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Doctor Who – 6.11 – „The God Complex“ Review

Nur in Jugendherbergen laufen NOCH seltsamere Gestalten herum: Der Doctor muss sich dieses mal mit den Unwägbarkeiten der Gastronomie herumschlagen, denn in der „Servicewüste Milchstraße“ ist der Gast nur dann gerne gesehen, wenn er nicht im Hotelbett schläft, sondern auf dem Flur. Und nie wieder aufsteht. Der Doctor nimmt sich des Problems an und muss erkennen, dass die ANGST der schlimmste Feind ist. Zumindest dann, wenn sie das Zimmer neben einem bezogen hat und nachts um 12 noch auf der Posaune spielt.

Inhalt: Amy, Rory und Docy landen versehentlich in einem Hotel, aus dem es kein Entkommen gibt, dafür aber noch 4 andere Mitstreiter. In jedem Zimmer wartet eine andere, gruselige Seltsamkeit darauf, das Hirn für den eigentlichen Obermotz garzukochen: Einen Zimmerpagen mit Hörnern.

Wertung:

Die Episode krankte anfangs ein bisschen daran, dass es eben nicht darum ging, möglichst furchtbare Ängste zu zeigen und diese mittels Selbstbeherrschung zu überwinden (“Keine Angst, Klapo, SGU wurde doch abgesetzt. Alle Rezensionen sind geschrieben, ruuuhig!“). Es ging vielmehr um den Glauben, der dadurch wachgerufen wurde, was allerdings auch Atheisten keinen Freibrief verschaffte: Alleine das Vorhandensein einer bloßen Weltanschauung reichte aus, um als Leiche rausgereicht zu werden. Dass der Begriff „Glaube“ so großzügig definiert wurde, dass sogar ein SPD-Parteibuch für einen Abnippel-Freifahrtsschein gereicht hätte, das schwächte die Grundidee dann doch etwas ab.

„Bin ich hier richtig in der Bundestagskantine des Jahres 2493?“ – „Hören sie mal! Hier sitzen Holzpuppen an Tischen, deren Köpfe von unsichtbaren Helfern gesteuert werden!“ – „Okay, das ist dann wohl ein Ja?“ – Gefesselt und vernebelt: Hier drängen sich Wortspiele zum Thema „Lobby-Arbeit in der Lobby“ so sehr auf, dass es schon fast an Stalking grenzt.

Der Spieler „glaubte“ also an das Glück (wer tut das nicht, außer Lady Diana in ihren letzten Sekunden?) und der Nerd wurde durch lachende Mädels in dem tief-religiösen Glauben daran bestärkt, dass der amerikanische Staat sich über seine Sprachprobleme lustig machen wollte? Gnaaaah… Okaaay, ich halte der Folge zugute, dass sie kein psychologisches Schulungsvideo sein sollte. Und irgendwie musste man ja zu dem Höhepunkt gelangen, der daraus bestand, dass Amy den Glauben an den Doctor verlieren sollte.

Was allerdings auch sehr ratz-fatz passierte: Stellt Euch vor, es steht ein tobüchtiger Minotaurus in der Tür und Euer langjähriger Kumpel versucht Euch klarzumachen, dass ER damals Eure Playstation kaputtgemacht hat und er Eure bescheuerte Sammlung aus Buffy-Comics nur deswegen toll fand, um an Eure Schwester dranzukommen. Gut, der Doctor bringt das auf einer anderen Ebene rüber („Ich wusste immer, dass das alles gefährlich für dich ist.“ – Sie etwa nicht? Amy doooof?), ist dabei aber schon wieder so liebevoll (*Knutsch*) und selbstironisch („I’m a mad man in a blue box.“), dass ich mich frage, ob er ihren Glauben nun auslöschen oder ihn bestärken und somit SIE auslöschen wollte. ICH hätte ihr da wohl spontan eine auf die Nase gezimmert, statt durchschaubare Psychoreden zu schwingen, die nicht mal meine Exfreundin verärgert hätten. Und das heißt schon was…

Nett und moralisch auf Triple-A-Niveau war des Doctors Mitgefühl mit dem Minotaurus, dem es selber überdrüssig wurde, sich das Trinkgeld ständig aus fremden Seelen reißen zu müssen. Aber war es clever, das Monstrum in einem Raum zu stellen und ihn in ein einseitiges Gespräch darüber zu verwickeln, warum dieses alle Nebendarsteller äh… umrülpst? Würde der Doc einem ausgebrochenen Tiger etwa auch Fragen zur aktuellen Asylpolitik in der Andromeda-Galaxie stellen? Und was genau geschah denn jetzt mit den angefallenen Burschis? Mussten die ihre Seele aus den Nasenlöchern pullern lassen und bekamen dann eine Quittung dafür? – Klar, Doctor Who ist zum Teil auch eine Kinderserie, aber so richtig ernst nehmen konnte ich den antiken Flokati-Griechen da nicht, auch wenn die Maske ganz in Ordnung war.

