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Doctor Who – 6.09 – „Night Terrors“ Review

Starre Roboter- und Puppenköpfe… Irgendjemand muss recht früh im Whoniversum festgelegt haben, dass sich alle Bösewichter streng nach menschlichen Angstmechanismen zu kleiden haben. Aber gut: In anderen Serien nennt man „Barbie & Ken“ ja auch einfach „Pilli und Pulli“ und macht sie zu den optisch austauschbaren Hauptfiguren irgendeines Mysteryblödsinns. – Lassen wir heute also wieder mal die Puppen tanzen. Oder sie UNS?

Inhalt: Der Doctor erhält einen telepathischen Hilferuf von einem kleinen Jungen, in dessen Schrank es offensichtlich spukt. Während er mit Papa und dem Kleinen spricht, verschlägt es Amy und Rory per Fahrstuhl in eine seltsame Parallelwelt.

Wertung:

Bekommt der Doctor tatsächlich immer ein Raum/Zeit-Memo auf sein iKnow, wenn irgendwo ein Kind Angst hat? Ich frage nur, falls er seinen Furchtempfänger mal weitergeben sollte, damit es eine Spin-Off-Serie geben kann: „Und nun auf BBC: ‚Doctor Jugendamt“! Wo getrunken, geschlagen oder sonstwie missbraucht wird, ist Doc J-Amt zur Stelle, um ein buntes Micky-Maus-Pflaster zu hinterlassen! Doctor J-Amt wird auch spät abends und unangemeldet noch freundlich empfangen, denn er ist DER Mann, der klären kann, woher die seltsamen blauen Flecken am Oberarm des Kindes stammen und wieso man die Babys der dauerschwangeren Dame des Hauses niemals sieht, dafür aber die großen Blumentöpfe immer zahlreicher werden. ‚Doctor Jugendamt‘, jetzt auch mit dem Ableger ‚Fortwood‘, dem Kinderheim für GANZ harte Fälle.“

Tja, und selbst eine so ungewöhnliche Serie wie diese hat eben manchmal ihre Standardmomente: Monster mit Puppengesichtern? – Auch billige Kreativität gibt es noch im Dutzend günstiger. Kindheitsängste sind real? – Dazu gibt es doch schon länger was von „Ratio-Spar’n“. Fahrstühle stürzen ab? – Na, Antigravitation im Treppenhaus wäre ja auch zu modern gewesen. Amy und Rory irren durch ein Geisterappartment? – Na, umgekehrt wäre ja auch zu wenig Platz, ha-ha. Der Doctor setzt mit dem Screwdriver Kinderspielzeug in Bewegung? – Irgendwie muss man ja schnell eine Beziehung zum zukünftigen Froh-tagonisten aufbauen. Der Vermieter ist eine fiese Sau? – Natürlich, schließlich kümmert sich sein unsympathischer Hund um die Instandhaltungen!

„Von wegen, meine Zigarette hat ein Loch in den Fußboden gebrannt. Die kleine Stelle kann man ja kaum… sehääään?!“ – Fußboden bis zum Hoden: Warum ein ausgewachsener Mann in einer Wohnung lebt, die selbst meiner Oma das Gefühl gegeben hätte, bei ihrer Oma zu Besuch zu sein, ist mir unklar. Allerdings ist er mit dieser Einrichtung letztendlich ja dann doch tüchtig „reingefallen“.

Vielleicht liegt es aber auch daran, dass man nach jeder Steven-Moffat-Episode schockiert ist, wenn man alles OHNE Knoten im Kopf oder Schweißtropfen auf dem Notizzettel kapiert, die wirren Optik-Ideen zugunsten des Budgets auf „Okay, DIE Locations könnte ich bis Morgen auch organisieren“ zurechtgestaucht werden und das Universumsschicksal zugunsten eines „Mülltütenmonsters“ mal zurückstehen muss. Derlei Understatement und das Aufgreifen von kleinen Psychoticks heranwachsender Schizophreniepatienten machen die Serie ja auch so sympathisch. Und das sage ich nicht nur, weil ich seit 5 Jahren weiß, dass Benjamin Sisko seit seinem Sturz in den Lavasee hinter meinen Badezimmerarmaturen lebt.

