Regisseur schnell in die Verquarzten-Ecke abdriften und sich mit unpassenden Einsprengseln (= “Der Protagonist hat Visionen von Engeln, die Zigarre rauchen!“) von der Masse der 1984-Verehrer abzuheben versuchen. Trotzdem ist der Bildaufbau und die Beleuchtung in fast jeder Situation perfekt wie ein Gemälde von… – was habt ihr doch gleich für einen Lieblingsmaler? Ja, Matt Groening ist okay, Leute…

Alleine, wie Herr Pro Tagonist durch den schwarzen Schlamm der „Straße“ stapft (hier würde ein Nuklearer Winter durch Schnee schon einiges verschönern!), ist eine Augenweide für Masochisten. Oder wie mir die nasse, kantige, rostige Umgebung in jeder Sekunde anschreit, dass ich dort unmöglich sein möchte und meine Oma mit ihren Nachkriegshorrorstorys („Wir mussten die Farbe von den Verkehrsschildern essen!“) womöglich noch derbe untertrieben hat. Und natürlich hat es ein Film immer einfacher, der mit Dialogen wie „Ein Triumph der Willenskraft über dem Orgasmus“ punkten kann und das sogar ernst meinen darf.


„Hey, sieh Dir das an, Julia! Im Arm eines anderen einschlafen ist nur erlaubt, wenn dieser unter Strom steht oder mit schmerzhaften Nietenarmbändern bedeckt ist!“ – Ero-Tick: Sexualität ist unter der Aufsicht von „Big Brother“ verpönt. Warum? Vermutlich, weil ihm heimliches Zuschauen ALLEIN nicht mehr verrucht-verboten genug erschienen ist. Schließlich trägt das allgegenwärtige Gesicht vom Groß-Bruder einen deutlichen Pornobalken!

Aber nicht, dass wir uns aufgrund des doppeldeutig-Wortspiel-Sprechs auf Zukunftia missverstehen: „Nineteen Eighty-Four“ ist kein Vergnügen, wenn auch auf eine erlaubt-hochqualitative Weise! Die meiste Zeit glotzt der Hauptdarsteller sich die Tränendrüsen blasig, starrt bedeutungsschwanger auf gekringelte Schamhaare oder latscht durch Gegenden, in denen der Einschlag einer Atombombe als „Städtische Verbesserungsmaßnahme“ durchgehen würde. Nein, das macht eigentlich so viel Spaß wie Wasserlassen bei Kopfstand, und wer sich den Film gleich danach wieder anschaut, um verzückt von einem „Cineastischen Schmetterling“ zu schwärmen, gräbt auf dem Friedhof vermutlich auch Leichen aus und setzt sie als „neue Freundin“ in den Fernsehsessel.

Selbst die echte Liebe ist in dieser Welt so unterkühlt wie Dieter Bohlen beim Besuch eines Treffens von Frauen mit Gewichtsproblemen. Andererseits spricht es schon sehr FÜR die Stimmung von „1984“, wenn jede zarte Umarmung von blassen Pigmentverweigerern in diesem gammeligen Schimmelpilz-Bundesstaat beinahe schon wie Pornografie wirkt.

Als Zuschauer lässt man jedoch jede popelige Resthoffnung fahren, wenn der nette, ältere Herr von Nebenan sich als Gedankenpolizist entpuppt und sich die letzten warmen Momente der Story nachträglich in einen 5-Kilo-Eiszapfen verwandeln, der einem von oben durch den Schädel fährt. Oder wenn eine Nebenfigur eingesperrt wird, sie aber stolz und froh ist, weil die eigene Tochter das angebliche Gedankenverbrechen aufgespürt hat. – Welch bizarre Welt, in der selbst die Supernanny vom 6-Jährigen zum Schafott geführt werden würde, wenn sie den falschen Lippenstift auftragen würde!

„Okay, okay, ich bin vielleicht nicht der beste Friseur der Welt, aber daaafür dürfen sie das rote Haargel an ihrer Stirn ja auch umsonst behalten!“ – Nasenblut tut selten gut: Winston erfährt in dieser dramatischen Sequenz, dass die Partei ihre zahlreichen Kriege mit dem Abholzen geschützter Läuse-Brutplätze finanziert. Zur weiteren Verdeutlichung sehen wir hier auch die berühmte „Schere zwischen Arm und Reich“…

Am stärksten ist aber das Ende, als ein bewundernswert gefestigter Verhörer unseren Winston auf die Streckbank schnallt, bis er schnallt, dass die absurdesten Dinge wahr sind, wenn man bei deren Bezweifeln nur genügend Aua-Stimulanz erfährt. Sein Peiniger ist nicht böse, nicht aufbrausend oder wenigstens dumm und hässlich, nein, in seiner verdrehten Gedankenwelt blitzt fast schon so etwas wie Fürsorge auf. Fast wie eine besorgte Christen-Mutti, die ihr Kinder verprügelt und danach stolz darauf ist, dass es niemals wegen Onanierens in die Hölle muss.

Am Ende bleibt keine sonderlich große Hoffnung, kein großer Wurf, keinen Actionsequenz, kein großes Aufopfern oder auch keine epische Kamerafahrt zur Deckenlampe mit Pauken und Pamphleten. Die Story verpufft, ganz wie in George Orwells Buch, zwischen allen Stühlen und Gefühlen. Geliebte haben sich gegenseitig verraten und sprechen dennoch miteinander, der Hauptdarsteller ist dem Tode geweiht, aber nicht während der Filmlaufzeit. Er ist besiegt, aber man ahnt, dass auch das Regime trotzdem irgendwann besiegt werden könnte. Niemand wurde getötet und doch fühlt man sich selber nach dem Ansehen wie ein Zombie…

Der Film greift die wichtigsten Szenen des Buches auf, aber die erzählerische Intensität desselben kann man mit dreimaliger Erwähnung von 2-3 nachträglich geänderten Erlebnissen aus der Vergangenheit nicht erreichen. Kaum jemand bemüht sich zudem, in Neusprech zu reden und ab und zu wünscht man sich doch, die Schauspieler hätten wenigstens in den intimen Momenten einige Gesichtsausdrücke zusätzlich drauf.


Fazit: Verdammtes Fazit schon wieder! Diese Review-Notwendigkeit hat uns die brutalstmögliche Content-Mafia aufgedrückt, wetten?! Wie soll man einen perfekt inszenierten Film beurteilen, der aber größtenteils dennoch schwerfällig, emotionsarm und mit sehr flacher Spannungskurve daherkommt? Und wäre eine noch BESSERE, emotionalere, mitreißendere Verfilmung denkbar? Ich denke, JA, und somit gebe ich rein gefühlsmäßig die folgende Bewertung. Auch wenn viele alleine deshalb widersprechen werden, weil sie Angst haben, die Kulturbeilage einer beliebigen Zeitung könnte sie in der Nacht darauf erwürgen, wenn sie es nicht tun…

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Artikel

von Klapowski am 22.05.12 in Film-Review

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Kommentare (1)

  1. biermaaan sagt:

    Ein wenig knausrig mit den Punkten mein lieber Klapo, ich finde das ist die Referenz was 1984 Verfilmung angeht. Hat mich fast genau so verstört wie früher das Buch beim ersten Lesen. Diese Trostlosigkeit wird in Bildern einfach intensiver rübergebracht.
    Trotzdem gutes Review! Als nächstes kannst ja mal Pi anschauen, ebenfalls ziemlich abgefuckt.

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