„Amy, bitte vertraue mir in dieser heiklen Situation NICHT!“ – „Wenn sieeee das sagen, tue ich das natürlich. (schmacht)…“ – Schönes Detail für Nasenblutfans: Rory, der erste Türmagnet, der auch auf Holz haftet, verschwindet bis zum Ende der Szene einfach in der Zimmerecke. DAS haben sich selbst die TOS-Autoren damals nicht mit Chekov und Sulu getraut! („Die sind im Zwischenraum von Schiebetür und Wand eingeklemmt, waruuum fragt ihr?“)

Was das Ganze allerdings wieder aufwertet, ist der generelle Drive des Ganzen. Ein Hotel, in dem hinter jeder Tür ein Angstmacher wartet, ist nicht nur die Antithese zu einem Freudenhaus, sondern auch noch hervorragender Stoff für den Deutschunterricht: „Analysiere auf zwei Seiten, auf welche Art die Hotelgänge die Unpersönlichkeit und Austauschbarkeit menschlicher Bindungen und Ziele reflektieren. Bonusaufgabe: Ergründe des Sinn des Goldfisches!“ – Schade nur, dass uns die größte Angst des Doctors vorenthalten wurde, aber so weit wollte man sich vielleicht dann doch nicht aus dem zugemauerten Fenster lehnen. Wenngleich: Es würde Sinn machen, dass es Amys zerfetzter Körper ist, lässt der Doctor sie und Rory immerhin am Ende der Folge mit diesen Worten zurück.

Wie so oft lebt diese Geschichte aber vom Tempo und der Örtlichkeit, denn ein weiterer Dreh in der Sparrenburg (Bielefeld) wie im Flesh-Zweiteiler hätte wohl nur für ein genervtes Wimmern des Schlossgespenstes gereicht. Und kleinere Logikpatzer gibt es natürlich auch wieder: Wie ging das System sicher, dass jeder irgendwann auf „seine“ Angst trifft, wenn es Hunderte Türen gibt? Warum lief die erste Gruppe sich eine Woche lang den Wolf (brrrr, Wölfe. Angst!), um dann doch im Eiltempo gemetzelt zu werden? Ein sehr undurchsichtiger Hungerrhythmus beim Herrn Taurus. Drüsenproblem?

„Okay, DIES ist mal ein Free-To-Play-Computerspiel, bei dem es wirklich Sinn macht, sich die Kacheln im Itemshop dazu zu kaufen…“ – Jeder Plot wird mal „aufgelöst“: Bei diesem Abschalt-Effekt können die Holodecks von Star Trek nur verärgert mit ihrem herausgezogenen Netzstecker abwinken. Und beim Who gibt es sogar noch ein Spotlight auf storyrelevante Figuren gratis dazu!

Und machte es Sinn, dass der Minotaurus nach einer(!) gecancelten Mahlzeit schon in die Löffelchenstellung geht um selbiges Esswerkzeug abzugeben? Schön allerdings einige Kameraeinstellungen, die fast ein wenig gruselig waren. Erwähnte ich schon, dass sie in meinem Lieblingsland Nordkorea ausschließlich die gleichen Tapeten benutzen?


Fazit: Überdurchschnittliche Episode, die eventuell auch als preisgünstiges K(l)ammerspiel („Doctor, lass uns nicht für eine Folge allein!!“) zählen könnte. Wem beim „10-kleine-Negerlein“-Singen nicht prinzipiell die (Bewertungs-)Noten im Halse stecken bleiben, kann sich über eine grundsolide Who-hlfühlfolge freuen. Immerhin gab es mit Puppen, Steinengeln, Tiermonstern und Companiongeheule wieder alle prämierten Markenzeichen der Serie.

ACTION
HUMOR
TIEFSINN
ALLES IN ALLEM
SPARKS MICKRIGER MEINUNGSKASTEN
Mehr Schein als The Shining
Die Einrichtung stammt noch aus den 80ern, vom Personal ist nichts zu sehen und der gehörnte Hotel-Betreiber will einem das letzte bisschen Seele aus dem Leib reißen.