Äh, wo war ich? Der Junge. Hatte einfach nur Todesangst vor Puppen und dem Verlassenwerden. Klingt zwar seltsam, aber manche von uns haben schließlich auch Angst, dass ihre Puppe sie verlässt. – So weit, so Who. Insgesamt eine recht harmlose Folge, die psychologisch auf so dünnem Eis balanciert, dass ihr teilweise schon das Eiswasser in die Nase schwappt. Gerne hätte ich mehr darüber erfahren, wo der überirdische Bengel denn nun genau herkommt und warum er sich kinderlosen Paaren als Nachwuchs anbot, obwohl ICH zeitgleich versucht habe, einen Kissenhaufen per Gedankenkraft in meine Traumfrau umzutransformieren.

Und ich bezweifle auch, dass ein realer Vater, der gerade in dem imaginären Puppenhaus eines Wandschrankes herumgewandelt ist, eine Stunde später schon wieder butterbrotschmierend in der Küche steht. Fehlte nur noch, dass er seinem Sohn auf 3 Quadratmetern einen Baseball zugeworfen hätte, während der Doctor die Federbälle aus dem Speicher gekramt hätte („I’m the Doctor of Love.“). Mal ehrlich: Das eigene Kind ist irgendein fremdartiges Wesen, das sich in unser Leben geschlichen und unsere Gedanken verändert hat? „Verdammt, DESWEGEN haben wir nach seiner ‚Geburt‘ keine Windeln im Haus gehabt, haha.“ – Aber der Geruch ist ja zum Glück inzwischen raus.

„Aaah! Nicht in den Schrank ziehen! Tun sie doch was, Doctor!“ – „Sorry, mit dieser Art TARDIS kenne ich mich nicht aus. Die Konsole da drin scheint aus Kinderschuhen und Bommelmützen zu bestehen.“ – Geht allen hier mächtig auf den Suck: Dieser Schrank ist gefräßig wie ein Who-Autor, dem man drei Tage lang die LSD-Tabletten aus der Müslischachtel gemopst hat.

Dass alle Besucher in Holzpuppen verwandelt wurden, kam mir zwar nicht superlogisch vor („Ich habe Angst, daher erschaffe ich unbewusst NOCH MEHR Angstmacher?“), aber wer sich rational durch Fakewelten rezensieren will, muss wohl (Siegmund) Freud heißen und auch selbige bei sinnlosen Analysen empfinden.

Weitere kleine Mäkeleien: Die Oma und den fiesen Verwalter hätte man sogar komplett weglassen können, dienten diese doch nur als Redshirts, welche zeigten, dass man beim Weglaufen unbedingt die 0,4 km/h überschreiten sollte. Besonders clever stellten sich die echten Hauptfiguren aber trotz mahnenden Negativbeispielen nicht an: Rory blieb mal gerade reglos am Treppenabsatz stehen, als Amy „verpuppt“ wurde („Oh, verdammt! Schon wieder jahrelang die Partnerbörsen im Internet abgrasen…“), mal ganz davon abgesehen, dass sich alle recht sparsam gegen die Püppchen verteidigten.

Aber so ein Nebendarsteller im Kürbiskopfkostüm nimmt es einem natürlich auch übel, wenn man ihn so vertrimmt, dass er eine Woche später vor Schwellungen nicht mehr in sein „Silent“-Kostüm passt.

„Oh Gott, er trägt eine Michael-Jackson-Maske!“ – „Nein, es ist… es ist Pinocchio! Und er hat eine geheime Beziehung zu… einer Domina mit Hobelbank?!“ – Irre sein, das ist nicht schwer, irre schreiben jedoch sehr: Manchmal stelle ich mir nur zum Spaß vor, wie ein deutscher Autor zu einem deutschen Sender geht und ein Konzept wie dieses vorschlägt. Ich höre dann allerdings wieder damit auf, weil meine Phantasie sehr lebhaft ist und mir Schläge und Tritte zu sehr wehtun…


Fazit: Nette Folge für die Zeit zwischen zwei Zwischendurchs, die irgendwie in allen Belangen nach „Durchschnitt“ und „Typisch für die Serie“ schmeckt. Wirklich gegruselt habe ich mich nicht, obwohl das Flutlicht vorbildlich im Holzschrank versteckt wurde und gemäß der „Schüttel-DIN 291“ auch einige Vibrationen das Kinderzimmer erbeben ließen.

Am Schluss fehlte einfach zu viel Story-Fleisch am „Du musst dich deinen Ängsten stellen“-Knochen. Aber wirklich schlimm ist das nicht, weswegen ich gut gelaunt die diesmal eingesparten 329,28 Pfund in die Dalek-Spardose stecke und mich schon auf die nächste (aufwendiger aussehende) Episode freue.