Nein, nein, falsch geraten. Dabei handelt es sich nämlich nicht um einen typischen All-Inclusive Urlaub der unteren Preisklasse, sondern um das neueste Abenteuer des Docs! Aber ordentlich sparen wollte man hier wohl auch, den wie in den vorherigen Folgen wählte man erneut eine sehr irdische Kulisse. Womit ich gar kein Problem hätte, wenn man aktuell nicht pausenlos die Sets aus den Studios nebenan moppsen würde. Was kommt als Nächstes? Dimensonswesen unterwandern „Der Preis ist heiß“?

Und die Gaga-Idee „Jedem sein Türchen in den eigenen Kopp“ gefiel mir anfangs sogar sehr. Nur wurde diese nur für ein paar kleine Späßchen (Bauchredner-Puppen, Depri-Clown) eingesetzt und war am Ende kaum Teil der Problemlösung. Welche mit ihrer „Du musst nur an DICH glauben!“-Botschaft übrigens, ähnlich wie das Hotel selbst, sowieso besser in eine 80er-Serie gepasst hätte.

Letztendlich hatte ich am Ende halt das Gefühl, alles erst kürzlich schon einmal gesehen zu haben. Doc/Amy-Charakterschwall erst in der Folge zuvor und die Sparfolge um den Butzengrusel im Puppenhaus DAVOR. Quasi zwei Folgen in einer zum Preis einer halben!

Fazit: Flotte Folge mit „Team Who“-Bonus, aber viel verschenktem Potential. Irgendwie nerven mich auch mittlerweile diese faulen Erklärungen á la „Diese Alien-Rasse saugt halt Glauben aus.“, welche wohl selbst für Evolutions-Hasser zu bekloppt sind. Das ist einfach „Ursache und Wirkung“ auf niedrigstem Niveau und funktioniert in diesem Form wohl auch nur in der Science-Fiction. (Sherlock Holmes: „Der Mörder litt an unheilbarer Mörderitis. Ein Blick in seine Krankenakte hat ihn verraten!“)

Wertung: 6 von 10 Punkten


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Artikel

von Klapowski am 18.09.11 in TV-Review

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Kommentare (14)

  1. DJ Doena sagt:

    Ist euch aufgefallen, dass des Doktors Raum die Nummer 11 war?

    Nächste Woche ist ja lt. Vorschau ohne Amy und Rory. Heißt das, nächstes Jahr eine neue Companion?

    Das des Doktors Rauminhalt nicht gezeigt wurde, soll wahrscheinlich das Mysterium aufrecht erhalten, so wie das „Mysterium“ seines Namens (nicht dass er mich wirkich interessieren würde). Könnte mir vorstellen, dass in dem Raum Nichts war. Würde zum ihm passen, dass er am meisten davor Angst hat, keine Abenteuer mehr zu erleben.

    PS: Kennt ihr eigentlich dieses an Doctor Who (und Star Wars) angelehnte Video?

    http://djdoena.tumblr.com/post/9991526125/a-new-pope-coverage-of-a-sci-fi-ceremony-in-a

  2. Raketenwurm sagt:

    Nee, weils glaube ich doch nur an Star Wars angelehnt ist.
    Und in des Doctors Angstzimmer saß natürlich Jonathan Powell, der damals 1989 die Serie einfach abgesetzt hat.

    Amy und Rory werden im übrigen (Achtung Spoiler !) seeeehr wahrscheinlich im Finale zugegen sein, laut aktuellen Drehortfotos auch im Weihnachtsspecial, sowie in der nächsten Staffel – wenn vermutlich dann aber nur noch als Gaststars.

    Ansonsten die Folge – nett. Kann ich diesmal nur zustimmen, was da K’n’S hier geschrieben haben. Und am gruseligsten fand ich ja auch die Tapete…

    • DJ Doena sagt:

      Ich fand den „Trifelge Boutanage“ und das „still living brain“ und der „removable hard-drive planet“ eher Doctor als Star Wars auch wenn natürlich das generelle Szenario ebenso auf letzteres anspielte.

  3. Maria sagt:

    Mir gefiel das Ende. Endlich gibt der Doc auch vor sich selbst und anderen zu, dass er seine Gefährten aus Eitelkeit / Selbstgefälligkeit (vain) mit auf seine Reisen nimmt. Für ihn war das Aufgeben der Beziehung zu Amy/Rory besimmt eine der selbstlosesten Sachen, die er bisher getan hat. Denn tatsächlich sind es immer die anderen, die den Preis für seine Abenteuer zahlen. Mir wird Rory fehlen, denn er verstand es wie kein anderer dem Doctor den Spiegel vorzuhalten. Schön auch, dass Amy endlich (emotional) erwachsen geworden ist.