ACTION
HUMOR
TIEFSINN
ALLES IN ALLEM
SPARKS MICKRIGER MEINUNGSKASTEN
Jeder Schrank macht schlank
Gut erkannt: Seelenlose Plattenbau-Wohnungen auf engsten Raum gehören auch weiterhin zu den unheimlichsten Schauplätzen im gesamten Universum. Daher will ich dieses Mal darin auch keinen Kritikpunkt sehen. Höchstens darin, daß der Doc eigentlich viel zu schnell vor Ort war, um sich noch glaubhaft als Jugendamt-Mitarbeiter ausgeben zu können. Hatte der Vater doch schließlich nicht einmal den vierfachen Familienhilfeantrag ausgefüllt, woraufhin ihm erst ein Info-Flyer („Wir sind immer für Sie da! Öffnungszeiten: Di. und Do. von 12 bis 15 Uhr“) zugeschickt würde.

Kritischer wurde ich aber beim… Ki… Ki-Ki… Kind! Nicht nur zerstört dieses vor lauter naselaufender Schluffigkeit sämtliche Fortpflanzungswünsche des Zuschauers, auch dessen Hintergrundstory ist so platt wie ein Transformers-Drehbuch. Da muß erst der Doctor durch seinen Elan wieder Schwung in die mickrige Bude bringen. Auch, wenn dieser meistens nur daraus besteht, daß alle Beteiligten im Dunkeln vor ein paar deformierten Typen davonrennen. Noch nie auf einer Zukunftia-Weihnachtsfeier gewesen, oder wie?

Aber wenigstens war alles wieder schön gefilmt, worin „Doctor Who“ sowieso mit der Zeit immer besser geworden ist. Die Kameraeinstellungen! Die Stimmung! Haaaach! Gut, den Effekt des „im Boden versinken“ üben wir besser nochmal, aber manchmal ist sowas ja auch eine Sache der Kohlen.

Fazit: Nette kleine Doc-Folge für Sparsame, welche sich etwas zu sehr auf Spannung durch Dunkelheit verlässt. Durch die üblichen Energien von „Team Who“ aber durchaus sehenswert, so daß ich einmal ein 6 von 10 in das Feld für die Punktezahl eintrage.


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Artikel

von Klapowski am 04.09.11 in TV-Review

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Kommentare (11)

  1. Raketenwurm sagt:

    Für mich das bisherige Lowlight der Staffel – langweilig, generisch und vorhersehbar, und vor allem weitaus kinderfernsehhafter als die Sarah Jane Adventures, was so eigentlich nicht sein darf. Aber es muss eben immer zwei-drei Gurken pro Staffel geben, das ist das Gesetz der Serie. Und entsprechend kommen ja jetzt nur noch gute Folgen…

  2. Z3R0B4NG sagt:

    und am ende der folge schonwieder ein teaser dass der doctor stirbt…
    ei kinners… wie oft denn noch?

  3. FF sagt:

    >wie oft denn noch?

    Bis einer weint! :D

  4. Raketenwurm sagt:

    Der 11.Doctor weint aber nicht ! Tears are uncool !

  5. FF sagt:

    Meinte auch eher die Zuschauer und nicht unbedingt den Doc, dass er so bei seiner Beerdigung seinen eigenen Tod beweint, obwohl das eigentlich bei einem Zeitreisenden möglich wäre. Interessante Vorstellung, vielleicht könnte auch eine andere Reinkarnation vorbeikommen, die keine Probleme mit Gefühlsäußerungen hat. :D

  6. Raketenwurm sagt:

    Wenn die Doctoren auf ihren entgültigen Tod genauso reagieren, wie auf ihre Regeneration, käme eigentlich nur der Zehnte in Frage. Die anderen haben ihr Ableben ja immer recht unweibisch aufgenommen, bis hin zum „Macht nix, ist halt so *grins*“-Doctor Nr.4. Einzig Nr.2 war ziemlich sauer, denn der wurde ja von den Time Lords auf die Erde verbannt und zum Regenerieren gezwungen – da kann man schon mal maulig werden. Den könnte man natürlich einladen. „Is this some sort of joke ? I refuse to die !“ Das würde ich auch gern sehen.

  7. bergh sagt:

    tach auch !

    Ich fand die Folge eher langweilig.
    Gruss BergH

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