    • DJ Doena sagt:

      Es ist auch das erste Mal seit dem Reboot, das es der Doktor war, der seine Companion(s) weggeschickt hat.

      Rose ist unfreiwillig im AU gelandet.

      Mickey ist freiwillig dort geblieben.

      Martha ist von sich aus wieder gegangen.

      Donna blieb keine Wahl.

      Und auch Sarah-Jane Smith (RIP Elizabeth Sladen) ist freiwillig wieder nach Hause gegangen.

  4. Fluegelkran sagt:

    Bin ich der einzige, der in dem Raum vom Doktor eine Uhr gehört hat?
    Er selbst sagt ja dabei „Of course. What could it be else?“
    Erinnert mich an die „Sterbeszene“ vom 10. Doktor.

  5. Raketenwurm sagt:

    Das war die sogenannte „Cloister Bell“ – das Alarmsignal der TARDIS – successfully warning the Doctor about terrible things since 1981.

  6. FF sagt:

    Ich fand die Folge eine unter vielen austauschbaren, viel rumgerenne vor obskuren Sachen ohne das man dazu irgendeinen Bezug entwickeln würde.

    Einziger Lichtblick, dass am Ende Amy & Rory entsorgt wurden, aber selbst das ist nicht wirklich entgültig, da man sie noch paar Mal wiedersehen wird. Also auch hier eine starke Einschränkung.

  7. Rasenmann sagt:

    ich vermute ja, dass der Raum des Docs nur ihn selbst alleine in der Tardis zeigte.
    (Weil vorm „alleinesein“ scheint er ja am meistens Angst zu haben). Irgendein Fein von ihm war es ganz sicher nicht. Vor Daleks, Cybermen, Master oder whatever hat der Doc ja eigentlich keine Angst. Wenn aber seine größte Angst ist alleine zu sein, würde es auch gut zu der letzten Szene passen, in der sich der Doc unruhig in der leeren Tarids umsieht.

    btw. ich hab nicht damit gerechnet dass Amy und Rory so plötzlich abgesetzt werden. (eher beim Staffelfinale). ISt aber wohl konsequent nach der letzten Folge.

  8. Hiramas sagt:

    Ganz ok soweit eigentlich. Nicht die beste, nicht die schlechteste Folge. Ich würde dem Doc mal einen beständigen Compagnien wie Rory (den späteren, wie ihn Maria beschrieb) gönnen. Der nicht einfach eigensinnig und widerspänstig ist, weile so süß ist (Amy, Rose) sondern der dem Doctor echt mal was entgegenbringt. Vielleicht ihm sogar ebenbürtig ist. Merke grade das ich River beschreibe…. ok dann wäre die Sache auch gegessen.

  9. Z3R0B4NG sagt:

    An das erste Bild in dem Artikel erinner ich mich noch, bei den anderen 2 hab ich schon tief geschlafen.

    So wie die Folge angefangen hat glaube ich nicht das ich irgendwas verpasst habe.

    Ich warte dann mal auf die nächste, aber ich glaube die Serie verliert mich langsam, wenigstens bis der nächste Dr. / die nächsten Companions auftauchen (dieses 3er gespann nervt mich langsam).

    Das ganze wirkt immer weniger wie ne SciFi serie auf mich und immer mehr wie *Tardis landet auf random Theater Bühne mit durchgeknallten Plotdevices*

    bah..

    • FF sagt:

      „Ich warte dann mal auf die nächste, aber ich glaube die Serie verliert mich langsam, wenigstens bis der nächste Dr. / die nächsten Companions auftauchen (dieses 3er gespann nervt mich langsam).

      Das ganze wirkt immer weniger wie ne SciFi serie auf mich und immer mehr wie *Tardis landet auf random Theater Bühne mit durchgeknallten Plotdevices*

      bah..“

      dito

    • DJ Doena sagt:

      *Tardis landet auf random Theater Bühne mit durchgeknallten Plotdevices*

      Das war die Serie eigentlich schon immer.

  10. FF sagt:

    „Das war die Serie eigentlich schon immer.“

    Trotzdem hatte ich z.B. besonders beim 9. Doctor noch eher das Gefühl, dass es verrückte Begebenheiten in einer echten Welt sind und nicht nur verrückte Begebenheiten auf einer Bühne.

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